Inhaltsverzeichnis
Siglenverzeichnis 5
1 Einleitung 6
1.1 Von der Teilung Deutschlands zur Vollendung der Deutschen Einheit:
Historische Entwicklungslinien 6
1.2 Die Gestaltung der inneren Einheit - Herausforderungen und
Probleme. 11
1.2.1 Die Bewertung wirtschaftlicher Transferleistungen für
Ostdeutschland und ihre Wirkungen für die westdeutsche Wirtschaft. 12
1.2.2 Gibt es eine gemeinsame Wendeidentität? 13
1.3 Die Verarbeitung der Wiedervereinigung in der
Gegenwartsliteratur seit 1990 15
1.3.1 Die Situation der deutschen Gegenwartsliteratur Anfang der
1990er-Jahre und der innerdeutsche Literaturstreit 15
1.3.2 Der Wenderoman - Kontroverse Diskussion einer literarischen
Gattung 16
1.4 Aufbau und Struktur der Staatsexamensarbeit. 18
2 Das Verhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Wirklichkeit -
Literarische Reflexion als theoretischer Bezugspunkt 19
2.1 Spiegelthese: Literatur als Spiegel der Welt und Mittel der Schilderung
gesellschaftlicher Wirklichkeit. 19
2.1.1 Empirisches Vorgehen als Voraussetzung literarischer
Gesellschaftsschilderung 19
2
2.1.2 Das literarische Feld - Die Literatursoziologie Pierre Bourdieus 21
2.1.3 Literarische Gesellschaftsschilderung und historische Erfahrung
von Gesellschaften als Beitrag zum Verständnis von Kulturen der Welt 22
2.2 Autonomiethese: Literatur als autonomes Kunstwerk 23
2.2.1 Autonomieästhetische Positionen und Entwicklungslinien. 24
2.2.1.1 Karl Philipp Moritz: Die Auseinandersetzung mit dem
Selbstzweck der Kunst 24
2.2.1.2 Immanuel Kant: Die Beurteilung des ästhetischen Wertes eines
Kunstwerkes durch das Individuum 25
2.2.1.3 Friedrich Schiller: Kunst als Mittel der ästhetischen Erziehung
des Menschen 27
2.2.1.4 Theodor W. Adorno: Polarisierung als Funktion der Kunst 28
2.2.2 Ergänzung und Aktualisierung: Abhängigkeit der Kunst von
Marktmechanismen und Publikumsinteressen 31
2.3 Eigene Auffassung von Literatur als Analyserahmen der
Staatsexamensarbeit. 32
3 Exemplarische Analysen und Interpretationen 35
3.1 Wichtige Werke der Wendeliteratur - ein Kurzüberlick 35
3.2 Begründung der Textauswahl 35
3.2.1 Auswahlkriterien 36
3.2.1.1 Realismus 36
3.2.1.2 Leseinteresse. 37
3.2.1.3 Verfügbarkeit des Textes 38
3.3 Die literarische Reflexion der Wende als Ambivalenzerfahrung - Jens
Sparschuhs Roman Der Zimmerspringbrunnen 39
3.3.1 Charakteristika in der inhaltlichen Darstellung der
Ambivalenzerfahrung 39
3
3.3.1.1 Die Euphorie des beruflichen Neuanfangs 39
3.3.1.2 Kennenlernen neuer beruflicher Strukturen und
Mechanismen 41
3.3.1.3 Erste praktische Berufserfahrungen / Verkaufsversuche 44
3.3.1.4 Auswirkungen des beruflichen Erfolges auf das Privatleben. 48
3.3.1.5 Die Kreation des Neuen 51
3.3.1.6 Absatzsteigerung durch Eigeninitiative und neue
Verkaufsstrategien................................................................................. 53
3.3.1.7 Die Suche nach Vollkommenheit 59
3.3.2 Humor, Ironie und Kritik - Das Erzählverfahren des Romans Der
Zimmerspringbrunnen 61
3.4 Die kritische Kommentierung der Deutschen Einheit - Friedrich
Christian Delius Erzählung Die Birnen von Ribbeck 62
3.4.1 Die inhaltliche Entfaltung der Wendekritik 63
3.4.1.1 Die Legitimation der Auseinandersetzung mit dem Ribbeck-
Mythos durch Rückbezug auf Fontane 63
3.4.1.2 Delius Demontage des Ribbeck-Mythos 67
3.4.1.3 Die Auseinandersetzung mit der zeithistorischen Darstellung
der Dorfgeschichte und den Folgen der Wiedervereinigung. 70
3.4.1.4 Identitätssuche 77
3.4.1.5 Ost-West-Reflexionen 80
3.4.2 Die Dynamik des Einzelsatzes - Das Erzählverfahren von Delius
Erz ählung 84
4 Fazit und Ausblick 87
5 Literaturverzeichnis 92
4
Siglenverzeichnis
BR Delius, F. C.: Die Birnen von Ribbeck. Erzählung (9. Aufl.) Reinbek bei Hamburg 2007.
F Fontane, T.: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. In: Ders.: Gedichte 1. Hrsg. von Joachim Krueger und Anita Golz. Berlin 1995. 229-230.
Z Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. Roman (14. Aufl.). München 1997.
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1 Einleitung
Die Deutsche Einheit ist ein (zeit-)geschichtliches Phänomen. Beschäftigt man sich damit näher unter literaturwissenschaftlichem Fokus - auch unter dem Aspekt der Wertung und Interpretation literarischer Texte - sind die zentralen historischen Entwicklungslinien herauszuarbeiten, die zur Realisierung der Deutschen Einheit beitrugen. Hierbei müssen auch die aus der Wiedervereinigung resultierenden Auswirkungen und Probleme mit berücksichtigt werden, um eine verkürzte Darstellung zu vermeiden. Jedoch ist zu beachten, dass eine Betrachtung der Deutschen Einheit nur annäherungsweise, niemals vollständig und abschließend erfolgen kann. Dafür ist ihre Erscheinung einerseits sehr komplex; andererseits ist die Entwicklung der Deutschen Einheit nicht als statisch, sondern als Prozess anzusehen, der neue Entwicklungen und Veränderungen in der Zukunft zeitigen wird, die von der Forschung aufgegriffen und beurteilt werden.
Was sind die zentralen historischen Entwicklungslinien, die zur Realisierung der Deutschen Einheit beitrugen? Welche Probleme traten in der Gestaltung der Deutschen Einheit nach 1990 auf und mussten gelöst werden? Wie reagierte die Gegenwartsliteratur der 1990er-Jahre auf die Wende? Welchen Beitrag leistet sie für die Verarbeitung der Deutschen Einheit? Darauf gehe ich im Folgenden näher ein.
1.1 Von der Teilung Deutschlands zur Vollendung der Deutschen Einheit: Historische Entwicklungslinien
Die Zukunft Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - formell vollzogen durch die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 - wurde bereits im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta diskutiert. Dort wurde die Aufteilung des Deutschen Reiches in vier Besatzungszonen (das heißt Britische, Amerikanische, Französische und
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Sowjetische Besatzungszone) und seine Verwaltung durch einen Alliierten Kontrollrat beschlossen. Damit einher gingen unter anderem die Destruktion des Nationalsozialismus und Militarismus in Deutschland, die Vereinbarung von Reparationszahlungen für die verursachten Kriegsverluste an die UdSSR und die USA sowie die Dekartellisierung von Großunternehmen. Diese Beschlüsse wurden auf der Dreimächtekonferenz von Berlin im Juli/August 1945, an der die Sowjetunion, die USA und Großbritannien teilnahmen, präzisiert (vgl. Gundelach 1997: 8-27; Artz 2007: 6-17).
Für die weitere Nachkriegsgeschichte sind die Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 in der Sowjetischen Besatzungszone und die Gründung der BRD am 23. Mai 1949 in der Trizone evident (vgl. Lexikoneintrag „Deutsche Geschichte“). Diese beiden deutschen Teilstaaten existierten in den ersten vier Jahrzehnten der Nachkriegszeit nebeneinander, verfolgten eigene politische und wirtschaftliche Zielstellungen und vernachlässigten die Diskussion und Lösung der deutschen Frage (vgl. Gundelach 1997: 28-97; Artz 2007: 18-110). Erst im Zusammenhang mit der friedlichen Revolution in der DDR 1989 erhielt die deutsche Frage Relevanz. Damit einher gingen die Gestaltung der Entwicklung im Osten Deutschlands und Prozesse des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs (vgl. Gaile 2008). Hauptträger der friedlichen Revolution war die Bürgerrechtsbewegung, die sich in den 1970er- und 1980er-Jahren herausbildete, sich als demokratische Opposition gegen das SED-Regime verstand und ihren Unmut gegen willkürliche Entscheidungen dieses Regimes artikulierte. Unter anderem protestierte die Bürgerrechtsbewegung der DDR gegen die Verhaftung von ausreisewilligen Bürgern, die Ausweisung von Regimekritikern Ende 1987, die Zustimmung Egon Krenz‘ zum Massaker gegen Anhänger der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1988 oder Fälschungen bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1988 (vgl. Hollitzer 2004: 3-6; Gaile 2008). An diesen Beispielen wird die akute Krise des sozialistisch geprägten politischadministrativen Systems der DDR deutlich (vgl. Gaile 2008). Eine Verstärkung dieser Krise trat ein, als die Regierung Honecker den Reformkurs Gorbatschows ablehnte und damit die Wirtschaft systematisch in den Bankrott
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führte. Während sich Gorbatschow für die Umsetzung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung einsetzte, beharrte die DDR-Führung auf dem Modell des doktrinären Sozialismus. Aus dieser Präferenz resultierten wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Probleme: zum Beispiel eine hohe Auslandsverschuldung, Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, eine Stagnation des Ausbaus und der Erhaltung der Infrastruktur, die Destruktion des Bildungs- und Gesundheitssystems sowie die Betonung von einseitigen Produktionsschwerpunkten (vgl. Gaile 2008). Vor dem Hintergrund dieser Missstände und einer nahezu lückenlosen Überwachung der Bevölkerung durch das Ministerium für Staatssicherheit (vgl. Lexikoneintrag „Staatssicherheitsdienst“) scheint der Entschluss zehntausender Bürger, die DDR so schnell wie möglich zu verlassen, plausibel und gerechtfertigt. Dies versuchten die DDR-Flüchtlinge im August 1989 zu realisieren, indem sie die Botschaften der Bundesrepublik in Prag, Budapest und Warschau oder die Ständige Vertretung Bonns in Ost-Berlin frequentierten, um eine Ausreisegenehmigung in den Westen zu erhalten. Wegen Überfüllung mussten einige Botschaften zeitweise geschlossen werden. Im Laufe der Zeit trat eine Verstärkung des Flüchtlingsproblems ein; zahlreiche Bürger flüchteten illegal über die ‚grüne‘ Grenze zwischen Ungarn und Österreich (vgl. Gaile 2008). Dies forcierte einen Prozess der Diskussion des Flüchtlingsprozesses zwischen der BRD und Ungarn. Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher luden Repräsentanten Ungarns (Ministerpräsident Nemeth und Außenminister Horn) zu einem Gespräch über das Flüchtlingsproblem auf Schloss Gymnich bei Bonn ein, um die Genehmigung der Ausreise der DDR-Flüchtlinge vorzubereiten. Diese und weitere Verhandlungen führten dazu, dass bis Anfang Oktober 1989 über 46.000 Menschen die DDR verlassen und in die Bundesrepublik Deutschland einreisen konnten (vgl. Gundelach 1997: 100ff.). Die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 wurden von zahlreichen Protesten in Ost-Berlin, Leipzig, Dresden, Halle, Erfurt und Potsdam begleitet, die von den Sicherheitskräften zum Teil mit brutaler Gewalt bekämpft wurden. Dies zeigte die Handlungsunfähigkeit der SED-Regierung und verdeutlicht, dass viele Bürger - wie Gundelach zu Recht erwähnt - nicht
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länger in einem Staat „des Unrechts und der Unfreiheit“ (Gundelach 1997: 105) leben wollten, der seine Existenz einzig und allein aus der „totalitäre[n] Steuerung und Kontrolle aller Lebensbereiche“ (ebd.) ableitete. Auch die Ankündigung von Reformen und neue Zukunftsversprechungen seitens der SED-Regierung, der Sturz Honeckers und die Übernahme des Amtes des Parteivorsitzenden durch Egon Krenz im Oktober 1989 trugen nicht zur Stabilisierung des politisch-administrativen Systems der DDR bei. Darüber hinaus setzten sich Hunderttausende für mehr Demokratie und Selbstbestimmung in der DDR ein. Mit dem Rücktritt der Regierung der DDR am 7. November 1989, dem geschlossenen Rücktritt des SED-Politbüros am 8. November 1989 und der Öffnung der deutsch-deutschen Grenzübergänge am
9. November 1989 war der Weg für die Gestaltung des Übergangs und des rechtlichen Vollzugs der Deutschen Einheit vorbereitet worden (vgl. Gundelach 1997: 107ff.). Hierzu ergänzt Eckert treffend:
Bei der Frage nach der historischen Bedeutung des Jahres [1990; S. B.] und des Herbstes des Vorjahres geht es nicht zuerst um den 9. November 1989 und den Fall der Berliner Mauer, sondern vor allem auch um den 9. Oktober 1989 in Leipzig, als die Staatsmacht angesichts der schieren Masse der friedlichen Demonstranten kapitulierte. Das Volk auf der Straße schuf erst die Voraussetzung für den Mauerfall, als Höhepunkt einer friedlichen Revolution. (Eckert 2005: 12)
Daraus leitete sich der klare Auftrag an die Politik ab, die Weichen zu stellen, um die Vollendung der Deutschen Einheit so schnell wie möglich herbeizuführen. Dazu trugen im Einzelnen bei (vgl. Gaile 2008; Gundelach 1997: 122-137; Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas; Bannas 1990; Lexikoneintrag „Zwei-plus-Vier-Vertrag“; Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland):
• Runde-Tisch-Gespräche im Dezember 1989, in denen die Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit - eine Nachfolgeorganisation des Ministeriums für Staatssicherheit - und die Durchführung von Neuwahlen zur Volkskammer am 6. Mai 1990 nach demokratischen Wahlgrundsätzen beschlossen wurde, um die DDR in einen demokratisch legitimierten Staat zu überführen; der Wahltermin wurde später auf den 18. März 1990 vorverlegt, um das Interesse nach Stabilität klar auszudrücken;
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• das Zehn-Punkte-Programm Helmut Kohls vom 28. November 1989, das darauf abzielte, konföderative Strukturen zwischen beiden deutschen Teilstaaten zu schaffen, um diese in einen gesamtdeutschen Bundesstaat zu überführen;
• die Vereinbarung von Zwei-plus-Vier-Gesprächen über die Zukunft Deutschlands und die Sicherheit Europas am 13. Februar 1990 auf der Konferenz Open Sky in Ottawa;
• die Unterzeichnung des Staatsvertrages am 18. Mai 1990, in dem die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion festgelegt wurde. Dies umfasste konkret: die Umstellung der Löhne, Gehälter, Stipendien und anderer wiederkehrender Zahlungen sowie Sparguthaben bis zu einer bestimmten Höchstgrenze im Verhältnis von eins zu eins; die Schaffung aller wirtschafts- und finanzpolitischen Voraussetzungen für die Einführung der sozialen Marktwirtschaft; die Einführung der Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung nach dem Vorbild der BRD; die Einführung der Tarifautonomie, der Streik- und Mitbestimmungsrechte und des Kündigungsschutzes; Maßnahmen zur Sanierung der Umwelt; die Einführung der sozialen Marktwirtschaft und der D-Mark in den neuen Bundesländern;
• die Unterzeichnung des Einigungsvertrages (Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands) am 31. August 1990 zwischen DDR-Staatssekretär Günther Krause und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und seine Zustimmung durch Bundestag und Volkskammer am
20. September 1990. In diesem Vertrag wurde festgelegt, dass Berlin die zukünftige Gesamthauptstadt Deutschlands ist und die DDR der Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 beitritt;
• die Durchführung von Zwei-plus-Vier-Verhandlungen im Mai, Juni und Juli 1990 und die Unterzeichnung des Vertrages über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland durch die Außenminister der DDR, der BRD und der vier Siegermächte. Darin wurden unter anderem festgelegt: die Endgültigkeit der deutschen Außengrenzen, die Reduktion der Personalstärke der deutschen Streitkräfte auf 370.000 Mann, der Abzug der
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sowjetischen Streitkräfte bis Ende 1994 und die Beendigung der Viermächteverantwortung für Berlin und Deutschland. Dadurch erhielt Deutschland die volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten;
• sowie die Durchführung von Landtagswahlen in den neuen Bundesländern am 14. Oktober 1990 und die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen am 2. Dezember 1990.
1.2 Die Gestaltung der inneren Einheit - Herausforderungen und Probleme
Damit schien die ‚äußere‘ Zusammenführung der beiden deutschen Teilstaaten abgeschlossen; galt dies jedoch auch für die ‚innere Einigung‘? Unter dem Begriff „innere Einigung“ werden
die sich seit der Erlangung der staatlichen Einheit Deutschlands (1990) in einem komplizierten Bedingungsgefüge vollziehenden Prozesse zur Überwindung der unterschiedlichen Lebenseinstellungen, Mentalitäten, Erwartungen,
Wertevorstellungen und politischen Orientierungen der deutschen Bevölkerung in Ost und West (Lexikoneintrag „Innere Einheit“; vgl. auch: Kaase 1999: 454-466)
verstanden. In diesem Zusammenhang sind unter anderem folgende Fragen näher zu betrachten: Wie gingen die Bürger der ehemaligen DDR und der ‚alten‘ Bundesrepublik nach 1990 miteinander um? Welches Verständnis haben sie von sich selbst und anderen? Gibt es eine gemeinsame Wendeidentität? Wie wurden die aus der Wiedervereinigung resultierenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und Probleme bewertet?
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1.2.1 Die Bewertung wirtschaftlicher Transferleistungen für
Ostdeutschland und ihre Wirkungen für die westdeutsche Wirtschaft
Die Bewertung wirtschaftlicher Transferleistungen für Ostdeutschland nach 1990 impliziert die Beantwortung der Frage: Welche direkten und indirekten Kosten verursachte die Deutsche Einheit? Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Beantwortung dieser Frage vom Standpunkt des Betrachters abhängig ist. So hebt Ragnitz zu Recht hervor:
Ob man eine gesamtwirtschaftliche oder einzelwissenschaftliche Sichtweise wählt, lediglich die finanzwirtschaftlichen Implikationen der deutschen Einheit oder auch ihre Wirkungen auf Wachstum und Verteilung der Einkommen berücksichtigt, oder ob man auch die zeitliche Entwicklung finanzieller Mehrbelastungen mitberücksichtigt, hat erheblichen Einfluss auf das Ergebnis. (Ragnitz 2000: 15)
Ragnitz, der in seiner Untersuchung rein finanzwirtschaftlich vorgeht und „die aus [den; S. B.] öffentlichen Haushalten in den neuen Ländern verausgabten Mittel“ (ebd.) fokussiert, kommt zu folgender Einschätzung:
Da Ostdeutschland aufgrund einer niedrigen wirtschaftlichen Leistungskraft nur in verhältnismäßig geringem Maße über eigene Steuer-, Gebühren- und Beitragseinnahmen verfügt, gleichzeitig aber zur Bewältigung des Transformationsprozesses und der Verbesserung der Lebensverhältnisse verhältnismäßig hohe Ausgaben [zum Beispiel für Wirtschaftsförderung und Infrastrukturausbau; S. B.] anfallen, waren entsprechend diesen Prinzipien Nettotransfers zugunsten Ostdeutschlands in den westdeutschen Haushalten von Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern eine zwangsläufige Folge. (Ragnitz 2000: 18; vgl. auch: Maennig 2000: 28-47)
Damit sind diese Transferleistungen nicht als Sonderleistung für die neuen Bundesländer anzusehen. Vielmehr erfolgten sie im Rahmen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland auf der Grundlage des Artikels 23 des Grundgesetzes.
Fragt man näher nach der Wirkung (oder genauer: nach dem Nutzen und den Kosten) dieser Transferleistungen für die westdeutsche Wirtschaft infolge der Wiedervereinigung, so ist nach Müllers Einschätzung ein Nachfrageimpuls evident:
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Ausgelöst durch die Öffnung der innerdeutschen Grenze, durch die Währungs-und Sozialunion sowie durch die Wiedervereinigung kam es in den Jahren 1990 und 1991 zu einem Nachfrageboom für die westdeutsche Wirtschaft, der sich anfänglich positiv auf die Wirtschaftsbereiche Verarbeitendes Gewerbe, Handel sowie Verkehr auswirkte. (Müller 2000: 51)
Mit diesem ‚Boom‘ waren der Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen (von 27,3 Mio. Anfang 1989 auf 29,2 Mio. Ende 1991) und ein verstärkter Importhandel verbunden. Dies wirkte sich negativ auf die Leistungsbilanz aus, die seit Ende 1992 ein leichtes Defizit aufweist. Darüber hinaus entwickelten sich einige Wirtschaftssektoren wie Bauwirtschaft, Energie und Bergbau sowie Landwirtschaft nach einem kurzzeitig produktiven Anstieg wieder rückläufig. In deren Folge trat eine Stagnation bzw. ein Rückgang des
Beschäftigungsniveaus ein. Verantwortlich sind dafür: 1. ein gestiegenes Arbeitsangebot in Westdeutschland im Zuge der Wiedervereinigung, 2. ein kontinuierlicher Anstieg der Arbeitskosten sowie 3. neu gestellte Anforderungen an Arbeitskräfte und eine Veränderung von beruflichen Tätigkeitsprofilen im Zuge einer zunehmenden Flexibilisierung und Rationalisierung des Arbeitsmarktes. (vgl. Müller 2000: 51-59; Haffner 1992: 11-25; Glaeßner 1993: 35-66; Flassbeck / Scheremet 1992: 279-311; Ritter 2006: 98-140; Dienel 2004: 93-110; Quaisser 2006: 221-236; Pilz / Ortwein 1992: 21-42) Von den daraus resultierenden Folgen (zum Beispiel Arbeitsplatzverlust, Zukunftsängste, Armut) scheinen Frauen und ältere Menschen besonders stark betroffen zu sein (vgl. Bothfeld 2004: 125-146; Wolf 2004: 155-168). Damit langfristig niemand zum ‚Wendeverlierer‘ wird, müssen angemessene Interventionsmaßnahmen durchgeführt werden, die das Eintreten dieses Zustandes verhindern.
1.2.2 Gibt es eine gemeinsame Wendeidentität?
Ausgehend von der Maueröffnung im November 1989 stand die Bevölkerung einer erfolgreichen Realisierung der Deutschen Einheit insgesamt positiv gegenüber: 60 % der Ostdeutschen und 59 % der Westdeutschen bewerteten den Einigungsprozess als ‚freudigen Anlass‘ (vgl. Glaab 1999: 314). Jedoch war
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den Bürgern klar, dass die Gestaltung und Umsetzung der Wiedervereinigung durchaus als ambivalente Entwicklung anzusehen ist. Dies wird in folgenden Ergebnissen deutlich: Im Westteil Deutschlands befürchteten im Februar 1990 ca. 70 % der Bevölkerung ökonomische und soziale Belastungen wie Steuererhöhungen, höhere Sozialversicherungsabgaben, eine größere Staatsverschuldung und knapperen Wohnraum; 69 % der Befragten in Ostdeutschland waren davon überzeugt, dass mit der Wiedervereinigung viele Veränderungen eintreten werden, die tiefgreifende Einschnitte für die Bürger bringen könnten; Unsicherheiten in der richtigen Umsetzung der Deutschen Einheit wurden von beiden Bevölkerungsteilen (52 % der Westdeutschen im Juni 1990 und ca. 46 % der Ostdeutschen im Dezember 1989) geäußert (vgl. Glaab 1999: 315). Mit dieser Entwicklung sind eine abnehmende Demokratiezufriedenheit, ein sinkendes Institutionenvertrauen und eine stärkere Betonung des Freiheitswertes gegenüber dem Gleichheitswert besonders in den neuen Bundesländern verbunden. Verantwortlich sind dafür hohe individuelle Erwartungen an die Deutsche Einheit, die im Laufe der Zeit enttäuscht worden sind, und die Unvereinbarkeit sozialisationsspezifischer Werte der Ostdeutschen vor der Wende mit neuen, relevanten Werten nach der Wiedervereinigung, sodass ein Gefühl der persönlichen Entfremdung eintrat (vgl. Werz 2000: 173-190; Thomas / Weidenfeld 1999: 431-442; Schroeder 2000: 175-228).
Für die Identifikation als Deutsche spielt diese Entwicklung keine Rolle, jedoch für die Selbstidentifikation als Ost- oder Westdeutscher. Einerseits resultiert diese Differenz - nach Thomas‘ und Weidenfelds treffender Einschätzung - aus der Neubestimmung der Identität der Ostdeutschen „nach dem selbstgewählten Beitritt zur Bundesrepublik“ (Thomas / Weidenfeld 1999: 440). Andererseits kann dafür aber auch - wie Thomas und Weidenfeld betonen - die bewusste Abgrenzung von Ost- und Westdeutschen verantwortlich sein, „die sich als Reaktion auf frustrierende Erfahrungen und eine dramatisierte
Selbstwahrnehmung im Einigungsprozess ergeben hat“ (ebd.; vgl. auch: Pollack 1998: 301-318).
14
Diese parallel existierenden Teilidentitäten von Ost- und Westdeutschen nach der Wiedervereinigung werden aufgrund individueller Erfahrungen, Einstellungen und Wertepräferenzen (zum Beispiel Gerechtigkeit,
Selbstbestimmung, Freiheit, Toleranz etc.) konstituiert. Jedoch bleibt die Forschungsliteratur auf diesem Befund stehen. Es werden keine Strategien für die Konstitution einer gemeinsamen Wendeidentität aufgezeigt.
Auch wenn dieser Begriff relativ intransparent und schwierig fassbar ist, stellt sich die Frage: Wie könnte eine gemeinsame Wendeidentität ausgebildet und definiert werden? Hierbei bietet sich ein Vorgehen an, das verschiedene Indikatoren (zum Beispiel kulturelle Differenzen, Gruppenbewusstsein, Einkommensunterschiede, Lebenslagen, Wohlstandsniveau, Sozialisation, Biografie, sozialer Wandel etc.) als Ausgangspunkt nimmt und diese auf ihre Relevanz für die Definition einer Wendeidentität überprüft, um ein transparenteres Verständnis dieses Begriffes zu erarbeiten (vgl. Sahner 2005: 43-88; Abels 2006 und 2007), auf dessen Grundlage die Zukunft der Deutschen Einheit gemeinsam - das heißt als Deutsche - gestaltet werden kann.
1.3 Die Verarbeitung der Wiedervereinigung in der Gegenwartsliteratur seit 1990
1.3.1 Die Situation der deutschen Gegenwartsliteratur Anfang der 1990er-Jahre und der innerdeutsche Literaturstreit
Für die Verarbeitung der Wiedervereinigung in der Gegenwartsliteratur seit 1990 sind die bisher herausgearbeiteten Tendenzen mit zu berücksichtigen, weil sich die Autoren der Gegenwartsliteratur in einem bestimmten Modus mit der Verarbeitung der Deutschen Einheit beschäftigten, der konstitutiv für die formale und inhaltliche Gestaltung ihrer Werke ist. Treffend charakterisieren Jeßing und Köhnen die Situation der Gegenwartsliteratur nach 1990:
15
Das Nebeneinander der poetischen Absichten und Mittel findet sich im Jahrzehnt nach der politischen Wende und Wiedervereinigung noch einmal vervielfältigt […]. Zunächst stehen Fragen von Moral, Macht und Ästhetik an. (Jeßing / Köhnen 2007: 126; Hervorhebung im Original)
In diesem Zusammenhang ist in aller Kürze näher auf den innerdeutschen Literaturstreit einzugehen. Ausgelöst wurde dieser durch Christa Wolfs Erzählung Was bleibt? im Juni 1990. Die Autorin hatte diesen Text bereits 1979 geschrieben und vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse der DDR 1989 - vor seiner Publikation - überarbeitet. Diese Überarbeitung brachte Wolf den Vorwurf seitens der Literaturkritik ein, dass sie sich der Verantwortung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem politischen System der DDR entziehen wolle. Generalisierend gingen aus diesem Literaturstreit folgende Fragestellungen hervor: Welche Rolle nehmen Literatur und Autorschaft in der Diktatur ein? Wie bewerten die Autoren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der DDR? Wie reflektieren sie die Wirkungen des Lebens in der DDR für die Biografien und Sozialisation der Individuen? (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 667; Jeßing / Köhnen 2007: 127; Dietrich 1998: 65-78; Cramer 1995: 18-29) Diese Fragestellungen seien an dieser Stelle der Vollständigkeit halber nur genannt, weil deren ausführliche Betrachtung im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde.
1.3.2 Der Wenderoman - Kontroverse Diskussion einer literarischen Gattung
Nicht weniger wichtig war die Diskussion des Wenderomans als literarische Gattung, die vom Feuilleton eröffnet wurde. Dahinter stand die Forderung an die Autoren der Gegenwartsliteratur, den historischen Einschnitt 1989/1990 auch literarisch zu verarbeiten (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 668-670; Platen 2006: 35f.; Grub 2003: 68-90 und 116-129). Im Vordergrund stand dabei die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Wende, weniger ein literaturästhetischer Anspruch. Auch wenn die meisten erschienenen Werkewie Platen zu Recht konstatiert - „sich in die Nähe dieser Erwartungen rücken lassen“, erfüllte letztendlich „keines […] die Erwartungen an den Wenderoman“
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(Platen 2006: 36; vgl. auch: Schönleben 2007: 26). Aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten die Deutsche Einheit zu betrachten - zum Beispiel autobiografisch wie in Markus Wolfs Spionagechef im geheimen Krieg (1996), humoristisch wie in Thomas Brussigs Helden wie wir (1995) oder als skeptische Beurteilung wie in Günter Grass‘ Ein weites Feld (1995) (vgl. Jeßing / Köhnen 2007: 127) -, scheint das Vorhaben, einen Wenderoman zu schreiben, der als prototypisch für diese Gattung gelten kann, unrealisierbar zu bleiben. Dennoch ist der hierbei ‚spielende‘ Beitrag der Gegenwartsliteratur für die Verarbeitung der Wiedervereinigung seit 1990 weder als obsolet noch als überflüssig einzuschätzen, ermöglicht sie dem Leser doch ein besseres Verständnis der Deutschen Einheit in ihrer ganzen Vielfalt. Dabei lassen sich zwei idealtypische Richtungen der Gegenwartsliteratur unterscheiden, die mir nach der Lektüre verschiedener Werke der Wendeliteratur aufgefallen sind (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 671-680). Einerseits setzen sich die Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur retrospektiv mit der DDR auseinander, um ausgewählte Aspekte (zum Beispiel Überwachung durch die Staatssicherheit, Sozialisation der Menschen etc.) herauszugreifen, die dann näher kommentiert und bewertet werden. Dieser Richtung lässt sich zum Beispiel Thomas Brussigs Roman Helden wie wir zuordnen.
Demgegenüber steht die direkte und explizite Auseinandersetzung mit der Deutschen Einheit und den individuellen Wendeerfahrungen. Dieser Richtung können die Romane Der Zimmerspringbrunnen von Jens Sparschuh und Willenbrock von Christoph Hein zugeordnet werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit betrachte ich näher Werke, die der zweiten thematischen Richtung zuzuordnen sind, weil es mich interessiert, wie in der Gegenwartsliteratur die Erfahrungen der Deutschen Einheit in der Nachwendezeit verarbeitet und gestaltet wurden.
Da es sich bei dieser Differenzierung um Idealtypen handelt, weise ich darauf hin, dass auch eine Vermischung dieser beiden Richtungen in den epischen Werken der Gegenwartsliteratur auftreten kann, in denen der Fokus auf den Wendeerfahrungen liegt, aber immer wieder historische Bezüge zur DDR
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entfaltet und deren Wirkung für die Nachwendezeit beurteilt werden. Diese dritte Richtung soll nur dann in die Analyse der Texte mit einfließen, sofern die historischen Bezüge relevant für Darstellung der Nachwendezeit und ihrer Erfahrungen in dem jeweils zu analysierenden Text sind.
1.4 Aufbau und Struktur der Staatsexamensarbeit
In meiner Staatsexamensarbeit setze ich mich näher mit der literarischen Reflexion der Deutschen Einheit und ihrer Erfahrungen in der Gegenwartsliteratur seit 1990 anhand ausgewählter Beispiele auseinander. Dazu wird zunächst der theoretische Bezugspunkt dieser Arbeit, die literarische Reflexion, fokussiert und das Verhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Wirklichkeit näher betrachtet. Anschließend verwende ich die in diesem Abschnitt herausgearbeiteten Ergebnisse dazu, um meine eigene Auffassung von Literatur zu entwickeln, die als Rahmen für die im dritten Teil dieser Arbeit durchzuführenden exemplarischen Analysen und Interpretationen fungieren soll. Im dritten Teil gebe ich zunächst einen Kurzüberblick über die epischen Werke der Gegenwartsliteratur, die sich thematisch mit der Deutschen Einheit auseinandersetzen. Abschließend werden nach erfolgter und begründeter Textauswahl zwei Werke exemplarisch analysiert und interpretiert.
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2 Das Verhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Wirklichkeit -Literarische Reflexion als theoretischer Bezugspunkt
Die nähere Betrachtung von literarischer Reflexion als theoretischen Bezugspunkt dieser Arbeit fokussiert die Auseinandersetzung mit der Fragestellung: In welchem Verhältnis stehen Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit? Dabei kann das Verhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Wirklichkeit einerseits als komplementär, andererseits als exklusiv aufgefasst und beschrieben werden. Dieser Gegenüberstellung tragen zwei Thesen Rechnung, die ich im Folgenden ausführlicher betrachte: die Spiegelthese, die Literatur einen gesellschaftlichen Bezug unterstellt, und die Autonomiethese, die den autonomen Charakter von Literatur als von einem Autor geschaffenen Formkunstwerk hervorhebt und einen gesellschaftlichen Bezug ausschließt.
2.1 Spiegelthese: Literatur als Spiegel der Welt und Mittel der Schilderung gesellschaftlicher Wirklichkeit
Die Spiegelthese umfasst einerseits die Vorstellung, dass Literatur Spiegel der Welt sei, in der das Individuum als von Gott berufener Schöpfer fungiert, das seine Welt im Auftrage Gottes gestaltet (vgl. Lexikoneinträge „Schöpfung“ und „Evolution“). Anderseits wird in der Spiegelthese der Auffassung Ausdruck verliehen, dass Literatur der Schilderung gesellschaftlicher Wirklichkeit in ihrer Komplexität dient und damit dem Individuum eine historische Erfahrung von Gesellschaften ermöglicht.
2.1.1 Empirisches Vorgehen als Voraussetzung literarischer Gesellschaftsschilderung
Soll gesellschaftliche Wirklichkeit im Medium der Literatur geschildert werden, um dem Rezipienten eine historische Erfahrung von Gesellschaften zu
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ermöglichen, so ist dazu ein empirisches Vorgehen des Autors sinnvoll, das sowohl teilnehmende Beobachtung als auch Feldforschung und Ethnografie berücksichtigt. Diese Auffassung wird von der Chicago School der Soziologie vertreten (vgl. Kuzmics / Mozetič 2003: 80f.; Lindner 1990: 151-198). Dafür sind zwei Paradigmen verantwortlich: einerseits die Präferenz von Methoden, die bereits in der Anthropologie erfolgreich eingesetzt wurden; auf der anderen Seite die journalistische Reportage (vgl. Lindner 1990: 20 und 22-49), die sich auf Fakten stützte. Auch wenn dieses Vorgehen nicht völlig frei von subjektiven Einschätzungen des Forschers ist, so erweist es sich dennoch als brauchbar. Denn nach dem bei diesem Vorgehen zugrundeliegenden Empirismus - worauf Kuzmics und Mozetič zu Recht hinweisen - wurden die zu analysierenden Fakten zunächst als Rohmaterial betrachtet, das „erst [noch; S. B.] zu einer story geformt werden muß. In diesem Formungsprozeß werden Kompositionsregeln angewandt, die durchaus auf Effekte (beim Lesepublikum) abzielen“ (Kuzmics / Mozetič 2003: 82).
Diese Effekte versucht auch ein Schriftsteller bei der Schilderung gesellschaftlicher Wirklichkeit zu berücksichtigen, ist er doch bestrebt, eine bestimmte Wirkung (zum Beispiel Unterhaltung, Provokation etc.) beim Lesen seiner Texte gegenüber dem Rezipienten zu erreichen. Für die Chicago School besteht ein enger Zusammenhang zwischen Soziologie und Literatur. So heben Kuzmics und Mozetič treffend hervor:
Einerseits bedienten sich die Vertreter der Chicago School [unter anderem W. I. Thomas, Robert E. Park, Ernest Burgess, Frederic Trasher; S. B.] der Belletristik für ihre soziologischen Zwecke, andererseits gab es im Chicago jener Zeit etliche Autoren [zum Beispiel James T. Farrell, Nelson Algren und Richard Wright; S. B.], die von der Soziologie stark beeinflußt waren. (Kuzmics / Mozetič 2003: 82; vgl. auch: Cappetti 1993: 17, 32 und 220)
Allerdings war eine an den Auffassungen der Chicago School angelehnte literatursoziologische Denkweise - die relevant für die Auseinandersetzung mit der Schilderung gesellschaftlicher Wirklichkeit im Medium der Literatur istnicht unumstritten, wie in der (methodengeschichtlichen) Entwicklung der Literatursoziologie als literaturwissenschaftlicher Methode deutlich wird (vgl. Jeßing / Köhnen 2007: 326, 328-333, 338-346 und 364). Dafür waren drei
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Aspekte verantwortlich: 1. die häufige Verwendung literarischer Texte „nur zum Beleg für allgemeinere gesellschaftliche, politische oder
geschichtsphilosophische Konzepte“ (Jeßing / Köhnen 2007: 326), wobei eine Verkürzung „um das eigentlich Literarische“ (ebd.) durch die Betonung einer politisch-ideologischen Tendenz erfolgte; 2. der nicht abschließend geklärte Bezug zwischen literarischem Text und sozialer, gesellschaftlicher bzw. politischer Wirklichkeit; sowie 3. die Ausblendung bzw. nicht ausreichende Berücksichtigung von „[b]egriffs- und ideengeschichtlichen Zusammenhänge[n], ästhetische[n] Traditionen, intertextuelle[n] Relationen, biografische[n] Prägungen und tiefenpsychologische[n] Voraussetzungen literarischer Produktion“ (ebd.).
2.1.2 Das literarische Feld - Die Literatursoziologie Pierre Bourdieus
Diese Aspekte versuchte Pierre Bourdieu, in seiner Literatursoziologie mit zu berücksichtigen. Dabei besteht sein Anspruch darin, „eine Wissenschaft kultureller Werke [zu; S. B.] begründen, die die Alternative zwischen internem Verständnis und externer Erklärung hinter sich läßt“ (Bourdieu 1997: 80). Das zentrale Element seiner Analysen ist der Begriff des literarischen Feldes. Unter einem Feld versteht Bourdieu ein „Netz objektiver Beziehungen“ (Bourdieu 1997: 72), das die Voraussetzung für die richtige Einordnung von einzelnen Positionen, Strategien und Handlungsoptionen darstellt. Darüber hinaus weist Bourdieu auf einen wichtigen methodisch-analytischen Aspekt hin:
Der Feldbegriff ermöglicht es, über den Gegensatz zwischen interner und externer Analyse hinauszugelangen, ohne irgend etwas von den Erkenntnissen und Anforderungen dieser traditionell als unvereinbar geltenden Methoden aufzugeben. (Bourdieu 1999: 328)
Für Bourdieu charakterisiert das literarische Feld den Raum der literarischen Produktion. Dabei ist dieser Raum - nach Magerskis nachvollziehbarer Einschätzung - als ein „System von Problembeziehungen zu verstehen, in dem sich das künstlerische [und damit auch das literarische; S. B.] Schaffen als
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Sven Bonitz, 2009, Die literarische Reflexion der Deutschen Einheit und ihrer Erfahrungen in der Gegenwartsliteratur seit 1990 anhand ausgewählter Beispiele, München, GRIN Verlag GmbH
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