Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Villa Massimo 4
2.1 Geschichte der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 4
2.2 Literarische Topographien aus der Villa Massimo 8
3. Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke 14
3.1 Brinkmann in der Villa Massimo - ein staatliches Künstler-Tier-Gehege 16
3.2 Brinkmanns Ausflüge in die Stadt - der große Schrott der abendländischen Geschichte
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Sogar die noch lebenden Menschen sind in Brinkmanns Augen bereits tot sie sind für ihn
Beweise „erstickter Vitalität“ 23
4. Feridun Zaimoglu: Rom intensiv 23
4.1 Zaimoglu in der Villa Massimo - burleskes Theater 24
4.2 Zaimoglus Ausflüge in die Stadt - multikulturelles Aufeinandertreffen. 31
5. Vergleich 37
6. Fazit. 39
7. Literaturverzeichnis. 42
7.1 Primärliteratur 42
7.2 Sekundärliteratur 42
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1. Einleitung
In meiner Seminararbeit „Alterität und Identität in Rom - die ‚deutsche Insel’ Villa Massimo bei Rolf Dieter Brinkmann und Feridun Zaimoglu“ möchte ich die Frage bearbeiten, inwiefern sich die Villa Massimo als Institution in den Texten der beiden Autoren widerspiegelt und auf welche Weise der institutionelle Hintergrund ihren Blick auf Rom beeinflusst. Meine Primärtexte werden hierbei Rolf Dieter Brinkmanns Materialalbum Rom Blicke 1 und Feridun Zaimoglus Kolumnensammlung Rom intensiv 2 sein. Rolf Dieter Brinkmann schrieb Rom, Blicke während seines zehnmonatigen Stipendiums 1972/73 in der Villa Massimo. Der Text wurde erst 1979 posthum herausgebracht und war von Brinkmann wahrscheinlich nicht als Veröffentlichung geplant. Rom, Blicke wurde schnell populär und trug nicht unwesentlich dazu bei, dass die Villa Massimo über Jahre hinweg mit ernsten Imageproblemen zu kämpfen hatte. 3 Feridun Zaimoglu war Stipendiat des Jahrgangs 2005. Seine in Rom intensiv zusammengefassten Kolumnen erschienen bereits während seines laufenden Romaufenthalts in den Kieler Nachrichten.
Beginnen werde ich die Seminararbeit mit einem kurzen geschichtlichen Überblick über die Gründung und Etablierung der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Im Anschluss möchte ich einige in der Villa Massimo entstandenen Texte näher beleuchten, die sich ebenso wie Brinkmann und Zaimoglu mit dem Thema „Alterität und Identität“ beschäftigen. 4 An diesem Punkt möchte ich neben der Innensicht der Stipendiaten auf die Villa Massimo, die Außensicht von Uwe Timm anfügen, der ohne Stipendium nach Rom gezogen ist und in seinem Roman Vogel, friß die Feige nicht (1989) einen Blick von außen auf die Villa Massimo liefert. Im Folgenden komme ich auf meine Primärtexte zu sprechen. Bei der Bearbeitung der beiden Texte habe ich zwei Schwerpunkte gewählt. Zum einen möchte ich die Darstellung der Villa Massimo behandeln, zum anderen die Sicht Brinkmanns und Zaimoglus auf Rom. Ein weiterer Aspekt wird sein, inwiefern die spezifische Situation eines Stipendiums ihren Blick auf Rom beeinflusst. Anschließend möchte ich einen Vergleich der beiden Texte anstellen; finden sich Gemeinsamkeiten in der Darstellung oder ist ihre Stellungen zu dem Sujet Villa Massimo/Rom eine grundverschiedene?
1 Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986 [1979]. Im Folgenden wird nach dieser Ausgabe im laufenden Text mit der Sigle RB und der entsprechenden Seitenzahl zitiert.
2 Feridun Zaimoglu: Rom intensiv. Mein Jahr in der ewigen Stadt. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007. Im Folgenden wird nach dieser Ausgabe im laufenden Text mit der Sigle RI und der entsprechenden Seitenzahl zitiert.
3 Vgl. Niklas Maak: „Die Romlinienform der deutschen Kunst.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 93/2007.
4 Leider ist es mir nicht möglich, die Texte direkt aus den Jahrbüchern der Villa Massimo zu zitieren, da diese in kaum einem Bibliotheksbestand zu finden sind. So bin ich gezwungen, einige der Texte aus der Sekundärliteratur zu zitieren.
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2. Die Villa Massimo
2.1 Geschichte der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo
Als im 19. Jahrhundert die Idee der Gründung einer deutschen Akademie in Rom aufkam, dürfte der sich im 16. bis 19. Jahrhundert entwickelte Topos der deutschen Italiensehnsucht nicht unbedeutenden Einfluss gehabt haben. 5 Schon früh gab es die Idee einer staatlich subventionierten Romreise, welche als ‚krönender Abschluss’ der akademischen Künstlerausbildung dienen sollte. 6 Orientiert an dem französischen Prix de Rome, der ab 1666 auf Initiative Colberts ins Leben gerufen wurde, sollte der ‚Rompreis’ genannte traditionelle deutsche Staatspreis der Unterstützung erstrangig junger Künstler dienen. 7 Gestiftet von der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin, wurde er ab 1825 einmal im Jahr verliehen, vorerst abwechselnd an einen Maler, einen Architekten und einen Bildhauer. 8 Das Stipendium bestand zu dieser Zeit aus einer vierjährigen Zahlung von 500 Talern pro Jahr und war an hohe Anforderungen geknüpft. Im Laufe der nächsten Jahre verkürzte sich die Zeit des Stipendiums, bis sie schließlich nur mehr ein Jahr betrug, die Anforderungen hingegen blieben gleich. Der Stipendiat durfte in dieser Zeit seine Arbeit nur den ‚höheren’ Künsten widmen. Ihm wurde eine feste Route nach Rom vorgeschrieben und von seinen Studienfortschritten musste er jedes halbe Jahr Bericht erstatten. Hielt der Stipendiat sich nicht an die vorgeschriebenen Regeln, bekam er seine Stipendienraten nicht überwiesen. 9 Neben den strengen Bestimmungen wurden mit der Zeit auch die Auswahlmodalitäten so abschreckend, dass der Preis des Öfteren aufgrund mangels Bewerber nicht verliehen werden konnte. Um ihn wieder attraktiver zu machen, tätigte man Ende des 19. Jahrhunderts diverse Reformversuche, wozu auch die Anregung gehörte, das Stipendium von Rom zu lösen und den Stipendiaten eine freie Wahl des Ortes zu überlassen. Dieser Vorschlag wurde von dem Senat der Akademie der Künste jedoch abgelehnt. Um die entstandenen Probleme des Rompreises zu lösen, entschied man sich für eine Überarbeitung desselbigen, die unter anderem die feste Einrichtung einer deutschen Akademie in Rom vorsah, um die praktische Umsetzung des Stipendiums zu vereinfachen. 10 Ein nicht unwesentlicher Grund für diese Planung waren die schwierigen ökonomischen Verhältnisse, denen sich viele Stipendiaten bei der praktischen Durchführung ihres Stipendiums in Rom gegenüber sahen. Da die
5 Vgl. Angela Windholz: Villa Massimo. Zur Gründungsgeschichte der Deutschen Akademie in Rom und ihrer Bauten. Petersberg: Michael Imhof Verlag 2003 (= Studien zur internationalen Architektur- und Kulturgeschichte 19), S. 9.
6 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 9.
7 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 12.
8 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 12.
9 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 12-13.
10 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 15.
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unterschiedlichen Vorschläge des 19. Jahrhunderts für die staatliche Gründung einer deutschen Akademie aus finanziellen Gründen scheiterten, meldeten sich private Initiativen, die das Projekt verwirklichen wollten. 11 Durch die Initiative Seitens einiger Künstler kam es 1906 zur Eröffnung der Villa Romana in Florenz. Das Villa-Romana-Stipendium war allerdings nur der Künstlergruppe der Sezessionisten vorbehalten. Einer der Geldgeber, der die Errichtung dieses Künstlerhauses mitfinanzierte, war der Berliner Unternehmer und passionierte Kunstmäzen Eduard Arnhold. Sein Wunsch war es, in seiner Funktion als Mäzen, ein Institut auf nationaler Ebene zu errichten, welches nicht wie die Villa Romana auf eine bestimmte Künstlergruppe beschränkt sein sollte. 12 Zusammen mit einem Berliner Großkaufmann namens Ernst von Mendelssohn Bartholdy erwarb Arnhold eine Reihe von Gebäuden in Rom, die sich im Nachhinein für die Errichtung einer Akademie allesamt als ungeeignet erwiesen. Mit Hilfe befreundeter deutsch-römischer Künstler fand Arnhold schließlich die verwahrloste Villa Massimo, welche er im Sommer 1910 erwarb. Nach umfangreichen von Arnhold geplanten und durchgeführten Umbauarbeiten 13 kam es erst 1914 zu Verhandlungen zwischen dem Mäzen und der Königlichen Akademie, die rechtlichen Grundlagen und Statuten der Stiftung betreffend. 14 Die Villa ging als Schenkung in die Hände des preußischen Staates, welcher sie nun im Sinne der Königlichen Akademie der Künste als Aufenthaltsort für die Stipendiaten nutzte. In den folgenden Jahren etablierte sich die Villa Massimo als deutsche Künstler-Akademie in Rom. In den Gebäuden der Villa und in dem dazugehörigen großen Park sollte „der Künstler sich auf sich selber besinnen, indem er sich auf die Entwicklung von Jahrtausenden besann […].“, so der Stifter Eduard Arnhold. 15 Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg wurde die Villa beschlagnahmt, anschließend aber wieder zurückgegeben. Heute ist die Villa Massimo Eigentum der Bundesrepublik und gehört in den Geschäftsbereich des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM). 16 Die Aufgabe der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo wird auf der offiziellen Internet-Präsenz wie folgt formuliert:
11 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 34.
12 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 34.
13 Ausführlich hierzu: Windholz (2003): Villa Massimo, S. 44-57.
14 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 45.
15 Zitiert n.: Windholz (2003): Villa Massimo, S. 59.
16 Ausführlich zu der Übergabe der Villa Massimo nach dem Zweiten Weltkrieg: Joachim Blüher u. Angela Windholz: „Zurück in Arkadien! Der ‚kalte Krieg’ um die Villa Massimo und ihre Übergabe an die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1956.“ In: Michael Matheus (Hg.): Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2007, S. 193-210.
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Die Deutsche Akademie Rom ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland und eine Einrichtung im Geschäftsbereich des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Ihre Aufgabe ist es, hochbegabten Künstlerinnen und Künstlern durch einen längeren Studienaufenthalt, eingebunden in das kulturelle Leben Roms und Italiens, die Möglichkeit zu bieten, sich künstlerisch weiter zu entwickeln. 17
Das derzeitige Stipendium enthält den Aufenthalt in der Villa Massimo und eine monatliche Pauschale von 2500 €. Im Gegenzug wird von den Stipendiaten die Anwesenheit in der Villa sowie die Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen (Ausstellungen, Lesungen, Empfängen) erwartet. Die Stipendiaten wohnen in der Zeit ihres knapp einjährigen Aufenthalts in einem der zehn Studios der Villa Massimo. Seit der Gründung der Deutschen Akademie in Rom werden regelmäßig Stimmen laut, welche die Einrichtung als solche in Frage stellen. Bereits 1921 hieß es in dem „Bericht über die Deutsche Akademie in Rom an die königlich preuß. Akademie der Künste“ von Arthur Kampf, damaliger Leiter der Hochschule für Bildende Künste in Berlin: „Die Erfahrungen mit unseren Romstipendiaten sind nicht so günstig, daß man den Weiterbestand der Deutschen Akademie in Rom befürworten könnte.“ 18 Die Villa Massimo war im Zug des Ersten Weltkriegs 1915 von den Italienern beschlagnahmt worden und da sich die Rückgabeverhandlungen bis 1929 hinziehen sollten, blieb die Anmerkung Kampfs zunächst ohne Folgen. Die Diskussion bekam mit Ende des Zweiten Weltkrieges und der abermaligen Rückgabe im Jahre 1956 erneute Aktualität. Es stellte sich nun die Frage, welche Funktion die Einrichtung zukünftig bekommen sollte. Letztlich entschloss man sich, die bisherige Rolle der Villa beizubehalten. Begründet wurde die Entscheidung wie folgt:
In Rom unterhalten andere Staaten Einrichtungen ähnlicher Art wie die Deutsche Akademie (Villa Massimo) eine war. Schon aus Gründen des politischen Prestiges ist Gleichstellung der Bundesrepublik einschließlich des Landes Berlin zu wünschen. 19
Ein weiterer Höhepunkt der Diskussionen um die Villa Massimo geschah 1991 durch die öffentliche Kontroverse zwischen einer Stipendiatengruppe um Klaus Modick und der Direktorin der Villa Massimo und Urenkelin Arnholds, Elisabeth Wolken, in der Zeitung Die Zeit. Im Kern des Angriffes stand starke Kritik an der Arbeit Wolkens und die Stipendiaten
17 Auszug aus: Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien: „Grundsätze für die Auswahl von Künstlerinnen und Künstlern für einen Aufenthalt in der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, der Deutschen Akademie Rom Casa Baldi in Olevano Romano, der Cité Internationale de Arts in Paris und im Deutschen Studienzentrum in Venedig“, Stand Oktober 2007. Auf:: http://www.villamassimo.de/de/info/downloads/index.html, gesehen am: 22. August 2008.
18 Zitiert n.: Blüher, Windholz (2007): Zurück in Arkadien!, S. 193.
19 Abschrift aus dem Bericht von der Kunstausschusssitzung Bonn 13./14. Juni 1955, gez. Wallner-Basté, Senatsrat des Senators für Volksbildung Berlin. Zitiert n.: Blüher, Windholz (2007): Zurück in Arkadien!, S. 200.
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Modick, Richard Wagner und Hanns-Josef Ortheil sahen sich gezwungen, im Namen der Künstler der Villa Massimo für dieselbige den Notstand auszurufen.
Die Frau mit dem Sinn für Kürze und dem italienischen Titel dottoressa, die sich in der Stadt gelegentlich auch contessa nennen läßt, ist seit dem Jahre 1965 im Amt. [...] Wohl sind die Wohnungen und Ateliers geräumig und gut ausgestattet, aber ihre Belegung mit Künstlern, Schriftstellern, Komponisten und Architekten ist zum bloßen Alibi der postfeudalistischen und kostenintensiven Hofhaltung der Direktorenfamilie verkommen. [...] Hinzu kommt ein starres Norm- und Regelwerk, das jedem Internat Ehre machen würde; es wird erwachsenen Menschen aufgezwungen, Künstlern, die in der Öffentlichkeit bekannt und von der Kritik weitgehend anerkannt sind. Wer sich die Welt jenseits des „akademischen Hains“ für länger als zwei Tage besehen will, hat sich unter Angabe seines Ziels und Hinterlegung einer Anschrift bei der Direktorin an- und abzumelden. Flieht einer gar länger als vier Wochen den Ort von „Stille und Kontemplation", wird er - falls er der Direktorin nicht genehm ist - von dieser der zuständigen Landesbehörde gemeldet: Das kann und soll dann zur Streichung des ohnehin knappen Barstipendiums führen. 20
Die Kritik der Stipendiaten um Klaus Modick beinhaltet zum Teil sehr private Details über Elisabeth Wolken und ihre Familie. Dem stellte die langjährige Direktorin in ihrer ebenfalls in der Zeit (40/1999) erschienenen Richtigstellung eine allgemeinere Kritik an den ausländischen Akademien in Rom entgegen, in deren Kontext sie die Deutsche Akademie Rom als nicht konkurrenzfähig bezeichnet. 21 Letztendlich wurden die Vorwürfe an Elisabeth Wolkens angeblicher Selbstherrlichkeit so laut, dass sie 1993 ihren Posten an Dr. Jürgen Schilling abgab, welcher bis 1999 Direktor blieb. 1999 wurde die Villa Massimo aufgrund von Restaurierungsarbeiten geschlossen und 2002 mit Dr. Joachim Blüher als neuem Direktor wiedereröffnet. Mittlerweile zählt die Deutsche Akademie Rom Villa Massimo zu den bekanntesten deutschen Kulturinstituten im Ausland. 22
Doch den Schritt aus der Kritik hat die Akademie noch nicht geschafft. Immer wieder werden von Seiten der Künstler Zweifel an dem Wert des Stipendiums laut. Peter Rühmkorf, der 1964 das Stipendium verliehen bekam, erschien diese Auszeichnung „zunächst wie eine subtile Art von Verbannung.“ 23 Er hatte das Stipendium zuvor bereits drei Mal abgelehnt. 24 Die radikalste Kritik an der Villa Massimo und den Lebensumständen dort äußerte Rolf Dieter
20 Klaus Modick, Hanns-Josef Ortheil u. Richard Wagner: „Notstand: Villa Massimo.“ In: Die ZEIT 37, 1991, S. 65.
21 Vgl. Elisabeth Wolken: „Antwort auf Klaus Modick, Hanns−Josef Ortheil und Richard Wagner. Der wahre Notstand der Villa Massimo.“ In: Die Zeit 40, 1991, S. 71.
22 Vgl. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 7.
23 Zitiert n. Windholz (2003): Villa Massimo, S. 7.
24 Vgl. Peter Rühmkorf: Die Jahre die Ihr kennt. Anfälle und Erinnerungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1999, S. 255.
7
Brinkmann, der 1972/73 Stipendiat der Villa Massimo war, in seinem Buch Rom, Blicke. Er betreibt in seinem Buch nicht nur einen Abgesang auf Rom, sondern auch auf die Akademie und seine Mitipendiaten. Der deutsche Schriftsteller Jan Koneffke, Stipendiat des Jahrgangs 1995, bezeichnet die Villa Massimo als „Ein Reservat. Eine Klatschanstalt.“ 25 Heinrich Böll, dem 1961 die Möglichkeit eines Aufenthalts als Ehrengast angeboten wurde, antwortete nur „Ich fahre einfach gern in Großstädte, weil ich mich da am besten erhole. Ich habe in Rom gearbeitet wie anderswo.“ 26 Böll spricht Rom demnach seinen besonderen Status ab. Anders sieht es der Kunsthistoriker Eberhard Roters, der 1991 Ehrengast der Villa Massimo war: „Was mir daraus klar geworden ist: jeder bringt sich selbst mit. Jeder trägt so, wie er beschaffen ist, sein eigenes Stück Deutschland nach Rom, und jeder bringt sein eigenes Stück Rom wieder mit heim.“ 27
Ob der jeweilige Stipendiat seinen Aufenthalt nun als sinnvoll oder weniger sinnvoll bewertet, zum Schreiben regt Rom allemal an, wie die Fülle von Texten über Rom offen legt. Andreas Erb nennt es ein regelrechtes „babylonisches Stimmengewirr“ 28 , das einem entgegenschlägt, besieht man sich die literarischen Topographien Roms.
2.2 Literarische Topographien aus der Villa Massimo
In den literarischen Werken der zahlreichen Schriftsteller, die ein Villa Massimo-Stipendium erhalten haben, lässt sich Mal mehr, Mal weniger eine Spiegelung der Stadt Rom erkennen. Entstanden sind sowohl Romane als auch Tagebucheinträge, fragmentarische Texte, Briefe, Skizzen und eine Vielzahl von Gedichten. Einige der Texte beinhalten eine rein fiktionale Handlung, andere Texte wiederum gehen in die Richtung von Berichterstattungen über den Aufenthalt in Rom. Elisabetta Niccolini, die sich in ihrem Aufsatz mit den in der Villa Massimo entstandenen Texten beschäftigt, schreibt, Rom wirke „wie eine chemische Lösung auf die Autoren, derartig herausfordernd, dass sie sich in irgendeiner Art und Weise dazu veranlasst fühlen, auf Rom sowie auf die Villa Massimo zu reagieren.“ 29 Jeder Autor konstruiert hierbei sein eigenes Rom-Bild, oder dekonstruiert es, wie Rolf Dieter Brinkmann.
25 Dieses Zitat stammt aus einem nicht veröffentlichten Abschlussbericht Koneffkes. Zitiert n.: Elisabetta Niccolini: „Schriftsteller der Villa Massimo schreiben über Rom.“ In: Andreas Erb (Hg.): Der Deutschunterricht, 2/1999, S. 28-42, S. 29.
26 Aus einem Interview mit C. A. Haenlein für eine Sendung des Bayrischen Rundfunks, Die Villa Massimo in Rom. Beobachtungen in einem Kulturinstitut, München 8.12. 1972. Zitiert n.: Niccolini (1999): Schriftsteller der Villa Massimo schreiben über Rom, S. 29-30.
27 Abgedruckt im Jahrbuch der Villa Massimo 1990-1991. Zitiert n.: Niccolini (1999): Schriftsteller der Villa Massimo schreiben über Rom, S. 30.
28 Andreas Erb: „‚Rom erdrückt einen.’ ‚Literarische Topographie: Rom’ in der Gegenwartsliteratur.“ In: Ders. (Hg.): Der Deutschunterricht, 2/1999, S. 3-15, S. 3.
29 Niccolini (1999): Schriftsteller der Villa Massimo schreiben über Rom, S. 28.
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Betrachtet man nun die Rom-Texte, die in der Villa Massimo entstanden sind, ergibt sich ein wenig homogenes Bild. Versucht man dennoch den Vergleich, so trifft man am ehesten auf den Aspekt der Alterität, den viele der Texte gemein haben. Rom scheint die Auseinandersetzung mit dem Fremden und auch mit dem eigenen Ich in der Fremde, ob nun unterschwellig angedeutet oder direkt formuliert, zu provozieren. 30 So schreibt Uwe Kolbe, Stipendiat 1992: „Allein sein und deutsch sein / in Rom, ein Krieg in dir selbst.“ 31 Dieses Gefühl der Fremdheit geht oft einher mit der Überforderung des erzählenden oder lyrischen Ichs angesichts der Flut von Eindrücken. Anders als es Goethe zu seiner Zeit empfand, bringt diese Überfülle von Impressionen die Autoren allerdings nicht zu begeisterten Ausrufen a lá „O wie fühl’ ich in Rom mich so froh!“ 32 Eher wird in diesem Zusammenhang die hässliche, schmutzige oder chaotische Seite Roms thematisiert. Jürgen Theobaldy schrieb 1977 während seines Aufenthalts in der Villa Massimo:
Hier kann ich leben, im Straßenstaub, / ockerfarbenes Rom! Die Abgase glühen / unter verlassenen Plätzen, der Asphalt / hat sich um die Ruinen geschoben; / Stadtbusse, Bruchstücke aus dem Alltag, / die Stadt der Steine, Säulen im Gras, / im Oleander Fetzen der Morgenzeitung. 33
Bei Theobaldy ist Rom nicht das Arkadien Goethes. Es ist laut und staubig; sein Stadtbild wird geprägt durch Vermischungen von alt und neu, Natur und Kultur. Ein weiterer Aspekt, der in vielen Romtexten thematisiert wird, ist der Topos der Dichte der Stadt, der horizontalen Überlagerung von Geschichte, die für die Urbanistik Roms kennzeichnend ist. Jan Koneffke, der nach seinem Stipendium 1995 noch bis 2000 in Rom lebte, äußert dazu folgende Überlegungen:
Was ich an Rom interessant finde, ganz sicher, das ist die Geschichte, die wirklich in Schichten zu besichtigen ist. [...] Rom ist für mich ein Erinnerungsort, und zwar nicht der Inhalt der Erinnerung interessiert mich dabei, sondern die Struktur der Erinnerung, und das ist, glaube ich, was mich an Rom fasziniert, dass es eine Stadt ist, die überall Indizien vergangener Geschichte und vergangener Epoche zeigt [...]. 34
30 Vgl. Niccolini (1999): Schriftsteller der Villa Massimo schreiben über Rom, S. 32.
31 Uwe Kolbe: Nicht wirklich platonisch. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1994, S. 26.
32 Johann Wolfgang von Goethe: „Römische Elegien.“ In: Ders.: Werke. Hamburger Ausgabe, Bd. 1, Hamburg: Wegner 9 1969 [1788-1790], S. 157-173, S. 162.
33 Jürgen Theobaldy: „Imperium der Eiskreme.“ In: Midlands. Drinks. Heidelberg: Wunderhorn 1984, S. 50.
34 Die Äußerung stammt aus der Sendung „ Raumschiff Villa Massimo. Eine literarische Kollage aus Rom“ von Elisabetta Niccolini vom 23. 12. 1997, Deutschland Radio Berlin. Abgedruckt in: Niccolini (1999): Schriftsteller der Villa Massimo schreiben über Rom, S. 41.
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2008, Alterität und Identität in Rom, München, GRIN Verlag GmbH
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