1. Ausgangspunkt
Es gibt viele unterschiedliche Kulturen auf der Welt, die sich auf verschiedene Werte und Normen stützen. So kann es passieren, dass eine Geste, die ursprünglich freundlich gemeint war, von einem anderen Menschen als beleidigend aufgefasst wird. Nahezu jeder Mensch, der einmal eine fremde Kultur besucht hat, wird von einem ähnlichen Erlebnis berichten können. Die Rede ist vom Kulturschock. Doch während den Jahren 1989/90 und wahrscheinlich auch darüber hinaus haben viele Einwohner der neu vereinten Bundesrepublik einen solchen ‚Schock’ im eigenen Land erlebt.
Die Literatur bietet zum Thema Kulturschock mehrere Modelle, die jedoch alle auf das erste von Kalervo Oberg zurückgehen und später modifiziert wurden. Trotz dieser verschiedenen Weiterentwicklungen scheint die Forschung wenig umfassende Erklärungen zum Ausgangsmodell zu liefern. Des Weiteren ist ein grossteil der benutzten Literatur aufgrund der damaligen Aktualität aus den 90er Jahren, als die Sozialwissenschaften großes Interesse am Prozess der Wiedervereinigung und deren Folgen zeigte.
In dieser Arbeit werden sowohl das Modell nach Oberg als auch das von Wolf Wagner vorgestellt, um festzustellen ob es Unterschiede gibt. Danach wird die Frage im Mittelpunkt stehen, ob eventuelle Unterschiede qualitativer Natur sind. Es soll der Versuch unternommen werden, herauszufinden, ob diese Unterschiede anhand eines Fragebogens zum Thema Wiedervereinigung geklärt werden können und somit auch ob eins der Modelle dem anderen vorzuziehen ist.
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2. Die Kulturschockmodelle
2.1. Das Kulturschockmodell nach Oberg
Der Begriff des Kulturschocks wurde von Kalervo Oberg eingebracht und wird seit 1955 in zweifacher Hinsicht verwendet. Zum einen bezeichnet er das Ohnmachtsgefühl, dass ein Individuum befällt, wenn es sich mit einer neuen Kultur konfrontiert sieht und bis dahin geltende Regeln und Werte nicht mehr vorherrschen. Es bezeichnet aber auch den gesamten Prozess der Krise, die aus dem besagten Gefühl entsteht und mit Überwindung des Konflikts endet. Die erste Darstellung einer solchen Krise stammt ebenfalls von Oberg, der den folgenden Ablauf im Jahre 1960 bei „[…] jungen Amerikanern“ feststellte, „die an einem Gesundheitsprojekt in Brasilien arbeiteten.“ 1 Dabei konnte er vier Stufen feststellen.
Der Kulturschock beginnt mit der so genannten ‚Honeymoon- Phase’. Der Betroffene erreicht die neue Kultur und begegnet dieser mit großem Enthusiasmus und zeigt sich fasziniert ähnlich einem Touristen. Aufgrund der unterschiedlichen Persönlichkeiten von Menschen kann diese Phase verschiedene zeitliche Ausdehnungen haben.
Jedoch wird es unvermeidlich zur zweiten Stufe des Konfliktes kommen, die Oberg als ‚Crisis’ bezeichnete. Es kommt zu Unsicherheiten im Umgang mit der fremden Kultur. Das Individuum muss feststellen, dass es mit den Werten, Normen und Umgangsformen der eigenen Kultur in der neuen nicht zurechtkommen kann, Das heißt es treten zum Beispiel Missverständnisse aufgrund von fehlerhaftem Verhalten auf. Der Betroffene fühlt sich den Ansprüchen der Kultur nicht gewachsen und fühlt sich zunehmend unbehaglich. Da er sich der neuen Kultur zunächst nicht anpassen kann, hält er umso mehr an den Werten der eigenen Kultur fest und beginnt, die andere zu verurteilen.
Daran schließt sich die dritte Phase ‚Recovery’ an. Durch die permanente Bewegung in der neuen Kultur, lernt das Individuum mit den Schwierigkeiten umzugehen und Missverständnisse mit den richtigen Handlungen zu vermeiden. Der letzte Schritt besteht im ‚Adjustment’, das heißt, dass der Betroffene sich der ehemals fremden und neuen Kultur angepasst hat. Je nach Persönlichkeit kann es
1 Karin Schreiner: Die Psychologie des Kulturschocks und die Situation der „Trailing Spouse“, Frankfurt am Main
2007, S. 22.
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durchaus vorkommen, dass vereinzelte Handlungsweisen aus der neuen Kultur in das Denken aufgenommen werden und die Identität bereichern. Kritiker und Forscher, die Obergs Phasen weiterentwickelten, werfen ihm jedoch vor, dass er das Phänomen lediglich mit Symptomen beschreibt, die durch die jeweiligen Erfahrungen zum Vorschein kommen. In diesem Zusammenhang sollte aber auch die Aufführung des Kulturschocks in der internationalen Klassifikation der Krankheiten- dem so genannten ICD 10- nicht außer Acht gelassen werden. Auch dort wird das Nichtzurechtkommen in einer fremden Kultur als Krankheit betrachtet. So bezeichnet zum Beispiel die Kennung F 43.2 eine Anpassungsstörung bei der der Kulturschock namentlich genannt wird, an dieser Stelle heißt es: „Außerdem kann ein Gefühl bestehen, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht zurechtzukommen, diese nicht vorausplanen oder fortsetzen zu können. […] Inkl. Kulturschock […]“ 2 . Zusätzlich werden mit dem Code Z60 „Kontaktanlässe mit Bezug auf die soziale Umgebung“ 3 charakterisiert, das heißt unter anderem „Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung“ 4 .
Somit erscheint Obergs symptomatische Darstellung doch als gerechtfertigt, zumindest mit dem Wissen, dass er ein Vorreiter auf diesem Gebiet war. Es sollte auch nicht außer Acht gelassen werden, dass in Nachfolgermodellen die Ursachen eines Kulturschocks ebenso wenig miteinbezogen werden konnten. Das heißt, es handelt sich dabei nicht nur um ein Problem des Ursprungsmodells, sondern muss ebenso als Kritik an sämtlichen anderen gewertet werden.
2.2. Das Kulturschockmodell nach Wagner
Während Oberg keine grafische Darstellung des Ablaufes eines Kulturschocks präsentierte, steht Wolf Wagner in einer Reihe von Forschern, die die eine U- Kurve für diesen Prozess verwenden, auch wenn diese Form bisher noch nicht genügend empirisch nachgewiesen werden konnte. 5
In diesem Modell steht der Prozess in Abhängigkeit von Kulturkompetenz und Zeit und umfasst fünf Phasen.
Den Anfang bildet die Phase der Euphorie, in der die Kulturkompetenz in der eigenen vertrauten Kultur verhältnismäßig hoch ist. Die Phase bezeichnet den Eintritt in eine
2 http://www.icd-code.de/suche/icd/code/F43.-.html?sp=SF43.2 [ Letzter Zugriff 23.02.2009]
3 http://www.icd-code.de/suche/icd/code/Z60.html?sp=SZ60 [Letzter Zugriff 23.02.2009]
4 Ebd. [Letzter Zugriff 23.02.09]
5 Schreiner: Psychologie des Kulturschocks, S. 24.
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neue Kultur. Als erste Reaktion taucht die Faszination auf, was auch bedeutet, dass sich das Individuum der völligen Fremdheit noch nicht bewusst ist. Darauf folgt als zweite Phase die Entfremdung. Die kulturelle Kompetenz nimmt stetig ab, dies geschieht, da das Fremdartige in der neuen Kultur deutlich registriert wird, was „[…] mehr oder weniger schockartig […]“ 6 passieren kann. Da sich der Betroffene vorher jedoch seiner kulturellen Kompetenz bewusst war und bestimmte Erwartungen an sich stellt, sucht er die Schuld zunächst in seinem eigenen Handeln. Die dritte Phase ist die der Eskalation, denn sie ist mit dem niedrigsten Punkt der Kulturkompetenz verbunden. Je nach Persönlichkeit ist die Phase stärker oder schwächer ausgeprägt. Dies hängt damit zusammen, ob die Person die Schuld, die sie vorher bei sich vermutete nun auf die fremde Kultur projiziert und wie stark dies der Fall ist. Dadurch kommt es im weiteren Verlauf zu einer Überhöhung und eventuell auch Überbewertung der eigenen Kultur. Wagner zeigt anhand der Arbeit von Amir, dass diese Eskalation bestimmte Voraussetzungen hat, das heißt, es muss Konkurrenz entstehen und durch das Zusammentreffen zweier verschiedener Vereinigungen nimmt das Ansehen einer Gruppe ab. Außerdem müssen sich zumindest manche Personen in einer der beiden Gruppen in einem Gefühl der Enttäuschung befinden und die Moralerwartungen des jeweils anderen in der Art nicht hingenommen werden können. Die letzte Voraussetzung ist, dass während des Kontaktes die schlechter gestellte Gruppe unter einem ebenso schlechter gestellten Status leidet. 7
Die Kompetenz kann in der vierten Phase der Missverständnisse wieder ansteigen, denn dabei steht die Einsicht im Vordergrund, dass weder der Betroffene noch Personen der anderen Kultur für die erlebten Schwierigkeiten die Schuld tragen. Es ist vielmehr eine Frage der Unterschiede zwischen den Kulturen, die zu den Missverständnissen führten. Es geht demnach um die Einsicht des Individuums. Die letzte Phase bildet die Verständigung. Durch das Erlernen von Umgangsformen werden die Missverständnisse auf ein Minimum reduziert. Der Betroffene hat nach einer erfolgreichen Verständigungsphase in der anfangs neuen Kultur die Kulturkompetenz erreicht, die er in der eigenen Kultur bereits hatte. Wagner stellte in seinen Forschungen fest, dass jegliche Kulturschockmodelle nur einen idealen Ablauf darstellen, das heißt sie können nicht auf jeden Betroffenen
6 Wolf Wagner: Kulturschock Deutschland, Hamburg 1996, S. 20.
7 Ebd. S. 130.
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angewendet werden. 8 Diese Tatsache kann vielfältig bewiesen werden, zum Beispiel anhand der Reaktionstypen, die herausgearbeitet wurden. Nicht jedem Mensch ist es möglich aus der Eskalationsphase aufzusteigen und Einsicht zu haben, um sich anpassen zu können. Andererseits ist es möglich, dass das Durchlaufen aller Phasen nahezu ohne Schwierigkeiten und in sehr kurzer Zeit abläuft. Dies kann der Fall sein, wenn Unterstützung durch eine Person gewährleistet ist, die sich in der fremden Kultur bereits unbefangen bewegen kann. Diese kann Hilfestellungen geben, falls Missverständnisse auftauchen, sodass ein Kulturschock vermieden werden kann.
Aus dem Umstand, dass es verschiedene Reaktionstypen gibt, resultiert dass das Modell nicht wirklichkeitsnah ist. Dazu kommt, dass es Ursachen völlig ausblendet. In der Forschung herrscht die einheitliche Meinung vor, dass das eigene kulturelle Verständnis und das Umfeld aus dem die Person stammt, wichtige Faktoren sind, die den Ablauf und den Ausgang beeinflussen können. 9
Neben der U- Kurve existiert auch eine W- Kurve. Diese bezieht neben dem Eintritt in die neue Kultur auch die Rückkehr in die Heimatkultur ein, denn dabei können ebenfalls ähnliche Symptome auftreten. Es wäre einfach anzunehmen, dass sich eine Person nach der Heimkehr in beiden Kulturen gleichermaßen gut auskennt. Jedoch verhält es sich anders, denn durch die Erfahrung des Kulturschocks hat sich das Denken der Betroffenen geändert und sie haben Erwartungen an die heimatliche Kultur, die diese nicht erfüllt. Der Ablauf wiederholt sich, da die Person annahm, sich auszukennen und keine Fehler mehr begehen könnte. Diese treten jedoch wieder auf und das gleiche Fremdheitsgefühl kommt erneut auf. Aus diesem Grund wird es in der Literatur als ‚umgekehrter Kulturschock’ 10 bezeichnet.
2.3. Die Unterschiede
Anfangs scheinen beide Modelle nahezu identisch zu sein, es kann lediglich auffallen, dass Wagner eine Phase mehr aufführt. Doch bei genauerer Analyse treten Unterschiede auf, die nicht nur auf diesen einen Zusatz zurückzuführen sind. Oberg wie auch Wagner arbeiten mit der gleichen Ausgangssituation, die zusammenfassend durch Faszination gekennzeichnet ist, genauso verhält es sich mit der Bewusstwerdung der Fremdheit, doch danach schlägt Wagner einen anderen
8 Wagner: Kulturschock Deutschland, S. 21f.
9 Vgl. Wagner S. 24ff; Borchner/ Furnham/ Ward: The Psychology of Culture Shock, London 2001, S. 83ff.
10 K Schreiner: Die Psychologie des Kulturschocks , S. 25.
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Arbeit zitieren:
Anne Gißke, 2009, Die Kulturschockmodelle Kalervo Obergs und Wolf Wagners im Vergleich im Hinblick auf den Kulturschock 'Wiedervereinigung', München, GRIN Verlag GmbH
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