1. Einleitung
„[…] Gott weiß, welche Fülle von Mißachtung ich in das Wort < gesund > versenke!“ 1 Diese Äußerung von Thomas Mann kann nahezu auf jedes seiner Werke angewendet werden, denn die Thematisierung von Krankheit und Gesundheit taucht in vielen seiner Bücher auf. Das geschieht zum Beispiel explizit in dem Buch „Der Zauberberg“, in welchem sich der Protagonist Hans Castorp gesund fühlt, ihm jedoch während eines Besuches in einem Sanatorium eine Krankheit attestiert wird. Hierbei weist allein schon die Oberflächenstruktur auf diese Thematik hin. Thomas Manns Gesellschaftsroman „Buddenbrooks“ deutet schon in seinem Paratext implizit auf Erkrankungen hin, wenn es heißt: „Verfall einer Familie“. Dieser Verfall lässt sich durchaus auch in den verschiedensten Leiden der einzelnen Figuren wieder finden, so zum Beispiel in Thomas Buddenbrooks Krankengeschichte, die Masern, Zahnkrankheiten oder auch Depressionen umfassen.
Diese Liste könnte beliebig anhand sämtlicher Romane und Erzählungen dieses Autors weitergeführt werden, doch die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Thomas Manns ‚Doktor Faustus’, der vieles thematisiert. Er ist ein Deutschlandroman, ein Musiker- und Künstlerroman und behandelt die unterschiedlichsten Wissenschaften. Auf den folgenden Seiten soll jedoch das Interesse auf den Aspekten Krankheit und Gesundheit liegen. Das heißt, es soll gezeigt werden, dass der Krankheitsverlauf von Adrian Leverkühn zunächst zwar als ein Leitmotiv erscheint, nach genauerer Analyse aber deutlich wird, dass auch Gesundheit in diesem Zusammenhang eine nicht minder starke Rolle spielt. In welchem Verhältnis dies der Fall ist, gilt es zu untersuchen. Daran anschließend werde ich untersuchen, wie das Auftauchen von Esmeralda den Gesundheitszustand des Protagonisten beeinflusste.
1 Thomas Rütten: Krankheit und Genie. Annäherungen an Frühformen einer Mannschen Denkfigur, in:
Thomas- Mann- Studien. Literatur und Krankheit im Fin- De- Siècle, hg. von Thomas Sprecher, Frankfurt am
Main 2002, S. 147
2
2. Krankheit und Gesundheit
2.1. Krankheit als Leitmotiv?
Die Idee, einen kranken Künstler als Protagonisten für eine neue Arbeit zu nutzen, kam Thomas Mann bereits in dem auf das Jahr 1901 datierten so genannten ‚Drei- Zeilen- Plan’, in dem ihm ein syphilitischer Künstler vorschwebt. Schon in dem darauf folgenden Eintrag wird dieser Gedanke präzisiert, dort heißt es: „Figur des syphilistischen Künstlers: als Dr. Faust und dem Teufel Verschriebener. Das Gift wirkt als Rausch, Stimulans, Inspiration; er darf in entzückter Begeisterung geniale, wunderbare Werke schaffen, der Teufel führt ihm die Hand. Schließlich aber holt ihn der Teufel: Paralyse“ 2
Nebenbei sei bemerkt, dass Autor sich mit Syphilis eine der zu dieser Zeit recht ‚modernsten’ Krankheiten ausersehen hatte. Ihre Krankheitserreger wurden erst um die Jahrhundertwende entdeckt und ein Mittel zur Eindämmung der Ausbreitung war noch nicht in Sicht. 3 Den Krankheitsverlauf hat der Autor hierbei recht genau umrissen. Die Hauptfigur, der er dieses Schicksal auferlegt hat, ist Adrian Leverkühn, welcher Zeit seines Lebens schon an einem „Hauptweh“- der Migräne leidet, demnach von vornherein nicht vollkommen gesund erscheint. Jedoch wird er erst durch fehlende Innovationen in der Musik zu einer Ansteckung mit einer Krankheit getrieben, die ihn letztendlich dem Teufel zuführt. Leverkühn sieht Musik nur noch als Parodie an, da nichts Neues geschaffen wird, auch er vermag dies nicht zu tun. Dabei handelte es sich sowohl um die Unfähigkeit des Einzelnen wie auch die der Gesellschaft und damit sich Adrian aus dieser künstlerischen Schaffenskrise befreien konnte, bediente er sich der Mittel des Teufels, die selbiger ihm im Teufelspakt erklärte. Er berichtete ihm von einem rauschhaften Zustand, in dem der Musiker unter seinem Einfluss Werke schaffen würde, für die die Hörerschaft ihn bewundern wird, was für Adrian die Lösung seiner Krise bedeuten hätte. Die Bedingungen an die dieser Pakt geknüpft war, erschienen Leverkühn einfach, was er im späteren Verlauf bereuen sollte. Dem voraus ging zunächst aber die bereits erwähnte Ansteckung mit Syphilis, die sich Leverkühn durch eine unbekannte Dirne zuzog, welcher er den Namen ‚Esmeralda’ gab. Diese Infizierung mit der Krankheit erfolgte wissentlich, denn das Mädchen warnte ihn vor, doch er reiste ungeachtet dessen zu ihr. Ab diesem Zeitpunkt tritt der Einfluss des Teufels besonders hervor, da er zum Beispiel die Ärzte, die dem jungen Mann durchaus helfen konnten, in den Tod führte. Die Bedingung des Teufelspaktes, dass Leverkühn keine
2 Thomas Sprecher: Zur Entstehung des Doktor Faustus, in: : „Und was werden die Deutschen sagen??“. Thomas
Manns Doktor Faustus, hgg. von Hans Wisskirchen und Thomas Sprecher, 2. Auflage Lübeck 1998, S. 9
3 Christian Virchow: Zur Eröffnung, in: Thomas- Mann- Studien. Literatur und Krankheit im Fin- De- Siècle, hg.
von Thomas Sprecher, Frankfurt am Main 2002, S. 10
3
wärmende Liebe empfinden dürfe, zwang auch seinen kleinen Neffen Nepomuk aus dem Leben zu treten. Das heißt völlig gesunde Menschen sterben verfrüht. In Anbetracht seiner Krankheit und der Eingebungen, die ihn überkamen, zog er von München nach Pfeiffering, um dort die benötigte Ruhe für seine Werke zu finden. Trotz dessen er mehrfach Besuch empfängt, isoliert er sich doch zusehends von der Gesellschaft. Ihm gegenüber steht der Erzähler Serenus Zeitblom. Er erweckt, trotz einiger Krankheiten, die auch er durchlebt, den Eindruck eines gesunden Menschen, zumindest insofern, dass er sich nicht willentlich mit Syphilis ansteckt und scheint somit den Gegenpol zu Leverkühn zu bilden. Er stellt gewissermaßen die Gesellschaft dar, die dem Kranken gegenübersteht, von der er sich abhebt, sofern Krankheit als eine Art Individualität aufgefasst wird oder noch einen Schritt weitergehend als eine Art Genialität, die der Künstler nötig hat, um auf sich aufmerksam zu machen.
Es gibt demnach eine positive und eine negative Komponente, die die Krankheit mit sich bringt. Zum einen scheint sie Leverkühn durch die Schöpfung großer Werke von der Allgemeinheit, der Masse abzuheben, auf der anderen Seite führen gerade diese Eingebungen dazu, dass er sich immer mehr zurückziehen muss. Im XXV. Kapitel, dem des Teufelspaktes deutet bereits ein Satz des Höllenfürsten auf die kommende Isolierung hin: „Krankheit, und nun gar anstößige, diskrete, geheime Krankheit, schafft einen gewissen kritischen Gegensatz zur Welt, zum Lebensdurchschnitt, stimmt aufsässig und ironisch gegen die bürgerliche Ordnung[…]“ 4 Diese Einsamkeit steigt auch mit dem Krankheitsverlauf immer mehr an. Das Leiden verschafft ihm zwar den Anschein von Genialität (obwohl es sich um Eingebungen des Teufels und der Hölle handelt), wird aber somit auch schon wieder zu einem Mittel des Teufels um Adrian an sich zu binden. Zwar kann Leverkühn nun mit seiner Hilfe bedeutende Werke schaffen, doch die Krankheit an sich hilft ihm nicht dabei, seine Schaffenskrise zu überwinden, sie scheint lediglich die Verbindung mit der helfenden eingebenden Hand zu sein.
In Anlehnung an Nietzsches Auffassung, dass Kunst überhaupt erst durch einen Rausch, der durch schuldige und unschuldige Mittel unterstützt wird, entstehen kann, ist fragwürdig, ob in Leverkühns Fall Krankheit mit Genialität gleichgesetzt werden kann. Letztendlich hat er diesen Rausch zwar willentlich durch die Ansteckung als schuldiges Mittel zur Rauschentstehung herbeigeführt, doch ist es nur der Teufel, der in ihm diese Illumination hervorruft. Schließlich spricht dieser auch von einem rauschhaften Zustand in den er Adrian versetzen würde: „[…] Aufschwünge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von
4 Thomas Mann: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem
Freunde, 36. Auflage Frankfurt am Main 2008, S. 312
4
Arbeit zitieren:
Anne Gißke, 2009, Zur Beziehung von Krankheit, Gesundheit und der Schmetterlingsthematik in Thomas Manns "Doktor Faustus", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Leitmotive 'Krankheit und Tod' in Thomas Manns 'Tod in...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Hilde Domin - Moderne Naturlyrik
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Kleine Veränderungen, große Wirkung! Thomas Manns Erzählung "Die ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die vertauschten Köpfe: Kultur, Natur und Identität bei Thomas Mann un...
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Seminararbeit, 22 Seiten
Anne Gißke's Text Zur Beziehung von Krankheit, Gesundheit und der Schmetterlingsthematik in Thomas Manns "Doktor Faustus" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anne Gißke hat den Text Zur Beziehung von Krankheit, Gesundheit und der Schmetterlingsthematik in Thomas Manns "Doktor Faustus" veröffentlicht
Anne Gißke hat einen neuen Text hochgeladen
Thomas Mann Doktor Faustus das fehlgeleitete deutsche Genie
Eine politische Analyse der Ha...
Friedrich Wambsganz
Die produktive Rezeption von Thomas Manns ,Doktor Faustus'
Einzeltextanalysen zu João Giu...
Gabriela Hofmann-Ortega Lleras
... und an den Zähnen hängt der Mensch. Krankheit & Gesundheit, Band 7...
Die Behandlung in einer Ganzhe...
Helge R. Runte
0 Kommentare