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1. Einleitung
„Nur wenige deutsche Dichtungen des Mittelalters können für sich in Anspruch nehmen, seit ihrer Entstehung immer wieder neu gestaltet worden zu sein und in ungebrochener Kontinuität bis in unsere Zeit als Dichtung zu leben.“ 1 So erfreute sich die Dichtung vom Herzog Ernst in der Tat einer großen Beliebtheit, die wohl in der Verknüpfung zweier heterogener Stoffkreise, einem historischen Reichsteil und einer abenteuerlichen Orientfahrt, begründet ist. Dabei unterliegt die Struktur der Dichtung maßgeblich deren Einfluss, da diese auf diese Weise in zwei Teile geteilt wird, die kaum eine Verbindung zueinander zu haben scheinen. Dennoch ist es dem Dichter gelungen, diese beiden Themen so miteinander zu verknüpfen, sodass die Herzog Ernst Dichtung im Lichte einer Einheit steht und also solche auch gelesene wird. Deshalb wirft gerade diese Heterogenität unweigerlich die Frage auf, wie zwei so unterschiedliche Themenkomplexe in eine einheitliche Struktur gebracht worden sind.
Innerhalb dieser Arbeit gilt es dieser Frage nachzugehen. Beginnend mit der Struktur der Motivkomplexe, soll zunächst noch einmal die Heterogenität der Stoffe herausgearbeitet werden, indem die Struktur ihrer Motive erörtert wird. Damit verbunden, wird auch eine Analyse der Quellen, auf welche die Motive aufbauen, erfolgen, um anschließend nach ihrer Verknüpfung zu fragen.
An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass sich die folgenden Ausführungen, insbesondere die Zitate, sich ausschließlich auf die Fassung B des Herzog Ernst beziehen.
1 Herzog Ernst. Ein mittelalterliches Abenteuerbuch. Hrsg. von Bernhard Sowinski. Stuttgart: Philipp
Reclam jun. 2006.S. 405.
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2. Die Struktur Herzog Ernst Dichtung
Bei der Herzog Ernst Dichtung liegt eine strukturelle Zweiteiligkeit 2 vor. Den ersten Teil der Dichtung stellt der Reichsteil dar, welcher den zweiten Teil, die Orientfahrt des Helden, umschließt. Oft sieht die Forschung in „dieser Zweiteiligkeit den strukturalen Reflex eben der Entstehungsgeschichte des Werkes, der Erweiterung eines heroischen Empörer-Epos um eine Serie orientalischer Reiseabenteuer.“ 3 Dabei liegen zwischen den Teilen nicht nur stoffliche Unterschiede, sondern auch Unterschiede in der Grundlage ihrer Motive vor.
2.1 Der Reichsteil
2.1.1 Gliederung und Funktion des Reichsteils
Die Funktion des Reichteils liegt darin begründet, den Abenteuerteil, welcher ethnologisch und geographisch unwahrscheinlich erscheint, glaubwürdig zu machen. 4 Er stellt sozusagen des realen Part innerhalb der Dichtung dar, indem die Realität durch das real existierende Römische Reich des Kaisers und das Herzogtum Bayern, welches von Herzog Ernst verwaltet und regiert wird, dargestellt ist. Dabei spielen die Städte Nürnberg und Regensburg, welche sich im Herzogtum Bayern befinden, und die Regierungsorte des Kaisers Bamberg, Mainz und Speyer 5 eine entscheidende Rolle, sowohl für die Handlung, da sich besonders an diesen Orten die Empörungshandlung vollzieht, in welcher die Thematik des Reichsteils begründet liegt, als auch für die Nähe zur Realität. Der Reichsteil selbst ist nochmals in zwei Teile untergliedert, die die Orientfahrt einbetten und so der Dichtung einen Rahmen verleihen.
2 Vgl. Kühnel, Jürgen: Abhandlungen. Zur Struktur des Herzog Ernst. In: Euphorion 73 (1979). S.249.
3 Ebd. S. 249-250.
4 Vgl. Haustein, Jens: ‘Herzog Ernst’ zwischen Synchronie und Diachronie. In: Philologie als
Textwissenschaft. 116 (1997). S.124.
5 Vgl. Schröder, Walter Johannes: Spielmannsepik. Stuttgart: Metzler 1962 (= Sammlung Metzler, Bd.
19). S.45.
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2.1.2 Der Motivkomplex im Reichsteil
Kern der Handlung im ersten Teil der Reichsgeschichte ist „die Empörung eines kaiserlichen Stiefsohnes und Herzoges gegen den Herrscher nach anfänglicher Freundschaft [...]. 6 Also der Konflikt Ernsts mit dem Kaiser, welcher durch eine Intrige zum Ausbruch gebracht wird, indem der Herzog durch einen Nebenbuhler verleumdet wird. Aufgrund dessen beginnt eine Episode kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Stiefsohn, aus welcher der junge Herzog schließlich geächtet hervorgeht. Der Themenkomplex im zweiten Teil der Reichsgeschichte, dessen Position nach dem Orientteil liegt, handelt von der Versöhnung zwischen Herzog Ernst und dem Kaiser. In einer demütigen Geste wirft sich Herzog Ernst am Weihnachtsmorgen in Bamberg dem Kaiser vor die Füße und bittet ihn um Vergebung. Durch das Zureden seiner Mutter erlangt er schließlich die Gunst des Kaisers zurück. Der Interessenkonflikt wird beigelegt und die alte harmonische Einheit zwischen dem Kaiser und dem Herzog wird wieder hergestellt.
2.1.3 Die historischen Quellen des Reichsteils
Wie bereits dargestellt, ist der thematische Kern des Reichsteils ein Konflikt zwischen der Zentralgewalt des Reiches und eines nach Unabhängigkeit strebenden Vasallen. 7 Dies ist ein Themenkomplex, welcher sich durchaus in historischen Begebenheiten wiederfinden lässt. Dies legt die Vermutung nahe, dass historische Ereignisse die thematische Grundlage des Reichsteils darstellen und in der Forschung meist mit dem Begriff der Empörergeschichte wiedergegeben sind. Aus diesem Grund kommt dieser Begriff hier zur Anwendung. Jedoch werden die historischen Quellen vom Verfasser der Dichtung nur soweit entlehnt, dass die spezifische historische Thematik an sich unklar gelassen wird, indem sie lediglich als Beispiel für das Problem des Interessenkonfliktes dient.
Zunächst lassen sich für die Thematik der Empörergeschichte unterschiedliche historische Quellen ausfindig machen, deren Themen und Namen aus verschiedenen
6 Herzog Ernst. Hrsg. von Bernhard Sowinski. S. 408.
7 Vgl. Kühnel, J.: Zur Struktur des Herzog Ernst. In: Euphorion 73 (1979). S 251.
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Zeiten der deutschen Geschichte in der Herzog Ernst Dichtung miteinander vermischt werden. 8 Zum einen lassen sich zwischen der Dichtung und dem Aufstand im Jahr 953 von Herzog Liudolf von Schwaben, der sich gegen seinen Vater Kaiser Otto I. auflehnte, Gemeinsamkeiten finden. 9 Der Aufstand Liudolfs erfolgte ebenfalls aufgrund machtpolitischer Intrigen, woraufhin der Kaiser die Stadt Regensburg belagerte und, nachdem die Stadt gefallen war, unterwarf sich Liudolf dem Kaiser. Offenkundig erfolgt auch in der historischen Quelle, ganz ähnlich der Herzog Ernst Dichtung, eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn. Ein zweiter möglicher historischer Bezug ist der Aufstand Ernst II. gegen seinen Stiefvater Kaiser Konrad den II. 10 Auch könnte die Aussöhnung Kaisers Ottos I. mit seinem Bruder Herzog Heinrich von Bayern im Rahmen der Weihnachtsfeier des Jahres 941 im Frankfurter Dom, als Vorlage gedient haben. 11 Dieser kommt der Versöhnung Kaiser Lothars III. von Supplinburg mit den Staufen Herzögen Friedrich II. und später mit König Konrad III in Bamberg thematische sehr nahe. 12
Auch wenn die historischen Grundlagen unterschiedlicher Natur sind, so ist ihnen stets eine identische Thematik gemeinsam, weshalb durchaus die Möglichkeit besteht, dass der Herzog Ernst Dichter seine Themen aus diesen historischen Quellen bezog. So ist deutlich, dass es sich stets um eine kriegerische Auseinandersetzung aufgrund von Interessenkonflikten zwischen einem Kaiser, der als Vertreter der Reichsgewaltfungiert, und einem mächtigen Vasallen, welcher in einer Verwandtschaftsbeziehung zu dem Kaiser steht, handelt. Offenbar nimmt die Herzog Ernst Dichtung stofflich besonders die Liudolf Thematik auf. Es scheint, als seien zum Teil nur Namen von Personen verändert, Personen hinzugefügt oder, ungeachtet der historischen Wahrheit, ausgetauscht worden. So lassen sich also nur punktuell Gemeinsamkeiten der vermeintlich historischen Quellen mit der Dichtung finden.
8 Herzog Ernst. Hrsg. von Bernhard Sowinski. S. 413.
9 Behr, Hans-Joachim u. Hans Szklenar: Herzog Ernst. In: Die Deutsche Literatur des Mittelalters.
Verfasserlexikon. Hrsg. von Kurt Ruh u. Gundolf Keil. Bd. 3 Berlin: Walter de Gruyter² 1981. Sp.
1171.
10 Ebd. Sp.1171.
11 Behr, Hans-Joachim: Herzog Ernst. In: Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Hrsg. von
Horst Brunner. Stuttgart: Phillip Reclam jun. 19938(= Interpretationen). S.60.
12 Ebd.S.60.
Arbeit zitieren:
Jennifer Koch, 2008, Die Dichtung Herzog Ernst im Licht der Heterogenität ihrer Motivkomplexe und deren Verknüpfung , München, GRIN Verlag GmbH
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