3.4.3 Die (Re)Konstruktivität im Film. 56
3.4.4 Die filmische Erzählung 65
3.5 Abschließende Bemerkungen 70
4. Spuren vom Vietnamkrieg im US-amerikanischen Spielfilm am
Beispiel von Hal Ashbys COMING HOME (1977) 73
4.1 Einleitung 73
4.2 Der Vietnamkrieg - ein historischer Abriss 75
4.3 Merkmale und Eingrenzung des Genres Vietnamfilm 77
4.3.1 Die verschiedenen Phasen des Vietnamfilms. 78
4.4 Filmanalyse zu COMING HOME. 82
4.4.1 Plot. 83
4.4.2 Sequenzprotokoll 84
4.4.3 Inhaltliche und formale Filmanalyse. 87
4.5 Interpretation. 96
4.6 Abschließende Bemerkungen 99
5. Schlusswort und Ausblick 101
6. Filmografie. 104
7. Literatur. 105
2
1. Einleitung
Die Debatte über das kollektive Gedächtnis führt seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts die verschiedensten Disziplinen zusammen - sei es die Soziologie, die Medienwissenschaft, die Psychologie, die Kunstwissenschaft oder die Literaturwissenschaft. Gedächtnis ist ein Thema, das vereint wie kein anderes. Die Erforschung des kollektiven Gedächtnisses beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, sondern vollzieht sich auf internationaler Ebene. In Frankreich hat der Soziologe Maurice Halbwachs Anfang des 20. Jahrhundert eine Gedächtnistheorie entwickelt, die noch heute andere Gedächtnisforscher nachhaltig beeinflusst. Auch in den USA, in den Niederlanden, Italien, Kanada und Großbritannien fand die Gedächtnisdebatte großen Zuspruch. Das Erinnern ist vor allem an seine Erinnerungsmedien gekoppelt. So spielen Medien in der Vergangenheitsrepräsentation, der Film als Ausdruck des gegenwärtigen Gedächtnis-Diskurses gehört zweifelsohne dazu, eine wichtige Rolle: Semi-fiktionale Spielfilme, Historienfilme und filmische Mythosaktualisierungen bzw. Neubildungen oder Dokumentationen, die sich mit vergangenen Ereignisses befassen, sind nur einige typische Ausprägungen der heutigen Gedächtnis-Medienlandschaft. 1 Sie alle werfen jedoch die Frage auf, welche Rolle die Medien bei der Suggestion von Authentizität spielen können und wie stark sie Geschichtsbilder und vor allem das kollektive Gedächtnis mitprägen, was im Zuge der vorliegenden Arbeit an einem ausgewählten Vietnamfilm untersucht werden soll.
Vorstellungen vom Vietnamkrieg sind überwiegend das Resultat von autobiografischen Berichten, Dokumentationen, Ausstellungen und nicht zuletzt von Dokumentar- und Spielfilmen. Wer heute von Vietnam spricht, redet „insgeheim auch stets von den Inszenierungen, die im Kino entworfen wurden und die in unseren Köpfen die dokumentarischen Bilder des Krieges überlappen“. 2 Schon bald wird es keinen Menschen mehr geben, der dieses Trauma selbst erlebt hat und über eigene Anschauungen über diesen Krieg verfügt. Eine Generation stirbt und somit auch ihre Erinnerung. Aber erlischt unsere Erinnerung durch das Verscheiden von Zeitzeugen wirklich? Oder gibt es Möglichkeiten, Erinnerungen generationsübergreifend im kollektiven Gedächtnis
1 Vgl. Astrid Erll (2005) S 4
2 Stefan Reinecke (1993) S. 7
3
zu bewahren? Die Antwort ist schlichtweg: ja. So leicht die Antwort auch erscheint, umso komplexere Fragestellungen ergeben sich aus dieser Einsicht. So muss danach gefragt werden, was Medien für die Erinnerungen zu leisten vermögen und wie sie im kollektiven Gedächtnis bewahrt werden. Der Einfluss des Mediums Film auf das kollektive Gedächtnis ist groß. Umso verwunderlicher ist es, dass sich in einschlägiger Fachliteratur nur eine handvoll Wissenschaftler mit diesem Thema auseinandersetzen. Die Mehrzahl der bislang vorliegenden Beiträge verfolgt eher filmwissenschaftliche Ansätze, in denen die Darstellung im Film im Mittelpunkt steht. Andererseits muss man bei der Recherche des Themas feststellen, dass es an literaturwissenschaftlichen Gedächtniskonzepten auf diesem Forschungsgebiet nicht mangelt. Es überrascht daher umso mehr, dass der Film aus der Medien-Gedächtnis-Debatte weitgehend ausgeschlossen wird oder nur oberflächlich behandelt wird. Daraus ergibt sich wiederum die Motivation für die vorliegende Arbeit, die wohl ohne diese Erkenntnis nicht entstanden wäre.
Die Magisterarbeit hat allerdings nicht zum Ziel, die noch klaffende Lücke auf diesem Wissenschaftsgebiet zu schließen. Ebenso wenig erhebt sie Anspruch auf endgültige Richtigkeit oder Vollständigkeit. Vielmehr soll sie einen aktiven Beitrag zu dieser Forschungsrichtung leisten und eine Anregung für den Leser und auch andere Wissenschaftler darstellen, den wissenschaftlichen Diskurs auf diesem Gebiet voranzutreiben.
Vor dem Hintergrund der Gedächtnisdebatte, die seit den 80er Jahren in Deutschland geführt wird, hat die vorliegende Magisterarbeit das Ziel, eine systematische Analyse des Vietnamfilms COMING HOME (Hal Ashby, 1977) zu leisten. Untersuchungsgrundlage hierbei bildet ausschließlich der fotografische Spielfilm; der Dokumentarfilm findet dagegen keine Berücksichtigung. Der Analyse werden in Kapitel 2 ausgewählte theoretische Ansätze vorangestellt, die sich mit dem kollektiven Gedächtnis befassen. Den Ausgangspunkt bildet das Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Gedächtnismodell des französischen Soziologen Maurice Halbwachs. Halbwachs’ theoretische Überlegungen belegen, dass das kollektive Gedächtnis als strukturelles und soziales anstatt als angeborenes Phänomen zu verstehen ist. Dies wurde von Halbwachs’ Nachfolgern wie Aleida und Jan Assmann nicht nur bestätigt, sondern durch zahlreiche Publikationen differenziert und weiterentwickelt. Das Kapitel 3 bezieht
4
vor diesem Hintergrund den Medienbegriff und insbesondere den Film systematisch in den Diskurs des Kollektivgedächtnisses mit ein. Letztendlich gilt es in Kapitel 2 und 3 nicht nur, einen theoretischen Unterbau zu erarbeiten, sondern auf dieser Grundlage Erklärungsversuche für folgende Problem- und Fragestellungen zu finden:
Was ist das kollektive Gedächtnis? Was sind Medien des kollektiven Gedächtnisses? Wie hängen das Kollektivgedächtnis und der Film zusammen? Wie konstruiert der Film Vergangenheit? Weisen das Kollektivgedächtnis und der Film möglicherweise Ähnlichkeiten auf? Gibt es Rückwirkungen von Medien (insbesondere von Film) auf gesellschaftliche Vorstellungen eines historischen Ereignisses? Kann man andererseits Rückschlüsse aus filmischen Inszenierungen auf gesellschaftliche Hoffnungen oder Ängste ziehen? Was für eine Bedeutung hat der Vietnamfilm für das kollektive Gedächtnis in Bezug auf z.B. die Darstellung von Feindbildern? Welche filmsprachlichen Mittel werden dafür eingesetzt? Welche Arten von Geschichtskonstruktionen werden dem Zuschauer geboten? Nicht zuletzt geht es um die Analyse jener Wirkungen, die filmische Geschichtsrepräsentationen auf das Kollektivbewusstsein bzw. auf kollektive Gedächtnisinhalte ausüben können und umgekehrt. Der Abschluss der Arbeit beinhaltet in Kapitel 4 die konkrete Auseinandersetzung mit dem Film COMING HOME. So wird dem filmanalytischen Teil ein Abriss über den Verlauf des Vietnamkriegs vorangestellt, der aufgrund der Ausrichtung der Arbeit allerdings nur skizzenhaft bleibt. Der Film COMING HOME wird ausdrücklich NICHT hinsichtlich seiner Abbildungstreue untersucht. Vielmehr geht es darum, bewegte Spuren im Film zu finden, die mentalitätsgeschichtliche Analysen zulassen, d.h. konkret, Filmbilder als Quellen der Bewusstseinslagen, zeitgenössische Hoffnungen und Ängste und somit als Objektivationen des kollektiven Gedächtnisses zu deuten.
5
Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist es vor allem die Perspektive 3 , um die sich die Ausarbeitungen, wenn auch teilweise indirekt, kreisen werden. Die vorliegende Magisterarbeit beabsichtigt demnach nicht, eine Objektivität zu Grunde zu legen, die wertneutral betrachtet werden kann. Vielmehr geht es um die Einsicht, dass jeder Betrachter eine bestimmte Perspektive auf das Gesehene einnimmt. Auf diesem Prinzip baut vor allem die Filmanalyse in Kaptitel 4 und die darauf folgende Bewertung und Interpretation des Filmmaterials auf. Es geht also um die Interpretation, die konstruiert wird und dementsprechend bewertet werden muss. Der Schlüssel dieser Magisterarbeit liegt folglich in einem semiotischen Verständnis.
3 Hans Belting vergleicht in seinem aktuellen Werk Florenz und Bagdad (2008) vorrangig die Kunst und die (scheinbar) ungleichen Sehtheorien zweier verschiedenen Kulturen: der westlichen und der islamischen Welt. So unterschiedlich die Kulturen zu Beginn der Neuzeit sein mochten, desto erstaunlicher ist es, dass laut Belting die Erfindung der Perspektive als eine Bildtheorie in der Malerei der Renaissance auf einer mathematischen Theorie des Sehens, die in der arabischen Welt entwickelt wurde, beruhte. Dabei spielte die Entdeckung der Zentralperspektive, die im Florenz des 15. Jahrhunderts erfunden wurde, eine entscheidende Rolle. Diese Entdeckung stellte nicht nur einen Einschnitt in der europäischen Bildpraxis dar, sondern erlaubte es auch die Bedeutungsperspektive, also die Darstellung von Objekten und Figuren gemäß ihrer Geltung, durch mathematisches Kalkül zu ersetzen.
Durch die Perspektive können Gegenstände oder Räume auf einer zweidimensionalen Fläche so abgebildet werden, dass sie den Eindruck von Dreidimensionalität machen. Das Bild gibt vor, die Wirklichkeit originalgetreu abzubilden. Tatsächlich ist sie aber ein komplexes Konstrukt, das von Subjektivität geleitet wird. Belting beruft sich auf Erst Cassirer und bezeichnet diese Bildpraxis als eine symbolische Form.
6
2. Von der individuellen zur kollektiven Konstruktion der
Vergangenheit
2.1 Einleitung
Was genau ist das kollektive Gedächtnis?
In der Umgangssprache steht der Begriff Gedächtnis für das Erinnerungsvermögen. Wer ein gutes Gedächtnis hat, kann Wissen und bestimmte Informationen besser bewahren als andere. Wer etwas vergessen hat, hat keine Erinnerung mehr an ein vergangenes Ereignis. Der Brockhaus definiert den Terminus kollektives Gedächtnis wie folgt:
„Kollektives Gedächtnis, der im Bewusstsein einer Gruppe [also von mindestens 2 4 vorhandene, überlieferte und immer wieder aktuell umgeschriebene Bestand Individuen!]
von Wissen und Ereignissen und Vorgängen der Vergangenheit, die in der Funktion
genutzt werden, jeweils aktuelle Fragen der Gruppenidentität, der Wertorientierung und
Handlungsanleitungen zu beantworten bzw. entsprechende Vorstellungen zu 5 stabilisieren.“
Die Definition liefert einige grundlegende Charakteristika des kollektiven Gedächtnisses. Allerdings bleibt sie vage und oberflächlich. Um tiefer in den Gedächtnisdiskurs einzusteigen, gilt es zunächst, den Begriff näher zu differenzieren bzw. eine Untersuchungsstrategie herauszuarbeiten. Astrid Erll macht den Vorschlag, das kollektive Gedächtnis als einen Oberbegriff für all jene Vorgänge organischer, medialer und institutioneller Art zu sehen, denen Bedeutung bei der wechselseitigen Beeinflussung von Vergangenem und Gegenwärtigem in soziokulturellen Kontexten zukommt. 6 Das kollektive Gedächtnis ist keine Alternative zur Geschichte und stellt auch keinen Gegenpol zur individuellen Erinnerung dar. Es ist als Gesamtkontext aufzufassen, in dem kulturelle Phänomene entstehen.
Korrelativ zum kollektiven Gedächtnis muss auf die Begriffe Erinnerung und Vergessen eingegangen werden. In allen Disziplinen herrscht Einigkeit darüber,
4 Anmerkung des Verfassers
5 Brockhaus-Enzyklopädie (2006) S. 286
6 Astrid Erll (2005) S. 6
7
dass Erinnern ein Prozess, Erinnerungen als Ergebnis dessen und Gedächtnis als eine Fähigkeit oder als eine veränderliche Struktur aufzufassen ist. Es ist unbeobachtbar, kann aber durch Gedächtnismedien (z.B. Film) sichtbar gemacht werden.
Erinnerungen zeichnen sich durch ihren Gegenwartsbezug und ihren konstruktiven Charakter aus. Sie sind keinesfalls objektive Abbilder vergangener Wahrnehmungen, noch weniger Abbilder der vergangenen Realität. Es sind subjektive, hochgradig selektive und von der Abruf- und Produktionssituation abhängige Rekonstruktionen. Vergangenheitsrekonstruktionen ändern sich je nach Abruf in Anhängigkeit der gegenwärtigen Situation. Individuelle und kollektive Erinnerungen sind zwar nie ein Spiegel der Vergangenheit, geben aber Auskunft über die Bedürfnisse und Belange des Erinnernden in der Gegenwart (siehe Film).
Eine geeignete Definition für den Begriff des kollektiven Gedächtnisses zu finden, ist daher schwieriger, als es dem Außenstehenden zunächst auf den ersten Blick erscheinen mag. In der Literatur gibt es unzählige Definitionsvorschläge und Theorieansätze aus den Bereichen der Psychologie, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft, Soziologie und Geschichtswissenschaft, die den Anspruch erheben, das sehr komplexe und vielschichtige Phänomen des kollektiven Gedächtnisses zu erklären. So unterschiedlich die wissenschaftlichen Forschungsansätze sind, umso unterschiedlicher wird auch mit dem Begriff des kollektiven Gedächtnisses operiert. Ziel des folgenden Kapitels ist es nicht, einen Überblick über die verschiedenen Forschungsansätze zu geben, sondern die kommunikationswissenschaftlich relevanten Theorien herauszufiltern, die für den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit geeignet sind. So stützen sich die Ausführungen des ersten Kapitels auf die theoretischen Überlegungen von Maurice Halbwachs und Aleida und Jan Assmann 7 , die nicht nur den sozialen Charakter von Gedächtnis
7 An dieser Stelle muss gesagt werden, dass aus Gründen der Komplexitätsreduktion nicht alle Gedächtnisformen von den Assmanns rezitiert werden können. So versteht Jan Assmann das kollektive Gedächtnis in jüngeren Schriften als ein politisches Gedächtnis. Gemeint sind damit „vereinheitlichende Versuche einer Engführung des kulturellen Gedächtnisses in Hinblick auf bestimmte Formen der politischen Identität“ (Assmann 2006. S. 276; zitiert nach Christian Gudehus (2006) S. 53). Aleida Assmann unterscheidet daneben vier Formen des Gedächtnissesindividuelles, Generations-, kollektives und kulturelles Gedächtnis (Vgl. Aleida Assmann 2002. Vier Formen des Gedächtnisses. In: Erwägen Wissen Ethik). Das soziale Gedächtnis wird indes nur kurz angerissen, weil diese Gedächtnisformen thematisch gesehen für die weitere Arbeit keine Bedeutung finden würden.
8
aufzeigen. Den Assmanns gelingt es, den kollektiven Gedächtnisbegriff weiter zu differenzieren und ihn durch gezielte Akzentuierung in den Zusammenhang von kultureller Erinnerung, kollektiver Identitätsbildung und ihre Verwahrung in Form von Medien zu bringen.
Zur sinnvollen Ergänzung der theoretischen Überlegungen von Halbwachs ist die Theorie der Les lieux de mémoire von Pierre Nora zu nennen, die im Zusammenhang mit dem Halbwachs’schen kollektiven Gedächtniskonzept kurz skizziert wird. Sie eignet sich letztendlich besonders dazu, das Kollektivgedächtnis von der Geschichte abzugrenzen. Auch in Hinblick auf den Analyseteil der Arbeit ist es wichtig, den (Re)Konstruktionscharakter von Gedächtnis herauszuarbeiten, um sich von jeglichen Abbildungstheorien zu distanzieren. Der Weg dahin geht nur über das Darstellen des kollektiven Gedächtnisses als eine triadische Form der Erinnerungskultur. Triadische Form meint die Einheit aus einer materialen, sozialen und mentalen Dimension.
2.2 Das kollektive Gedächtnis: Mémoire collective und Cadres
sociaux
Während Maurice Halbwachs’ Schriften heute allgemein als zentrale Grundlegungen der Theoriebildung zum kollektiven Gedächtnis diskutiert werden, fanden sie zur Zeit ihrer Entstehung keinen großen Anklang in wissenschaftlichen Gedächtnisdiskursen. Der Untersuchungsgegenstand des Gedächtnisses als kollektives Phänomen wurde erst in den 1980er Jahren wieder in den wissenschaftlichen Diskurs aufgenommen. Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses entstammt den 1920er Jahren und ist auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs, ein Schüler Henri
9
Bergsons und Emile Durkheims, zurückzuführen. 8 Halbwachs’ Begriff der mémoire collective nimmt seit den 80er Jahren eine zentrale Stellung in der Gedächtnisforschung ein. In der 1925 veröffentlichten Studie Les Cadres sociaux de la mémoire versucht er erstmals, die soziale Bedingtheit der Erinnerung nachzuweisen. Jan Assmann bringt es auf den Punkt:
„Erinnerungen auch persönlichster Art entstehen nur durch Kommunikation und Interaktion
im Rahmen sozialer Gruppen. Wir erinnern nicht nur, was wir von anderen erfahren,
sondern auch, was uns andere erzählen und was uns von anderen als bedeutsam
bestätigt und zurückgespiegelt wird. Vor allem erleben wir bereits im Hinblick auf andere, 9 im Kontext sozial vorgegebener Rahmen der Bedeutsamkeit.“
Die Besonderheit des Modells von Halbwachs besteht darin, dass das Gedächtnis kein biologisch vererbtes kollektives Gedächtnis ist, sondern im Gegensatz dazu sozial bedingt ist. 10 Damit ist allerdings nicht gesagt, dass eine Gruppe ein gemeinsames Gedächtnis hat, sondern dass die Gruppe den Inhalt des Gedächtnisses seiner Mitglieder bestimmt.
Mit Hilfe eines fiktiven Spaziergangs durch London liefert Halbwachs den Beleg dafür, dass ein Großteil unserer Erinnerungen stets kollektiv bleibt. Für Halbwachs sind wir „in Wirklichkeit niemals allein“ 11 , denn selbst wenn ein Individuum zeitweise materiell allein ist, „erklärt sich sein Denken und Handeln aus seiner Eigenschaft als soziales Wesen, hat er nicht einen Augenblick
8 Halbwachs schließt sich Durkheim gegen die Anwendung psychologischer Prinzipien im Bezug auf soziologische Tatbestände an und übernimmt einen Begriff des kollektiven Bewusstseins, den er wiederum in seine theoretischen Überlegungen des kollektiven Gedächtnisses einbindet und gegen den Subjektivismus von Bergson anwendet (Siehe dazu Halbwachs Kritik an Bergsons subjektive Einteilung der Zeit: Schon Durkheim hat bemerkt, dass ein isoliertes Individuum im Extremfall kein Gefühl für das Verstreichen der Zeit haben könnte. Durch das Leben in einer Gesellschaft einigen sich die Individuen der Gesellschaft auf gemeinsame Konventionen. Halbwachs folgert aus Durkheims Ansatz, dass es eine kollektive Einteilung der Zeit gibt, die letzten Endes auch sozial ist, da sie „sich aus Konventionen und Gebräuchen ergibt und weil sie ebenfalls unausweichliche Ordnungen ausdrückt, nach der die verschiedenen Phasen des sozialen Lebens aufeinander folgen.“ (Maurice Halbwachs (1985) S. 78). Er geht sogar soweit, dass die soziale Einteilung der Zeit der Menschen die astronomischen Daten und Zeiteinteilungen überdeckt und dem individuellen Bewusstsein aufgezwungen wird. Somit wird auch Bergsons Hypothese von der rein individuellen, aneinander undurchdringlichen Arten der Zeitdauer hinfällig. (Vgl. ebd. S. 79-89)). 9 Assmann (199) S. 36
10 Damit stellte er sich nicht nur gegen den Bergsonschen Geist-Körper-Dualismus, sondern auch gegen die Auffassung der Jungschen Archetypenlehre, die von einem kollektiven Unbewussten ausgeht, das biologisch vererbbar ist.
11 Maurice Halbwachs (1967) S. 2
10
aufgehört, in irgendeine Gemeinschaft einbezogen zu sein“. 12 Es ist im Sinne Durkheims ein Gruppenwesen (Vgl. Bühler: Axiom der Gemeinschaft). Neben dem individuellen Gedächtnis 13 existiert also stets ein kollektives Gedächtnis, das an eine Gruppe gebunden ist. Für Halbwachs heißt das aber nicht, dass diese Gruppe stets materiell anwesend sein muss. Allein die Möglichkeit, sich gedanklich in eine Gruppe zu „versetzen“ 14 (Vgl. auch hierzu Bühlers Begriff der Versetzung) lässt das Individuum zu jeder Zeit an einer Gruppe teilnehmen und somit an ihren Denkweisen und Vorstellungen, die ein Mensch allein nicht entwickeln kann. Darüber hinaus können die so genannten Zeugen Erinnerungen präzisieren und vervollständigen. Dadurch können wirkliche Erinnerungen (also Erinnerungen, die an selbst erlebte Ereignisse gekoppelt sind) fiktiven Erinnerungen beigefügt werden. Zeugen vereinfachen und vervollständigen den Prozess der Erinnerung nicht nur. In manchen Situationen prägen auch allein die Erfahrungen anderer unsere Erinnerungen, so z.B. im Fall des Kindes, dass seine Kindheit mit Hilfe der Erzählungen seiner Eltern erinnert. Die Verbindung zu diesen Menschen zu verlieren, fasst Halbwachs demnach auch als den Prozess des Vergessens auf. 15
Ein einzelner Mensch gehört nicht nur einer, sondern mehreren Gruppen an. Die Mitgliedschaft in jeder Gruppe ist veränderlich. Je enger das Individuum sich an eine Gruppe gebunden fühlt, desto leichter kann es an Hand der Bezugsrahmen in ihre Vergangenheit eintauchen. Robin Curtis bezeichnet diese Rahmen als „Organisationsprinzipien“ 16 innerhalb der Gruppe, die alle Mitglieder gemeinsam haben. Erinnerungen aus unterschiedlichen Zeiten werden somit durch die Gruppe definiert und nur durch sie wird ein Bedeutungszusammenhang des Vergangenen hergestellt.
Halbwachs These lautet also, dass es „kein mögliches Gedächtnis außerhalb derjenigen Bezugsrahmen [gibt], deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerung zu fixieren und wiederzufinden“. 17 Erinnerung an Vergangenes schließt also immer das Bestehen gemeinsamer
12 Ebd. S. 15
13 Halbwachs definiert das individuelle Gedächtnis nicht als rein individuell. Es ist immer sozial gestützt. So könnte ein absolut einsamer Mensch überhaupt keine Erinnerung bilden, weil diese erst durch Kommunikation, d.h. im sprachlichen Austausch mit Mitmenschen, ausgebaut und gefestigt wird.
14 Ebd. S. 3
15 Vgl. ebd. S. 4-17
16 Robin Curtis (2002) S. 46
17 Maurice Halbwachs (1985) S.121
11
Bezugsrahmen ein, das gilt sowohl für individuelle als auch für kollektive Erinnerungen. Empfindungen eines Individuums bleiben allerdings individuell, da sie Halbwachs als körperbezogen definiert - im Gegensatz zu Erinnerungen, die für ihn Denkprozesse darstellen. Ob individuelle Empfindungen in Form von Erinnerung gespeichert werden, kann nur im Kontext einer Gruppe entschieden werden, d.h. durch Kommunikation und Interaktion. Kommunikation ist also für die Übertragung von Empfindungen in der Erinnerung wesentlich. Bricht die Kommunikation ab oder fehlt diese, ist Vergessen die Folge. 18 Das individuelle Gedächtnis ist das Ergebnis der Teilnahme an mehreren Gruppengedächtnissen. Erinnerungen können so auf verschiedene Weise assoziiert werden. Das Individuum erinnert sich, indem es sich auf den Standpunkt einer Gruppe stellt. Die Auffassung, unsere individuelle Erinnerung sei unabhängig vom Kollektiv und einheitlich führt Halbwachs darauf zurück, dass „Erinnerung durch Auswirkung mehrerer Folgen ineinander verflochtener kollektiver Denkweisen entsteht, und wir sie keiner von ihnen ausschließlich zuschreiben können“. 19 Demnach ist jede individuelle Erinnerung ein kollektives Phänomen. Damit stellt er sich gegen die Gedächtnistheoretiker seiner Zeit, etwa Henri Bergson 20 oder Sigmund Freud, die Erinnerung als einen rein individuellen Prozess verstehen.
Dementsprechend vereint Halbwachs in La mémoire collective zwei grundsätzliche Konzepte vom kollektiven Gedächtnis. Einerseits sieht er das kollektive Gedächtnis als ein organisches Gedächtnis des Individuums, das sich im Horizont eines soziokulturellen Umfeldes herausbildet und andererseits als den durch Interaktionen, Kommunikation, Medien und Institutionen innerhalb von sozialen Gruppen erfolgenden Bezug auf Vergangenes. Halbwachs geht davon aus, dass jede individuelle Erinnerung auf die so genannten Cardes sociaux - soziale Bezugsrahmen, die als Denkschemata
18 Robin Curtis (2002) S. 46
19 Halbwachs (1967) S. 32-33
20 Im Gegensatz zu Halbwachs geht Bergson davon aus, dass die Vergangenheit so in unserem
Gedächtnis vollständig bestehen bleibt, wie sie von uns erlebt wurde. Lediglich ein Teil unseres Gehirns verhindert, dass wir alle Teile der Vergangenheit wieder aufleben lassen. Bilder der Vergangenheit sind laut Bergson in unserem Gehirn gespeichert, wie Bilder in einem Buch, die man aufschlagen könnte, auch dann wenn man es nicht mehr tut. Was laut Halbwachs lediglich fortbesteht sind nicht die Bilder der Vergangenheit in unserem Gehirn, sondern die Anhaltspunkte innerhalb der Gesellschaft, die uns helfen, bestimmte Teile der Vergangenheit zu rekonstruieren, „die wir uns in unvollständiger und unklarer Weise vergegenwärtigen oder die wir sogar völlig aus unserem Gedächtnis entschwunden glauben“ (Henri-Louis Bergson (1908) S. 62).
12
funktionieren (im Sinne übertragen: gruppenspezifische Denkschemata)beruht. Als soziale Rahmen bezeichnet Halbwachs die Menschen, die ein Individuum umgeben. Halbwachs betont die Sozialität des Menschen (Quellpunkt der Semantik bei Mensch und Tier bei Bühler) und sieht darin die Notwendigkeit, nicht nur Zugang zu kollektiven Phänomenen wie etwa Sprache zu finden oder sich zu erinnern:
„Jede noch so persönliche Erinnerung, selbst von Ereignissen, deren Zeuge wir allein
waren, selbst von unausgesprochenen Gedanken und Gefühlen, steht zu einem Gesamt
von Begriffen in Beziehung, das noch viele andere außer uns besitzen, mit Personen,
Gruppen, Orten, Daten, Wörtern und Sprachformen, auch mit Überlegungen und Ideen,
das heißt mit dem ganzen materiellen und geistigen Leben der Gruppen, zu denen wir 21 gehören oder gehört haben.“
Halbwachs wohl grundlegendste These ist, dass durch Interaktion und Kommunikation mit seinen Mitmenschen, jedem Individuum Wissen über Daten und Fakten, kollektive Zeit- und Raumvorstellungen sowie Denk- und Erfahrungsströmungen (als Rahmen des Gedächtnisses) vermittelt werden. Weil Menschen an einer kollektiven symbolischen Ordnung teilhaben, können sie vergangene Ereignisse deuten, verorten und erinnern. 22 Soziale Rahmen vermitteln und perspektivieren die Inhalte des kollektiven Gedächtnisses, den Vorrat an relevanten Erfahrungen und geteiltem Wissen:
„Es würde in dem Sinne ein kollektives Gedächtnis und einen gesellschaftlichen Rahmen
des Gedächtnisses geben, und unser individuelles Denken wäre in dem Maße fähig sich
zu erinnern, wie es sich innerhalb dieses Bezugsrahmens hält und an diesem Gedächtnis 23 partizipiert.“
Auch hier wird deutlich, dass für Halbwachs die sozialen Rahmen und darüber hinaus die soziale Gruppe einen hohen Stellenwert in seinen theoretischen Überlegungen einnehmen. So können beispielsweise durch Erzählungen auch diejenigen an Erinnerungen teilhaben, die an dem Erinnerten nicht teilgenommen haben. Die Wahrnehmung eines Menschen ist gruppenspezifisch,
21 Maurice Halbwachs (1985) S. 71
22 Vgl. Maurice Halbwachs (1967) S. 39
23 Maurice Halbwachs (1985). S. 21: So habe laut Halbwachs ein Casper Hauser keine Erinnerung, ein Robinson Crusoe sehr wohl, da er auf seine sozialen Bezugsrahmen seiner Heimat zurückgreifen kann.
13
die individuellen Erfahrungen sind sozial geprägt und beide Formen der Weltzuwendung sind undenkbar ohne das Vorhandensein eines kollektiven Gedächtnisses.
Das kollektive Gedächtnis bezeichnet also die Inhalte des Gedächtnisses einer Gruppe, die ihr Wissen nicht nur in diesem Gedächtnis abspeichert, sondern darüber hinaus aus diesem Gedächtnis ihre Welt- und Vergangenheitsdeutung bezieht und für sich ein Selbstbild ableitet. Es handelt sich also nicht um ein universales, historisches Gedächtnis, sondern ist gebunden an ein Kollektiv, eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft. 24
Für Halbwachs ist das kollektive Gedächtnis eine überindividuelle, von organischen Gedächtnissen losgelöste Instanz. Kollektives und individuelles Gedächtnis stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeit zueinander und mehr noch: „Jedes individuelle Gedächtnis ist ein „Ausblickspunkt“ auf das kollektive Gedächtnis“. 25 Der Terminus des Ausblickspunktes ist so zu verstehen, dass jeder Mensch verschiedenen sozialen Milieus, also Gruppen, angehört und somit über unterschiedliche bzw. gruppenspezifische Erfahrungen und Denksysteme verfügt. Nicht die Erinnerung selbst, sondern die daraus resultierenden Erinnerungsformen und -inhalte sind demnach das wirkliche Individuelle. Genau darin unterscheiden sich Menschen voneinander.
Beide Gedächtnisse sind allerdings nicht stringent voneinander zu isolieren. Vielmehr bedingen sie sich gegenseitig:
„[…] Das Individuum würde an zwei Arten von Gedächtnissen teilhaben […] : Einerseits
würden seine Erinnerungen sich im Rahmen seiner Persönlichkeit oder seines
persönlichen Lebens einfügen - sogar die, die es mit anderen gemeinsam hat, würden von
ihm allein unter dem Aspekt betrachtet, der sich selber als sich von den anderen
unterscheidendes Individuum interessiert. Andererseits würde es zu bestimmten
Zeitpunkten fähig sein, einfach als Mitglied einer Gruppe auszutreten, das dazu beiträgt
unpersönliche Erinnerungen wachzurufen und zu unterhalten - in dem Maße, als diese die 26 Gruppe interessieren.“
Letztendlich zeigt Halbwachs, dass es neben dem individuellen stets ein kollektives Gedächtnis oder Gruppengedächtnis gibt. Jedes derartige Erinnern
24 Vgl. Knut Hickethier (2005) S. 348
25 Vgl. Maurice Halbwachs (1967). S 31 26 Ebd. S. 34
14
bleibt somit an eine Gruppenexistenz gebunden. Jedes kollektive Gedächtnis hat eine zeitlich räumlich begrenzte Gruppe zum Träger. Hieran knüpft er folgerichtig eine Analyse der Differenz zwischen kollektivem und historischem Gedächtnis. Halbwachs betont, dass beide Termini strikt voneinander zu trennen sind. Geschichte ist ungeteilt. Man kann sogar sagen, dass es nur eine Geschichte gibt. Innerhalb der Geschichte existiert keine hiercharchische Ordnung wie innerhalb des kollektiven Gedächtnisses: Alle historischen Fakten liegen auf einer Ebene. 27 Das Anliegen von Geschichte ist die Vergangenheit und nimmt laut Halbwachs den größten Raum im menschlichen Gedächtnis ein:
„Geschichte ist zweifellos das Verzeichnis der Geschehnisse, die den größten Raum im
Gedächtnis der Menschen eingenommen haben. In Büchern gelesen, in Schulen gelernt,
sind die vergangenen Ereignisse jedoch Notwenigkeiten und Regeln zufolge ausgewählt,
nebeneinander gestellt und eingeordnet, die nicht für jene Menschen zwingend waren, die
sie lange Zeit als lebendiges Gut aufbewahrt haben. Das bedeutet, dass die Geschichte
im Allgemeinen an einem Punkt beginnt, an dem die Tradition aufhört - in einem
Augenblick, in dem das soziale Gedächtnis erlischt und sich zersetzt […]. Wenn die
Erinnerung an eine Folge von Ereignissen nicht mehr eine Gruppe zum Träger hat […],
innerhalb jener neuen Gesellschaften verloren sind […], ist das einzige Mittel, solche 28 Erinnerungen zu retten, sie schriftlich in einer fortlaufenden Erzählung festzuhalten.“
Laut Halbwachs nimmt Geschichte, die genau das Detail der Geschehnisse untersuchen will, Züge einer Gelehrtheit an, die nur einer Minderheit zugänglich ist. Wenn sie andererseits Vergangenes bewahren will, das innerhalb des heutigen kollektiven Gedächtnisses eine Rolle spielen kann, behält sie nur das, was die Gesellschaft interessiert, d.h. im Ganzen recht wenig. 29 Das kollektive Gedächtnis unterscheidet sich von der Geschichte in zweierlei Hinsicht: Zum Einen ist es eine kontinuierliche, lebendige Denkströmung, die nur das behält, was von ihr noch lebendig ist und fähig ist, im Bewusstsein der Gruppe, die es unterhält, fortzuleben. Es orientiert sich an Bedürfnissen und Belangen der Gruppe in der Gegenwart und verfährt daher stark selektiv, rekonstruktiv und geht per Definition nicht über diese Gruppe hinaus. Dabei sind Verzerrungen und Umgewichtungen bis hin zur Fiktion möglich. Ein Abbild der Vergangenheit liefert das Gedächtnis nicht, im Gegenteil:
27 Vgl. ebd. S. 71-71 28 Ebd. S. 66
29 Vgl. ebd. S. 68-69
15
„Die Erinnerung ist in sehr weitem Maße eine Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe
von aus der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten und wird im Übrigen durch andere, zu
früheren Zeiten unternommene Rekonstruktionen, vorbereitet, aus denen das Bild von 30 ehemals schon recht verändert hervorgegangen ist.“
Erinnerungen beinhalten nicht nur tatsächlich erlebte Vergangenheit, sondern darüber hinaus Eindrücke aus fiktiven und reellen Berichten. Die Folge ist die Verschmelzung von beiden. Die Erinnerung ist ein fließendes, zweifellos unvollständiges und vor allem ein rekonstruiertes Bild. 31 Zum Anderen gibt es im Gegensatz zur Geschichte keine Trennungslinien innerhalb der fortlaufenden Entwicklung des kollektiven Gedächtnisses, sondern nur unregelmäßige und unbestimmte Grenzen. Geschichte ist universal, da sie alle vergangenen Ereignisse unparteiisch gleichstellt. Gedächtnis 32 hingegen ist partikular. Es gibt in der Tat mehrere kollektive Gedächtnisse. Seine Träger sind zeitlich und räumlich begrenzte Gruppen, deren Erinnerungen stark wertend und hierarchisierend sind:
„Das Gedächtnis einer Gesellschaft erstreckt sich so weit es kann, d.h. bis dorthin, wohin
das Gedächtnis der Gruppe reicht, aus der es sich zusammensetzt. Es vergisst eine so
große Menge früherer Ereignisse und Gestalten keineswegs aus bösem Willen, aus
Antipathie, Widerwillen oder Gleichgültigkeit. Vielmehr sind diejenigen
33
verschwunden, die sie in ihrer Erinnerung bewahrten.“
Unter Geschichte ist dann nicht mehr die chronologische Abfolge von Ereignissen und Daten zu verstehen, sondern das, was bewirkt, dass sich eine Epoche von der anderen unterscheidet. Bücher und Berichte bieten darüber nur ein schematisches und unvollständiges Bild. Auch Pierre Nora argumentiert im Halbwachs’schen Sinne, dass
„Geschichte und Gedächtnis keineswegs als Synonyme zu definieren sind, sondern, wie
uns heute bewusst wird, in jeder Hinsicht als Gegensätze. […] Das Gedächtnis ist stets ein
30 Ebd. S. 55-56
31 Ebd. S. 58
32 Sowohl das individuelle als auch das kollektive Gedächtnis. Lediglich die Grenzen sind unterschiedlich. So kann die Grenzen des kollektiven Gedächtnisses sowohl enger als auch weiter gespannt sein (vgl. ebd. S. 35). 33 Ebd. S. 71
16
aktuelles Phänomen, eine in ewiger Gegenwart erlebte Bindung, die Geschichte hingegen
eine Repräsentation der Vergangenheit. Das Gedächtnis rückt die Erinnerung ins Sakrale,
die Geschichte vertreibt sie daraus, ihre Sache ist Entzauberung. Das Gedächtnis
entwächst einer Gruppe, deren Zusammenhang es stiftet. […] Die Geschichte hingegen 34 gehört allen und niemandem, so ist sie zum Universalen berufen.“
Während Halbwachs noch von der Existenz eines kollektiven Gedächtnisses ausgeht, resümiert Nora mit dem Blick auf unsere Zeit: „Nur deshalb spricht man so viel von einem Gedächtnis, weil es keines mehr gibt.“ 35 Zum Gegenstand seiner Reflexion werden deshalb Erinnerungsorte. Nora bezieht sich weitestgehend auf die Erinnerungsbilder der französischen Nation. Das können geografische Orte, Gebäude, Denkmäler und Kunstwerke ebenso wie historische Persönlichkeiten, Gedenktage, philosophische und wissenschaftliche Texte oder symbolische Handlungen sein. So zählen zu seinen Erinnerungsorten der französischen Nation sowohl Paris und der Eiffelturm als auch Jeanne D’Arc und Descartes’ Discours de la methode. 36
Für Nora verliert die heutige Gesellschaft zunehmend die Verbindung zu einer lebendigen, gruppen-und nationalspezifischen, identitätsbildenden
Vergangenheit. Daher fungieren Erinnerungsorte als eine Art künstliche Platzhalter für das nicht vorhandene kollektive Gedächtnis. Erinnerungsorte sind zu verstehen als Zeichen, die nicht nur auf die Aspekte der (französischen) Vergangenheit, sondern immer auch auf das abwesende lebendige Gedächtnis verweisen. 37 Nora betont, dass der Begriff des Gedächtnisses schnell Gefahr läuft, in eine unscharfe Definition zu gleiten. So reicht es nicht nur, den Willen zu haben, etwas im Gedächtnis festzuhalten. Es liegt vor allem an der symbolischen Dimension und der Intentionalität, die Erinnerungsorte von anderen kulturellen Objektivationen unterscheidet. Der Begriff der Gedächtnisorte lässt sich somit auf alle kulturellen Phänomene beziehen, die auf kollektiver Ebene bewusst oder
34 Pierre Nora (1998) S. 13
35 ebd. S. 11
36 Vgl. ebd S.11
37 In seinen theoretischen Überlegungen hält er drei Dimensionen fest, die in Bezug auf Erinnerungsorte unterschieden werden müssen: 1. die materielle Dimension als fassbare Gegenstände wie Gemälde oder Bücher oder vergangene Ereignisse (Objektivationen) 2. die funktionale Dimension als Objektivationen, die für die Gesellschaft eine Funktion erfüllen 3. die symbolische Dimension als Symbolfunktion neben der Funktion der Objektivationen (etwa wenn Handlungen zu Ritualen werden)
17
unbewusst in Bezug auf Vergangenheit oder nationale Identitäten gebracht werden (siehe dazu auch Assmann).
Auch Halbwachs erkennt die zentrale Bedeutung von Identitätsbildung im Zusammenhang mit dem Kollektivgedächtnis. Erinnert wird an das, was dem Selbstbild und den Interessen der Gruppe entspricht. Die Teilhabe am kollektiven Gedächtnis zeigt an, dass der Erinnernde zur Gruppe gehört. Halbwachs theoretische Überlegungen weisen eine klare Tendenz zu einer Forschungsrichtung auf, die man ein halbes Jahrhundert später Das Konstruieren der Wirklichkeit im Konstruktivismus nennen wird. Berger und Luckmann arbeiten diesen Ansatz in ihrem Werk Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit aus, wobei die darin entwickelten Überlegungen durchaus in die Debatte des kollektiven Gedächtnisses einzubeziehen sind: Gesellschaften, so zeigen die Autoren, konstruieren sich eine Wirklichkeit, die bald als gegebene Realität erscheint und auf ihre Konstrukteure zurückwirkt. Drei Stadien sind bei diesem Prozess von Bedeutung: Erstens die Externalisierung als Entäußerung von subjektiv gemeintem Sinn, zweitens die Objektivation als Vergegenständlichung bzw. der Vorgang, durch den die Produkte tätiger menschlicher Selbstentäußerung objektiven Charakter gewinnen und drittens die Internalisierung als Einverleibung, durch welche die vergegenständlichte gesellschaftliche Welt im Verlauf der Sozialisation ins Bewusstsein zurückgeholt wird. 38 Zum Vorgang der Institutionalisierung des gesellschaftlichen Wissens über die Wirklichkeit gehören Sedimentbildung und Tradition. Um Wissen von einer Generation an die nächste weiterzugeben - und erst durch diesen Übergang von eigener Erinnerung zur Tradition entsteht gesellschaftliche Wirklichkeit 39 - sind Zeichenprozesse und Medien nötig:
„Intersubjektive Erfahrungsablagerungen können erst dann als gesellschaftlich bezeichnet
werden, wenn ihre Objektivation mit Hilfe eines Zeichensystems vollzogen worden ist, das
heißt, wenn die Möglichkeit vorhanden ist, die Objektivation gemeinsamer Erfahrungen zu 40 wiederholen.“
Dieses Wir-Bewusstsein speist sich in einem nicht unwesentlichen Anteil aus der gemeinsamen Erinnerung. Zu betonen ist allerdings die Pluralität kollektiver
38 Vgl. Berger/Luckmann (2004) S. 53-65
39 Vgl. ebd. S. 66 40 Ebd. S. 72
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Identitäten. Das bedeutet nicht nur, dass in der Gesellschaft eine Vielzahl kultureller Formationen, Gedächtnisse und Identitäten koexistieren, sondern auch, dass jeder einzelne an einer Vielzahl von kollektiven Gedächtnissen teilhat und somit zu einem Schnittpunkt kollektiver Identitätskonstruktionen wird. Auf der Ebene des Individuums bezeichnet die kollektive Identität daher nichts anderes als die „kollektiven Anteile von Subjektivität […], die sich aus der Zugehörigkeit des Einzelnen zu bestimmten Gruppen ergeben und sich über Geschlecht, Kultur, Ethnie und Nation definieren.“ 41
2.2.1 Abschließende Bemerkungen zu Maurice Halbwachs
Halbwachs darf als Entdecker des kollektiven Gedächtnisses gelten. Trotzdem ist der von Halbwachs eingeführte Begriff schon in seiner Entstehungszeit mit Vorbehalten aufgenommen worden. Der Historiker Marc Bloch wirft Halbwachs in der Rezension seiner Bücher vor, „der Begriff des kollektiven Gedächtnisses sei zwar bequem, aber ein wenig fiktiv“. 42
Dennoch hat Maurice Halbwachs’ Gedächtnistheorie nicht nur heute noch großen Einfluss auf den Gedächtnis-Diskurs. Sein Begriff des kollektiven Gedächtnisses hat auch zu seiner Entstehungszeit den Gedächtnisbegriff für andere Wissenschaftler interessant gemacht. So publizierten nach Veröffentlichung des Buches Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen zahlreiche Wissenschaftler Bücher und Aufsätze zur Gedächtnis-Debatte,
darunter Siegfried Kracauer in seinem Aufsatz von 1927 Die Photografie 43 .
Nicht nur deshalb erachte ich es für wichtig, seine theoretischen Überlegungen im Rahmen der Magisterarbeit darzulegen. Das folgende Kapitel soll dem Leser dieser Arbeit dazu verhelfen, Gedächtnis als ein soziales Phänomen und nicht als ein ausschließlich organisches Phänomen aufzufassen. Halbwachs nähert sich der Gedächtnis-Thematik aus einer soziologisch- konstruktivistischen
41 Aleida Assmann/ Heidrun Friese: Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität; zitiert nach Astrid Erll (2005) S. 109
42 Marc Bloch: Mémoire collective; zitiert nach Aleida Assmann (2006) S. 282
43 In dem Aufsatz erörtert Krakauer den Unterschied zwischen fotografischen und Gedächtnis-Bildern
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Perspektive, in der er die Rolle von Gruppen in Prozessen des kollektiv geprägten Erinnerns hervorhebt. Er hat als erster Merkmale des kollektiven Gedächtnisses wie der Sozialität, den Rekonstruktions-Rahmen und den Subjektbezug systematisch herausgearbeitet. Er argumentiert ausgehend von der sozialen Dimension von Gedächtnis und betont die aktive, bewusste Konstruktion von vergangenen Ereignissen mittels des kollektiven Gedächtnisses. Erinnerungen sind also stets eine Konstruktion, die einem permanenten Veränderungs- und Umformungsprozess unterliegt. In seiner Gegenüberstellung von kollektivem Gedächtnis und Geschichte wird klar, dass es Halbwachs um die Bedürfnisse der Gegenwart und einer entsprechenden Aneignung einer identitätsbezogenen Vergangenheit durch soziale Gruppen geht. In seiner Ausarbeitung fehlt allerdings nicht nur die begriffliche Schärfe, vor allem in Bezug auf Medien und Gedächtnis, sondern auch die systematische Einbindung von Medien in die Debatte, was wohl nicht zuletzt an der Entstehungszeit seiner Schriften liegt. So stellt sich die Frage, warum der Halbwachs’schen Theorie in dieser Magisterarbeit so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, da zunächst fruchtbare Ansätze fehlen, die den Zusammenhang von Medien und Gedächtnis thematisieren. Dem aufmerksamen Leser entgeht aber nicht, dass Halbwachs (wenn auch nicht systematisch) die Bedeutung der Medien für das (kollektive) Gedächtnis in seine Ausführungen integriert. Und schon dort werden grundlegende Probleme mit der Beschäftigung mit Medien aus der Perspektive der Gedächtnisforschung deutlich. Mit Hilfe eines fiktiven Spaziergangs durch London (und zahlreichen anderen Beispielen) liefert Halbwachs den Nachweis dafür, dass ein Großteil unserer Erinnerungen kollektiv bleibt. So ist die Wahrnehmung und Erinnerung eines Jeden anhand von sozialen Bezugsrahmen, den Cadres sociaux, geprägt. Diese Bezugsrahmen gehen aus der Kommunikation 44 und Interaktion sozialer Gruppen hervor. Die Wahrnehmung ist nach Halbwachs in hohem Maße beeinflusst von Menschen, mit denen der Spaziergänger soziale Gruppen bildet. Gespräche mit Architekten,
44 Kommunikation wird hier als wechselseitiger Prozess begriffen, in dem sich beide Gesprächsteilnehmer aktiv steuern. Es sei außerdem gesagt, dass Kommunikation von mindestens zwei Beteiligten betrieben wird, die miteinander agieren (Vgl. dazu Karl Bühler: Bühler betont schon in seiner Krise der Psychologie (1927), dass der Ursprung der Semantik nicht beim Individuum, sondern nur in der Gemeinschaft zu suchen sei. Es ist also in diesem Zusammenhang absolut notwendig, vor allem vor dem Hintergrund der Gedächtnisdebatte, diese Eigenschaft von Kommunikation zu betonen.)
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dem Historiker, dem Maler oder dem Kaufmann richten die Aufmerksamkeit des Besuchers auf die jeweiligen Facetten der Fülle von Eindrücken der Stadt. Dazu müssen die jeweiligen Personen nicht anwesend sein, es genügt die Erinnerung an Gesagtes, die Lektüre der Schriften oder das Betrachten von Bildern:
„Als ich zum ersten Mal in London war […] brachten mir viele Eindrücke die Romane von
Dickens in Erinnerung, die ich in meiner Kindheit gelesen hatte: so ging ich mit Dickens
spazieren. […] Vor Westminster habe ich daran gedacht, was mein Freund, der Historiker,
darüber gesagt hatte (oder - was auf dasselbe hinausläuft - daran, was ich darüber in
einem Geschichtsbuch gelesen hatte). Auf der Brücke habe ich jene Wirkung der
Perspektive betrachtet, auf die mein Freund, der Maler, hingewiesen hatte (oder die mir 45 auf einem Gemälde, auf einem Stich aufgefallen war).“
Das Beispiel zeigt deutlich, welche Funktion Medien zu leisten vermögen: Auch wenn das Individuum augenblicklich allein ist, kann es beispielsweise durch Medien mit sozialen Gruppen in Verbindung treten. Medien ermöglichen kurzfristig, sich kollektive Deutungsmuster anzueignen: „Von keinem dieser Augenblicke, von keiner dieser Situationen kann ich sagen, dass ich allein war, dass ich allein nachdachte; denn in Gedanken versetze ich mich in diese oder jene Gruppe“. 46 Über Medien findet das Individuum Zugang zu gruppenspezifischem Wissen und Denk- und Erfahrungsströmungen. Weitere Medien - wie Fotos und Zeitschriften - finden bei Halbwachs ebenso Erwähnung, weil sie dabei helfen, an längst vergessene Gemeinschaften und damit auch an nicht mehr vollständig präsente Kollektivgedächtnisse, Anschluss zu finden. Die Cadres sociaux werden über solche medialen Überreste der Vergangenheit oft erst erreichbar.
Auch wenn es Halbwachs in seinen Schriften nicht explizit formuliert, bedenkt er den Einfluss der Medien bei der Herausbildung der Cadres sociaux von Anfang an. Mit dem medialen Rahmen des Erinnerns geht also auch stets eine medienspezifische Gedächtnis-Erzeugung einher. Allerdings operiert Halbwachs in seinen Ausführungen noch nicht mit dem Begriff Medien. Er spricht lediglich von Büchern, Bildern und Stichen. Medien dienen Halbwachs nicht nur dazu, die Geisteshaltung einer Epoche einzufangen, sondern sie auch wiederzugeben:
45 Maurice Halbwachs (1967) S. 3
46 Ebd. S. 3
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„Beim Umblättern scheint es uns, als sähen wir noch die Großeltern, die die Gesten, den
Ausdruck, die Haltung hatten, die Kleidung trugen, die diese Stiche wiedergeben. Wir 47 meinen, ihre Stimmen zu hören und die Ausdrücke, die sie gebrauchten.“
Ferner sind es die Cadres sociaux, die bei Halbwachs gedächtnismediale Funktionen übernehmen: Nicht nur der Großvater oder ein alter Freund sind Instanzen, die Wissen über die Vergangenheit übermitteln, und gemeinsame Erinnerungen aufleben lassen. Auch Romane, Bilder oder Zeitschriften tragen dazu bei, vergangene Ereignisse zu rekonstruieren. So bekommen die Cadres sociaux im Hinblick auf Medien eine ganz neue Dimension: Halbwachs bezieht sich auf „mediale Rahmen des Erinnerns“ 48 , ohne sie explizit als solche zu bezeichnen. Nicht zuletzt liefert Halbwachs den Beleg dafür, dass „Vergangenheit nicht naturwüchsig […], [sondern] […] eine kulturelle Schöpfung“ 49 ist.
Trotzdem bleiben Halbwachs’ Ausführungen nur indirekt und nicht konkret genug. Um weitere Differenzierungen zu erhalten, geht das Kapitel 2.3 auf die Defizite der Theorie ein. Es werden andere Theoretiker zu Rate gezogen, die sich ausgehend von Halbwachs’ Erkenntnissen mit der Gedächtnis-Medien-Thematik befassen.
2.3 Das zweigeteilte kollektive Gedächtnis
2.3.1 Kommunikatives Kurzzeitgedächtnis und kulturelles
Langzeitgedächtnis
„Individuelles und kollektives Erinnern werden immer weniger als spontane, naturwüchsige
oder sakrosankte Akte und immer mehr als soziale und kulturelle Konstruktionen erkannt, 50 die sich in der Zeit verändern und ihre eigene Geschichte haben.“
47 Ebd. S. 51
48 Astrid Erll (2006) S. 140
49 Jan Assmann (2005) S. 48 50 Aleida Assmann (2006) S. 15
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Arbeit zitieren:
Karin Pyc, 2008, Erinnerungen an Vietnam - Der Film als Medium des kollektiven Gedächtnisses am Beispiel von Hal Ashbys COMING HOME (1977), München, GRIN Verlag GmbH
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