1 Einleitung
Mit dem Begriff „Globalisierung“ verbindet die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mehr Risiken als Chancen (vgl. Fäßler 2007: 16). Unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass Deutschland im globalen Vergleich zu den höchstentwickelten Industriestaaten zählt, ist dieses Ergebnis zugleich erschreckend und prägnant. Wie kommt es, dass selbst Gesellschaften der wohlhabenden Industrienationen der Nordhalbkugel derartige Ängste vor der Zukunft beziehungsweise vor der Globalisierung äußern, obwohl nach wie vor die härtesten (Über-) Lebenssituationen wie Hungersnöte, Wassermangelzustände und die grassierende Massenarmut primär in weiten Gebieten der südlichen Erdhalbkugel, in den sogenannten „Dritte-Welt-Ländern“, stattfinden?
Rationalisierungsmaßnahmen und die Ausnutzung der Standortvorteile anderer Länder im internationalen Wettbewerb veranlassten viele multinationale Großunternehmen, die „Global Player“ (vgl. Fäßler 2007: 190), arbeitsintensive Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern. Massenentlassungen zu Tausenden waren die Folge und kosteten zahlreichen Arbeitnehmern in Deutschland und in anderen Industrienationen den sicheren vollbeschäftigten Arbeitsplatz. Diese Entwicklungen im Zuge der Globalisierung schürten bei vielen Menschen nicht nur Arbeitsplatzverlustängste, sondern daraus abgeleitet auch Existenz- und Zukunftsängste.
Der Verlust der Erwerbsarbeit bedeutet für ein Individuum der gegenwärtigen Generation nicht nur Verlust des „Broterwerbs“, sondern auch Verlust der gesellschaftlichen und persönlichen Identität (vgl. Bauman 2005: 19). So signalisiert die Vollbeschäftigung heutzutage soziale Zugehörigkeit, nicht nur als Frage des Status, sondern auch als Indikator, in welche Klasse der Gesellschaft der Mensch zugeordnet wird (vgl. Bauman 2005: 19). So lässt sich, grob gesehen, die Gesellschaft, unter Betrachtung der Beschäftigung als Kriterium, in zwei Lager spalten: Das Lager der Beschäftigten und das
der Unbeschäftigten. Das Augenmerk liegt hier auf der Gruppe der Unbeschäftigten, die in heutigen Zeiten als „Überfluss“ angesehen wird und somit einer starken sozialen Ausgrenzung ausgeliefert ist (vgl. Bauman 2005: 20). War bisher die Wegwerfgesellschaft der Dinge als Zeichen des materiellen Überschusses der Massenproduktion vorherrschend, so scheint derzeit die Entwicklung zur Wegwerfgesellschaft der Menschen zu gehen (vgl. Bauman 2005: 21). Dieses Phänomen des menschlichen Überflusses in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit ist oftmals Brennpunkt kontroverser Globalisierungsdiskussionen. Besondere Brisanz bringt folgende Fragestellung auf: erfolgt die soziale Bewertung oder die Bestimmung der persönlichen Identität eines Menschen heutzutage vorrangig anhand seines beruflichen Tätigseins?
2 Historische und gegenwärtige Ursachen der
Arbeitslosigkeit
2.1 Industrialisierung - Revolution in Technik und
Wirtschaft
2.1.1 Technologischer Fortschritt und Massenproduktion
Der technologische Fortschritt im Sinne der industriellen Revolution ist sicher ein Kriterium für die Entwicklung der Gesellschaften der Industrieländer in die Richtung der Globalisierung. Einerseits sicherlich, da durch den enormen Entwicklungssprung erst die technischen Voraussetzungen geschaffen wurden, um eine globale Vernetzung zu ermöglichen, andererseits um überhaupt in die Situation zu kommen, eine Überproduktion anzustreben und so mit anderen Nationen und Ländern im regen Austausch des Waren-handels zu stehen.
Überproduktion soll in diesem Sinne derart verstanden werden, dass tat-
sächlich und absichtlich mehr produziert wird als zur Eigenbedarfsdeckung benötigt ist (vgl. Gönner, Lind 1997: 69ff.). Dennoch bleibt zu beachten, dass nicht nur Ware in großen Mengen produziert wurde, sondern auch eine neue Dichte durch die Reproduktion der Menschen in dieser Zeit entstand, in der die Bevölkerung ein komplett anderes Problem auftreten ließ. Unter anderem führten die Veränderungen innerhalb der Modernisierung dazu, dass sich, von 1800 bis zu der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg, die Bevölkerungszahl der Menschen in Deutschland verdreifachte (vgl. Fox, Hirsch 2002: 48). Somit muss vorerst, um die heutige Relevanz des Verhältnisses benötigter Arbeitskraft zu tatsächlich vorhandenem Arbeitsvolumen in Deutschland und der damit zusammenhängenden sozialen Ausgrenzung, der historische Aspekt der Entwicklung der Arbeitsintensivierung und Produktivitätssteigerung beleuchtet werden.
Hier liegt die Gewichtung der Betrachtung auf der Produktivitätssteigerung durch die Vorgaben von Maschinen (vgl. Gönner, Lind 1997: 72). So erstmals, unter anderem, in Henry Ford und seiner Produktion (vgl. Fried 2008: 2ff.). Innovativ war hier das Ergebnis der Massenproduktion und der dadurch erzielten Breite des Absatzspektrums. Dabei ist entscheidend, dass die Intensivierung des Prozesses der Arbeit durch Vorgabe von Maschinen gesteigert wurde und nicht, wie bei Taylor, durch die Optimierung der Arbeit selbst (vgl. Kaiser 1994: 4). So konnten sich „normale“ Arbeiter ein sonst nur als Luxusgut definiertes Mobil durch normale Arbeit leisten, da die enormen Kosten für die Fertigung eines Automobils dieser Zeit, durch die Massenproduktion der „T- Reihe“, deutlich gesenkt werden konnten (vgl. Fried 2008: 3ff.). Dieser Schritt bringt neben dem erfreulichen Effekt des Zugänglichmachens für ein breites Spektrum an potentiellen Käufern, vor allem auch aus ärmeren Schichten, sicher auch den Umstand mit sich, dass dies nur durch eine Produktivitätssteigerung erreicht werden konnte. Das heißt, dass die Ausbringungsmenge, Stück pro Stunde, erheblich gesteigert werden musste, um auf diese Weise durch die Massenproduktion die Fixkosten der Gesamtproduktion auf die Gesamtmasse der produzierten Stückanzahl
verteilen zu können (vgl. Gönner, Lind 1997: 62). Essenz dessen ist, dass für eine bestimmte herzustellende Stückzahl durch die Produktionsvorgaben durch Maschinen, wie das Fließband bei Ford, weniger Arbeiter benötigt wurden, um die gleiche Stückzahl zu produzieren als ohne die Intensivierung der Arbeit durch Maschinen (vgl. Gönner, Lind 1997: 73). Erstmals kam die Zeit des Pauperismus, der Massenarmut, also auch der massenhaften temporären Ausgrenzung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, nämlich die, die ohne Beschäftigung waren und deren Leben in Armut stattfand (vgl. Fox, Hirsch 2002: 56). Somit entstanden mit dem Zeitalter der Moderne neue Probleme - Probleme, die bisher unbekannt schienen. Soziale Ausgrenzung durch Armut war zu dieser Zeit noch mehr Begleiterscheinung als handlungsleitend, da die Sicherung der existentiellen Bedürfnisse vorrangig war.
2.1.2 Prozessoptimierung und Steigerung der Produktivität
War Henry Ford Urvater der Arbeitsoptimierung durch technologische Vorgaben, so kann Frederick Winslow Taylor als Komplement auf dem Gebiet der Arbeitsoptimierung durch Prozessoptimierung der reinen Arbeit ver-standen werden (vgl. Kaiser 1994: 4). Mehr als das wird Taylor bis heute als Begründer des Scientific Management verstanden und als Vorreiter des heutigen Managements gefeiert (vgl. Fried 2008: 4). So brachte Taylor die Zerlegung der Arbeit in einzelne Arbeitsabläufe oder einzelne Bewegungen, die Arbeitsanalyse, und die Zusammenlegung dieser, die Arbeitssynthese, in seine Theorie ein . Dabei wurden die Bewegungen der Arbeit genau analysiert, dann optimiert und schädliche Abfolgen und Bewegungsabläufe eliminiert (vgl. Fried 1994: 1). Unter den entsprechenden Zeitvorgaben für die jeweiligen Bewegungen wurde dann die Erwartung der termingerechten Erledigung formuliert.
Ein Beispiel dafür: ein Arbeiter bewältigt vor der Arbeitsanalyse eine mo-
Arbeit zitieren:
Christoph Klinger, Zeynep Sari, 2008, Soziale Ausgrenzung , München, GRIN Verlag GmbH
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