Inhaltsverzeichnis
Einleitung. Seite 1
1. Zur Biographie Ludwig von Mises Seite 1
2. Die Gesellschaftstheoretischen Positionen Ludwig von Mises Seite 3
2.1 Liberalismusbegriff, Erkenntnisweg und epistemische Prämissen. Seite 3
2.2 Von der Überlegenheit des Kapitalismus und dem besonderen Status des Seite 6
Marktes.
2.3 Der strikte Zusammenhang von Kapitalismus und Freiheit, sowie von Seite 7
Sozialismus und Unterdrückung.
2.4 Die Grenzen staatlicher Tätigkeit. Seite 8
2.5 Die Bewertung der Demokratie im Liberalismus Mises Seite 10
3. Vergleichsmomente zum Liberalismus Friedrich August von Hayeks. Seite 12
3.1 Demokratie und Liberalismus bei Hayek. Seite 12
3.2 Zu den Grenzen staatlicher Wirtschaftspolitik. Seite 16
4. Konklusion: Identität oder Einzigartigkeit? Seite 19
Literaturverzeichnis. Seite 22
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Einleitung
"Propheten haben ein schweres Schicksal zu tragen". Mit diesen Worten beginnt die Einleitung zu Mises` Bürokratie von 1944 1 . Und in der Tat trifft diese simple Formel auf wenige so sehr zu, wie auf den "vergessenen Österreicher" 2 Ludwig von Mises, der Zeit seines Lebens unbeirrbar zu seinen Thesen haltend unentwegt gegen den Strom schwamm und dem, nach einer Phase der frühen Anerkennung in den 1920er Jahren, der Ruhm für sein äußerst umfassendes Werk weitgehend vorenthalten blieb. Demgegenüber gelang es einem seiner Schüler, Friedrich August von Hayek, die Aufmerksamkeit seiner in bedeutenden Teilen auf Mises beruhenden Arbeit auf das höchste nur erdenkliche Niveau zu steigern. Vor dem Hintergrund dieser offenkundigen Diskrepanz stellt sich die Frage nach dem Erbe Ludwig von Mises`: Wie sieht es zwischen den Zeilen bei Hayek bezüglich der Aufnahme Mises`scher Gedankengänge aus?
Die vorliegende Arbeit setzt es sich daher zum Ziel, das gesellschaftspolitische Werk Ludwig von Mises vor dem Hintergrund seiner Wirkung auf den Liberalismus Friedrich August von Hayeks zu beleuchten. Dazu soll zunächst, nach einem Blick in das wechselvolle Leben Mises`, die Herleitung der für ihn sinnhaft stehenden Positionen bezüglich der Grenzen staatlicher Politik sowie seines Verhältnisses zur Demokratie erfolgen. Beide Elemente werden sodann um die entsprechenden Hayek`schen Posisitionen ergänzt, wobei auf vergleichende Aspekte ad hoq einzugehen sein wird. Eine Konklusion soll die eingangs gestellte Frage insoweit beantworten, als dass sie die wesentlichen trennenden und verbindenden Gedankenbausteine im Denken beider Ökonomen, wie sie sich aus dieser thematischen Perspektive ergeben haben, herausstellt.
1. Zur Biographie Ludwig von Mises`
Ludwig von Mises wird 1881 im heute zur Ukraine gehörigen, zu seiner Zeit der K.u.K. Monarchie angegliederten, Städtchen Lemberg geboren. Als Schüler der Gründungsväter der Österreichischen Schule, Carl Menger und Eugen von Böhm-Bawerk studiert er Ökonomie, sowie bereits drei Jahre früher Rechtswissenschaft. Trotz Dissertation im juristischen- und Habilitation im ökonomischen Fachgebiet werden Mises` Hoffnungen auf eine akademische Karriere jäh enttäuscht. Dies mag an seiner kompromisslosen Haltung in Bezug auf seine liberalen Thesen, vermutlich aber auch an seiner jüdischen Abstammung liegen.
Da Mises wider erwarten keine Professur in Wien erhält, wird er zusammen mit seinem besten Schüler, Friedrich August von Hayek, zunächst Referent bei der Wiener Handelskammer, ehe er
1 Mises [1944]1997: 5. 2 Vgl. Hoppe 2004: 18.
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1927 zum Leiter des Österreichischen Konjunkturforschungsinstituts aufsteigt, dessen Führung erneut Hayek, später Oskar Morgenstern innehaben. Die schleichende Kreditausweitung und damit einhergehende Kapitalaufzehrung der Staaten in den „Goldenen Zwanzigern“ deutet Mises bereits früh treffsicher als Vorboten einer Weltwirtschaftskrise 3 .
Aufgrund der angespannten politischen Lage und der Behinderung seiner akademischen Tätigkeit 4 entschließt sich Mises 1934 an das Genfer Institut „Universitaire des Hautes Etudes“ zu wechseln, wo er schließlich 1940 sein ökonomisches Hauptwerk, die Nationalökonomie veröffentlicht. Hier versucht Mises, die zu seiner Zeit vorhandenen wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisse ganzheitlich zu erfassen. Noch im gleichen Jahr gelingt es ihm, nach einer turbulenten Flucht durch das gerade von der deutschen Wehrmacht besetzte Frankreich in die USA zu entkommen. Zeugnisse seiner regen wissenschaftlichen Tätigkeit sind hier das Buch Human Action, eine erweiterte Fassung der Nationalökonomie(1949), the anti-capitalist mentality(1956), in dem Mises das Scheitern des klassischen Liberalismus aufarbeitet, sowie 1957 Theory and History zu seinen sozialphilosophischen Theoriegrundlagen.
Trotz dieser hochproduktiven Arbeit hat Mises auch in den USA aufgrund seines eisernen Einsatzes für den Minimalstaat einen schlechten Stand gegen das Netz etablierter Intellektueller und Politiker. So kommt es, dass Mises erst dank privater Unterstützung zu einer Vollprofessur gelangt. Mises scheidet aus dem Lehrbetrieb im hohen Alter von 87 Jahren aus. Ein Ergebnis dieses langen und harten Bemühens um seine Gesellschaftsvorstellung ist es, dass die Österreichische Schule heute in den USA stärker vertreten ist als in ihrer ursprünglichen Heimat. Inhaltlich zog sich eine Gegenüberstellung wie ein roter Faden durch das akademische Leben Mises`: Kapitalismus versus Sozialismus. Ihr widmete Mises die überwiegende Mehrzahl seiner Arbeiten, angefangen bei der Gemeinwirtschaft von 1922, in der er die Planwirtschaft schon als theoretisch undenkbar disqualifizierte, über seinen „Liberalismus“ (1927) bis hin zur „Kritik des Interventionismus“(1929), sowie in einer zweiten Phase nach dem Erscheinen der rein wirtschaftswissenschaftlich angelegten „Nationalökonomie“(1940) „Die Bürokratie“(1944), „Planning for Freedom“(1952), „The anti-capitalist mentality“(1972), die Essaysammlung „Clash of group interests“(1978), sowie im selben Jahr „Im Namen des Staates oder die Gefahren des Kollektivismus“.
3 Vgl. Hoppe 1993: 21.
4 Aus diesem Grund war Mises bis 1934 gezwungen, seinen Tagesablauf Nichtakademischen Tätigkeiten zu widmen und sein wissenschaftliches Interesse in der Freizeit zu befriedigen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Tätigkeit als Referent der Handelskammer zu sehen. Zudem arbeitete Mises als Privatdozent, bzw. außerordentlicher Professor, doch wurde sein wirtschaftstheoretisches Seminar, das er für insgesamt 20 Jahre fortführte, von den ordentlichen Professoren sabotiert. Darüber hinaus bot Mises von 1920 an alle zwei Wochen in seinem Büro der Handelskammer ein „Privatseminar“ an, dem neben später bedeutenden Ökonomen wie Oskar Morgenstern, Friedrich August von Hayek, von Haberler auch Soziologen wie Alfred Schütz und Politikwissenschaftler wie Erik Voegelin angehörten. Die Sitzungen dauerten meist drei Stunden bis etwa 22 Uhr, verliefen im privateren Kreis dann oft bis in die Morgenstunden. Vgl. Hoppe 1993: 17-23.
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In all diesen Werken kommt das Ansinnen zum Ausdruck, die politische Auseinandersetzung um die beiden Gesellschaftsmodelle strikt aus der ökonomischen Sphäre zu beantworten und dabei dennoch auf den Doppelcharakter von Kapitalismus und Freiheit, sowie von Planwirtschaft und Totalitarismus zu verweisen.
2. Die gesellschaftstheoretischen Positionen Ludwig von Mises`
2.1 Liberalismusbegriff, Erkenntnisweg und epistemische Prämissen
Von seinen Lehrmeistern der Österreichischen Schule, Carl Menger und von Böhm-Bawerk, übernahm Mises den Anspruch, eine empiriefreie und in sich geschlossene Theoriewelt zu errichten, die aufbauend auf dem methodologischen Individualismus die großen Fragen von der Mikro-Seite her ohne Rückgriff auf mathematische Modellierungen aufrollen sollte. Dabei ist die ökonomische Analyse dem politischen Systemvotum stets vorgelagert. Ob Demokratie und Marktwirtschaft, oder Diktatur plus Planwirtschaft entscheidet sich für Mises aus der genauen, im engen Sinne ökonomischen Betrachtung der Charakteristika der beiden Wirtschaftssysteme. So zeigt Mises bereits 1922 in der Gemeinwirtschaft die grundsätzliche Unterlegenheit der Planwirtschaft auf der Grundlage der Unmöglichkeit einer effizienten Allokation der Produktionsfaktoren über eine zentrale Planung aufgrund der Unfähigkeit, Preise adequat berechnen zu können und prophezeit der UDSSR daher ein jähes Ende, während erst spätere Werke klar auf den ideologischen Kampf von liberaler Demokratie und Totalitarismus hin geschrieben sind. Nichtsdestotrotz bleibt für Mises die politische Systemfrage immer auch eine Frage des Wirtschaftssystem. Seine Hauptthese: Ohne Kapitalismus keine Freiheit und kein Wohlstand gleichermaßen.
Ludwig von Mises verstand sich selbst stets als einen Liberalen. Dabei griff er den Liberalismus des 19. Jahrhunderts ideengeschichtlich auf und modifizierte ihn in einer Weise, die kurz dargestellt werden soll.
Der Liberalismus verspricht nach Mises kein Glück, sondern die Befriedigung von Güterwünschen, er ist auf das äußere angelegt und strikt materialistisch. Dies sei, so Mises ein Ausfluss der Erkenntnis, dass keine Politik auf Erden es vermöge, das Seelenheil der Menschen oder ihr Glück direkt zu befördern. Damit kann der Liberalismus, so Mises, eine gewisse Zurückhaltung und einen Realismus für sich reklamieren 5 .
Demgegenüber ist es erhellend, sich die Tradition des Liberalismus, ausgehend von John Locke zu vergegenwärtigen, die keineswegs auf die Erzielung maximalen materiellen Wohlstands ausgelegt
5 Vgl. Mises 1927: 4.
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war 6 . Locke´s Properties sind vor allem eine politisch relevante Größe, die das Leben und die dem Liberalismus namengebende Freiheit vor dem Zugriff des Staates schützen soll. Mises konstruiert hier also einen bewusst schmal angelegten, ökonomistischen, also vom originär politischphilosophischen Gehalt entkleideten Liberalismus.
Erst über den Umweg über die Frage, wie das Ziel maximaler materieller Ausstattung aller zu erreichen sei, gelangt Mises auf das Feld der Gesellschafts- und politischen Theorie. Die Ökonomik im engeren Sinne wird auf die umgebenden Gesellschaftsfragen angewendet 7 . David Gordon bringt dies prägnant auf den Punkt, wenn er sagt: „In sum, Mises wrote philosophy as an economist“ 8 . In diesem Sinne versucht Mises etwa am Beispiel der liberalen Forderung nach Befreiung der Sklaven zu zeigen, dass die Idee der Freiheit im Materiellen fußt. Im Beispiel sei dies durch die überlegene Produktivität einer arbeitsteiligen Gesellschaft gewährleistet, da schließlich gelte, „daß nämlich freie Arbeit unverhältnismäßig ergiebiger sei als die von Unfreien verrichtete Arbeit“ 9 . Dass der Freiheit hier kein intrinsischer Wert zukommt, wird gerade an der Bedeutung Gottes deutlich. Locke hatte seinen Liberalismus von der Gottesebenbildlichkeit, über die Freiheit und schließlich zur Forderung nach Begrenzung staatlicher Macht entwickelt 10 . Mises streicht diese disponierte Stellung der Freiheit, womit ein nicht zu unterschätzender “Shift“ einhergeht: Freiheit ist nur solange zu befürworten, wie sie für ein System maximaler materieller Wohlfahrt von Nutzen ist. Diese Zweckbeziehung muss Mises durchweg bejahen, will er zu den selben politisch liberalen Positionen gelangen wie seine althergebrachten Vorgänger. Auch der Staat wird in diesem Sinne als eine rein künstliche Ordnung, ganz im Sinne der modernen Wendung seit Hobbes` Leviathan, als eine „Technik“ zur Lösung irdisch-materieller Probleme der Menschen angesehen 11 . Die Ziele des Liberalismus lassen sich für Mises mit Benthams berühmtem Diktum „das größte Glück der größten Zahl“ explizieren. Hiermit definiert sich sein Programm als gemeinwohl-, nicht klassenorientiert, als eine Theorie aller, nicht nur der Reichen, wie es ihm vielfach vorgeworfen wurde. Das Selbstbild des Liberalen ist nach Mises das einer Stimmte der Vernunft, die wie ein Arzt der von Intuitionen fehlgeleiteten Gesellschaft auf die Sprünge hilft 12 . Seine Ökonomik beschränkt
6 Vgl. Locke [1690] 1977: II, §123.
7 So heißt es in Bezug zum Liberalismus bei Mises: „Er ist die Anwendung der Wissenschaft auf das gesellschaftliche Leben der Menschen“. Wissenschaftlich versteht sich hier als frei von Wertdebatten, ausgerichtet auf Wohlfahrtsmaximierung. Vgl. Mises 1927: 3.
8 Vgl. Gordon 1994: 95.
9 Mises 1927: 19.
10 Vgl. Locke [1690]1977: 203
11 Vgl. Mises 1927: 6.
12 Vgl. Mises 1927: 7.
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sich dabei eindeutig nicht auf die Herausarbeitung von Wenn-Dann Zusammenhängen, sondern tritt in die normative Sphäre ein, indem sie zahllose Maßnahmen nicht nur hinsichtlich ihrer oftmals unintendierten, selbst aus Sicht ihrer Agitatoren negativen Ergebnisse analysiert, sondern darüber hinaus auch bewusst ablehnt. Sein Fokus liegt vor allem auf schmerzhaften Maßnahmen, die langfristig einen positiven Nettonutzen erbringen. Seinen Gegnern attestiert Mises: „Die antiliberale Politik ist Kapitalaufzehrungspolitik“ 13 .
„Eine Gesellschaft, in der die liberalen Grundsätze durchgeführt sind, pflegen wir die kapitalistische Gesellschaft zu nennen, und den Gesellschaftszustand als Kapitalismus zu bezeichnen 14 . Dieser Gesellschaftszustand wäre niemals so stringent verwirklicht worden wie im goldenen Zeitalter des Liberalismus im 19. Jahrhundert, von dem seither immer weiter abgewichen werde. Dazu zähle der unerschütterliche Glaube an den Staat ebenso wie der große Gegenspieler des Liberalismus, der Kommunismus, bzw. Sozialismus. Die Trennlinie beider Gesellschaftsmodelle liegt für Mises im Verstoß gegen das Hauptkriterium des Kapitalismus, den privaten Besitz an den Produktionsmitteln 15 . Eigentum sei im wesentlichen bedeutsam als Eigentum an ebendiesen, da selbst Kommunisten den Besitz von „Genußgütern“ nicht untersagten 16 . In der wissenschaftlichen Methode zeichnet sich Mises durch ein Festhalten am Methodologische Individualismus aus: „Die menschliche Gesellschaft ist die Vereinigung der Menschen zu gemeinsamem Handeln“ 17 .
Mises und Seinesgleichen sprechen dabei ökonomischen Gesetzen innerhalb der Typologie Kants den Rang nicht-analytischer, also gehaltvoller, sog. synthetischer Sätze zu, deren Gültigkeit von der Kontrolle an der Wirklichkeit nicht abhängig ist. Sätze wie „Eine Vermehrung des Geldes führt ceteris paribus zu einem Kaufkraftverlust desselben und somit zur Inflation“ sind nach dieser erkenntnistheoretischen Haltung a priori gültig 18 . Dabei solle die Ökonomik axiomatisch-deduktiv vorgehen, also etwa von handlungs-theoretischen Annahmen zu weiteren Sätzen mit Aussagegehalt für die Wirklichkeit deduzieren. Die so gewonnenen Gesetze seien „apodiktisch wahr“ 19 . Der Ökonomik kommt dabei lediglich die Aufgabe zu, Theoreme anhand der Empirie zu “illustrieren“, nicht sie an der Realität zu testen.
13 Vgl. Derselbe: 8.
14 Vgl. Derselbe: 9.
15 Vgl. Mises 1927: 17. 16 Vgl. Ebenda.
17 Vgl. Derselbe: 16.
18 Vgl. Hoppe 1993: 25.
19 Vgl. Derselbe: 26.
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Bachelor of Arts Daniel Jesche, 2008, Die Gesellschaftstheorie Ludwig von Mises mit Hinblick auf ihre Wirkung auf den Liberalismus Friedrich August von Hayeks, München, GRIN Verlag GmbH
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