II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Transformation des Kapitalismus: Von der fordistisch-keynesianischen Inklusions-
zur postfordistisch-neoliberalen Exklusionsgesellschaft 1
2.1 Prinzipien der Regulation im Fordismus 1
2.2 Postfordistische Globalisierung und die Krise der Arbeitsgesellscha ft 4
2.3 Umformung der Klassenmilieus: Individualisierung und "Generationenwechsel" 8
2.4 Gestaltwandel der "sozialen Frage": Destabilisierung der Lebenslagen und
Exklusion 9
3. Lösungsvorschläge. 14
Literaturverzeichnis 17
1
1. Einleitung
In den letzten ein bis zwei Jahrzehnten hat sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Armen, Arbeitslosen, Obdachlosen und Sozialhilfeempfängern in Westeuropa und speziell in Deutschland deutlich verschlechtert. Drastisch gestiegene Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftskrisen und deutlich wahrzunehmende Verarmungs- und soziale Depravierungsprozesse lassen in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion wieder die Frage auftauchen, wie mit diesen Menschen angemessen umzugehen sei; zunehmend werden sie jedoch auch nur noch als Kostenfaktor oder gar als „Sicherheitsrisiko“ wahrgenommen.
In dieser Arbeit soll es um historische Transformationsprozesse gehen, die diesen Wandel der Wahrnehmung bewirkt haben. Dabei gilt es vor allem, nachzuzeichnen, wie es geschehen konnte, dass aus der fordistischen Nachkriegsgesellschaft, die bestrebt war, möglichst alle zu integrieren und dies aufgrund bestimmter gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Mechanismen auch konnte, in den letzten 20, 25 Jahren immer mehr eine Gesellschaft entstand, für die die soziale Ausgrenzung wieder zum Problem wurde, für das sie anscheinend keine probaten Lösungen mehr zur Hand hat.
Im zweiten Kapitel wird zunächst der allgemeine gesellschaftliche wie ökonomische Trans-formationsprozess beschrieben, der diese Entwicklungen überhaupt erst hervorgerufen hat. Dann wird näher auf die neuere Armuts- bzw. Ausgrenzungsdiskussion eingegangen und die dabei verwandten Forschungsansätze einander gegenüber gestellt.
Im dritten Kapitel schließlich wird noch kurz auf mögliche Lösungsvorschläge für das Problem der sozialen Exklusion Bezug genommen.
2. Transformation des Kapitalismus: Von der fordistisch-keynesianischen Inklusions -
zur postfordistisch-neoliberalen Exklusionsgesellschaft
2.1 Prinzipien der Regulation im Fordismus
Mit der fordistischen Ära ist vorwiegend die wirtschaftliche Prosperitätsphase in den westli- chen Metropolen gemeint, die nach dem 2. Weltkrieg einsetzte und bis etwa Mitte der 70er
2
Jahre des vorigen Jahrhunderts andauerte; ihren Höhepunkt erreichte sie in den 60er Jahren. 1 Geprägt war diese Epoche durch folgende Charakteristika: Es bestand eine Kohärenz zwischen dem Produktivitätsfortschritt, dem Wachstum der Realeinkommen und der relativen Stabilität ihrer Verteilung. Der Reallohn stieg regelmäßig und konstant, weil er mit dem Wachstum der Arbeitsproduktivität gleichsam „synchronisiert“ war. 2 Die Verteilung des G ewinns zwischen Arbeitgebern und nicht-selbständigen Arbeitnehmern blieb im Wesentlichen stabil vermittels d er ständigen Steigerung des Nominallohns, die wiederum auf die Preisentwicklung abgestimmt war. So waren die stetige Steigerung des Lebensstandards der Lohnabhängigen und eine beständige Profitrate sowie eine geregelte Kapitalakkumulation miteinander vereinbar - eine einmalige historische Konstellation, die in dieser Form sicherlich so schnell nicht wiederkehren wird. 3
Es war ein System mit positiver Rückkopplung, ein sich selbst verstärkender Prozess, der erst mit der „Stagflation“ der 70er Jahre - einer Mischung aus Stagnation und konstant hoher Inflationsrate - endete. 4
„Die positive Wechselwirkung zwischen der Verteilung der Einkommen einerseits, den Investitionen und der Produktivität andererseits, entsteht aus der Dynamik der Nachfrage. Dank der enormen Umverteilung der Erträge der Produktivitätsfortschritte unter den Lohnabhängigen gab es eine gesellschaftliche Nachfrage... Die Wechselwirkung zwischen der Dynamik der gesellschaftlichen Nachfrage und dem technischen Fortschritt hat die Grenze der technischen Leistungsfähigkeit immer weiter verschoben und so auch den
Fall der Profitrate verhindert.“ 5
Die Bezeichnung dieser historischen Epoche des „Wohlfahrtskapitalismus“ als „Fordismus“ geht auf den US-amerikanischen Automobilhersteller Henry Ford zurück, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Produktionsmethoden einführte, die später den gesamten Fordismus be-
1 Vgl.: Michel Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand, Hamburg 2000, S. 32 ff. (VSA). Vgl. auch: Elmar Altvater/Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft, 2., korr. Auflage, Münster 1997, S. 402 ff. (Westfälisches Dampfboot).
2 Vgl.: M. Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime..., a. a. O., S. 32 ff. Vgl. auch: Rudolf Hickel, Stand-ort-Wahn und Euro-Angst. Die sieben Irrtümer der deutschen Wirtschaftspolitik, Reinbek b. Hamburg, Mai 1998, S. 24 ff. und S. 30 ff. (rororo).
3 Vgl.: M. Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime..., a. a. O., S. 33.
4 Vgl.: R. Hickel, Standort-Wahn..., a. a. O., S. 32 f.
5 M. Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime..., a. a. O., S. 33. Vgl. auch: Bernd Röttger, Neoliberale Globalisierung und eurokapitalistische Regulation. Die politische Konstitution des Marktes, Münster 1997, S. 41 ff. (Westfälisches Dampfboot). Joachim Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, De-
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stimmten sollten. Die zentralen Prinzipien dieser Produktion waren Fließbandproduktion, h ohe Arbeitsteiligkeit, Herstellung von Massenkonsumgütern, beträchtliche und kontinuierliche Lohnsteigerungen sowie große Produktivitätsfortschritte. 6 In diesem System hatten auch un-und angelernte Arbeitskräfte eine Chance, verhältnismäßig hohe Löhne zu erlangen, nicht zuletzt die weiblichen, die zusehends auf den Arbeitsmarkt drängten. 7 Tendenziell strebte also dieses Produktionssystem an, möglichst sämtliche potenziellen Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die soziale Inklusion dominierte über die Exklusion, was zugleich implizierte, dass die Lebenslagen der Lohnabhängigen sich immer mehr anglichen und zunehmend standardisierter und gleichförmiger wurden. 8
Flankiert wurde der Fordismus durch den „Klassenkompromiss“ (wofür z. B. in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland die Ausdrücke „Modell Deutschland“ oder „formierte Gesellschaft“ geprägt wurden) und vor allem seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre durch einen verstärkten Staatsinterventionismus, der sich auf die Wirtschaftslehre des englischen Nationalökonomen J. M. Keynes (1883-1946) berief. 9 Der „Klassenkompromiss“ beruhte im Wesentlichen auf der Einbindung von relativ starken Gewerkschaften in eine korporatistische gesamtgesellschaftliche Organisationsstruktur, die durch bürokratische Großorganisationen (Massenparteien, organisierten Interessengruppen wie A rbeitgeberverbände und Gewerkschaften, Lobbygruppen etc.) und ausgeklügelte Verhandlungssysteme (z. B. in Form der Tarifautonomie) mit starker Betonung der „Sozialpartnerschaft“ von Kapitaleignern u nd Lohnabhängigen geprägt war. 10 Der Staatsinterventionismus basierte auf der Einsicht aus der Zeit der Großen Depression Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, dass der Staat bei massivem Marktversagen einzuschreiten und korrigierend auf das Marktgeschehen einzuwirken habe; das theoretische Rüstzeug lieferte dafür eben die ökonomische Theorie von Keynes. 11 Wichtigstes Instrument des Keynesianismus ist dabei das sog. deficit spending, d. h. der Staat nimmt gerade in Krisenzeiten Kredite auf und macht Schulden, um damit die Konjunktur mittels Infrastrukturinvestitionen, Arbeitsbeschaffungsmaß- mokratieund Politik im globalen Kapitalismus, Berlin/Amsterdam, Oktober 1995, S. 75 ff. (Edition ID-Archiv).
6 Vgl.: J. Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat..., a. a. O., S. 76 f.
7 Vgl. ebd., S. 77.
8 Vgl. ebd.
9 Zu Keynes vgl. auch: Gregory J. Millman, Der heimliche Raubzug. Wie Geldhändler die Notenbanken plündern, Reinbek b. Hamburg 1995, S. 107, S. 109 f., S. 112, S. 124-131, S. 133, S. 138 und S. 167; zum Keynesianismus vgl. S. 50, S. 64 und S. 175 f. (Rowohlt).
10 Vgl.: J. Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat..., a.. a. O., S. 79. Vgl. auch : M. Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime..., a. a. O., S. 28 ff.
11 Vgl. etwa: J. M. Keynes, Das Ende des Laissez-faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirt- schaft, München/Leipzig 1926.
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nahmen usw. anzukurbeln; die Schulden werden dann in Zeiten des Aufschwungs bzw. Booms zurückgezahlt. Später wurde diese Vorgehensweise dann zur sog. antizyklischen Politik erweitert, d. h. der Staat gestaltet seine Wirtschaftspolitik exakt spiegelbildlich zum Konjunkturzyklus, den Boom dämpft er, in der Rezession kurbelt er an usw. 12
Wie schon angedeutet, geriet dieses Modell im Laufe der 70er Jahre in eine Krise, die Staatsverschuldung und die Inflation stiegen, ohne dass interventionistische Maßnahmen wirklich längerfristig durchgreifende Effekte außer Strohfeuern zeitigten; die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ begann. 13 Zusammengenommen, zeichnete sich dieses Modell besonders in der BRD in seiner christdemokratischen, aber noch mehr in seiner sozial-liberalen Variante (Ära Willy Brandt), wo 1972 die „Arbeitnehmergesellschaft“ ausgerufen wurde 14 , eher durch den Ausbau als durch den Abbau des Sozialstaates aus, das sozialintegrative Moment im Sinne einer größt möglichen Einbeziehung sämtlicher arbeitsfähiger Individuen in den Erwerbsprozess stand im Vordergrund. Postulate wie Chancengleichheit, Mitbestimmung und „Mehr Demokratie w agen“ (Willy Brandt) bildeten den Höhepunkt und A bschluss dieser Entwicklung; jedenfalls war zumindest den politischen Absichten nach die staatlich betriebene Kompensation der Klassenunterschiede das „Gebot der Stunde“. Natürlich klafften zwischen Anspruch und Wirklichkeit große Lücken 15 ; aber es war zumindest den sozialpolitischen Zielsetzungen nach erkennbar, soziale Ausgrenzung bis auf ein paar „unintegrierbare Randgruppen“ so weit als möglich zu vermeiden bzw. zu unterbinden. 16
2.2 Postfordistische Globalisierung und die Krise der Arbeitsgesellschaft Gleichsam „unterirdisch“ gab es allerdings schon nach 1945 latente Entwicklungen, die den fordistischen Klassenkompromiss peu à peu unterminierten und schließlich in den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zur „neoliberalen Wende“ führten, wobei die angelsächsischen
12 Vgl.: R. Hickel, Standort-Wahn..., a. a. O., S. 31 f.
13 Vgl.: M. Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime..., a. a. O., S. 39 f..
14 Vgl.: Michael Vester/Peter von Oertzen/Heiko Geiling/Thomas Hermann/Dagmar Müller, Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel - Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/Main 2001, S. 69 (stw 1312)
15 Im Bereich der Bildungspolitik bzw. der „kompensatorischen Erziehung“ wurde dies von linken Kritikern in den frühen 70er Jahren schon als „Illusion“ bezeichnet. Vgl.: Herbert Nagel, Wer will die klügsten Kinder? Vorschulerziehung und Chancengleichheit, Reinbek b. Hamburg, Dezember 1973, S. 174 ff. (rororo).
16 Vgl.: M. Vester u. a., Soziale Milieus..., a. a. O., S. 68 ff.
Arbeit zitieren:
Maxim Grouchevoi, 2003, Neue Qualität der Ausgrenzung durch Armut und Arbeitslosigkeit - Wandel des Begriffs und der Bedeutung der Ausgrenzung im Kontext des gesellschaftlichen und politischen Wandels in Westeuropa, München, GRIN Verlag GmbH
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