Universit ät Paderborn, SS 2008
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 2
1. Einleitung 3
2. Der Mythos und seine Entwicklung 5
2.1 Vor Freud - Literarische Arbeit am Mythos 5
2.2 Pejoration des Begriffs durch die Sexualforschung und die Psychoanalyse. 7
3. Liebeskonzept des Narziss bei Ovid 10
4. Narziss als fruchtlose’ Figur in der Literatur 12
4.1 John Milton: Paradise Lost (1660-1665) 13
4.2 Nikolaus Lenau: „Anna. Nach einer schwedischen Sage.“ (1838) 14
4.3 Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray (1890) 17
4.4 Anton Tschechow: „Ariadna“ (1895) 21
5. Fazit. 28
6. Literaturverzeichnis. 30
6.1 Primärliteratur 30
6.2 Sekundärliteratur 30
6.2 30
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1. Einleitung
Der Mythos des Narziss 1 hat, ausgehend von seiner Verschriftlichung durch den römischen Dichter Ovid (1 v./10 n. Chr.), die schon seinerzeit als kanonisierte Fassung verstanden wurde, eine Fülle von Bearbeitungen und auch Umarbeitungen erfahren. Narziss wurde zu einer „Figur höchster Produktivität“ 2 .
Ovid brachte den schon zu seiner Zeit sehr populären griechischen Mythos in eine epische Form und formte aus den Mythen um Narziss eine eigene Thematik, die in Folge Grundlage unzähliger Nachdichtungen und Interpretationen wurde und sich zu einem weit verbreiteten Mythos entwickelte. 3 Ovids Version wird geprägt durch den Aspekt des Irrtums, der den Mythos in zwei Hälften teilt. Dem schönen Jüngling Narziss, der durch eine Vergewaltigung seiner Mutter, der „wasserblauen Nymphe Liriope“ 4 gezeugt wurde, wird bereits als Knabe prophezeit, er werde nur ein langes Leben haben, solange er sich nicht selbst erkennt („si se non noverit“ [O 44]). Narziss wächst zu einem viel begehrten jungen Mann heran, jedoch weist er jeden Werber und auch jede Werberin ab und zieht so den Zorn der Verschmähten auf sich. Ovid ist es, der an dieser Stelle den Mythos der Nymphe Echo mit dem Narziss-Mythos verbindet, in dem er ihr die Rolle einer Verschmähten zuschreibt, die letztendlich an ihrem ‚Liebesleid’ zu Grunde geht. Einer der Werber ruft in seinem Zorn die Götter an und erbittet eine Strafe für Narziss („sic amet ipse licet, sic non potiatur amato!“ [O 46]). Als Narziss in Folge aus einem Weiher trinkt, begeht er den bei Ovid so zentralen Irrtum und erkennt sich vorerst nicht in seinem Spiegelbild. Er verliebt sich unterblich in sich selbst,
1 Narziss auf Grundlage der Mythentheorie Roland Barthes’ zu betrachten, bedeutet, ihn weder als Symbol (etwa für den unberührten Jüngling), noch als Metapher (für Selbstliebe) zu verstehen, denn dieses wäre eine Zerstörung des Mythos selbst. (Vgl. Roland Barthes: „Mythen des Alltags.“ [1957]. In: Barner, Wilfried et al. (Hg.): Texte zur modernen Mythentheorie. Stuttgart: Reclam 2003, S. 91-105, S. 99.) Der Mythos wird laut Barthes nicht etwa durch das „Objekt seiner Botschaft“ definiert, sondern durch die „Art und Weise“; durch seine Form. (Barthes (2003): Mythen des Alltags, S. 91.) Hans Blumenberg folgend, lassen sich symbolische oder metaphorische Entwicklung als Prozess einer „Arbeit am Mythos“ interpretieren. Das jeweilige Narziss-Bild einer Epoche ist demnach jeweils das Produkt einer beständigen Arbeit am Mythos ‚Narziss’. (Hans Blumenberg: „Arbeit am Mythos.“ [1979]. In: Barner, Wilfried et al. (Hg.): Texte zur modernen Mythentheorie. Stuttgart: Reclam 2003, S. 194-218). Die Form des Mythos ‚beraubt’ die Materie ihrer eigentlichen Geschichte und macht sie zu einem globalen Begriff. Narziss wird erst zum Symbol für den „unberührten, schönen Jüngling“ und schließlich zu einer Metapher für Selbstliebe. Den Mythos auf diesen Teilaspekt zu reduzieren wäre allerdings eine radikale Beschneidung aller erdenklichen Bedeutungsebenen des Mythos. (Vgl. Ursula Orlowsky: „Einleitung: Intention und Aufbau dieses Buches.“ In: Orlowsky, Rebekka u. Ursula Orlowsky: Narziß und Narzißmus im Spiegel von Literatur, Bildender Kunst und Psychoanalyse. Vom Mythos zur leeren Selbstinszenierung. München: Wilhelm Fink Verlag 1992, S. 19-65, S. 32).
2 Walter Erhart: „»Wundervolle Augenblicke« - Narziß um 1900.“ In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2002, S. 99-115, S. 99.
3 Vgl. Orlowsky (1992): Einleitung, S. 30.
4 Ovid: „Verwandlungen. Buch III, Vers 339-510. Narcissus und Echo.“ [1 v./10 n. Chr.]. In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig: Reclam 2 2005, S. 44-53, S. 45. Im Folgenden wird nach dieser Ausgabe im laufenden Text mit der Sigle O und der entsprechenden Seitenzahl zitiert.
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ohne sich dessen bewusst zu sein. Erst mit der Erkenntnis des Narziss „Ich bin es selbst!“ („iste ego sum!“ [O 51]) wird sein Irrtum aufgelöst und der zweite Teil des Mythos, Narziss’ sehnsuchtsvolles Schauen bis zum Tod und seine Verwandlung in eine Narzisse, nimmt seinen Lauf.
Trotz Ovids kanonischer Bedeutung gehen die Bearbeitungen des Mythos relativ frei mit dem ursprünglichen Motivinventar um. So kann Narziss sowohl eine als auch mehrere Personen sein, sowohl männlich als auch weiblich (als Narzissa). Der narzisstischen Persönlichkeit können ebenfalls eine oder mehrere Personen zur Seite stehen, die sich unglücklich in ihn verlieben und so eine Spiegel- bzw. Echofunktion einnehmen. Echo als eigene Figur gehört nicht zum festen Inventar der Mythenausformungen. 5 Fester Bestandteil des Motivinventars ist hingegen das Spiegelmotiv. Die entsprechende Figur spiegelt sich in Etwas oder in Jemandem wieder und verfällt einer extremen Art des Selbstbezugs bis hin zum Autoerotismus.
Der im Spiegelmotiv enthaltene Irrtum des Ovidschen Narziss impliziert einen eindeutig homoerotischen Aspekt, da Narziss sein Gegenüber als Jüngling erkennt. Betrachtet man allerdings die Narziss-Version des griechischen Mythographen Konon (1. Jh.v./1. Jh. n. Chr.), so kann man bei Ovid eine starke Abschwächung der Homoerotik feststellen. Bei Konon hat Narziss ausschließlich männliche Verehrer, von denen einer schließlich Selbstmord begeht, da Narziss ihn abgewiesen hat. Narziss wird von Eros mit Selbstliebe bestraft und bringt sich zum Schluss ebenfalls um. 6 Durch die Figur der Echo bricht Ovid diese Homoerotik auf, dennoch bleibt sie im Irrtum des Narziss enthalten, jedoch eher in Form einer Autoerotik. 7
Der Aspekt der Homo- bzw. Autoerotik und die daraus resultierende Unfruchtbarkeit der Beziehung von Narziss zu dem Objekt seiner Sehnsucht blieb im Mythos enthalten und diesen Aspekt möchte ich an ausgewählten literarischen Texten in dieser Arbeit herausarbeiten. Im Zentrum werden vier Primärtexte stehen, die ihre narzisstischen Protagonisten als in vielfacher Hinsicht unfruchtbare Menschen darstellen. Hierbei habe ich mich für John Miltons Paradise Lost, Nikolaus Lenaus Gedicht „Anna“, Oscar Wildes Roman The Picture of Dorian Gray und Anton Tschechows Erzählung „Ariadna“ entschieden.
Beginnen möchte ich jedoch mit einem stoffgeschichtlichen Überblick. Folgend werde ich beleuchten, inwiefern der Narziss-Mythos durch die Psychoanalyse eine pejorative
5 Vgl. Christine Walde: „Narcissus im Mittelalter: nach Ovid - vor Freud.“ In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2002, S. 41-61, S. 42.
6 Vgl.: Konon: Fragment 24: Narkissos. [ 1. Jh. v./1. Jh. n. Chr]. In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig: Reclam 2 2005, S. 55.
7 Glenn W. Most: „Freuds Narziß: Reflexionen über einen Selbstbezug.“ In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2002, S. 117-131, S. 122. 4
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Konnotation erfahren hat. In Vorarbeit zu den Primärtexten wird das Liebeskonzept des Ovidschen Narziss zu formulieren sein, bevor ich zu der Darstellung des ‚fruchtlosen’ Narziss in der Literatur komme.
2. Der Mythos und seine Entwicklung
2.1 Vor Freud - Literarische Arbeit am Mythos
Es ist nicht genau bekannt, auf welche Quellen Ovid sich bei seiner Bearbeitung des Mythos bezieht 8 , allerdings lässt sich feststellen, dass von ihm benutzte Motive, wie die Bestrafung des Narziss für die Ablehnung aller Liebe, die Verbindung mit Echo, das Spiegelmotiv, der Irrtum und die Verwandlung in eine Narzisse, die Entwicklung des Mythos stark geprägt haben. Die Mythen-Rezeption in den folgenden Jahrhunderten fußt im Wesentlichen auf der Version Ovids, stellt aber jeweils unterschiedliche Motive in den Vordergrund. Anders als bei Ovid beschränkt sich der inhaltliche Kern vieler Überarbeitungen auf die Aussage, Narziss habe sich der Selbstliebe ‚schuldig’ gemacht und versterbe letztendlich an den Konsequenzen seiner Sehnsucht. Von einer solchen ‚Schuld’ ist bei Ovid noch keine Rede. Die negative Konnotation der Eigenliebe setzt erst mit Augustinus im 4. Jahrhundert n. Chr. ein und wurde in Folge als „widergöttliche Selbstsucht“ 9 bewertet.
Im Mittelalter hatte die Ovid-Rezeption einen hohen Status erlangt, vor allem was die Metamorphosen betrifft, und dementsprechend kam es zu einer Fülle von Narziss-Varianten. 10 Zumeist stand hierbei das Motiv des Irrtums im Vordergrund, wohingegen der homoerotische Aspekt gänzlich ausgelassen wurde. Der ‚pagane’ Mythos erfuhr in gewisser Weise eine religionskonforme Umarbeitung. Die Narziss-Versionen erhielten eine starke moralische Intention und wurden in enger Verbindung mit dem vanitas-Konzept gelesen. Narziss wird zum Exempel für hoffnungslose Liebe, er ist Opfer einer Illusion und offenbart die Gefahr der Hingabe an vergängliche Schönheit. Er erhält hierbei eine zunehmend negative Konnotation; dem Leser wird die Nichtigkeit seiner Selbstliebe demonstriert. Interessanterweise kommt in der mittelalterlichen Tradition des Mythos dem Geschlecht des Narziss keine primäre
8 Vgl. Orlowsky (1992): Einleitung, S. 29.
9 Orlowsky (1992): Einleitung, S. 58.
10 Christine Walde sieht diese Entwicklung weniger durch die literarische Qualität der Metamorphosen erwirkt, sondern eher durch die Fülle von „betörenden Geschichten“, von denen Ovid in seinem Werk berichtet. Um die Rezeption auf der Basis einer solchen ‚profanen’ Motivation zu rechtfertigen, wurden die Mythen gemäß einer „systemkonformen Interpretation“ dem eigenen christlichen Weltbild passend umgedeutet. Vgl. Walde (2002): Narcissus im Mittelalter, S. 44-45. 5
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Bedeutung zu. Die Moral gilt hierbei grundsätzlich für beide Geschlechter. 11 Ab dem 16. Jahrhundert rückte die rationalistisch-allegorische Deutung in den Vordergrund. 12 Der Mythos wurde zu einem Symbol der hoffnungslosen Liebe, wobei sowohl Narziss als auch Echo als Verkörperungen dieser Art von Liebe dienten. Durch Francis Bacons theoretische Auseinandersetzung wird Narziss schließlich zum Symbol für die Selbstliebe. Die Varianten des 17. Jahrhunderts legen das Gewicht verstärkt auf die abgewiesene Echo 13 , daneben erhält der Mythos durch die sich verbreitenden aufklärerischen Ideen in gewisser Weise eine Entmystifizierung bzw. Entallegorisierung. In der Entwicklung des Mythos kommt es in Form von literarischen Travestien oder burlesken Gedichten zu einer komischen Wende, welche die Moral in Frage stellt bzw. umkehrt. 14 Das 18. Jahrhundert führte diese burleske Tradition weiter. 15 Die Figur des Narziss erhält hierbei eine Aufwertung seiner Körperlichkeit, allerdings in der Art eines „oszillierenden Körperbildes“ 16 , als Androgyn.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert erfuhr das Spiegelmotiv in der Mythenrezeption eine starke Aufwertung, in erster Linie durch Johann Gottfried Herder und August Wilhelm Schlegel. Narziss als der leidende Künstler wird zum Motiv der Romantik; der Spiegelaspekt der Seele und die Gefahr der Selbstbespiegelung prägt die Narziss-Adaptionen dieser Zeit. 17 Der Mythos entfernt sich unter dem Einfluss eines modernen Subjektbegriffs von dem Aspekt der Eitelkeit und macht den Schritt hin zur Selbstreflexion. 18 Narziss wird zur Verkörperung des sich von der Welt abwendenden Dichters der Romantik. Diese Form der Selbstreflexion ist rein körperlich gesehen eine grundlegend unproduktive Art der Liebe und die latente Erotik
11 Vgl. Walde (2002): Narcissus im Mittelalter, S. 59.
12 Vgl. Elisabeth Frenzel: „Art. Narziss.“ In: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Kröner 2005, S. 566-572, S. 568.
13 Frenzel (2005): Art. Narziss, S. 568.
14 Vgl. Almut-Barbara Renger: „Vorwort.“ In: Dies.: Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig: Reclam 2 2005, S. 14-20, S. 17. In Kapitel V des von Almut-Barbara Renger herausgegebenen Buches findet sich eine Sammlung von Mythen-Bearbeitungen unter dem Titel „Travestie und Burleske. Narziß und Echo als Beispiele für die Torheit der Liebenden.“ Vgl. Almut-Barbara Renger (Hg.): Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig: Reclam 2 2005, S. 97-112.
15 Den Aspekt der Travestie und der damit verbundenen Täuschung betont Jean-Jacques Rousseau in seiner Sittenkomödie Narcisse ou l’amant de lui-même (1752), wenn er den Protagonisten Valère sich in ein Foto von sich selbst in Frauenkleidern verlieben lässt. Valère erkennt das Foto nicht als Abbild seiner selbst und wird wie Narziss ist unbewusster Weise ein „Liebhaber seiner selbst“. Vgl. Bettina Rommel: „Narziss als Androgyn: Die Modellierung des jungen Mannes in Rousseaus Komödie Narcisse (1752/53).“ In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2002, S. 63-78, S. 64.
16 Rommel (2002): Narziss als Androgyn, S. 77.
17 Vgl. Frenzel (2005): Art. Narziss, S. 570.
18 Vgl. Almut-Barbara Renger: „Vorwort: Narcissus - »Selbsterkenntnis« und »Liebe als Passion«. Gedankengänge zu einem Mythos.“ In: Dies.: Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2002, S. 1-11, S. 3-4. 6
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des ursprünglichen Mythos wird zu simulierter Autoerotik. 19 Narziss als Dichter verharrt in „unproduktiver Kontemplation“ 20 vor dem Spiegel seiner Seele.
In der Epoche der Décadence bzw. des Fin de siècle bekommen die Motive des Lebensgeizes und des Egoismus stärkere Betonung. Die Figur des Narziss wird verstärkt auf das Thema der Kunst und die Person des Künstlers bezogen. Das Spiegelmotiv wird zum Träger von Selbsterkenntnis; Narziss selbst wird zu einer geradezu asketischen Figur, die Liebe als „Verminderung und Verschwendung des eigenen Ichs“ 21 interpretiert. Die Neuromantiker führen die Motive der Ichbezogenheit und der Selbstbespiegelung weiter, eine starke neue Prägung erhält der Mythos allerdings zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die sexualtheoretischen Ansätze Sigmund Freuds. In seiner Schrift Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie aus dem Jahre 1905 benutzt Freud den Begriff „Narzissmus“ im Sinne einer sexuellen Perversion, bei welcher der eigene Körper als Sexualobjekt gesehen wird. Diese Betonung auf den Bereich des Autoerotismus und der Homoerotik des Narziss macht die psychoanalytische Prägung des Mythos aus. In gewisser Weise setzt mit Freud ein pejorativer Wortgebrauch ein, der den Begriff Narzissmus von seinem mythologischen Ursprung entfernt.
2.2 Pejoration des Begriffs durch die Sexualforschung und die Psychoanalyse
Die ersten Erwähnungen des Neologismus ‚Narzissmus’ finden sich Ende des 19. Jahrhunderts bei dem amerikanischen Psychologen Havelock Ellis und dem deutschen Psychiater Paul Näcke. Mit dem Begriff bezeichnen sie eine Art von homosexueller Perversion, die durch eine ausgeprägte Autoerotik gekennzeichnet wird. 22 Auf die betroffene Person wirke, laut Näcke, der Anblick des eigenen Körpers im Spiegel übermäßig erregend und induziere Selbstbefriedigung. Diese Art von Homo- bzw. Autoerotik finde ihren Fortgang in der Verweigerung von romantischer Liebe und Generativität und bedeute demnach die Verwerfung familialer Ordnung. 23 Ein Narziss(t) lehnt folglich eine Sexualität im Sinne einer körperlichen Fortpflanzung ab und beschränkt sich auf eine autoerotische Form von Sexualität.
19 Vgl. Orlowsky (1992): Einleitung, S. 64.
20 Orlowsky (1992): Einleitung, S. 64.
21 Frenzel (2005): Art. Narziss, S. 571.
22 Vgl. Ursula Orlowsky: „Narzissmus-Theorien im Aufriß.“ In: Orlowsky, Rebekka u. Ursula Orlowsky: Narziß und Narzißmus im Spiegel von Literatur, Bildender Kunst und Psychoanalyse. Vom Mythos zur leeren Selbstinszenierung. München: Wilhelm Fink Verlag 1992 , S. 361-411, S. 362.
23 Vgl. Erhart (2002): »Wundervolle Augenblicke«, S. 112. 7
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Bei Sigmund Freud taucht der Begriff zuerst im Zusammenhang des „kindlichen Narzissmuss“ auf, als eine Entwicklungsphase, in der Kinder sich selbst zum Sexualobjekt nehmen. 24 Mit der Zeit entwickelte Freud eine dezidiertere eigene Narzissmus-Theorie, der es Orlowsky folgend allerdings zum Teil an Kohärenz mangelt. 25 Die originär Freudsche Differenzierung in primären und sekundären Narzissmus offenbart eine Doppelnatur des Narzissmus. Der primäre Narzissmus bezeichnet den ‚kindlichen’ Narzissmus. Der sekundäre Narzissmus hingegen ist eine neurotische Ausformung im Erwachsenenalter. Freud benutzt den Begriff, ähnlich wie Havelock und Näcke, im Zusammenhang mit (homo)sexueller Perversion, bei der die Libido der Außenwelt ‚entzogen’ und auf den eigenen Körper gerichtet wird. Ebenso wie beim primären Narzissmus wird der eigene Körper in gewisser Weise zu einem Sexualobjekt; es kommt zu einer Fusion von Objekt und Subjekt im Selbstverständnis des Betroffenen.26 Dies hat den Verzicht auf eine libidinöse Beziehung zu anderen Personen zur Folge und daraus resultiert eine Separierung von der Außenwelt. Bleibt der Narzisst um Ausleben seines Narzissmus ‚konsequent’, ist eine Fortpflanzung demnach ausgeschlossen und er verweigert sich der menschlichen Generativität.
Lou Andreas-Salomé beschäftigte sich, inspiriert durch Freud, ebenfalls mit dem Narzissmus-Konzept. Sie versteht Narzissmus allerdings in Abweichung von der Freudschen Theorie als eine Verschmelzung von Ich- und Sexualtrieb und warnt davor, den Begriff als bloße Tautologie einer krankhaften Selbstliebe zu verstehen. 27 Sie sieht im Narzissmus eine sich nicht zeitlich (als Phase), sondern räumlich konstituierende Doppelrichtung; als einen verschmelzenden Moment, den Freud nicht sehe. 28 Ähnlich wie Andreas-Salomé wehrte sich Herbert Marcuse in seiner Schrift „Triebstruktur und Gesellschaft“ gegen eine ausschließlich pejorative Interpretation des Narzissmus-Begriffs. 29 Laut Marcuse würden sich in dem Bild des Narziss „erotisch-sinnliche und ästhetische Möglichkeiten“ 30 befreit zeigen - ein durchaus positives Bild. Allerdings sieht auch Marcuse Narziss, ähnlich wie Freud, als Verweigerer von Liebe und zeugender Sexualität. Der amerikanische Psychotherapeut Alexander Lowen führt
24 Vgl. Sigmund Freud: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.“ [1905]. In: Ders.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und verwandte Schriften. Hg. v. A. Mitscherlich. Frankfurt/Main: Fischer 1974 S. 22.
25 Ausführlich: Orlowsky (1992): Narzissmus-Theorien im Aufriß, S. 362-370.
26 Vgl. Sigmund Freud: „Einführung in den Narzißmus.“ [1914]. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3: Psychologie des Unbewußten. Hg. v. A. Mitscherlich. Frankfurt/Main: Fischer 1975, S. 37-68, S. 41.
27 Vgl. Lou Andreas-Salomé: „Narzißmus als Doppelrichtung.“ [1921] (Auszüge). In: Almut-Barbara Renger (Hg.): Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig: Reclam 2 2005, S. 202-209, S, 203
28 Vgl. Erhart (2002): »Wundervolle Augenblicke«, S. 114.
29 Vgl. Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1971, S. 158-170. [1965]
30 Orlowsky (1992): Narzissmus-Theorien im Aufriß, S. 386. 8
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2009, Der 'fruchtlose' Narziss in der Literatur - die Ablehnung von Generativität, München, GRIN Verlag GmbH
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