1. Problemstellung, Themenbegründung und Ziele der Arbeit 1
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1. Problemstellung, Themenbegründung und Ziele der Arbeit
Der Anlass, mich mit dem Thema Angst in meiner 3. Klasse zu befassen, lässt sich auf mehrere Beweggründe zurückführen.
Zum einen konnte ich in den ersten beiden Wochen (Januar 2008), in denen ich die Klasse 3a im Sportunterricht durch Hospitieren kennen lernen durfte, sowohl Schülerinnen und Schüler 3 beobachten, bei denen ich den Eindruck hatte, dass sie bei bestimmten Übungen und Situationen Angst hatten, aber auch Kinder, die es wohl sichtlich genossen, sich auf wagemutige Bewegungserfahrungen einzulassen.
Zum anderen konnte ich im Eifer des Unterrichts mir von früher wohlbekannte Äußerungen hören wie: „Jetzt stell’ dich doch nicht so an!“ oder (leicht genervt) „Was ist denn nun schon wieder los?“ Am Anfang ärgerte ich mich sehr über diese unbedachten Lehrer-, manchmal auch Schüleräußerungen. Mit der Zeit wurde mir jedoch bewusst, dass dies wohl keine böse Absicht seitens der Lehrkraft war, sondern vielmehr ein Kommunikations- und Sensibilitätsproblem darstellte. Ich fragte mich: „Kann es mir gelingen, den Sportunterricht so zu gestalten, dass die Kinder in der Lage sind, ihre Ängste wahrzunehmen, ihnen zu begegnen und sich mit ihnen konstruktiv auseinanderzusetzen?“
Das Vorhaben schien mir insofern etwas gewagt, da ein Lernerfolg, der auf der subjektiven Gefühlswelt eines jeden Kindes beruhen würde, vermutlich schwieriger zu überprüfen sei, als es beispielsweise bei der Verbesserung einer Bewegungstechnik der Fall sein würde. Äußerungen eines Lehrers wie: „Was sind denn deine operationalisierten Lernziele?“ oder „Das Projekt muss vollständig durchgeplant sein!“ irritierten mich zuerst, machten mich anschließend wütend und führten mich schließlich zur Entscheidung, es dennoch auf meine Weise zu probieren.
Als nächstes stieß ich auf folgende, mich in meinem Vorhaben unterstützende, Aussage des Bildungsplanes:
(Bildungsplan Grundschule Ba-Wü 2004, S. 11)
Meine Suche im Bildungsplan 2004 nach konkreten Methoden zur Angsterkennung bzw. -überwindung führte jedoch zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis. So versuchte ich im
3 Im Folgenden wird für Schülerinnen und Schüler die Abkürzung Ss verwendet (auch im Akkusativ). Der Begriff „Schüler“ im Singular beinhaltet Mädchen und Jungen gleichermaßen.
1. Problemstellung, Themenbegründung und Ziele der Arbeit 2
__ Praxisteil meiner Arbeit – vorrangig durch Beobachtung – selbst nach Hinweisen zu suchen, wie sich wohl Ängste, die nicht von den Ss verbalisiert werden, erkennen lassen. Mir war klar, dass ein angstfreier Sportunterricht weder erstrebenswert noch umsetzbar sei, aber der Versuch, die Ängste der Kinder zumindest wahr- und ernstzunehmen, und sie nicht einfach zu ignorieren und ihnen bei ihrer Überwindung zumindest teilweise helfen zu können, hielt ich für möglich.
Oberste Priorität setzte ich in den Anspruch, den Unterricht so zu gestalten, dass die Ss die Erfahrung machen durften, dass ihre Ängste, gleich welcher Art, nicht invalidiert oder bewertet wurden nach dem Motto: „Davor brauchst du doch keine Angst zu haben!“ oder „Was?! Davor hast du Angst?“ Auf der Grundlage dieses Verständnisses von Unterrichtsgestaltung ist es somit ein Anliegen, in meinem Vorhaben den Kindern deutlich zu machen, dass Ängste im Sportunterricht wie auch im Leben sonst, eine Berechtigung haben, die uns als Signalgeber unsere Grenzen aber auch unsere Möglichkeiten zur Weiterentwicklung aufzeigen.
Meine bereits gemachten Beobachtungen im Sportunterricht wollte ich zuerst durch einen Fragebogen zum Thema Angst überprüfen. Außerdem sollten die Kinder die Möglichkeit haben, ihre Strategien zum Umgang mit der Angst im Sportunterricht zu äußern.
Anhand der Ergebnisse des Fragebogens und meiner Beobachtungen konzipierte ich dann meinen Unterricht, den ich im Folgenden noch präziser darstellen werde. An oberster Stelle stand bei mir die Schülerorientierung, was mit einschloss, dass sich das Projekt gemeinsam mit den Ss entwickelte und nicht von der ersten Stunde minutiös durchgeplant war.
So versuchte ich – sowohl mit den wagemutigen als auch den eher ängstlichen Kindern – unter Berücksichtigung der zentralen Aufgaben des Fächerverbundes BSS einen Unterricht zu gestalten,
(vgl. Bildungsplan Ba-Wü 2004, Leitgedanken zum Kompetenzerwerb: Zentrale Aufgaben im Fächerverbund Bewegung, Spiel und Sport (BSS), S. 114)
2. Angst im Sportunterricht der Grundschule 3
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2. Angst im Sportunterricht der Grundschule
2.1 Zum Angstbegriff
GÄRTNER-HARNACH beschreibt verschiedene Merkmale, um den Begriff der Angst näher zu bestimmen. 3
• Angst ist eine emotionale Reaktion auf eine Gefahrensituation oder auf das Vorhersehen einer solchen.
• Die Situation wird als unangenehm wahrgenommen und ist von physiologischen Veränderungen (z.B. Zittern, Erblassen, Weinen, Blutdruckanstieg, Schweißausbruch) begleitet.
• Angst ruft Verhaltensänderungen (Flucht, Kampf, etc.) hervor. Eine allgemein akzeptierte Definition der Angst ließ sich auch aus umfangreicher Literaturrecherche nicht ableiten. In vorliegender Arbeit lehne ich mich an die Definition von GÄRTNER-HARNACH an, da sie meines Erachtens die wesentlichen Elemente der Angst erfasst und praxisnah beschreibt.
Die Begriffe „Angst“ und „Furcht“ werde ich synonym verwenden, da es in der Sportpraxis sehr schwierig ist, objektbezogene Furcht und objektlose, vage Angst eindeutig zu differenzieren. So können sich hinter der Angst vor einem „Sportgerät“ (objektbezogen) andere Ängste verbergen, wie z.B. die Angst vor Blamage oder die Angst, vom Sportlehrer kritisiert zu werden. Die synonyme Verwendung der Begriffe schließt selbstverständlich den Versuch, die Ängste der Kinder möglichst präzise zu erfassen, nicht aus.
2.2 Angstformen im Sportunterricht
In der allgemeinen Literatur zum Thema „Angst“ wird eine Fülle von verschiedenen Angstdimensionen genannt. Empirische Untersuchungen, welche die Angstformen im Sportunterricht zu differenzieren versuchen, liegen bisher jedoch nur vereinzelt vor. Als spezifisch im Sportunterricht sozialisierte Formen der Angst beschreibt BOISEN 4 :
1. Die Angst vor Misserfolg
2. Die Angst vor körperlicher Verletzung
3. Die Angst vor Blamage
3 Vgl.- GÄRTNER-HARNACH: In BOISEN, M.: Angst im Sport. 1975. S. 8
4 Vgl. BOISEN, M.: Angst im Sport. 1957. S. 36
2. Angst im Sportunterricht der Grundschule 4
__ 2.3 Erscheinungsformen der Angst
Außer einer gewissen Sensibilität, die hilfreich ist, manche Ängste auch intuitiv wahrnehmen zu können, ist es für den Sportlehrer unabdingbar, spezifische Reaktionsformen der Angst im Sportunterricht zu erkennen.
Anhand den Beschreibungen von VORMBROCK 5 sowie KLUPSCH-SAHLMANN/KOTTMANN 6 und meinen eigenen Beobachtungen habe ich folgende Übersicht erstellt:
Abb. 1: Erscheinungsformen von Angst im Sportunterricht
2.4 Maßnahmen zur Angstbewältigung im Sportunterricht
Laut VORMBROCK 7 ist es im Sportunterricht äußerst wichtig, die Ss mit ihren Ängsten nicht alleine zu lassen. Erst durch das Akzeptieren von Angstgefühlen können Maßnahmen zur Angstkontrolle ergriffen werden. Werden Ängste über lange Zeit unterdrückt, können sie so stark werden, dass die betroffene Person nur noch mit Flucht oder Abwehr reagieren kann, um sich den bedrohlichen Gefühlen zu entledigen.
5 Vgl. VORMBROCK, F.: In Formen von Angst im Sportunterricht und Möglichkeiten ihrer Bewältigung im Sportunterricht. 31 (10) 1982. S. 382 6 Vgl. KLUPSCH-SAHLMANN/KOTTMANN 1992, S. 13.
7 Vgl. VORMBROCK, F.: In Formen von Angst im Sportunterricht und Möglichkeiten ihrer Bewältigung im Sportunterricht. 31 (10) 1982. S. 379-386
2. Angst im Sportunterricht der Grundschule 5
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Auch aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich der Argumentation VORMBROCKS, dass Maßnahmen zur Angstkontrolle sehr verschieden und individuell unterschiedlich wirksam sein können, voll zustimmen. Deshalb sollten dem Lehrer als auch den Ss mehrere Möglichkeiten zur Angstbewältigung bekannt sein.
2.4.1 Methodische Maßnahmen
Durch gezielte methodische Maßnahmen können dem Auftreten vieler Ängste, wie beispielsweise vor Sturz und Unbekanntem, entgegengewirkt werden. Folgende Grundsätze sollten dabei berücksichtigt werden: 8
• Vom Bekannten zum Unbekannten:
Bekannte Situationen, Personen, Geräte, Gerätekombinationen und bereits erlernte Bewegungen verleihen den Ss Sicherheit und stabilisieren ihr Selbstvertrauen. Auf dieser Grundlage können neue Bewegungshandlungen etc. aufgebaut werden.
• Vom Einfachen zum Schwierigen:
Durch die zu überwindenden Hindernisse im Sportunterricht und dem subjektiven Erreichbarkeitsgrad der gestellten Aufgaben, werden die Ss mit unterschiedlichen Problemen und Schwierigkeiten konfrontiert. Die Aufgaben sind deshalb so zu stellen, dass sie dem Ss noch möglich erscheinen. Erst wenn eine einfache Aufgabe sicher und angstfrei beherrscht wird, darf ein erhöhter Schwierigkeitsgrad gefordert werden.
• Innere Differenzierung:
Aufgrund spezifischer Lernvoraussetzungen können im Rahmen einer Übungseinheit verschiedene Gruppen gebildet werden. Bei dieser Differenzierung kommen verschiedene inhaltliche Aufgaben, unterschiedliche methodische Maßnahmen und der Wechsel der Organisationsformen zur Anwendung. Die Merkmale einer inneren Differenzierung sind z.B. Leistungsunterschiede, Körpergröße, Geschlecht, konditionelle und koordinative Voraussetzungen.
2.4.2 Pädagogische Maßnahmen
• Eingeständnis der Angst:
Die Ss sollten dazu ermutigt werden, sich ihre individuellen Ängste bewusst zu machen und einzugestehen. Erst wenn der angstauslösende Gegenstand bewusst erkannt wird, können Maßnahmen zur Vermeidung bzw. Verarbeitung ergriffen werden.
Bereits das Aussprechen der Angst bei einer vertrauten Person kann die Bedrohlichkeit einer Situation oder Aufgabe reduzieren.
• Kleingruppen:
Kleingruppen haben eine angstreduzierende Wirkung. Unter Kleingruppe wird eine Gruppe von nicht weniger als drei und nicht mehr als fünf bis sechs Gruppenmitgliedern verstanden. 9
8 Vgl. BAUMANN, S.: Psychologie im Sport. 1993. S. 258
9 Vgl. ANGERMEIER, W.: In: BOISEN, M.: Angst im Sport. 1975. S. 59
Arbeit zitieren:
Sonja Pelechowytsch, 2008, Angst in der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
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