1. Einleitung
In ganz Europa verstreut gibt es zahlreiche Zwillingsstädte, die unmittelbar benachbart und durch eine Staatsgrenze geschieden sind. Sie waren einst eine Einheit, wurden aber durch Grenzziehungen, infolge von Kriegen oder Nationalstaatsbildungen, voneinander getrennt. Eine Vielzahl der geteilten Städte liegt in Ostmitteleuropa und hatte im Laufe der Geschichte ganz besonders unter den zum Teil erkalteten Beziehungen zwischen den benachbarten Staaten zu kämpfen. In jenen Doppelstädten, die im 20. Jahrhundert immer wieder durch Grenzen geteilt wurden, verlief die Nationalstaatsbildung durch rassistische Kriege gewaltvoller. Dies war vor allem während des Nationalsozialismus und des II. Weltkrieges der Fall, da, im Besonderen, in deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Grenzstädten ethnische Säuberungen vollzogen wurden. Aber auch zur Zeit des Ostblocks wurde die Zusammenführung der Grenzstädte nur bedingt unterstützt. Eine Kommunikation zwischen den Städteteilen wurde oft durch Grenzkontrollen und erschwerte Ausreisen verhindert. Somit kann die Geschichte als ein eher teilender, statt integrierender Faktor für Zwillingsstädte betrachtet werden.
Diese Arbeit beschäftigte sich, in Hinblick auf das durch vergangene Ereignisse erschwerte Verhältnis der deutsch-polnischen Zwillingsstädte, mit der Beziehung der Doppelstadt Görlitz/ Zgorzelec. Jedoch soll der Schwerpunkt nicht auf der Darstellung geschichtlicher Fakten beruhen, sondern vielmehr wird dadurch ein Bezug auf die heutige und die zukünftige Situation dieser Doppelstadt genommen. Gezeigt werden daher sowohl die bisherigen Ergebnisse der städtischen Zusammenarbeit als auch die Zukunftsszenarien, die für Görlitz/ Zgorzelec im Zuge des Projekts „Stadt 2030“ entworfen wurden. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt auf der Betrachtung dieses Projektes, wobei auch eine Einschätzung der Erfolgschancen und das Aufzeigen der bis heute - seit 1990 - erreichten Resultate dargestellt werden. Die jeweiligen Bereiche, in denen die Kooperation schon gestärkt bzw. weiterhin aufgebaut werden soll, werden im Einzelnen vorgestellt. All dies wird unter Berücksichtigung der deutsch-polnischen Grenze und in Hinblick auf die Frage, ob diese Grenze heutzutage noch ein wirkliches Hindernis bei der Zusammenarbeit ist, untersucht. Seit dem Beitritt Polens in die Europäische Union im Jahr 2004 und der Bewerbung Görlitz/ Zgorzelecs zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 wurden einige Bücher über die Stadt Görlitz veröffentlicht. Die meiste Literatur bezieht sich jedoch auf die Geschichte beider Stadtteile und ihre Zukunftspläne. Publikationen auf Deutsch, die sich speziell mit Zgorzelec befassen, sind kaum zu finden, aber viele der in Sachsen herausgegebenen Bücher enthalten
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im Gegenzug Kapitel in deutscher und polnischer Sprache. Dies ist der Zusammenarbeit von Historikern und Schriftstellern beider Nationalitäten zu verdanken, was keine Seltenheit ist. Neben diesen Werken, die ausschließlich Görlitz und Zgorzelec thematisieren, existieren auch Quellen, die das deutsch-polnische Grenzleben und die geteilten Städte an Oder und Neiße betrachten und somit allgemeine Informationen bieten.
Weiterhin dienen Berichte aus lokalen Zeitungen und Informationen aus dem Internet (beispielsweise die offizielle Homepage von Görlitz - www.görlitz.de) dazu die aktuelle Situation in dieser Zwillingsstadt zu erfassen.
2. Die Entwicklung von Görlitz und Zgorzelec seit 1950
Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und des II. Weltkrieges wurden einige Projekte initiiert, die zum Wiederaufbau und zur Stärkung des polnischen Staates führen sollten. Eines der entscheidendsten Ereignisse war die Unterzeichnung des Görlitzer Vertrags am 6. Juli 1950, ein Abkommen zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen über die Markierung der festgelegten deutsch-polnischen Staatsgrenze. Auf dieser Basis konnte eine Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten und somit auch zwischen Görlitz und Zgorzelec aufgebaut werden. Jedoch verlief die Kooperation anfangs nur auf politischer Ebene. Eine wichtige Aufgabe beider Regierungen war es, die Akzeptanz der Oder-Neiße-Grenze und des Görlitzer Vertrags in den Köpfen der Bevölkerung zu stärken. Einen weiteren Schritt in diese Richtung stellte die Beseitigung der Unkenntnis der deutschen Bevölkerung über den neuen polnischen Staat dar.
Ein persönliches Kennen lernen der Einwohner von Görlitz und Zgorzelec wurde jedoch durch die geschlossene Grenze und die strengen militärischen Bestimmungen erschwert, auch wenn diese als Friedensgrenze propagiert wurde. 1 Erst nach 1956 konnte eine Annäherung der beiden Städte durch die Auflockerung der Grenze erfolgen. Dies war zum Teil möglich, weil die UdSSR die Verantwortung über die Kontrollen der DDR-Grenzen an die Deutsche Demokratische Republik übergab. Zu Beginn der 1970er Jahre wurde sehr plötzlich sogar beschlossen, den pass- und visafreien Verkehr an der deutsch-polnischen Grenze einzuführen. Somit wurde auch ein persönliches Kennen lernen der Menschen aus Görlitz und Zgorzelec möglich, beispielsweise durch ein jährliches Volks- und Jugendfest. Doch bereits im Jahr 1980 beschloss die DDR-Regierung, die Grenze zu Polen wieder zu schließen, aus Angst, dass sich die dortige Solidarnoü-Bewegung mitsamt ihrer
1 Siehe dazu: Jajeniak-Quast, Dagmara/ Stokáosa, Katarzyna: Geteilte Städte an Oder und Neiße, S. 67.
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demokratischen Ideen auf den eigenen Staat ausbreiten könnte. Dennoch fanden 1982 Die Tage der polnischen Kultur in Görlitz statt. Hierbei handelte es sich um ein Festival, das unter anderem Fotoausstellungen und Konzerte von Musikschülern aus Görlitz und Zgorzelec beinhaltete und die lange freundschaftliche Beziehung zwischen der geteilten Stadt auffrischen sollte. 2 Trotzdem trugen die Grenzschließung und die Einführung eines Visums zur Erkaltung der deutsch-polnischen Kooperation an der Grenze bei. Dies änderte sich erst mit der Wiedervereinigung Deutschlands bzw. dem Zusammenbruch des Ostblocks. So wurde 1991 ein Partnerschaftsabkommen zwischen Zgorzelec und Görlitz geschlossen, das eine Zusammenarbeit der Zwillingsstadt auf fast allen Bereichen des kommunalen Lebens - wie Wirtschaft, Schulwesen, Handel und Tourismus - vorsah. Es kam zu einer Verbesserung der Kooperationsvoraussetzungen zwischen den Menschen beider Stadthälften, jedoch waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht gleichermaßen vorhanden, da die EU-Grenze direkt durch die Stadt führte. Diese wirtschaftliche Ungleichheit äußerte sich im Einkaufstourismus, der vermehrt zum Problem in allen polnischen Grenzstädten wurde. Weiterhin lässt sich eine enorme Arbeitsmigration aus dem ärmeren Polen (bzw. aus Zgorzelec) in das reichere Deutschland (bzw. nach Görlitz) beobachten. Dieser Punkt soll jedoch erst im nächsten Kapitel näher betrachtet werden. Erst mit der Osterweiterung der Europäischen Union am 01. Mai 2004 konnte Zgorzelec, sowie der Rest Polens, die Stellung eines angeseheneren und gleichberechtigteren Partners als Mitglied der EU einnehmen. Der Beitritt Polens stellt somit auch einen weiteren Schritt in die Zukunft von Görlitz und Zgorzelec als zusammenwachsende und kooperierende Zwillingsstadt dar.
Von großer Bedeutung für die Doppelstadt war die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010. Hierbei stehen Görlitz und Zgorzelec für die Idee, eine Stadt zweier Nationalitäten zu schaffen, die als Sinnbild des europäischen Einigungsprozesses anzusehen ist und die von einer Randlage ins Zentrum gerückt ist und künftig ein Stück des neuen Europas bilden soll. 3 Unter dem Leitspruch From the middle of nowhere to the heart of Europe 4 machte Görlitz/ Zgorzelec als Symbol des neuen Europas und als Kulturstadt in der Mitte Europas auf sich aufmerksam. In diesem Zusammenhang war es wichtig gemeinsame Entscheidungen für die Europastadt zu fällen und die Entwicklung der Stadt zu einer einheitlichen Europaregion voranzutreiben. Auch wenn der Titel Kulturhauptstadt 2010 in der Wahl vom 11.
2 Vgl. Ebenda, S. 99.
3 Vgl. www.khs2010.de.
4 Beschreibung der Bewerbung: www.görlitz.de.
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April 2006 nicht der Zwillingsstadt verliehen wurde, konnte sie dadurch mehr denn je auf sich und ihre Zukunftspläne aufmerksam machen.
3. Das Projekt „Stadt 2030“
Im Zuge des angestrebten EU-Beitritt Polens und der Vorbereitung auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010, formulierte Görlitz/ Zgorzelec das Projekt „Stadt 2030“. Hierbei handelt es sich um eine Art Vorarbeit auf eine engere, gemeinsame Zukunft und unerwartete Risiken mittels einer szenariengeleiteten Strategie- und Leitbildentwicklung 5 . Durch einen gezielten Dialog der lokalen Akteure in Polen und Deutschland wurde es möglich, gemeinsame Leitbilder auf den Bereichen der Kooperation, der Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung, der Elitenvernetzung und der Wissens-und
Informationsverbreitung zu entwickeln, die es bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden sollen. Diese einzelnen Szenarien werden im Folgenden genauer vorgestellt. Aber nicht nur die Bürgermeister und Stadträte beschäftigten sich mit der Zukunft der Zwillingsstadt. Auch die Bürger konnten im Internet und mithilfe der FutureCards 6 auf die Situation ihrer Heimatstadt aufmerksam machen und selbst in einigen Projekten mitwirken. Somit kann behauptet werden, dass das Projekt „Stadt 2030“ das bisher größte Unterfangen von Görlitz/ Zgorzelec in der Nachkriegszeit ist. Der bisherige Erfolg und die Chancen für die Zukunft sollen im letzten Abschnitt dieses Kapitels kurz bewertet werden.
3.1. Kooperation
Eines der wichtigsten Leitbilder ist der Ausbau der Kooperation unter Einbeziehung der Bevölkerung. Sie stellt die Basis für die weiteren Entwicklungen der Zwillingsstadt dar. Die heute schon bestehende institutionelle Zusammenarbeit soll systematisch zu einer gemeinsamen politischen Verwaltungseinheit mit einheitlichen Strukturen ausgebaut werden. Besonders wichtig für diesen Prozess ist die Kommunikation zwischen Polen und Deutschen. Diese wird durch Sprachdifferenzen extrem erschwert, denn das Erlernen der gegenseitigen Sprache beruht nach wie vor auf Einseitigkeit (mehr dazu unter 3.5.). Dennoch wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit der Leitbildentwicklung auseinandersetzten und zur Festigung eines kontinuierlichen Dialogprozesses beitragen sollten. Es wurden fünf
5 Vgl. Neumann, Ingo (Hrsg.): Die Zukunft des deutsch-polnischen Grenzraums gestalten, S. 13.
6 Siehe dazu: Friedrich, Katja/ Knippschild, Robert/ Kunert, Matthias/ Meyer-Künzel, Monika/ Neumann, Ingo
(Hrsg.): Zwei Grenzstädte wachsen zusammen, S. 88.
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Arbeit zitieren:
B.A. Constanze Roscher, 2007, Projekt „Stadt 2030“ , München, GRIN Verlag GmbH
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