1. Einleitung
Diese Hausarbeit thematisiert die Ausbürgerung des Liedermachers und Schriftstellers Wolf Biermann, der 1953 aus der BRD in den ostdeutschen Staat übersiedelte, da er vom realen Sozialismus überzeugt war und ihn leben wollte.
Sowohl die Ursachen als auch die Durchführung des Rausschmisses werden nur kurz erläutert. Hierbei stellt sich vor allem die Frage, wie Biermann die DDR-Regierung so verärgern konnte bzw. eine so große Gefahr für diese darstellen konnte, dass solch eine Maßnahme ergriffen werden musste. Das Hauptaugenmerk der Arbeit soll jedoch auf den Folgen für andere Schriftsteller der DDR, die Bürger beider deutschen Staaten und Biermann selbst, liegen.
Während bei der Betrachtung der Ursachen Liedtexte und Auftritte Biermanns, wie beispielsweise der fatale und zur Ausbürgerung führende Köln-Auftritt vom 13. November 1976, analysiert werden, soll danach deutlich gemacht werden, dass die DDR-Regierung Biermann schon lange ins Visier genommen hatte und die Ausbürgerung bzw. der Rausschmiss aus Ostdeutschland bereits vor dem Konzert in Köln beschlossene Sache war. Man suchte demnach nur noch nach einem passenden Vorwand, den schließlich die Ereignisse vom 13. November lieferten.
Da sich eine Vielzahl von Autoren mit dem kritischen und in der DDR-Geschichte sehr präsenten Wolf Biermann beschäftigt haben, existieren zahlreiche Bücher und Aufsätze über den Künstler, wobei sich die meisten Verfasser besonders mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns beschäftigten, da jener erst durch diesen Vorfall deutschland- bzw. europaweit bekannt wurde. Da ein Großteil der für die Hausarbeit verwendeten Werke Primärquellen, z.B. den Ausbürgerungsbeschluss der DDR-Regierung vom 16. November 1976 und die Protesterklärung der 13 ostdeutschen Künstler vom 17. November 1976, beinhalten, wird eine objektive Recherche ermöglicht. Des Weiteren haben sich eine Vielzahl von Zeitzeugen und Personen aus Biermanns direktem Umfeld, wie die Schauspieler Eva-Maria Hagen und Manfred Krug, sowie der Liedermacher und Schriftsteller selbst, zu diesem Thema geäußert, wodurch ein Einblick in die unmittelbaren Folgen für verschiedene Künstler der DDR und besonders für Biermann (durch Briefe etc.) gestattet wird.
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2. Ursachen für die Ausbürgerung Wolf Biermanns
Wolf Biermann, der 1953 aus freien Stücken und aufgrund seiner sozialistischen Überzeugung in den ostdeutschen Staat übersiedelte, fiel der DDR-Regierung schon sehr früh auf. Es stellt sich daher die Frage, wodurch ein junger und talentierter Autor wie Biermann, den Zorn einer gesamten Staatsführung auf sich ziehen konnte. Bereits nach dem Mauerbau 1961 begann er an der Menschenfreundlichkeit des Regimes zu zweifeln und mit der Zeit verringerte sich auch seine „blauäugige Solidarität“ zur DDR-Regierung 1 . Im selben Jahr errichtete Wolf Biermann zusammen mit ein paar Freunden das Berliner Arbeiter- und Studenten-Theater, in welchem das kritische Stück „Berliner Brautgang“ aufgeführt wurde. Jedoch erhielt diese Inszenierung nie ein Aufführungsrecht. Aufgrund dessen wurde ein befristetes Auftrittsverbot über Biermann verhängt. 1965 erschien der Gedichtband Die Drahtharfe, dessen Publikation schon nach kurzer Zeit verboten wurde und zu einem unbefristeten Publikationsverbot für den Schriftsteller führte. Dennoch oder gerade deswegen beschäftigte man sich in Ost- und Westdeutschland vermehrt mit Biermann und seinen Werken.
Kurz nach dem Attentat auf den Studentenführer schrieb Biermann das Lied Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, in dem er in der letzten Strophe anprangert und aufruft: „Es haben die paar Herren So viel schon umgebracht(.) Statt dass sie euch zerbrechen(,) Zerbrecht jetzt ihre Macht! Ach Deutschland, deine Mörder!“ 2 . Im Buch Deutschland. Ein Wintermärchen (1972) kritisiert er „Die DDR Ist eingesargt in Mauern(,) Ist wahrscheinlich nicht das Paradies Der Arbeiter und Bauern“ 3 und „diese Feinde hassen mich(,) Die deutschen Stalinisten(,) Weil ich kein weißes Schaf bin, führn Sie mich auf schwarzen Listen“ 4 . Ein Jahr vor seiner Ausbürgerung galten seine Klagen in Die hab ich satt! (1975) der „ganze(n) Bürokratenbrut“ und den Dichtern, die „käuflich“ und „aalglatt“ sind 5 .
Wegen Texten wie diesen wollte die DDR-Regierung Biermann mundtot machen, weshalb er erstmals nach einem 11-jährigen Berufsverbot im September 1976 in der Prenzlauer Nikolaikirche wieder einen DDR-Auftritt, der weder genehmigt noch verboten war, absolvierte.
1 Vgl. Pohl, Clemens Rainer: Die Ausbürgerung Wolf Biermanns und ihre Folgen, S. 6.
2 www.kopfsplitter.de.
3 Biermann, Wolf: Deutschland. Ein Wintermärchen, S. 29.
4 Ebenda, S. 37.
5 Vgl. www.kopfsplitter.de.
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Als letztendlicher Auslöser gilt jedoch der Auftritt Biermanns am 13. November 1976 in Köln. Während der Liedermacher, wie er später in einem Interview im ARD erklärte, seine Äußerungen als „kritische Solidarität mit dem Sozialismus in der DDR, mit den Menschen, die dort leben“ verstand, verurteilte die Zeitung Neues Deutschland das Konzert und Günter Kertzscher warf Biermann sogar „Haß“, „Verleumdung“, „Beleidigung“ und „massive Angriffe“ gegen die DDR vor 6 .
Das Besondere an der Ausbürgerung Wolf Biermanns ist, dass sich der Künstler selbst und frei dafür entschied, in dem ostdeutschen Staat zu leben. Die DDR war für ihn der Innbegriff des verwirklichten Sozialismus, jedoch wurden seine anfänglichen Vorstellungen enttäuscht. Biermann wollte als Anhänger des Realsozialismus mit seiner Kritik nur Veränderungen für die Bürger erreichen, denn im Grunde war er immer noch davon überzeugt, dass das System funktioniert. 7 Demnach kann man davon ausgehen, dass die DDR-Regierung Biermanns Äußerungen von Anfang an falsch verstanden hat und sie einfach als Angriff auf das System abstempelte.
3. Beschluss und Durchführung der Ausbürgerung
Als Biermann Anfang der 1990er Jahre seine Stasi-Akten durchschaute, fand er „alle [seine] 70 leibeigenen Spitzel“ wieder 8 . Demnach gehörte der Liedermacher wohl zu den meist beobachteten und gefürchteten Staatsfeinden der DDR.
Bereits zu Beginn der 70er Jahre entwarf die Führung des ostdeutschen Staates eine Strategie für die Ausbürgerung Biermanns. Es handelte sich dabei um die Reise zu seiner todkranken Großmutter nach Hamburg. Da sich dieser Anlass als äußerst ungünstig erwies, versuchte die Regierung 1974 erneut Biermann loszuwerden, indem sie das Visum für eine Köln-Reise nur unter der Bedingung bewilligen wollte, dass der Lidermacher ausreist und seine DDR-Staatsbürgerschaft aufgibt 9 . Dies lehnte Biermann ab.
Erst der Auftritt in Köln am 13. November 1976 bot den Anlass für den Rausschmiss. Zuvor wurde das Visum für die BRD-Tournee, deren das besagte Köln-Konzert war, ohne den
6 Vgl. Rosellini, Jay: Wolf Biermann, S. 86.
7 Vgl. Pohl, Clemens Rainer: Die Ausbürgerung Wolf Biermanns und ihre Folgen, S. 9.
8 Vgl. Biermann, Wolf: Der Sturz des Dädalus, S. 113.
9 Vgl. Pohl, Clemens Rainer: Die Ausbürgerung Wolf Biermanns und ihre Folgen, S. 8.
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eigentlichen bürokratischen Aufwand genehmigt, da man darauf spekulierte, dass sich Biermann auch während dieser Reise kritisch über die DDR äußern wird. Am 14. November 1976 beschloss das Politbüro der DDR die Ausbürgerung Biermanns und begründete die Maßnahme damit, dass der Künstler im kapitalistischen Ausland gegen den Sozialismus und die DDR gerichtet aufgetreten sei. Biermann selbst schrieb, dass das Konzept seiner Ausbürgerung bereits am 12. April 1973 erarbeitet wurde und es nur in den Händen des Politbüros lag, wie, wann und ob er ausgebürgert wird 10 . Erst einige Tage nach dem „Rausschmiss“ erfuhr Biermann aus dem Autoradio von diesem, sein Leben verändernden Ereignis. Das Neue Deutschland berichtete am 17. November 1976 mit der Schlagzeile: „Biermann das Recht auf weiteren Aufenthalt in der DDR entzogen -Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt“ 11 über die Begebenheit. In dem Artikel hieß es: „Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann […] das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen. […] Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen“ 12 .
10 Vgl. Biermann, Wolf: Der Sturz des Dädalus, S. 150.
11 Hagen, Eva-Maria: Eva und der Wolf, S. 428.
12 Ebenda, S. 428.
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Arbeit zitieren:
B.A. Constanze Roscher, 2006, Ursachen, Verlauf und Folgen der Ausbürgerung Wolf Biermanns, München, GRIN Verlag GmbH
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