1. Einleitung
Konflikte zwischen den Anhängern verschiedener Religionen gibt es so lange, wie die Religionen selbst. Besonders deutlich wird dies in Bezug auf den Islam und das Christentum. Über die Jahrhunderte hinweg kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern beider Glaubensrichtungen, die meist darin keimten, dass die jeweils andere Religion nicht anerkannt bzw. nur die eigene Konfession als die Richtige gebilligt wurde. Jedoch gab es auch Zeiten der Entspannung, in denen Christen und Moslems friedlich nebeneinander und sogar miteinander lebten.
Diese Hausarbeit thematisiert jenes Miteinanderleben zwischen den zwei ungleichen Parteien von Gläubigen am Beispiel der iberischen Halbinsel. Im Jahr 711 wurde Spanien von den Moslems erobert und die früheren christlichen Strukturen unter den Westgoten mussten schrittweise dem islamischen System Platz machen. Nun standen sich zwei völlig gegensätzliche Kulturen gegenüber, die sich arrangieren mussten. Die Moslems hätten den spanischen Christen als neue Herrscher ihre Religion aufzwingen können, doch es wurde entschieden, dass Kirchen nach wie vor gestattet werden und die Ausübung des Christentum geduldet wird, solang die islamischen Rechte und Normen akzeptiert werden. Jene Christen, die sich den arabischen Sitten unterordneten, Arabisch lernten und anderweitig mit den Moslems kooperierten, werden Mozaraber genannt. Dieses Verhältnis zwischen beiden Glaubensrichtungen wird oft auch als Beispiel für mittelalterliche Toleranz bezeichnet, da die Christen nicht zum Konvertieren gezwungen wurden, diese im Gegenzug die moslemische Macht anerkannten und dadurch ein relativ friedliches Zusammenleben möglich war. Ob man jedoch wirklich von mittelalterlicher Toleranz sprechen kann und ob es sich nicht doch eher um eine Unterdrückung der christlichen Gemeinschaft handelte, soll im Folgenden näher untersucht werden.
Zu Beginn wird zunächst der Begriff Mozaraber erklärt. Dabei sollen sowohl die deutsche Bedeutung bzw. Übersetzung als auch der Entstehungszeitraum beschrieben werden. Weiterhin wird das Zusammenleben von Christen und Moslems auf der iberischen Halbinsel - diese wird auch unter dem Namen al-Andalus aufgeführt - skizziert. Im Hinblick darauf soll die Entstehungsgeschichte der Mozaraber im Zuge der moslemischen Eroberung in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts beschrieben werden. Dem folgen die Rechte und Pflichten der Christen im arabischen Spanien. An diesem Punkt soll vor allem deutlich gemacht werden,
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inwiefern man von mittelalterlicher Toleranz oder einer Einschränkung der Christen sprechen kann. Interessant ist auch die Frage, ob die Christen auf der iberischen Halbinsel zu dieser Zeit gleichsam als Mozaraber betitelt werden können und sich den islamischen Strukturen freiwillig unterordneten. Einen Ausnahmefall stellen dabei die Märtyrer von Cordóba dar, die in einem kurzen Kapitel vorgestellt werden sollen, um zu zeigen, dass nicht alle Christen Befürworter der moslemischen Herrschaft waren. Im letzten Kapitel wird die Entwicklung der Gemeinschaft der Mozaraber knapp aufgezeigt. Dabei ist besonders auffällig, dass die Zahl der konvertierenden Christen während des 10. und 11. Jahrhunderts stetig anstieg und die Mozaraber bis zum 13./ 14. Jahrhundert fast gänzlich verschwunden waren, was ihre Bedeutung für die Nachwelt jedoch nicht schmälert.
Es hat sich nur ein verhältnismäßig kleiner Kreis von Autoren mit dem Thema Mozaraber auf der iberischen Halbinsel beschäftigt. Oft beschränken sich Arbeit und Ergebnisse der Schriftsteller auf kurze Essays - wobei diese sehr prägnante Informationen enthalten können, wie Mikel de Epalza beweist - oder ein Kapitel aus einem größeren Überblickswerk. Bei der verwendeten Literatur handelt es sich ausschließlich um Sekundarliteratur, weil nur wenige Werke aus dem 8. bis 13. Jahrhundert über die Mozaraber erhalten und diese schwer erreichbar sind. Jedoch benutzten nahezu alle Verfasser - bei denen es sich hauptsächlich um Schriftsteller aus dem spanisch- und englischsprachigen Raum handelt - einige Auszüge aus der Primärliteratur und ordneten diese räumlich und zeitlich ein.
2. Die Bedeutung des Begriffs „Mozaraber“
Als Mozaraber werden die im muslimischen Spanien des frühen Mittelalters lebenden Christen bezeichnet, die sowohl die arabische Sprache als auch die arabischen Lebensformen übernahmen, aber an ihrem eigenen Glauben festhielten. Im Allgemeinen handelt es sich dabei um christliche Gemeinschaften mit vorislamischen Wurzeln, die als Erben der Christenheit und der christlichen Bischöfe aus westgotischer Zeit angesehen werden können. Während der soziale Ursprung des Begriffes eher unklar ist, da die arabischen Texte ihn als Bezeichnung für die Christen nicht beinhalten, ist eine Vielzahl von Wörtern überliefert, die diese Glaubensgemeinschaft beschreibt. Die eigentliche Bedeutung leitet sich von dem arabischen musta´rib oder musta´rab (®ÌCCCCCC C´ã) ab, was übersetzt soviel wie „arabisiert“ oder „Einer, der behauptet ein Araber zu sein, ohne es zu sein“. 1 Andere Bezeichnungen, die speziell die Christen in al-Andalus benennen, sind rÌmi („Christ aus dem alten römischen Reich“), ahl al-dhimma („Menschen unter Schutz“ - dieser Begriff umfasst nicht nur die
1 Vgl. Epalza, Mikel de ed.: Mozarabs, S. 149.
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Christen, sondern auch die Juden und andere Gruppen, die sich unter dem Schutz der islamischen Religion und Herrschaft befinden) und ahl al-Kitb („Menschen aus dem Buch“ - dies nimmt Bezug auf die Bibel und ist somit nur in einem theologischen Kontext zu betrachten).
All diese Bezeichnungen haben einen positiven bzw. neutralen Charakter, jedoch gibt es auch negative Wörter, die vor allem aus politischen und religiösen Anschauungen wurzeln und vor allem einzelne Christen in den nördlichen Regionen der iberischen Halbinsel beschreiben. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Namen kfir („Rebell gegen Gottes Gesetzt“), ahl al-shirk („Polytheist“ oder „Einer, der andere Götter neben dem einen Gott verehrt“) und ´adÌw Allh („Feind Gottes“). 2
Die neutralen und negativen Bezeichnungen lassen darauf schließen, dass zwei sehr unterschiedliche Bilder von den Christen in den Köpfen der Moslems existierten. Diese Anschauungen bestimmten die Situation der Mozaraber und beziehen sich auf soziale und religiöse Aspekte. Zum einen genossen sie den gleichen Status, wie die Christen in anderen islamischen Gesellschaften und wurden als Individuen, aber auch als Teil einer Gemeinschaft betrachtet, deren Status im islamischen Gesetz beschrieben wird. Andererseits variierte das Verhältnis zwischen den Mozarabern und den Moslems je nach dem, wie loyal sich die Christen gegenüber der islamischen Autorität verhielten. Im Falle eines Verstoßes gegen die Gesetze oder bei unloyalem Verhalten wurde angenommen, dass es sich bei der Person oder der Gruppe um Rebellen handelt.
In lateinischen Texten wird der Begriff zum ersten Mal im frühen 12. Jahrhundert verwendet, wobei keine Unterscheidung zwischen den Mozarabern und anderen Christen unternommen werden. 3 Auch in diesen Schriften wird von spanischen Christen, die zusammen mit den Arabern leben, gesprochen.
Die Definition des Begriffs Mozaraber ist somit sehr vielschichtig. Obwohl diese moderne Bezeichnung im Allgemeinen Christen beschreibt, die sich der islamischen Herrschaft unterordneten, aber dennoch ihre religiösen Ansichten beibehielten, wurden im 8. bis 13. Jahrhundert verschiedene Begriffe - besonders durch die Araber - geprägt, die von der allumfassenden Definition abweichen und einzelne Personen und Gruppierungen benennen sowie be- und sogar verurteilen.
2 Siehe dazu: Ebenda, S. 150.
3 Siehe dazu: Colbert, Edward P.: The Martyrs of Córdoba (850-859), S. 20.
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3. Das Zusammenleben von Christen und Moslems in al-Andalus
Wie schon beschrieben, nahm das Zusammenleben zwischen den Christen und den Moslems verschiedene Formen an. Außerdem wirkten sich unterschiedliche Faktoren positiv bzw. negativ auf das gegenseitige Verhältnis und Ansehen aus. Allgemein betrachtet handelte es sich um ein relativ friedliches Miteinanderleben, das auf gemeinsamen Rechten und Pflichten beruhte, die zwar von der islamischen Herrschaft aufgestellt und im islamischen Gesetz verankert wurden, aber für beide Glaubensgemeinschaften bindend waren. Im Folgenden soll nun die Entstehungsgeschichte der Mozaraber als Grundlage für die Darstellung der schrittweisen Anpassung an das fremde islamische System erläutert werden. Dem schließt sich eine Erklärung zu den einzelnen Rechten und Pflichten der Christen unter der moslemischen Herrschaft an, mit welcher versucht werden soll, die Fragestellung nach der Ausübung der mittelalterlichen Toleranz oder der Unterdrückung der Christen durch die Moslems, zu beantworten. Es ist zu klären, ob es sich um eine gewisse Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten handelte oder ob die Moslems versuchten, die Mozaraber mittels der Zugeständnisse einiger weniger Rechte, wie der freien Religionsausübung, für die Einschränkungen in anderen Lebensbereichen blind zu machen.
3.1. Die Entstehungsgeschichte der Mozaraber
Nach Beginn der arabischen Eroberung Spaniens im frühen 8. Jahrhundert wurde die ehemals unter der westgotischen Herrschaft lebenden Christen nach und nach unter islamisches Gesetz gestellt und mit der neuen Macht vertraut gemacht.
Im ursprünglichen Sinne werden die spanischen Christen mit westgotischen Wurzeln, die in das islamische System eingebunden wurden, als Mozaraber bezeichnet. Jedoch werden in mittelalterlichen arabischen Quellen auch Christen, die nicht westgotischer Abstammung sind, sondern aus dem Nahen Osten stammen sollen, erwähnt. Ihnen wurde der Name Neo-Mozaraber gegeben. Genau wie die westgotischen Christen wurden auch sie als legale Gemeinschaft anerkannt, führten aber ein relativ isoliertes Dasein. Weiterhin gibt es eine Gruppe, die als neue Mozaraber, konvertierte Mozaraber oder Christen aus dem Islam 4 bezeichnet werden. Hierbei handelt es sich um Moslems, die gegen Ende des 11. Jahrhunderts vermehrt zum Christentum übertraten.
4 Vgl. Epalza, Mikel de ed.: Mozarabs, S. 151.
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Arbeit zitieren:
B.A. Constanze Roscher, 2007, Die Mozaraber, München, GRIN Verlag GmbH
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