Inhaltsverzeichnis
1 Auf der Suche nach dem Unbekannten: Blumenmetaphorik bei Rimbaud 3
2 1871: „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“ 5
2.1 Pragmatische Ebene und Tempus der Verben: Forderungen an die Dichter. 5
2.2 Lexikalische Ebene: Parodie der Parnassiens durch den rapprochement insolite 6
2.3 Syntaktisch-metrische, phonetische Ebenen: Auflösung der traditionellen Form 8
2.4 Der Werkzusammenhang: Kontinuität und Wechsel 9
3 1874/75 „Illuminations“ 10
3.1 Blumenmetaphorik in den Illuminations: Die Macht der Blume. 11
3.2 Pragmatische Ebene und Verben in „Fleurs“: Verwischung des Sprechers 11
3.3 Lexikalische Ebene in „Fleurs“: Verbindung von Belebtem und Unbelebtem 13
3.4 Syntaktische Ebene in „Fleurs“: Ortsangaben zur verwirrenden Organisation 16
4 Die Suche nach dem Unbekannten: Theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung. 17
5 Literaturverzeichnis. 20
5.1 Primärliteratur. 20
5.2 Sekundärliteratur 20
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1 Auf der Suche nach dem Unbekannten: Blumenmetaphorik bei Rim-baud
„Ah! va te faire fiche! te voilà partie pour l’inconnu!“ 1 rügt Pasacal seine Nichte Clothilde zu Beginn des Romans „Le Docteur Pascal“, als diese, statt botanische Studien zu zeichnen, kitschige Fantasieblumen aufs Papier wirft. Beim Naturalisten Zola bedeutet 1893 „inconnu“: ‚ohne empirische Absicherung‘, ‚nicht der Natur entsprechend‘. Der Symbolist 2 Arthur Rimbaud hingegen strebt nach dem „arriver à l’inconnu“ 3 ; das Unbekannte ist hier literarisches Programm: Der Dichter ist Seher, er ist auf der Suche nach neuen Formen in Abgrenzung zu literarischen Traditionen: Einer neuen Sprache, neuen Versformen und neuen Bildern. In dieser Arbeit sollen diese drei Punkte anhand der Untersuchung der Blumenmetaphorik behandelt werden. Denn Blumenmetaphern, Vergleiche mit Blumen, Metonymien und bestimmte Blumenarten haben eine lange Tradition in der Literatur und spielen so im Werk zahlreicher Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Dies gilt insbesondere für Rimbaud: Die Blumenmetaphorik durchzieht sein gesamtes Werk und versteckt sich in überraschend vielen Gedichten 4 . So ist es möglich, das Streben Rimbaud, aus der Tradition neue Formen zu entwickeln, zu zeigen. Der Untersuchungsgegenstand ist als Wortnetz zu beschreiben: Im Wortfeld der Blumen sind dem zentralen Begriff „fleurs“ insbesondere bestimmte Blumennamen untergeordnet, etwa „lys“, „roses“, „lila“, „myosotis“, „pâquerette“, „hélianthe“, „nénuphar“, „giroflée“, „oeillet“, „digitale“. Das im Bezug zum Feld der Blumen hyperonymische Wortfeld um Pflanzen muss dabei auch berücksichtigt werden („romarin“, „Açoka“, „acajou“ sowie insbesondere der Unterschied zwischen Nutz- und Zierpflanzen). Das hyponymische um Blumenteile („étamine“, „pistil“, „pollen“) ist deutlich weniger wichtig und wurde deswegen nicht in die Untersuchung aufgenommen. Metaphern, mit denen Blumen beschrieben werden, sind insbesondere in „Fleurs“ grundlegend
1 Zola, Émile: Le Docteur Pascal. Paris 2004. S. 47.
2 Zu Dichtern, die dem Symbolismus zugeordnet werden und zu Merkmalen dieser Strömung siehe Schweikle, Irmgard: Symbolismus. In: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Schweikle, Günther und Irmgard. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart 1990. S. 451-452. Vgl. zur Problematik der Definition und der Zuordnung von Dichtern auch Asholt, Wolfgang: Französische Literatur des 19. Jahrhunderts. Suttgart / Weimar 2006. S. 259-260.
3 Rimbaud, Arthur: Lettre à Gerorges Izambard du 13 mai 1871. In: Oeuvres complètes. Poésies, proses et correspondances. Hrsg. von Pierre Brunel. Paris 1999. S. 237. Diese Ausgabe wird im Folgenden als ŒC mit Werktitel, Seiten- und gegebenenfalls Verszahl zitiert. Zitate aus „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“ werden an Stelle einer Fußnote durch in Klammer gesetzte Verszahlen im Text gekennzeichnet.
4 Blumen erscheinen etwa in den frühen Gedichten „Les réparties de Nina“ und „Soleil et chair“ in anthropo-morphisierter Form. Ein weiteres typisches Charakterisitikum der Blume Rimbauds ist die Materialisierung und Dematerialisierung die sich besonders in „Illuminations“ manifestiert. Zu Blumenmetaphern im Gesamtwerk von Rimbaud vgl. Lapeyre, Paule: Les avatars de la fleur dans l’univers imaginaire de Rimbaud. Essai de botanique fantastique. In: Hommage à Jean Onimus. Annales de la Faculté des lettres et sciences humaines de Nice. 38 (1979). S. 147-154.
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für das Verständnis des Gedichtes. Doch auch Metaphern, in denen Blumen für etwas anderes stehen, konnte die Analyse aufzeigen.
Die Untersuchung dieser umfangreichen Thematik soll exemplarisch an zwei Gedichte vorgenommen werden: „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“ und „Fleurs“ aus „Illuminations“. Sie wurden ausgewählt, weil hier die Blumenmetaphorik besonders hervorsticht, dabei auf ganz unterschiedliche Weise verwendet wird und damit besonders aufschlussreich sind. Zudem hat die Auswahl der Gedichte den Vorteil, zwei verschiedene Versformen aufzuweisen, die charakteristisch für die Schaffensperioden Rimbauds sind: den Achtsilber mit Vers und Reim, den der Dichter 1871 parallel mit dem Alexandriner verwendet und am Ende seiner Schaffenszeit die Auflösung des Verses im Prosagedicht. 5
Die Analyse der beiden Gedichte gibt Antwort auf die folgende Frage: Wandelt sich die Verwendung der Blumenmetaphorik im Schaffen von Rimbaud zwischen 1871 („Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“) und danach 1872-1875 6 („Fleurs“)?
Dabei wird gezeigt, dass sich die Verwendung des lexikalischen Feldes während der fünfjährigen Schaffenszeit Rimbauds ändert. Dabei bilden sich aber typische Charakteristika heraus, insbesondere die Anthropomorphisierung der Blume, die das ganze Werk durchzieht. In Kapitel 2 wird „Ce qu’on dit au poète à propos des fleurs“ untersucht. Hier wird durch die pragmatische (2.1), lexikalische (2.2), syntaktische und phonetische (2.3) Analyse und die Einordnung in den Werkzusammenhang (2.4) nachgewiesen, dass Rimbaud die Blumenmetaphorik der Parnassiens ebenso wie das strenge Festhalten an der traditionellen Versform verwirft. Zentrale Thematik dieses Spottgedichtes ist also das Sprechen über und die Kritik an bestimmten Metaphern. Gleichzeitig finden sich aber Ansätze von neuen Formen, einer neuen Sprachlichkeit und neuer Bilder. In Kapitel 3 wird das Prosastück „Fleurs“ Sammlung „Illuminations“ untersucht. In 3.1 wird auf die Blumenmetaphorik im Gesamtzusammenhang der „Illuminations“ eingegangen, um die herausgearbeiteten typischen Merkmale in der pragmatischen (3.2), lexikalischen (3.3) und syntaktischen (3.4) Analyse mit der Isotopie 7 der Blumen in „Fleurs“ zu vergleichen und zu untersuchen, ob sich die die Verwendung des Wortfeldes im Vergleich zu 1871 gewandelt hat. Dabei werden die
5 Selbstverständlich ist es nicht möglich, in dieser Arbeit auf alle Merkmale der Rimbaudschen Blumenmetaphorik einzugehen. So konnte etwa kein Sonett aus dem „Recueil Demeny“ (hier würde sich ausgezeichnet „Rages de Césars“, ŒC, S. 200, eignen, in dem die Blumenbeete, durch die der abgedankte Kaiser spaziert, Teil seiner vom Sprecher ironisch behandelten sentimentalen Erinnerung an seine Regierungszeit ist) mehr in die Arbeit aufgenommen werden.
6 Zur Entstehungszeit, die zwischen 1872 und 1875 angesetzt wird und den Veröffentlichungen der „Illuminations“ vgl. die Ausführungen in Asholt, Wolfgang: Literatur. S. 273. Vgl. auch ŒC, S. 451-454.
7 Der Begriff „Isotopie“ bezeichnet das wiederholte Auftreten von Wörtern mit gemeinsamen Merkmalen in einemText; der Begriff „Wortfeld“ wird hier synonym mit ihm verwendet, denn er bezeichnet eine Menge von sinnverwandten Wörtern. Vgl. die genauen Definitionen in Bußmann, Hadumod: Isotopie. Lexikon der Sprachwissenschaft. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 1990. S. 357, bzw. den Artikel „Wortfeld“ in ebd., S. 854-855.
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Isotopien des ‚Belebten‘ und ‚Unbelebten‘ in Opposition stehen. Im Gegensatz zum Spottgedicht sind hier Blumenmetaphern selbst zentral und nicht das Sprechen über sie. Aus den gewonnenen Erkenntnissen ergibt sich die im Kapitel 4 diskutierte Frage nach dem Zusammenhang von poetischem Werk und theoretischem Programm: Vermag Rimbaud, seinen in den beiden „lettres du voyant“ vom Mai 1871 formulierten Ansprüchen an den Dichter gerecht zu werden?
2 1871: „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“
Die vierzig vierzeiligen Strophen des auf den 15. August 1871 datierten Spottgedichtes „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“ sind in fünf Teile untergliedert. Die folgenden Ausführungen machen deutlich, dass Rimbaud zwar die literarische Tradition verwirft, aber keineswegs nur destruktiv ist: er schlägt Ansätze einer neuen Bildlichkeit vor.
In diesen parodistischen Versen verspottet der Sprecher die Parnassiens. Die Anhänger dieser literarischen Bewegung propagieren die völlige Autonomie der Kunst und prägen dabei den Begriff des „l’art pour l’art“ 8 . Für sie sind Vers, Versmaß und beschreibende Elemente exklusive Kriterien einer ‚poésie pure‘. Kunst ist also Selbstzweck und jede sozial-politische Implikation des Dichters wird verneint. Diese Haltung lehnt der junge, von der Pariser Kommune faszinierte Rimbaud ab. 9 Der Dichter soll über Dinge schreiben, die nützlich sind und die die Masse angehen: „Et revient proposer aux Hommes / Divers sujets de sucres blancs, / De pectoraires et de gommes!“ (102-104).
2.1 Pragmatische Ebene und Tempus der Verben: Forderungen an die Dichter
Das Gedicht hat mit seiner Unterteilung eine erstaunlich klare Struktur: Der erste Teil wird von der „Lys“ dominiert, deren in des Sprechers Augen zu häufige Verwendung in der Poesie der Parnassiens parodiert wird. Im zweiten Teils steht zunächst die spöttische Betrachtung der Rose im Vordergrund, später wird die gesamte Blumenmetaphorik der Parnassiens parodiert: „La Flore est diverse à peu près / Comme des bouchons de carafes!“ (35-36). Im dritten Teil mischen sich unter „Romarin / Ou lys“ (77-78) exotische Pflanzen wie „Acajous“ (73), die in „Fleurs“ eine wichtige Rolle spielen werden, „lianes“ (76) und „bambous“ (83). Im vierten Teil wird der Poet mit Imperativformen direkt angesprochen. Im fünften Teil, der wiederum sieben Strophen auf-
8 Vgl.die Definition des Terminus „l’art pour l’art“ von Schulz, Georg Michael: L’art pour l’art. In: Metzler Literatur Lexikon. S. 259-260.
9 Zu den Ansprüchen der Parnassiens an Dichtung vgl. Asholt, Wolfgang: Literatur. S. 185. Zu Dichtern, die den Parnassiens zugerechnet werden und zu Merkmalen der Strömung vgl. Schweikle, Irmgard: Parnassiens. In: Metzler Literatur Lexikon. S. 342. Zur ablehnenden Haltung des jungen Rimbauds vgl. Biermann, Karlheinrich: Auf der Suche nach einer Lyrik der Modernität. In: Französische Literaturgeschichte. Hrsg. von Jürgen Grimm. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Stuttgart / Weimar 2006. S. 295-300.
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weist, wird die Blumenthematik ins Lächerliche gezogen und damit auf die parodistischen ersten drei Teile verwiesen: „Surtout, rime, une version / Sur le mal des pommes de terre!“ (153-154). Die Aussagesituation des Gedichtes ist interessant, denn sie ist einerseits sehr eindeutig: der Sprecher stellt Forderungen für eine fortschrittliche lyrische Metaphorik auf, die sich von den Traditionen der Vergangenheit abheben soll. Dies wird durch die Tempora der Verben unterstrichen, denn Präsens und Futur verweisen auf den Zeitpunkt der Aussage. 10 Außerdem adressiert der Sprecher diese Forderungen an die anderen Dichter, was die zahlreichen deiktischen Formen in der zweiten Person Singular und Plural, die das gesamte Gedicht durchziehen, deutlich machen: „dans ton soir“ (3), „tes Proses religieuses“ (11), „Toi, fais jouer“ (137). Die Imperativformen, die im vierten Teil dominieren, werden durch die meist strophenanaphorische Verwendung besonders betont („Dis, non les pampas“ (89) „Dis, front blanc“ (93) und „Trouve“ (109, 113, 117, 121)) verweisen ebenfalls auf die Adressaten. Auch die zahlreichen (ironischen) Apostrophe „Toujours, Cher, quand tu prends un bain“ (17), „Ô Poëtes“ (25) betonen den konkreten Adressatenbezug. Die insistierende Verwendung dieser Formen im Zusammenhang mit dem Inhalt zeigt deutlich, dass Rimbaud sich nicht auf die bloße Parodie beschränkt, sondern dass er eine Art kritisch-pädagogische, damit ‚nützliche‘ Dichtung schreibt. Damit greift Rimbaud auch auf metatextueller Ebene die Parnassiens an, für die Dichtung stets reiner Selbstzweck ist. Der Sprecher selbst allerdings hält sich zurück, was durch die vergleichsweise seltene Nennung der ersten Person Singular oder Plural unterstrichen wird. Das „je“ erscheint nur dreimal „Tu ferais succéder, je crains“ (65) und „Et j’ai dit ce que je voulais!“ (81). Eine Aussage über den Sprecher selbst wird so verwischt, während die Adressaten um so deutlicher gezeichnet werden. Damit wird Objektivität vorgetäuscht, die wiederum den wissenschaftlich-pädagogischen Charakter der Sprecherforderungen unterstreicht.
2.2 Lexikalische Ebene: Parodie der Parnassiens durch den ‚rapprochement insolite‘ 11
Auf lexikalischer Ebene ist festzustellen, dass Isotopien, die traditionell in der Lyrik verwendet werden, Wortfeldern gegenüber stehen, die aus ganz anderen Registern kommen: Die Isotopie der schönen Zierpflanzen und exotischen Bäume („Lys“ (4), „Rose“ (26), „Lilas“ (22), „Lotos bleu“ (42), „Açoka“ (45)) ist den Parnassiens zuzuordnen. Ihr gegenüber stehen die Isotopie der Nutzpflanzen („tabacs, […] cotonniers“ (91), „pommes de terre“(154)) ebenso wie die Isotopie
10 Zu den Tempora der Verben in „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“ im Vergleich zu „Credo in unam“ vgl. auch Fukai, Yosuke: A propos du „progrès“ poétique chez Rimbaud. Lecture. de „Ce qu’on dit au poète à propos de fleurs“. In: Etudes de Langue et Littérature Françaises 87 (2005). S. 50-51.
11 Unter ‚rapprochement insolite‘ wird hier generell das gemeinsame Vorkommen von Elementen, die traditionell nicht im gleichen Kontext erscheinen, verstanden. Insbesondere bezieht sich dies erstens auf die Zusammenstellung von Begriffen, die assoziativ nicht zusammenpassen: „dix ânes aux yeux de braises“ (Z. 122). Zweitens wird darunter die Auflösung der literarischen Tradition bei gleichzeitiger Beibehaltung der Form subsumiert: die Verwendung von Begriffen aus Registern in diesem formal auf den ersten Blick strengen Gedicht, die traditionell in der Lyrik nicht verwendet wurden, etwa alltags- und vulgärsprachliche Ausdrücke.
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Ursula Menne, 2009, Auf der Suche nach dem 'Unbekannten': Blumen im Werk von Rimbaud, München, GRIN Verlag GmbH
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