Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Naturbeschreibung. 3
3. Die Traumbilder 5
4. Die Vernichtvision 7
5. Fazit. 10
6. Literaturverzeichnis. 12
2
1. Einleitung
Eines der führenden Motive in Jean Pauls Werken ist der Antagonismus „erste Welt“ - „zweite Welt“. Analog zu Platons Ideenlehre unterscheidet der Autor, der an der Schwelle zwischen Klassik bzw. Romantik und Moderne steht, zwischen dem Diesseits, der greifbaren, aber unvollendeten Abbildssphäre, und dem Jenseits, der idealen, vollkommenen, aber stets unerreichbaren Urbildsphäre.
Mit ausgesuchter Wortgewandtheit und zahlreichen Vergleichen und Metaphern arbeitet er gegen die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft und versucht, die idealistische „zweite Welt“ zu erreichen. Doch hier sieht sich Jean Paul einem unlösbaren Problem seiner (und unserer) Zeit gegenüber: Wie soll man mit Worten etwas abbilden, was nicht abbildbar ist? Wie kann Sprache etwas ausdrücken, was die Grenzen der Phantasie überschreitet? Im Rahmen dieses Aufsatzes werde ich versuchen anhand dreier ausgewählter Szenen aus dem „Hesperus“ darzustellen, welche Mittel Jean Paul anwendet um diese scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen „erster“ und „zweiter Welt“ zu überbrücken.
2. Die Naturbeschreibung
Die erste Jean Paul-typische Methode die „zweite Welt“ darzustellen sind seine phantasievollen, malerischen Naturbeschreibungen. Die Natur steht in seinen Werken stets im Gegensatz zur intriganten höfischen Welt und ist sozusagen das Pendant der „zweiten Welt“ auf unserer Erde, dem Diesseits. So habe ich eine möglichst ausdrucksvolle Szene gewählt, um Jean Pauls Ankämpfen gegen das Problem, etwas Unsagbares sagen zu wollen, zu analysieren. Im 13. Hundsposttag macht sich Viktor auf den Weg nach Maienthal, um Emanuel zu besuchen 1 . Mit schnellen Schritten beginnt er seine Reise - so schnell, dass „er […] nicht über die Sommergefilde [ging], sondern die Sommergefilde wandelten vor ihm vorüber“ 2 : mit fast atemberaubender Geschwindigkeit eilt er tagelang über Wiesen und Hügel, an Flüssen vorbei und durch Dörfer 3 . Und in dieser Zugfahrtähnlichen Situation offenbart sich auch schon das erste Anzeichen der von Jean Paul so verehrten „zweiten Welt“. So schreibt der Autor in seinem zweiten Roman, mit dem ihm der Durchbruch gelang: „Dieses V o r ü b e r f l i e h e n
1 Vgl. Jean Paul. Hesperus oder 45 Hundsposttage. Berlin 1795. S.298 ff.
2 Ebd. S.298.
3 Vgl. ebd. S.298.
3
der Szenen verdunkelte sein benetztes Auge und erhellte die innere Welt“ 4 - Viktors sinnliches Sehen wird also durch die Flut der Eindrücke behindert, wogegen sein „inneres Auge“ geöffnet wird. Die Blindheit für die materielle Welt ist charakteristische Voraussetzung in Jean Pauls Romanen, um in die „zweite Welt“ zu gelangen.
Als Viktor dann in Maienthal ankommt, liegt vor ihm eine paradiesische Gegend - und auch das ist ein Mittel Jean Pauls, um die „zweite Welt“ darzustellen. Behütet wie in einer Wiege ruht das „stille Dörfgen“ 5 und doch hat es eine eigentümliche Kraft, scheint selbst zu leben, denn „ein wässerndes Feuerrad trieb wie ein gehendes Herz das vom Abend geröthete Wasser durch alle grünende Blumengefäße“ 6 durch die blauen und roten Wicken-Adern des Gartens 7 . In dieser lebendigen Idylle steht das Haus Emanuels, jenes geliebten Lehrers von Viktor und Klothilde und jenes Freigeistes, der im Hesperus die Kontaktstelle zwischen „erster“ und „zweiter Welt“ zu sein scheint, denn er ist sehr transzendental orientiert und naturverbundenauch dies ist ein Zeichen der Bindung zur „zweiten Welt“.
Da wundert es nicht, dass Emanuels Haus mehr Natur als Kultur ist: umgeben von einem „Gestrick von Jelängerjelieber und in der Umarmung eines Lindenbaums, der es durchwuchs“ 8 ist es so sehr Eins mit der Natur wie nur irgend möglich. Auf dem Weg zur Wohnung seines ehemaligen Lehrers hält Viktor kurz inne und wendet sich zur „zweiten Welt“ hin, indem er „auf dem Gebirge, auf dieser Thronstufe nieder[kniet] und […] seinen Geist groß [macht]“ 9 . Dabei fällt ihm - typisch für Jean Paul - der Mikro- und der Makrokosmos ins Auge: Da stehen „Welten und Sonnen“ dem „schillernde[n] Würmgen“ gegenüber, „der Abendwind [schlägt] seinen unermeßlichen Flügel“ während die „kleine nackte Lerche […] warm unter der Brust der zerfließenden Mutter [ruht]“ und „ein Mensch [steht] auf dem Gebirge“ wie „ein Gold-Käfergen auf dem Staubfaden“. Durch diese überwältigende, allumfassende Darstellung der Natur schafft es Jean Paul, uns einen Eindruck der Unerreichbarkeit und Perfektion der „zweiten Welt“ zu vermitteln.
4 Ebd. S.300.
5 Vgl. ebd. S.300.
6 Ebd. S.300.
7 Vgl. ebd. S.300.
8 Ebd. S.302.
9 Ebd. S.302.
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Arbeit zitieren:
Stephanie Krauss, 2009, Jean Paul - Erste und zweite Welt als Sprachproblem, München, GRIN Verlag GmbH
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