Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
2. DER ANSATZ VON DIETER GEULEN 1
2.1. Zur Methodik der Studie 1
2.2. Der Sozialisationsbegriff 2
2.3. Die Kohortenspezifik - Charakteristik und Unterscheidung 2
- Die Generation der um 1940 Geborenen 2
- Die Generation der um 1950 Geborenen 3
- Die Generation der um 1960 Geborenen 3
- Die Generation der um 1970 Geborenen 3
2.4. Die Kohorten und ihre Sozialisationsbedingungen 4
2.4.1. Erfahrungen und Prägungen 4
- Kindheit und primäres Sozialisationsmilieu 4
- Ausbildung und Studium 5
- Kritische Erfahrungen mit dem System 5
- Das Bild von der Bundesrepublik 5
2.4.2. Politisches Handeln und politischer Habitus 6
- Jugendliches Protestverhalten 6
- Der Eintritt in die SED 7
- Treue zur DDR 7
- Typen des politischen Habitus 7
- Die Wahrnehmung der Wende 8
- Die Sicht der Gründe für den Untergang der DDR 8
- Die Reflexion der eigenen Rolle im System 8
3. DER ANSATZ VON HARTMUT ZWAHR 9
3.1. Zur Methodik des Erklärungsansatzes 9
3.2. Die DDR zwischen den Rädern 9
- Wippen- bzw. Hydraulik-Modell 9
- Abwanderung und Massenflucht 9
3.3. DDR-Bindung durch generationstypische, lebensgeschichtliche Erfahrungen
(Generationenmodell) 10
- Die Geburtsjahrgänge 1880 bis 1909 10
- Die Geburtsjahrgänge 1910 bis 1919 11
- Die Geburtsjahrgänge 1920 bis 1929 11
- Die Geburtsjahrgänge 1930 bis 1939 11
- Die Geburtsjahrgänge 1940 bis 1949 11
- Die Geburtsjahrgänge 1950 bis 1988 11
3.4. Bindung an die DDR durch Arbeit S 12
4. DER ANSATZ VON ALBRECHT GÖSCHEL S. 12
4.1. Zum Hintergrund und zur Methodik der Erklärungsansatzes S. 12
4.2. Begriffsbestimmung „Generation“ S. 13
4.3. Zum Gegensatz essentialistischer und distinktiver Identität S. 13
4.4. Das Generationenmodell S. 14
- Die Geburtsjahrgänge vom Ende der 20er bis Anfang der 30er Jahre S. 15
- Die 40-er-Jahre-Generation S. 15
- Die 50-er-Jahre-Generation S. 16
- Die 60-er-Jahre-Generation S. 16
5. DER ANSATZ VON WOLFGANG ENGLER S. 17
5.1. Zum Anliegen des Autors S. 17
5.2. Begriffsbestimmung „Jahrgänge“ und „Generation“ S. 17
5.3. Die drei politischen Generationen S. 18
- Die Alten S. 18
- Die Jungen S. 18
- Die ostdeutschen Achtundsechziger S. 20
6. SCHLUSSBETRACHTUNG S. 21
7. LITERATURVERZEICHNIS S. 23
1. Einleitung
er Kultursoziologe Wolfgang Engler läßt in seinem Aufsatz „Sie sprechen doch Deutsch“ eine gebürtige Westdeutsche, Mitte 30, zu Wort kommen. Sie lebe seit einigen Jahren in Ostdeutschland und arbeite als freie Mitarbeiterin für den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg. Bei der Recherche für eine Reportage über die brandenburgische Forstwirtschaft habe sie das Folgende erlebt: „Am Drehort angekommen, hatten wir es mit einem sehr netten Förster zu tun. (...) In unserer Unterhaltung vor dem Spaziergang in den Wald flocht er immer wieder diese erklärenden Nebensätze ein, die mir in Brandenburg mittlerweile so vertraut sind. ,Früher haben wir ja hier ...‘ Er erklärte, wie es in der Försterei zu DDR-Zeiten zugegangen war. Ich hörte zu. Am Ende der Dreharbeiten, die sehr entspannt und harmonisch verliefen, traute ich mich: ,Sie haben doch vorhin gedacht, daß ich aus dem dem Westen bin‘, sagte ich. ,Ooh, nein, keineswegs. Um Gottes Willen‘, antwortete er verschreckt. ,Sie sind bestimmt kein Wessi. Sie sprechen doch deutsch.‘ Über mein verdutztes Gesicht mußte er lachen. Dann erzählte er: ,Ich war neulich auf einer Versammlung. Da rief ein Podiumsredner vor seinem Vortrag in den Saal: ,Ist hier ein Anwalt unter uns?‘ Keiner hob die Hand. ,Sitzt hier ein Wessi?‘ Niemand meldete sich. ,Na, dann können wir ja deutsch reden.‘“
1
Ost und West verstehen einander nicht. Diese Arbeit widmet sich „den Ostdeutschen“. Anhand vier unterschiedlicher Erklärungsansätze analysiert sie die Sozialisation der Jugend in der DDR. Ausgehend von Begriffsbestimmungen und der Schilderung der jeweiligen Methodik wird vor allem die Rolle von Faktoren wie Ausbildung, Kultur oder Arbeit beleuchtet. Ferner werden Konfliktlinien zwischen den Generationen beschrieben sowie gesellschaftliche Folgen der Sozialisationsbedingungen für die Zeit nach der Wende im Jahr 1989 aufgezeigt.
2. Der Ansatz von Dieter Geulen 2.1. Zur Methodik der Studie
D em Erklärungsansatz von Dieter Geulen liegt eine empirische Untersuchung zugrunde, deren Ziel die Rekonstruktion typischer Muster in der politischen Sozialisation von vier Geburtskohorten der früheren DDR ist. Dabei handelt es sich sation von vier Geburtskohorten der früheren DDR ist. Dabei handelt es sich um die um 1940, 1950, 1960 und 1970 Geborenen. Die Datenbasis dieser Studie sind transkribierte, relativ wenig gelenkte Gruppendiskussionen in altershomogenen Gruppen von fünf bis sechs Teilnehmern, die jeweils an deren autobiographischen Erzählungen anknüpfen. Die Teilnehmer gehören vor allem der Intelligenz an. (Ehemalige) Parteimitglieder sind relativ stark vertreten. Die Gespräche wurden 1991 in Berlin (Ost) und Leipzig geführt. Es liegen Äußerungen von insgesamt 35 Teilnehmern vor. Die Gespräche wurden im Sinne des qualitativen Methodenparadigmas interpretativ ausgewertet, wobei in der Begriffsbildung Typologien angestrebt wurden. 2
1 Die Zeit 35/2000, S. 9
1 2 vgl. APuZ 43/1999, S. 37 f. und Geulen 1998, S. 323
2.2. Der Sozialisationsbegriff
F ür Dieter Geulen umfaßt der Sozialisationsbegriff „die Gesamtheit der für die Persönlichkeitsentwicklung relevanten äußeren und inneren Bedingungen und Prozesse. Er ist ein erfahrungswissenschaftlicher, kein normativer Begriff und geht weit über den Begriff der intendierten Erziehung hinaus, ja die faktische Sozialisation weicht wohl immer von den pädagogisch geplanten Bildungszielen ab und kann sogar in Widerspruch zu ihnen treten.“ 3
So stellt Geulen fest, daß sich die Menschen in der DDR trotz eines sowohl ideologisch als auch wissenschaftlich weit entwickelten und abgesicherten formellen Bildungs- und Erziehungssystems keineswegs einheitlich im Sinne des propagierten Zieles der „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“ entwickelt hätten. Vielmehr sei im Gesellschaftssystem der DDR ein Handlungspotential entstanden, das zur Wende 1989 und zur Abschaffung eben dieses Systems selbst beigetragen habe. 4
Unter Bezug auf Karl Mannheim führt Geulen weiter an, daß Sozialisation in einer sich wandelnden Gesellschaft notwendig generationsspezifisch ist. Erstens werde Sozialisation von bestimmten Ereignissen beeinflußt, die in die Lebensspanne oder in kritische Entwicklungsphasen fallen. Darüber hinaus hänge die sozialisatorische Bedeutung eines Ereignisses vom lebensgeschichtlichen Kontext, also auch vom Alter ab. Drittens seien die Unterschiede zwischen Stadt und Land, Hauptstadt und Provinz sowie zwischen sozialen Gruppierungen und Schichten für die Sozialisation bedeutend. 5
2.3. Die Kohortenspezifik - Charakteristik und Unterscheidung
IE GENERATION DER UM 1940 GEBORENEN: Dieter Geulen unterstellt eine Bedeutung D
der Kriegsereignisse für die frühkindliche Sozialisation dieser Kohorte. Relativ viele Befragte hätten ihre Herkunft aus ärmlichen bzw. proletarischen oder kleinbürgerlichen Verhältnissen betont. Auch Vertreibung habe eine wesentliche Rolle gespielt. Geulen vermutet, daß diese Generation dazu geneigt habe, mit großem Engagement etwas Neues aufzubauen und sich damit zu identifizieren. Durch die Erinnerung an eine ganz andere Realität sei diese Identifikation aber immer auch gebrochen gewesen. In den erzählten Biographien überwiege fast ausschließlich die Ausbildungs- und Berufsbiographie; private Ereignisse wie Heirat oder Geburt von Kindern würden fast nicht oder nur ganz nebenbei erwähnt. Die hohe Bedeutung der Arbeit für das Verständnis der eigenen Identität sei vielleicht damit zu erklären, daß sich die Notwendigkeit zum Aufbau in der Nachkriegszeit mit der ideologischen Überhöhung der Arbeit in der DDR-Gesellschaft verbunden habe. Angehörige dieser Kohorte hätten sich jedoch nicht völlig mit dem Sozialismus identifiziert, sondern ihn als eine notwendige und vorgegebene Tatsache akzep-
3 APuZ43/1999, S. 37
4 vgl. ebd.
2 5 vgl. ebd.
tiert. Immanente kritische Äußerungen zu Mängeln und Ungerechtigkeiten seien auch nie zu einer Kritik am System als solchem fortgeschritten. 6
DIE GENERATION DER UM 1950 GEBORENEN: Dieser Generation fehle die Gebrochenheit der Kriegsgeneration. Die 50er-Kohorte sei in die 1949 gegründete DDR-Gesellschaft hineingeboren worden; eine andere Realität habe sie zunächst nicht erfahren. Die Generation sei in der Phase des Aufbaus des Sozialismus in der DDR und der scharfen Abgrenzung von dem als Klassenfeind betrachteten Westen aufgewachsen. Laut Geulen hat diese Kohorte die politischen und moralischen Ansprüche des Sozialismus als Ideologie besonders stark verinnerlicht. Die emotionale Bindung zur DDR als Heimat sei sehr stark ausgeprägt. Die Generation habe die verschärften Widersprüche zwischen diesen Ansprüchen und der Realität der DDR-Gesellschaft besonders deutlich erfahren. Ihre starke Identifikation mit der DDR habe sie aber gehindert, mit ihrer Kritik bzw. Distanzierung eine bestimmte Grenze zu überschreiten. Im Alter von 18 Jahren habe die 50er-Kohorte dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR völlig hilflos und ohne theoretisches und politisches Verständnis gegenübergestanden. 7
DIE GENERATION DER UM 1960 GEBORENEN: Die jugendliche Entwicklungsphase, die für die Entstehung einer bewußten politischen Orientierung besonders wichtig sei, sei bei dieser Generation mit zunehmenden Legitimationsproblemen des DDR-Staates zusammengefallen. In den Äußerungen dieser Kohorte sei eine größere Distanz, eine gewisse Gleichgültigkeit, in einigen Fällen auch eine analytisch klar begründete und unerbittliche Kritik festzustellen. Die „Grundidentifikation“ mit der DDR und dem Sozialismus als politisches Programm werde aber nicht zur Disposition gestellt. Der von der Ideologie propa-gandistisch reklamierte Humanismus werde von dieser Generation konkret als Anspruch gegenüber dem System eingeklagt. Diesbezüglich hält Geulen einen Einfluß des Westens - gemeint ist der Trend unter dem Stichwort „Wertewandel“ bzw. „Individualisierungsthese“ (Ulrich Beck) - auf die DDR-Gesellschaft für möglich. Die 60er-Kohorte trauere dem untergegangenen System am wenigstens nach und sei vielleicht am besten in der Lage, sich mit den neuen Verhältnissen pragmatisch zu arrangieren. 8
DIE GENERATION DER UM 1970 GEBORENEN: Aus dem Gesprächsmaterial - so Geulenergibt sich noch kein sehr differenziertes Bild von dieser jungen Generation. Er vermutet jedoch eine noch stärkere Distanzierung von der DDR und eine stärkere Orientierung am Westen, insbesondere an der amerikanischen Kultur. 9
6 vgl. APuZ 43/1993, S. 43
7 vgl. ebd., S. 43 f.
8 vgl. ebd., S. 44
3 9 vgl. ebd.
2.4. Die Kohorten und ihre Sozialisationsbedingungen
2.4.1. Erfahrungen und Prägungen
INDHEIT UND PRIMÄRES SOZIALISATIONSMILIEU: Dieter Geulen stellt fest, daß die Her- K
kunftsfamilie für die 40er-Kohorte eine relativ hohe Bedeutung hat. Er unterscheidet deshalb drei Familienmilieus. Beim Typ „bürgerliche Kontinuität“ seien Identität und Werthaltung der bürgerlichen Herkunftsfamilie im wesentlichen beibehalten worden, auch wenn man sich mit dem Sozialismus arrangiert habe. Der Typ „materielle Not und Neu-anfang“ habe nach Zerstörung und Vertreibung sich durchschlagen und eine neue Exis-tenz aufbauen müssen. „Beschädigte Familienverhältnisse“ nennt Geulen den Typ, bei dem die Familie zerbrochen oder gravierend verändert worden sei, was die Kinder gezwungen habe, frühzeitig neue soziale Orientierungspunkte zu suchen. Aufgrund der engen Bindung an die Herkunftsfamilie habe die 40er-Kohorte auch bei pragmatischem Sich-Anpassen eine gewisse Distanz zum neuen DDR-Staat behalten. Gemeinsame Kohortenspezifik der um 1950 Geborenen sei eine größere Differenz bzw. ein deutlicher Konflikt im Generationenverhältnis. Weil diese Kohorte in der Aufbauphase des DDR-Sozialismus und in dessen Institutionen sozialisiert worden sei und ihre Zukunft darauf eingestellt habe, habe sie sich von ihrem Herkunftsmilieu eher abgewandt. Der Typ „Flucht aus dem provinziellen Milieu“ habe das Milieu als beengend, langweilig und ohne Zukunft wahrgenommen. Man habe es verlassen, indem man auf die staatli-chen Angebote einer Ausbildung und später Karriere z.B. über die Partei eingegangen sei. Diese Ausgangslage sei zu späterer Loyalität mit dem Staat disponiert; Dankbarkeit sei heute ein öfter geäußertes Motiv. Vom Typ „obsolete Familienwelt“ spricht Dieter Geulen, wenn das weltanschauliche und religiöse Meinungsklima der Familie unter dem Einfluß der neuen staatlichen Ideologie als veraltet wahrgenommen wurde und man sich entsprechend umorientierte. Auch diese Konstellation sei zu späterer Loyalität disponiert, wobei hier die ideologische Überzeugung eine größere Rolle gespielt habe. Daneben hätten sich auch Fälle gefunden, in denen die Eltern aufgrund einer Familientradition eine linke bzw. sozialistische Position geteilt oder eine solche pragmatisch nach der DDR-Gründung bezogen hätten. Geulen unterscheidet deshalb einen Typ „linksorientierte Eltern" bzw. „alte Linke“ und „neue Linke“ (Linksoppurtunisten). In beiden Fällen habe die Familie nicht im Gegensatz zum DDR-Staat gestanden, sondern sozialisatorisch eine spätere Loyalität mit ihm direkt vorbereitet. Schließlich listet der Autor für die 50er-Kohorte wiederum den Typ „beschädigte Familienverhältnisse“ auf. In den Berichten der um 1960 geborenen Teilnehmer nehme die Familie einen weit ge-ringeren Raum ein. Denn Probleme, wie z.B. Umbrüche aufgrund der Kriegsfolgen oder eine noch im bürgerlichen Denken verhaftete Familienwelt, seien kaum noch aufgetreten. Außerdem hätten die staatlichen Instanzen schon in der Kindheit dieser Kohorte einen relativ großen Raum eingenommen. Zudem sei das Familienleben wegen der Berufstä-tigkeit beider Eltern erheblich reduziert gewesen. Die Teilnehmer der Kohorte hätten auf der Grundlage ihrer undogmatischen demokratisch-sozialistischen Gesinnung eine kriti-sche und ablehnende Haltung gegenüber der Realität sowie der Partei und Führungs- 4
Arbeit zitieren:
Christian Adler, 2000, Darstellung von unterschiedlichen Ansätzen zur Erklärung der DDR-Jugendgenerationen, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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