2
1 Einleitung
Das Seminar „,Elbflorenz‘ und Italien“ des Wintersemesters 2003/2004 behandelte die vielfältigen wechselseitigen Beziehungen zwischen Dresden und Italien von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert hinein, wobei wirtschaftliche, politische und kulturelle Aspekte gleichermaßen berücksichtigt wurden.
In der vorliegenden Arbeit soll der kulturelle Austausch zwischen Dresden als kursächsischer Residenz des Spätabsolutismus und Italien als Vorbild einerseits und Heimat nach Dresden verpflichteter Künstler andererseits untersucht werden. Es soll gezeigt werden, wie sämtliche Künste – die Oper, die Baukunst, die Malerei – als Instrument herrscherlicher Selbstdarstellung gebraucht wurden und wie sich hier der italienische Einfluß als besonders prägend erwies. „Der Staat als Kunstwerk“ war eine Erfindung der Italiener – in Dresden bediente man sich ihrer zur Umsetzung dieser Idee.
Nach einer Schilderung der Art und Weise, wie die für die Dresdner höfische Repräsentation eminent wichtige Figur und Herrscherpersönlichkeit Augusts des Starken aus dem europäischen Ausland mannigfaltige Eindrücke absolutistischer Selbstdarstellung erhielt und transformierte – wobei aufzuzeigen gilt, daß der italienische Einfluß trotz der August nachgesagten Präferenz für alles Französische unter seiner Herrschaft nicht abnahm, sondern eigentlich eine Renaissance erlebte, die sich unter seinem Sohn zu höchster Blüte entfaltete – und der Tradition der Beziehungen zwischen Venedig und Dresden soll anhand dreier Fallbeispiele aus den Bereichen Oper, Architektur und Malerei das Wirken italienischer Künstler am sächsischen Hof und ihr Anteil an der Repräsentation der Kurfürsten untersucht werden.
2 August der Starke, die höfische Repräsentation und die
Vorbilder
Um das Bedürfnis nach Repräsentation des sächsischen Hofes in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts besser zu verstehen, erscheint es angebracht, das Augenmerk zunächst auf seinen vielleicht schillerndsten Vertreter, August den Starken, als Kind seiner Zeit zu richten – seine prachtliebende Person ist gewissermaßen typisch für die gesamte Epoche, und dies sind auch die Anregungen, die er von anderen europäischen Herrschern des Absolutismus empfing. Er war es, der das barocke Antlitz Dresdens entscheidend gestaltete, und dieses Unternehmen
3
wäre undenkbar gewesen ohne die zahlreichen ausländischen Vorbilder – die Eindrücke, die er von außen erhielt, waren sicher maßgeblich sowohl für seine innenpolitischen Absichten, als auch für Augusts eigenes Repräsentationsbedürfnis.
Unbestritten größtes Vorbild für erfolgreiche Machtpolitik ebenso wie für höfische Repräsentation war im Zeitalter des Absolutismus das Frankreich Ludwigs XIV., das August auf seiner Kavalierstour besuchte. Hieraus erklärt sich möglicherweise auch die ihm nachgesagte Vorliebe für die französische Kultur.
„Ähnliche Einsichten müßte Friedrich August
auf seiner Kavalierstour erhalten haben. Sie hatte ihn nach Versailles geführt, in das absolutistische Frankreich Ludwigs XIV., nach Spanien, wo den Prinzen der düster-mächtige Escorial, die Zwingburg spanischer Macht, beeindruckt hatte, nach Lissabon und schließlich nach Italien.“ 1
Ludwig XIV. hatte seine innenpolitischen Gegner, die sämtlich dem Adel angehörten, im Laufe seiner Herrschaft bezwungen, und dies mußte jedem absolutistischen Herrscher imponieren. Denn letztlich ging es ja immer um Machtpolitik, und jegliche glanzvolle Hofhaltung bildete keinen Selbstzweck, sondern war Ausdruck dieser realen herrscherlichen Macht. In Versailles waren Machtpolitik und Hofhaltung zu einer genialen Symbiose verschmolzen – die Adligen an Ludwigs Hof waren einerseits Teil seiner höfischen Repräsentation, andererseits konnten sie sich auf diese Weise nicht mehr so leicht der königlichen Kontrolle entziehen.
„Die Abhängigkeit vom König und das Buhlen
um seine Gunst (sein Einkommen wuchs ständig im Vergleich zum Einkommen des Adels aus der Grundrente) war für die
1 Delau, Reinhard (1989): August der Starke. Bilder einer Zeit.
Leipzig: Mitteldeutscher Verlag Halle, S. 7. Im folgenden
zitiert als Delau.
4
schließlich 12000 Personen bei Hof nicht
zuletzt eine materielle Notwendigkeit.“ 2
So ist es wohl auch zu verstehen, daß August für sein Sachsen ähnliche Pläne hegte – Repräsentation war per definitionem Demonstration von Macht, und der mächtigste Herrscher besaß demzufolge auch das größte Schloß. Nicht nur die Habsburger spielten mit dem Gedanken, den Sonnenkönig zu übertreffen, auch August dürfte insgeheim solches vorgehabt haben – wenngleich er es nie verwirklichen konnte.
„Er träumte von einer Residenz in den
Ausmaßen des Schlosses von Versailles, das ehemals ein kleines Château einige Kilometer von Paris entfernt gewesen war und das Ludwig XIV. in einen gewaltigen Prunkpalast verwandelt und zu seinem Regierungssitz bestimmt hatte.“ 3
Denn auch Dresden konnte damals nur mit „kleinen Châteaux“ aufwarten – was lag da näher als der Gedanke, es dem Franzosen gleichzutun und aus einem Schlößchen den größten Palast des Abendlandes zu machen? Immerhin war August der Herrscher über das nach Österreich und Preußen drittgrößte deutsche Fürstentum – sich politisch und kulturell emporzuschwingen zur „Nummer eins“, mußte dem jungen Fürsten, dem 1697 auch noch die polnische Königswürde zugefallen war, zunächst als ein verlockendes Ziel erscheinen.
2 Scheffers, Henning (1980): Höfische Konvention und die Aufklärung. Wandlungen des honnête-homme-Ideals im 17. und 18. Jahrhundert. Bonn, Bouvier Verlag Herbert Grundmann, S. 29.
3 Kempe, Lothar (1979): Schlösser und Gärten um Dresden. Leipzig: Seemann, S. 9.
5
„Die Stärke und Macht Ludwigs XIV., seine glänzende Hofhaltung werden dem jungen Wettiner imponiert haben. Vom französischen König zu übernehmen, was das Regieren in Sachsen erleichterte, mußte dem Kurfürsten erstrebenswert erscheinen, denn auch ihm stand der Sinn nach absoluter Macht, nach uneingeschränkter Entscheidungsfreiheit.“ 4
Auch wenn also Frankreich zunächst Augusts hauptsächliches, politisches wie kulturelles Vorbild gewesen sein mag, dem er versuchte nachzueifern, so war doch auch seine Kavalierstour nach Italien für spätere Projekte der Umgestaltung seiner Residenz von entscheidender Bedeutung.
„In Venedig erhielt er Eindrücke, die er sein Leben lang nicht vergessen wird.“ 5
In Venedig, wo er mehrere Wochen verbrachte, besichtigte er nicht nur die zahlreichen Sehenswürdigkeiten, sondern ging auch regelmäßig in die Oper, wie man den Reiseaufzeichnungen entnehmen kann:
„29.01.1689
Morgends besahe der Herr Graff p. den schatz in der kirchen zu St. Marco, behielt den Printz von Hollstein p. Molino und Michäeli, mittags bey der taffel, und fuhr abends in die opéra.
30.01.1689
Ließ der Herr Graff in seinen zimmer predigen abends begab er sich in die opéra.
[...]
4 Delau, S. 8.
5 Delau, S. 7.
6
2.02.1689
Vormittage wurde bethstunde gehalten, gegen abendt begab sich der Herr Graff in die assemble bey Grimani und von dannen in die opéra. [...]
12.02.1689
Gieng der Herr Graff p. aus, und besahe das Arsenal [...]. Abends ging er, al ridutto, undt darnach in die opéra. [Das] Arsenal hat einen sehr weiten umbfang, [...] einen von den vornehmsten stücken war der buccentaurus genandt, worauff sich der Doge alle jaar mit dem meere zuvermählen, pfleget, dadurch das dominium maris adriatici zu behauptein.“ 6
Dafür, daß Italien oder zumindest Venedig einen Eindruck auf den jungen August gemacht hat, der demjenigen Frankreichs in nichts nachstand, spricht vor allem auch die Tatsache, daß der kulturell bedeutendste Einfluß während Augusts Herrschaft von Italienern, hauptsächlich Venezianern, ausging; die Präsenz von Italienern im „Elbflorenz“ hatte zwar schon vor August Tradition, erfuhr unter seiner und besonders der Herrschaft seines Sohnes allerdings eine ausgesprochene Blüte. Auch der sächsische Kurfürst wird sich wie der Doge einen „Buccentaurus“ bauen lassen und den Traum hegen, die Elbe zu einem zweiten Canal Grande umzugestalten.
6 Zitiert nach Keller, Katrin (Hg.) (1994): „Mein Herr befindet sich gottlob gesund und wohl“. Sächsische Prinzen auf Reisen (Deutsch-Französische Kulturbibliothek, 3). Leipzig:
Universitätsverlag, S. 368-371.
Arbeit zitieren:
Martin Klüners, 2003, Der Staat als Kunstwerk , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Martin Klüners's Text Der Staat als Kunstwerk ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Martin Klüners hat den Text Der Staat als Kunstwerk veröffentlicht
Martin Klüners hat einen neuen Text hochgeladen
100 IFRS Financial Ratios Dictionary - Englisch / Italienisch - Ingles...
Ulrich Wiehle, Michael Diegelmann, Henryk Deter, Peter N. Schömig, Michael Rolf
Mit dem Körper sehen: Was bedeutet es, ein Kunstwerk zu betrachten?
Siri Hustvedt, Maria Isabel Pena Aguado
Entwicklung des Staats- und Verwaltungsrechts in Südkorea und Deutschl...
Vorträge und Berichte auf dem ...
Rainer Pitschas
999 Kunstwerke die man kennen sollte
0 Kommentare