Gliederung
1. ZeitZeugenBoerse e.V. 3
2. Bedeutung des Gedenkens. 5
3. Vermittlung/Aneignung von Zeitzeugenwissen. 7
4. Konstruktion von Erinnerung. 11
5. Zeitzeuginnen in Bildungseinrichtungen. 13
6. Literaturverzeichnis 15
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1. ZeitZeugenBoerse e.V.
Meine Feldstudie habe ich vom 17. Juli bis zum 12. August 2006 beim ZeitZeugenBoerse e.V. in Berlin-Mitte abgeleistet. Die ZeitZeugenBoerse (zukünftig ZZB) möchte die Vielfalt persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse, die jeder in sich trägt, sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie versteht sich als eine Vermittlungsstelle zwischen Zeitzeuginnen und Interessierten. Einerseits wird auf konkrete Anfragen von Abnehmern reagiert, indem passende Zeitzeuginnen aus einer Kartei gesucht und vermittelt werden. Andererseits können Menschen jeder Altersklasse zur ZZB gehen und sich als Zeitzeugen bestimmter Ereignisse, Epochen oder historischer Orte anbieten. In diesem Fall wird zunächst ein Vorgespräch mit den Bewerberinnen geführt, das vor allem der gegenseitigen Vorstellung dient. Falls bei diesem Gespräch der Eindruck aufkommen sollte, der Zeitzeuge habe seine Vergangenheit noch nicht genügend reflektiert, wird er vorerst nicht vermittelt. Hierbei liegt auch bereits die erste Schwachstelle in Bezug auf meinen Schwerpunkt, doch dazu später.
Die ZZB führt in ihrer Kartei knapp 200 Zeitzeugen und deckt damit etwa die Zeit vom Ende der Weimarer Republik bis zur Deutschen Einheit und deren Folgen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der NS- sowie der DDR-Zeit. Nutzerinnen der ZZB sind verschiedenste Einrichtungen und Personen, so zum Beispiel Schulen, Journalisten, Medienanstalten, Stadtführungsunternehmen, Studentinnen, Autoren, Forschungsinstitute usw.
Über die klassische Vermittlung hinaus bietet die ZeitZeugenBoerse auch einige digitale Videointerviews an, an denen ich während meiner Feldstudie mitarbeiten durfte. http://www.zeitbilder.info ist die Adresse, unter welcher man sich die fertigen Interviews ansehen kann.
Auf diesen Verein bin ich vor allem über mein Interesse am Nationalsozialismus gestoßen. Etliche Dokumentationen habe ich zu diesem Thema gesehen sowie einige Bücher gelesen und mit diesen Eindrücken im Hinterkopf interessierte mich die Wirkung von Zeitzeuginnen auf ihr Publikum. In gewissem Sinne hoffte ich auch
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Gleichgesinnte zu treffen: Mit meinem eigenen Gedenken an die Ermordeten stand ich zur Zeit der Fußball-WM ziemlich allein.
Im Rahmen meiner Arbeit in der ZZB hatte ich verschiedenste Arbeiten am Computer zu erledigen. Die größtenteils älteren Mitarbeiter zeigten nur wenig Verständnis für die Funktionsweise des Computers und deshalb übernahm ich diesen Teil meistens 1 . Listen waren anzulegen und zu aktualisieren, Internetrecherchen zu erledigen, Kontakte zu verwandten Foren im Internet zu knüpfen.
Über die ganze Feldstudie in der ZeitZeugenBoerse begleitete mich die Frage, was eine biographische Erzählung zu einem geschichtlichen Thema im Rezipienten bewirkt, wie er sie einordnet und verarbeitet und stieß dabei auf einige Unklarheiten. Ich konnte mich, soviel sei vorweggenommen, nicht davon überzeugen, dass die Geschichten der Zeitzeuginnen repräsentativ für ihre jeweilige geschichtliche Periode da stünden, was meistens jedoch auch nicht der Anspruch gewesen ist. Es drängte sich mir die Frage auf, ob die Berichte der Zeitzeugen das Geschichtsbild der Rezipientinnen nicht eher verfärbte, anstatt es mit Farbe zu versehen.
Anhand einiger Veranstaltungen, die ich mitverfolgen konnte, möchte ich im Kapitel zur Vermittlung und Aneignung von Zeitzeugenwissen (3.) die Wirkung der Anekdoten analysieren. Um Strukturen und Konstruktionen von Erinnerung (4.) wird es dann im Anschluss gehen. Ich denke, dass jeder Mensch einen anderen Eindruck von der Arbeit mit Zeitzeugen bekommen kann, doch was ich vor allem versuchen möchte, ist, auf Gefahren aufmerksam zu machen, denen man sich in jener Arbeit bewusst sein sollte. Dies ist Gegenstand des abschließenden Teils (5.).
Der Gleichberechtigung der Geschlechter möchte ich durch die abwechselnde Nennung der weiblichen und männlichen Endungen genüge tun. Die Namen der Zeitzeuginnen sind geändert.
1 Eine junge Mitarbeiterin, die sich damit auch etwas auskannte, bestätigte die Regel.
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2. Bedeutung des Gedenkens.
Bevor ich mich der kritischen Auseinandersetzung mit der Zeitzeugenarbeit widme, möchte ich noch kurz auf meine persönliche Motivation bei diesem Thema eingehen. Wie Walter Benjamin so eindrucksvoll schrieb (siehe Benjamin 1980: S. 697f.), hat sich ein Sturm in den Flügeln des Engels der Geschichte verfangen, der ihn unerbittlich in die Zukunft treibt. Die Trümmerberge hinter ihm häufen sich unterdessen bis zum Himmel auf, doch der Fortschritt schleift ihn immer weiter voran. Das bedingungslose Fort- und Voranschreiten gelockt von besseren Zeiten, höheren Profiten, einem anderen Leben und getrieben von der Not, vom Selbstzweck gleicht einem pragmatischen Stolpern von Jahreshaushalt zu Jahreshaushalt und von Technologie zu Technologie. Wohin wir stürzen, ist unklar und wie sehr wir uns dabei winden, spielt keine Rolle mehr - einzig die aufgeschlagene Nase, die abgeschürften Arme sind haltbare Prognosen. Erst wenn unsere Kräfte am Ende, wir somit bewegungsunfähig sein werden, wird die Zeit sein, die Trümmer zu betrachten, die wir hinterließen, sie zu sehen und zu erschrecken, befürchte ich.
Auf der anderen Seite - eigentlich ist es Teil desselben Unglücks - steht die vehemente Leugnung oder Relativierung von Geschichte, speziell des Holocausts. Den Holocaust zu leugnen ist inzwischen nicht mehr populär, doch zu tun möchte damit trotzdem niemand gehabt haben. Ganz im Gegenteil sind Ansichten in der Tradition nationalsozialistischer Ideologie im Vormarsch und gewalttätige Übergriffe aus dieser Richtung steigen seit einigen Jahren in erschreckendem Maße an. In Anbetracht dieser Tatsachen scheint es durchaus notwendig, mehr Aufklärung zu betreiben. Das Stöhnen bei solch einer Forderung ist immer groß, aber es ist zu hinterfragen, wo dieses Stöhnen herrührt: Ist es eine Überinformiertheit oder sind es persönliche Widerstände? Wobei der Forschung mit der Begründung nicht mehr zu folgen, alles über Auschwitz zu wissen, „was es zu sagen und an was es sich zu erinnern gilt“ (nach: Huhnke 2000: S. 35), wie es der frühere Bundespräsident Roman Herzog von sich behauptete, eine unverschämte Anmaßung ist. So oder so signalisiert es ein Desinteresse, welches einem Menschen mit Sicherheit zum Vorwurf gemacht werden könnte, dürfte und sollte.
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Arbeit zitieren:
Bastian Hillebrand, 2006, Reflexionen zum Einsatz von ZeitzeugInnen der NS-Zeit in Bildungseinrichtungen, München, GRIN Verlag GmbH
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