Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda
Einleitung 3
1. Die Neuordnung des Bildungswesens nach 1933 4
2. Hitlers Bildungsverständnis 6
3. Das Lesebuch als Medium der Beeinflussung 8
Die äußere Struktur des Lesebuchs 8
Die innere Struktur des Lesebuchs 9
Das Vorwort 9
Das Inhaltsverzeichnis 10
Die Themen und Inhalte 10
4. Fazit 24
5. Literaturverzeichnis 26
6. Quellenverzeichnis 26
Schule im Dritten Reich. Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Nationalsozialismus und seinem Wirken in den Lebenswelten von Jugendlichen, insbesondere in der Schule. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Untersuchung der propagandistischen Beiträge in Volksschullesebüchern, die exemplarisch an dem Deutschem Lesebuch für Volksschulen für das 5. und 6. Schuljahr von 1937 vorgenommen werden soll. Die Arbeit setzt Kenntnisse der groben Züge, Strukturen und Wirkungsweisen der nationalsozialistischen Weltanschauung und deren Vertreter voraus.
Für ein besseres Verständnis des Gegenstandes werden im ersten Kapitel die im Dritten Reich herrschenden Rahmenbedingungen im Bildungswesen erläutert und deren Veränderung nach 1933. Im zweiten Kapitel sollen die Erziehungsziele Hitlers anhand verschiedener Quellenzeugnisse betrachtet werden, da diese richtungsweisend für den Aufbau der Lesebücher des Dritten Reichs sind.
Im dritten Kapitel wird eine exemplarische Untersuchung an dem Deutschen Lesebuch für Volksschulen für das 5. und 6. Schuljahr von 1937 vorgenommen, die zeigen soll, ob und wie die nationalsozialistische Weltanschauung in den Lesebüchern vermittelt wurde. Dabei soll sowohl die äußere Struktur des Lesebuches, als auch die innere Struktur, mit besonderer Berücksichtigung des Vorworts und Inhaltsverzeichnisses, Betrachtung finden. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Herausarbeitung bestimmter inhaltlicher Themenkomplexe mit pro-pagandistischen Inhalten und ihrer konkreten Umsetzung in Lesetexten, die anhand zahlreicher Zitate belegt wird.
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Schule im Dritten Reich. Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda 1. Die Neuordnung des Bildungswesens nach 1933
„Der durchschlagende Erfolg einer weltanschaulichen Revolution wird immer dann erfochten werden, wenn die neue Weltanschauung möglichst allen Menschen gelehrt und, wenn notwendig, später aufgezwungen wird [...]“ 1
In diesem Sinne sollte Hitlers Gleichschaltungs-, Indoktrinations- und Propagandapolitik nicht nur die Lebenswelt der Erwachsenen umfassen, sondern auch die der Kinder und Jugendlichen, die in Freizeit und Schule mit der nationalsozialistischen Ideologie im Rahmen der „Volkserziehung“ 2 beeinflusst werden sollten. Hitler erklärte in einer Rede vor der SA, der Nationalsozialismus werde nicht geboren, sondern erzogen. 3 Dies macht deutlich, dass die nationalsozialistische Erziehung im dritten Reich darauf abzielte, junge Menschen in ihrer Grundhaltung für die nationalsozialistische Weltanschauung zu gewinnen, um auch die zukünftigen Generationen zu erreichen und damit eine gesamte Umwälzung des Gedankengutes und aller Lebensverhältnisse (soziale Revolution 4 ) zu erzielen.
Den Grundstein für die Indoktrination der nationalsozialistischen Ideologie in der Schule legte die Einrichtung des „Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ (REM), das am 1. Mai 1934 mit Bernhard Rust als „Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ begründet wurde. Diesem Reichsministerium unterstand nun u.A. das gesamte Erziehungs-, Bildungs- und Schulwesen des Reiches, das vorher den Länderregierungen unterstand. 5 Auch das Referat Wissenschaft, das bis dahin dem „Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ unterstand, wurde auf das REM übertragen. 6 Die Organisation war in 7 Ämter eingeteilt 7 , wobei Schulangelegenheiten das Amt für Erziehung (Amt III) betrafen, das verschiedene Unterabteilungen umfasste: eine Allgemeine Abteilung, eine Abteilung für Volks- und Mittelschulen, eine Abteilung für höheres Schulwesen, eine Abteilung für berufliches Schulwesen, eine Abteilung für landwirtschaftliches Ausbildungswesen, eine Abteilung für das philologische Landesprüfungsamt und eine Abteilung für die Ausbildung der Studienrefrendare. 8 Mit dem Amt für Erziehung (Amt III) übernahm der Nationalsozialismus also auch die Macht in der Schule, die er auf sechs schulpolitischen Entscheidungsfeldern durch folgende Handlungen ausübten sollte: 9
1 Adolf Hitler: Mein Kampf. München 1938, S. 654.
2 Jürgen Heinssen: Das Lesebuch als politisches Führungsmittel. Minden 1964, S. 14. 3 Adolf Hitler: Rede vor der SA am 30.1.1936 in Berlin. Zitiert nach Heinssen 1964, S. 14. 4 Heinßen, S.14.
5 Kurt-Ingo Flessau: Schule der Diktatur: Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus. 1. Aufl. München 1977, S. 15. 6 Cornelia A. Endler: Es war einmal... im Dritten Reich. Die Märchenfilmproduktion für den nationalsozialistischen Unterricht. Frankfurt a.M. 2006, S. 74. 7 Endler, S. 76. 8 Endler, S. 78. 9 Flessau, S.14.
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Schule im Dritten Reich. Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda • Vereinheitlichung des Schulsystems, Reduktion der Typen- und Formelvielfalt, Gründung neuer politischer Schulen • Veränderung in der Lehrerbildung • Verabschiedung neuer Lehrpläne und Richtlinien • Einführung des Staatsjugendtages und Veränderung der Stundenpläne • Einschränkung der Pluralität der Bildungsmächte • Etablierung des Rassismus und Antisemitismus in der Schule 1
In der vorliegenden Arbeit soll die Veränderung der Lehrpläne und die damit einhergehende Gestaltung der Lehrbücher, insbesondere die des Lesebuchs, näher untersucht werden. Die Lehrpläne und Richtlinien wurden in zwei Schritten verändert: In den Jahren 1933 bis 1937 wurden lediglich einzelne Erlasse und Anweisungen zur Neugestaltung der Lehrpläne verabschiedet. Der entscheidende Wandel trat erst in den Jahren 1938 bis 1942 ein, in denen die offiziellen Richtlinien des Reichserziehungsministeriums für alle Schulformen erschienen. 2 Diese Richtlinien betrafen insbesondere die historischen Fächer, die naturwissenschaftlichen Fächer und den Muttersprachenunterricht und damit auch das Lesebuch. 3
Die historischen Fächer (politische und nationalsozialistische Geschichte, Kunst- und Musikgeschichte, Erdkunde und Geopolitik) sollten den Rassenhochmut und die Aversion gegen rassische Minderheit fördern 4 und dazu dienen, ein vaterländisch-völkisches Geschichtsbewusstsein 5 zu vermitteln. Die naturwissenschaftlichen Fächer wurden um das Fach Rassen-kunde erweitert, das zugleich als Unterrichtsprinzip in alle Fächer des deutschkundlichen Bereichs (Erdkunde, Geschichte und Deutsch) mit einfließen sollte. 6 Dem Fach Deutsch wurde nicht nur das biologische Thema der Rassenkunde zugewiesen, sondern es hatte vor allem die vom Nationalsozialismus hoch geschätzte Blut-und-Boden-Literatur im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu vermitteln und die nordisch-arische Abstammung eines Deutschen zu betonen. 7 Jegliche Art „psychologisierende[r] und ästhetisierende[r] Literatur“ 8 sollte zugunsten politischer und historischer ideologisch-einseitig betrachteten Themen gemieden werden. Dies spiegelt sich deutlich in der Textauswahl der Lesebücher wider, die später Gegenstand einer näheren Untersuchung sein sollen.
1 Flessau, S.14. 2 Flessau, S.19. 3 Flessau, S.19. 4 Flessau, S.19. 5 Flessau, S.19. 6 Flessau, S.19. 7 Flessau, S.20.
8 Verordnungblatt des sächsischen Volksbildungsministeriums (Dresden) 1933, S.65. Zitiert nach Flessau, S.20.
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Schule im Dritten Reich. Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda
2. Hitlers Bildungsverständnis
„Alle Erziehungsträger der Jugend, Elternhaus, HJ und Schule, haben ein Ziel: die Formung des nationalsozialistischen Menschen“ 1
Hitlers Verständnis von Bildung und Erziehung ist richtungsweisend für das Verständnis der Struktur des Schulwesens und nicht zuletzt für das Verständnis des Aufbaus und der Auswahl von Lesebüchern und ihren Inhalten. Die Ziele von Hitlers Erziehung lassen sich vor allem durch seine Äußerungen in „Mein Kampf“ und durch zahlreiche Reden rekonstruieren und sollen hier nur knapp dargestellt werden. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass Hitler seine Vorstellung von Bildung recht erfolgreich (im Sinne der Durchsetzung) in deutschen Schulen zur Anwendung brachte, es dafür allerdings keine theoretische Untermauerung gab, 2 die mehr als reine Ideologie war. In Folgendem werden Hitlers Ziele deutlich: „Der völkische Staat hat [...] seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung.“ 3
Mit dieser Zielformulierung bricht Hitler mit den seit der Antike tradierten Bildungswerten und ordnet den geistigen Fähigkeiten die körperliche Fitness, die „Entwicklung des Charakters“ und die „Förderung der Willens- und Entschlußkraft“ im Sinne der Ideologiekonformität unter. 4 Hitler lastet der Erziehung der vergangenen Jahrzehnte an, sie habe sich auf oberflächliche Wissensvermittlung, statt auf die Bildung der praktischen Fähigkeiten und die Entwicklung des Charakters konzentriert, was letztendlich zum Verfall Deutschlands geführt habe. 5 Seine Ansichten über die Stellung körperlicher Fitness spiegeln sich auch in der Überbetonung des Sportunterrichts wider, der bis zu fünf Stunden in der Woche umfasste und damit ein Sechstel bis ein Siebtel der Gesamtstundenzahl vereinnahmte. 6 Das Ziel des „Heranzüchtens kerngesunder Körper“ macht deutlich, dass Hitler eine Erziehung, die an der Individualität des Schülers orientiert ist, ablehnte und die zu Erziehenden als beliebig formbarer Rohstoff 7 ,
1 Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. 8. Jahrgang 1942, S. 128/29, Erlass 182, Bestimmung über Erziehung und Unterricht in der Hauptschule. RdErl. d. RMfWEV vom 9.3.42 - E II d 289/41. Zitiert nach Heinssen, S.22. 2 Flessau, S. 22. 3 Hitler, S. 452. 4 Flessau, S. 24. 5 Flessau, S. 22. 6 Flessau, S. 20. 7 Flessau, S. 26.
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Schule im Dritten Reich. Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda als Körper seiner politischen Ziele betrachtete. Leibesübungen sollten eine Vorstufe der politisch-militärischen Ausbildung sein und die Schüler zu Menschen formen, die körperlich und geistig in der Lage waren, in jeder Lebenslage „hart wie Kruppstahl“ zu sein 1 . Hitler betont:
„In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Wir müssen einen neuen Menschen erziehen, auf dass unser Volk nicht an den Degenerationserscheinungen der Zeit zugrunde geht. 2
Die körperliche Ertüchtigung sollte auch die Ausbildung des Charakters mit den Tugenden Treue, Verschwiegenheit, Opferbereitschaft und einem Einheitsbewusstsein bewirken. Diese Art der Erziehung erschien Hitler als ausschlaggebend für den Fortbestand seines Systems, da so ein Mensch herangezüchtet werden sollte, der sich und seine Individualität willig und opferbereit als uniformierter Einheitsmensch in den Dienst von Volk, Rasse, Staat und Partei stelle. 3 Im Unterricht Hitlers sollte der Schüler also zu jeder Zeit politisch beeinflusst und auf sein Leben in der „Volksgemeinschaft“ vorbereitet werden. Besonders betont werden sollte auch die Überlegenheit der arischen Rasse:
„Seine [des „Volksgenossen“] gesamte Erziehung muss darauf angelegt werden, ihm die Überzeugung zu geben, anderen unbedingt überlegen zu sein.“ 4 „Der tätige Mensch ist das Ziel der gesamten Arbeit. Ihn zu schaffen, der sich seines deutschen Wesens immer bewusst ist und dementsprechend handelt, ist Aufgabe des neuen Deutsch- Unterrichts“. 5
Wie durchdacht Hitlers Erziehungsapparat mit dem Ziel einer Gesamterfassung des Volkes und vor allem der Jugend war, macht Folgendes deutlich. “Dann kommt eine neue deutsche Jugend, und die dressieren wir schon von ganz klein an für diesen neuen Staat. Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln. Und wenn diese Knaben und Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen [...] dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standes-Erzeuger, sondern [...] sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.” 6
1 Heinssen, S.19.
2 Adolf Hitler am 14. September 1935 vor der Hitler-Jugend auf dem Reichsparteitag 1935 in Nürnberg. Zitiert nach Heinssen, S. 19. 3 Heinssen, S.20. 4 Hitler, S. 456.
5 Alfred Hunhäuser im Vorwort zu: Deutsche Volkserziehung, Frankfurt a.M. 1939, Heft 4, S. V. Zitiert nach Heinssen, S. 29. 6 Adolf Hitler am 2.12.1938 bei einer Rede in Reichenberg. Zitiert nach Flessau, S.26.
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Arbeit zitieren:
Kathi Beyer, 2009, Schule im Dritten Reich, München, GRIN Verlag GmbH
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