Die Carte de visite Einleitung zu dieser Arbeit
Die Carte de visite war im 19. Jahrhundert eine besondere Erweiterung der zuvor bekannten Visitenkarte und konnte sich fast siebzig Jahre als moderner attraktiver Gebrauchsgegenstand am Markt halten. Sie brachte Sammlern Freude und sorgte für viel Gesprächsstoff.
Daneben inspirierte sie wohlmöglich einige der uns heute am meisten bekannten Impressionisten wie Claude Monet, Édouard Manet, Pierre Auguste – Renoir und andere aus jener Zeit zu neuen Darstellungweisen ihrer Bildinhalte. Doch bevor wir dieser Vermutung nachgehen, möchte ich Ihnen auf den folgenden Seiten vorerst die Carte de visite als Gebrauchsgegenstand vorstellen.
Es soll aufgezeigt werden, wieso diese Visitenkartenvariation soviel Beachtung fand und innerhalb kürzester Zeit so populär wurde.
Desweiteren muss die Aufmerksamkeit auf die Abbildungsinhalte der Carte de visite gerichtet und erläutert werden, weshalb die Inszenierung der Mode im 19. Jahundert einen so wichtigen Stellenwert einnahm.
All die auf den folgenden Seiten aufgeführten Hintergrundinformationen zu diesem Bildmedium, u.a. auch zu den damals sehr populären Modeillustrationen, sind wichtige Bestandteile, um sich der Vermutung nähern zu können:
Der Vermutung, dass Claude Monet und andere Impressionisten besondere Inspirationquellen für einige ihrer bedeutensten Arbeiten im
19. Jahrhundert hatten.
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Die Carte de visite I. Ein Gebrauchsgegenstand kommt in Mode.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es in Europa zur Mode, die zuvor bekannten Visitenkarten, welche Namen, Titel und Adresse des Eigentürmers beinhalteten, durch eine besondere Form der Identitätszuweisung zu ergänzen. Durch revolutionäre Entwicklungen in der Fotografie und durch neue Printverfahren machte man es dem Eigentümer möglich, sein Foto in Form eines Portraits auf die Visitenkarten drucken und diese in vielfältiger Weise reproduzieren zu lassen. Der Pariser Fotograf André Adolphe – Eugène Disdéri 1 gilt als der Erfinder des Visitenkartenportraits, der 1854 auf ein spezielles fototechnisches Verfahren ein Patent angemeldet hat. Die neue Form der Visitenkarte war ein auf Karton gezogenes Foto und nahm in der Regel ein Format von ca. 6 x 9 cm ein; später gab es mitunter auch grössere Luxusversionen und schmalere Formate bis hin zu aufklappbaren Täfelchen mit mehreren Abbildungen.
Die Carte de visite 2 entwickelte sich sehr schnell zu einem enormen Erfolg; allein in Grossbritanien wurden im Zeitraum von 1861 bis 1867 zwischen 300 und 400 Millionen Karten hergestellt. Auch international, besonders in Nord – Amerika, gewann die neue Variation der Visitenkarte grossen Zuspruch. Über den rein funktionalen Zweck hinaus, wurde es sogar Mode, die Visitenkartenportraits in Alben zu sammeln. Wer die eines Prominenten oder eines Adligen bekommen konnte, durfte sich besonders glücklich schätzen. Demnach soll ein britischer Prinzgemahl zu seinen Lebzeiten bis zu 70.000 Exemplare anfertigen lassen haben, welche nicht nur verschenkt, sondern auch verkauft worden sind.
Julie Bonaparte, die Cousine des Kaisers Napoleon Bonaparte III. verdeutlichte die Attraktivität des in Mode gekommenen Sammelobjektes in eigenen Worten in einem Briefwechsel 3 :
1 André Adolphe-Eugène Disdéri (* 1819 - † 1889) / franz. Fotograf. Sein patentiertes Verfahren der Portraitaufnahme mit einer mehrlinsigen
Kamera ersetzte die älteren Verfahren für Portraits und erleichterten somit den Herstellungsprozess.
2 Carte de Visite (franz.) bedeutet Visitenkarte, bzw. Visitenkartenportrait.
3 Brief aus dem Jahre 1856 / veröffentlicht in der französischen Zeitschrift Le Moniteur universel / 11. Mai 1859
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<< Es ist jetzt Mode, sein Portrait in hundert Exemplaren machen zu lassen: das kostet nur fünfzig Francs, und es ist sehr praktisch zum Verteilen an Freunde und um deren Portraits immer zur Hand haben zu können. >>
Das standarisierte Format, welches vom Fotografen Disdéri vorgegeben war, wurde nach ungefähr einem Jahrzehnt durch das grössere Format der Kabinettkarte 4 ersetzt, bzw. auf Wunsch des Auftraggebers ergänzt. Kabinettkarten ermöglichten somit grössere Portraitformate und zusätzliche Besonderheiten, wie z.B. eine aufklappbare Tischkarte mit mehreren Fotos.
4 auch: Cabinetformat oder kurz cabinet, cabinet card; engl. Cabinet Portrait - häufig im Format von 16,5 x
11,5cm
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André Chahil, 2007, Die Carte de Visite, Munich, GRIN Publishing GmbH
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