Inhalt
1 Einleitung 3
2 Unterscheidung zwischen religiösem Arbeitseifer und weltlichem Erfolgsstreben 4
3 Das Franklin’sche Erfolgsstreben 6
3.1 Franklin zwischen Religiosität und Weltlichkeit 7
3.2 Das Leitmotiv des Franklin’schen Erfolgsstrebens 11
4 Fazit 14
5 Literaturverzeichnis 16
2
1.) Einleitung
Der moderne Kapitalismus westlicher Prägung, dessen charakteristischste Merkmale nach Max WEBER eine konsequente Rationalisierung jedweden Wirtschaftens und eine neue Wertschätzung freier weltlicher Arbeit sind (vgl. 2005, S. 14), hat sich v. a. seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert im ehemals puritanischen Amerika zur sinnstiftenden Massenbewegung und spätestens seit Ende des Kalten Krieges im 20. Jahrhundert zur globalen Wirtschaftsordnung entwickelt.
Der maßgeblich seit Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus konventionalisierte Zusammenhang eines radikal-protestantischen Gotteseifers mit der Entstehung eines so genannten „kapitalistischen Geistes“ soll in der folgenden Arbeit einer genaueren Prüfung unterzogen werden. So wird heute vielfach davon ausgegangen, dass der gläubige Puritaner im eigenen weltlichen Erfolg, gemäß der vom Calvinismus abgeleiteten Prädestinationslehre, den Beweis seiner von Gott gewollten Auserwähltheit im Gegensatz zur allgemeinen Verdammtheit der Massen gesehen habe (vgl. WEBER 2005, S. 119). Aber war weltlicher Erfolg in der puritanischen Glaubenswelt tatsächlich der Beweis für die Gewährung der besonderen göttlichen Gnade? Fand die puritanische Heilssuche ihren Ausdruck in einem weltlichen Erfolgsstreben, in einem kapitalistischen Geist, wie Weber dies vermutet? Bei der Überprüfung des Weber’schen Puritanismusbildes fällt zunächst der von ihm vernachlässigte, jedoch bedeutsame qualitative Unterschied zwischen religiösem Arbeitseifer und weltlichem Erfolgsstreben auf.
Exemplarisch lässt sich dieser Unterschied verdeutlichen, wenn man das Erfolgsmotiv des kapitalistischen Vordenkers Benjamin Franklin betrachtet, dessen dogmatisches Arbeitsethos für Weber eindeutig puritanische Züge aufweist und der deshalb von diesem immer wieder in seine Argumentation miteinbezogen wird.
Zu klären wird also sein, ob Franklins unbedingtes Interesse an der Vergrößerung seines Kapitals tatsächlich von puritanischem Gottvertrauen und tiefer Religiosität oder mehr von einem sachlich-säkularen Erfolgsstreben bestimmt wurde. Bei der Beantwortung dieser Frage könnte das Franklin’sche Erfolgsmotiv aufgrund dessen gesellschaftlicher Vorrangstellung stellvertretend für dasjenige der im 18. Jahrhundert neu aufkommenden bürgerlichkapitalistischen Gesellschaft stehen. Man könnte die Leitfrage also wie folgt erweitern: Ist die Entstehung einer postfeudalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung die logische Konsequenz eines radikal-protestantischen Strebens nach jenseitigem Heil oder doch eher die Folge einer aufgeklärten Hinwendung zu einer ganz und gar verweltlichten Diesseitigkeit?
3
2.) Unterscheidung zwischen religiösem Arbeitseifer und weltlichem Erfolgsstreben Vielfach wird davon ausgegangen, in einem erfolgreichen Berufsleben habe ein gläubiger Puritaner den sinnvollsten Beweis dafür gesehen, dass er erwählt sei und folglich nach seinem Tode einen Platz im Himmelsreich erwarten dürfe (vgl. z.B. SEDGWICK 1999, S. 160). Beruflicher Misserfolg hingegen sei im Umkehrschluss als ebenso göttliche Vorherbestimmung, jedoch als Zeichen der Verdammtheit wahrgenommen worden. Folgerichtig habe die verzweifelte Suche der Gläubigen nach göttlicher Erlösung unweigerlich in ein Streben nach finanziellem Wohlstand gemündet. Diese von Max Weber etablierte Betrachtungsweise gilt es im Folgenden zu hinterfragen.
Weber war vom Zusammenhang einer sämtliche radikal-protestantische Glaubensgemeinschaften verbindenden religiösen Lebensreglementierung, der innerweltlichen Askese und der darauf fußenden Entwicklung eines schichtübergreifenden kapitalistischen Geschäftssinns überzeugt (vgl. WEBER 2005, S. 34). Abkehr von der Kreaturvergötterung, permanente Selbstprüfung der Gläubigen und die Entsagung aller weltlichen Freuden führen demnach unweigerlich zu einer völligen Rationalisierung des Lebens. Auch weltliche Arbeit, die den Gläubigen im Sinne der Askese vor einem lasterhaften Lebenswandel bewahren sollte, war laut Weber dieser Rationalisierung unterworfen.
Nach der lutherischen Berufskonzeption des Protestantismus, die erstmals das Wort Berufung oder auch Beruf für eine weltliche Tätigkeit verwendete, kann der Mensch seine Arbeitstätigkeit nicht willkürlich wählen, sondern wird von Gott für eine bestimmte Aufgabe berufen. Für Weber wird vor allem im calvinistischen Puritanismus religiös motivierter Arbeitseifer zu Gottes unbedingtem Willen, da der Beruf nicht wie im lutherischen Glauben eine Schickung ist, in die der Einzelne sich fügen muss, sondern vielmehr ein Befehl Gottes an die von ihm Erwählten, um mit ihrer Arbeit seine Ehre zu mehren. Erfolgreiche Arbeit bedeutet laut Weber für den Puritaner, von Gott dazu berufen zu sein, folglich den Beweis, Gottes Gnade zu besitzen. Die Furcht vor der Verdammnis ist für Weber Ansporn für diesen religiösen Arbeitseifer. Vor diesem Hintergrund sieht er auch die Spezialisierung der Arbeit und in deren Folge die industrielle Arbeitsteilung und die Massenproduktion in einer modernen, rationalisierten Kapitalwirtschaft als gottgewollt.
Webers Interpretation der puritanischen Lebenswirklichkeit zufolge konnten durch die Prädestinationslehre erzeugte Ängste und Verunsicherungen nur „weggearbeitet“ werden. Einzig in der erfolgreichen Arbeit zeigte sich nach Webers Ansicht die gottgegebene Berufung und der damit verbundene Stand der Gnade. Daraus erschließt sich für ihn die Verbindung zwischen Religiosität und weltlichem Erfolgsstreben.
4
Das Dilemma der puritanischen Theologie erkannte Weber darin, dass sie Arbeitseifer als erstrebenswerte Tugend idealisierte, materiellen Reichtum jedoch, nach kapitalistischem Verständnis das ideale Ergebnis erfolgreicher Arbeit, als sündig abgetan habe. So fasst Weber am Ende seines Werks zusammen:
„Ihre volle ökonomische Wirkung entfalteten […] jene mächtigen religiösen Bewegungen, deren Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung ja in erster Linie in ihren asketischen Erziehungswirkungen lag, regelmäßig erst, nachdem die Akme des rein religiösen Enthusiasmus bereits überstiegen war, der Krampf des Suchens nach dem Gottesreich sich allmählich in nüchterne Berufstugend aufzulösen begann, die religiöse Wurzel langsam abstarb und utilitarischer Diesseitigkeit Platz machte […]“ (WEBER 2005, S. 155).
Weber lässt bei dieser Annahme jedoch eine hinreichend genaue Abgrenzung zwischen weltlichem Erfolgsstreben und religiösem Arbeitseifer vermissen. Er spricht religiösem Arbeitseifer zwar richtigerweise einen Selbstzweck zu, verkennt ihn jedoch gleichzeitig als Vorstufe einer Gewinnorientierung im modernen wirtschaftlichen Sinne, indem er weltliches Erfolgsstreben fälschlich als Kern der puritanischen Heilssuche deutet. Im Puritanismus jedoch spielte zwar das Arbeiten, nicht jedoch das Erfolghaben eine zentrale Rolle. Arbeitsamkeit war wesentlicher Teil religiöser Askese, hatte aber mit der Erlangung der Heilsgewissheit nichts zu tun. Demnach konnte ein materieller Gewinn oder die Verbesserung der persönlichen gesellschaftlichen Stellung als Ergebnis weltlicher Arbeit kaum zur Erlangung der Heilsgewissheit beitragen, wie Weber dies vermutet. “Weber’s valuation of worldly activity - ‘It and it alone disperses religious doubts and gives the certainty of graces’ - overemphasizes the importance Puritans attributed to the particular calling as evidence of assurance, and it oversimplifies the psychological process through which believers come to know they are saved” (COHEN 1986, S. 117).
Nach puritanischem Glauben konnte der Erwählte nämlich nur durch den spirituellen Konversionsprozess von Gott bereits im Diesseits in dessen Kreis aufgenommen werden und sich damit seines vermeintlichen jenseitigen Heils gewiss werden (vgl. COHEN 1986, S. 75 f.). Dazu musste der Suchende seine früheren Laster aufgeben und ein bibelfestes Leben führen. Die emotionale Gottbeziehung galt dem Puritaner als Vorzeichen göttlicher Erwählt-
5
Arbeit zitieren:
Samir Ibrahim, 2007, Religiöses oder weltliches Erfolgsstreben? – Was stand wirklich hinter Benjamin Franklins "kapitalistischem Geist"?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Samir Ibrahim's Text Religiöses oder weltliches Erfolgsstreben? – Was stand wirklich hinter Benjamin Franklins "kapitalistischem Geist"? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Samir Ibrahim hat den Text Religiöses oder weltliches Erfolgsstreben? – Was stand wirklich hinter Benjamin Franklins "kapitalistischem Geist"? veröffentlicht
Samir Ibrahim hat einen neuen Text hochgeladen
Wetterdrachen von Benjamin Franklin bis Rudolf Grund
Geschichte und Geschichten
Walter Diem, Werner Schmidt
0 Kommentare