Inhalt
1. Einleitung 3
2. Traditionelle agrarische Prägung des iberischen Raums 4
3. Wirtschaftliches Umdenken und Industrialisierung 5
4. Beitritt in die Europäische Gemeinschaft und weitere Förderung 7
5. Fazit und Zukunftsausblick 9
6. Literaturverzeichnis 10
7. Anhang 11
2
1.) Einleitung
Die traditionell agrarisch geprägten Gesellschaften Spaniens und Portugals waren in den letzten Jahrhunderten vielseitigen Veränderungen und tiefgreifenden politischen Umwälzungen ausgesetzt. So wurde die iberische Halbinsel in ihrer kulturellen und politischen Geschichte bereits von Kelten, Römern, Westgoten und Arabern beeinflusst (vgl. BRODOCZ; VORLÄNDER 2004). An ein nationalstaatliches Gefüge in Spanien oder Portugal, an politische und wirtschaftliche Kontinuität war lange Zeit nicht zu denken. Erst in der Blütezeit des 15. und 16. Jahrhunderts brachte die Kolonisierung Amerikas den spanischen und portugiesischen Königshäusern Reichtum und etablierte ihren Nationalstolz. Dabei ist „der Eindruck […] nicht von der Hand zu weisen, die beiden rivalisierenden Mächte Portugal und Spanien befänden sich bei der Konstruktion nationalkultureller Identität in einer Situation wechselseitiger, aber ungleichwertiger Abhängigkeit“ (BRANDENBERGER 2005, S. 10). Im 17. Jahrhundert schließlich verlor Portugal seine politische Macht mehr und mehr zugunsten eines zunächst erstarkenden Spanien, das jedoch aufgrund Kräfte zehrender innereuropäischer Krisen und schwerer kolonialer Verluste schon bald das gleiche Schicksal ereilen sollte wie seinen kleineren lusitanischen Nachbarn: die sukzessive Zersplitterung und Auflösung seines Weltreichs (vgl. BRINKMANN 1999, S. 8-9). „Währungsverfall, Bevölkerungsmangel sowie landwirtschaftliche Subsistenzkrisen […]“ taten dabei ihr Übriges (BRINKMANN 1999, S. 11). So wurde die iberische Halbinsel, in politischem Chaos versinkend und von innerer Instabilität gezeichnet, bald zum Spielball anderer europäischer Mächte wie England und Frankreich und verfiel in zunehmende Armut (vgl. ENGEL; ZEEDEN 1981, S. 40). Erst im Zuge der Demokratisierung Europas im 20. Jahrhundert konnten Spanien und Portugal nach und nach wieder vollständig in die westliche Staatengemeinschaft zurückkehren, bis sie schließlich 1986 in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen wurden.
Im Rahmen dieser Europäisierung begannen Spanien und Portugal sich von sozialökonomisch rückständigen Schwellenländern, zu denen sie nach dem Verblassen ihrer einstigen kolonialen Größe degeneriert waren, zu aufstrebenden Industrienationen mit wachsendem wirtschaftlichen und politischen Einfluß in Europa und der übrigen Welt zu wandeln. So bedeutete die Teilnahme an der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion für Spanien und Portugal die Grundlage für einen neuen Aufschwung, der einen reformorientierten Modernisierungsprozess Südwesteuropas zur Folge hatte. In den letzten Jahrzehnten führten sowohl die Öffnung für den internationalen Wettbewerb und ausländische Direktinvestitionen als auch die weitreichende Wirtschaftsliberalisierung und Entlastung der Staatsausgaben zu einer Herausbildung diversifizierter, vor allem auf Dienstleistungen ausgerichteter Volkswirtschaften in Spanien und Portugal. Bruttosozialprodukt und Lebens-
3
standard stiegen dabei in relativ kurzer Zeit deutlich an. Inzwischen stehen die ehemals traditionellen iberischen Agrargesellschaften also im Begriff, sich zu modernen Dienstleistungsgesellschaften westlichen Standards zu entwickeln.
Wie aber kam der krasse Entwicklungsrückstand auf Nord- und Mitteleuropa im Einzelnen zustande? Wie gelang es, ihn bis heute zumindest in Teilen aufzuholen? Wie wurden aus den feudalen Agrarländern aufstrebende Industrienationen? Was war für den iberischen Weg in eine globalisierte Gesellschaft maßgeblich? Diese Arbeit wird versuchen, die Ursachen und Merkmale des bisherigen sektoralen Strukturwandels auf der iberischen Halbinsel zu erklären, um zukünftige volkswirtschaftliche Tendenzen in Spanien und Portugal anhand der gesellschaftlichen Entwicklungsgeschichte und der kulturellen Raumordnung aufzeigen zu können.
2.) Traditionelle agrarische Prägung des iberischen Raums
Für die beiden Staaten auf der iberischen Halbinsel ist eine starke Interdependez charakteristisch, die kultureller, politischer und wirtschaftlicher Natur ist. So fällt beim Studium der Geschichte Spaniens und Portugals auf, dass die Ursachen und Nachwirkungen volkswirtschaftlicher Krisen oder Strukturschwächen eines der beiden Länder in der Vergangenheit oftmals im jeweiligen Nachbarland zu suchen waren (vgl. BRANDEN-BERGER 2005, S. 9-14).
Die Gesellschaft Spaniens entbehrte, beispielsweise im Vergleich zu denen Frankreichs oder der Niederlande, lange Zeit eines florierenden Gewerbes, einer prosperierenden Kaufmannschaft und allgemeinem Wohlstands (vgl. BRINKMANN 1999, S. 17). „Vor diesem Hintergrund erschien die spanische Misere [des ökonomischen Niedergangs im 17. Jahr-hundert] als Resultat der mangelnden Erschließung wirtschaftlicher Potentiale, d. h. als Ent-wicklungsrückstand, dessen Überwindung nur eine auf substantielle Neuerungen ausgerichtete Politik“ zu leisten vermochte (BRINKMANN 1999, S. 17). So dominierte in der spanischen Volkswirtschaft lange Zeit der primäre Sektor, in dem wiederum die Subsistenzwirtschaft, vor allem im Norden des Landes, und effizienzarme Pachtformen im Süden bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Förderung des Handels weit verbreitet waren. Die hausgemachten Ursachen der im 17. Jahrhundert zutage getretenen sozioökonomischen Strukturschwäche Spaniens waren also wohl neben dem chronischen Bevölkerungsmangel in erster Linie die traditionelle Abhängigkeit von der Landwirtschaft und die Nichteinbeziehung sinnvoller ökonomischer Lehransätze in volkswirtschaftliche Gesamtüberlegungen durch die intellektuelle Elite.
4
Seit dem frühen Mittelalter hatte sich in der iberischen Landwirtschaft eine spezielle Form des Rentenfeudalismus durchgesetzt, die auf dem Ständeunterschied zwischen adligen Großgrundeigentümern und gemeinen Landlosen beruhte und noch heute für die agrarsoziale Raumstruktur in Spanien, Portugal und Lateinamerika prägend ist. Bei dieser Form der Pacht wurden Landflächen in mehrere kleine Parzellen unterteilt, so genannte Latifundien bzw. Minifundien, für die der Pächter unabhängig vom auf der Fläche erwirtschafteten Ertrag eine beträchtliche Pauschalabgabe an den Grundherrn zahlen musste, ohne dass dieser auch nur Teile seines Gewinns reinvestierte. Das Resultat war eine allmähliche Abnahme der Erträge aufgrund von Bodenübernutzung und in der Folge ein vermehrtes Auswandern der Landbevölkerung. Ihren historischen Ursprung hatte die ungleiche Bodenverteilung in der Reconquista, der sukzessiven christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den arabischen Besatzern seit dem 9. Jahrhundert, die sich nach und nach von Norden nach Süden ausbreitete. Die Führer der Streitkräfte, die an dieser Wiedereroberung teilnahmen, bekamen von ihren Königen als Lohn für ihre Dienste weite Landflächen zugewiesen. Die Vormachtstellung der jeweils Erstgeborenen verhinderte eine weitere Zersplitterung dieser Landflächen, da vererbtes Eigentum nicht auf die gesamte Nachkommenschaft verteilt werden musste. Durch Schenkungen wuchsen auch die Güter der Kirche im Laufe der Zeit immer weiter an. Auf diese Weise blieb der Boden zum Zwecke einer systematischen sozialen und wirtschaftlichen Ausbeutung der breiten Bevölkerung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in den Händen des Adels, des Klerus und der Militär- und Ritterorden.
3.) Wirtschaftliches Umdenken und Industrialisierung
Noch heute wirken die alten Raumstrukturen des Feudalismus nach, da es in Spanien und Portugal nicht wie in anderen Staaten Europas zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer grundsätzlichen Umverteilung der Landbesitzverhältnisse im Zuge einer wirkungsvollen Agrarreform und Bauernbefreiung kam. „Die Daten der Volkszählung von 1930 zeigen [am Beispiel Portugals], dass von insgesamt 1.237.007 Landbewohnern 823.853 das Land für jemand anderen - Gutsbesitzer, Betriebe, Staat oder Gemeinde - bestellten“ (DE OLIVEIRA MARQUES 2001, S. 537). So dominiert noch heute in Mittel- und Südspanien sowie in weiten Teilen Portugals der extensiv bewirtschaftete Großgrundbesitz durch agroindustrielle Großbetriebe, in Nordspanien hingegen nach wie vor Klein- und Kleinstbesitz das Raumbild (siehe Tabelle 1). Die Landwirtschaft zählt dabei im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern immer noch zu den relativ wichtigen Sektoren der spanischen und portugiesischen Wirtschaft, auch wenn heute aufgrund der voranschreitenden Industrialisierung die Zahlen der landwirtschaftlich Beschäftigten stark rückläufig sind (siehe Tabelle 2 u. Karte 3).
5
Entscheidender Auslöser einer wirtschaftstheoretischen Neuorientierung war ein Umdenken in Spanien und Portugal gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das in Nordeuropa schon ein Jahrhundert früher stattgefunden hatte (vgl. ENGEL; ZEEDEN 1981, S. 41) und dessen Wurzeln in der Aufklärung und der damit verbundenen Abschaffung des mittelalterlichen Ständewesens zu suchen sind. So forderte beispielsweise der Spanier Joaquín COSTA, ein Hauptvertreter des „Regeneracionismo“, einer dynamischen Gruppenbewegung von Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern, 1899 in seinem Pamphlet Wiedergeburt durch Europäisierung „[…] dass die Kosten für den Staat herabgesetzt und das Vaterland von physischen und sozialen Hindernissen befreit […]“ werden solle. „[…] die öffentlichen Organismen, wie Heer, Klerus, Gerichte und jede Art von Verwaltung sowie ihre Vorgangsweisen [müssten] vereinfacht und die Morphologie der Nation dem Bildungsstand und der Wirtschaftslage angepasst werden, sodass die Staatsausgaben entsprechend der sich daraus ergebenden neuen Beschaffenheit gekürzt werden [könnten]“ (1899, S. 237). Diese eindeutig marktwirtschaftlich-liberalistisch geprägten Reformansätze sollten als europäischer Weg aus der iberischen Rückständigkeit jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig umgesetzt werden.
Die Anfänge der Industrialisierung in Spanien wurden nichtsdestotrotz schon um die Jahr-hundertwende durch eine progressive Ökonomisierung der Landwirtschaft eingeleitet. Die kapitalintensive, mit Hilfe ausländischer Investitionen finanzierte Technisierung und Mechanisierung wertete den traditionellen Trockenfeldbau durch neue Bewässerungs- und Düngemethoden auf und führte zu Überproduktionen und Arbeitslosigkeit im primären Sektor, was wiederum eine sprunghafte Landflucht und massenhafte Beschäftigung in den wachsenden, zunehmend internationalisierten Industrien der Ballungszentren, vor allem in der Eisen- und der Textilindustrie im spanischen Norden um San Sebastian und Barcelona, zur Folge hatte. So zählte beispielsweise Barcelona 1870 noch zu den Städten mit 100.000 bis 250.000 Einwohnern; schon um 1914 hatte die angehende Weltmetropole jedoch mit der Hauptstadt Madrid aufgeschlossen und fiel in die Kategorie der Städte mit 500.000 bis 750.000 Einwohnern (siehe Karte 5 u. 6).
In Portugal hingegen hatte die europaweite industrielle Revolution des 18. und 19. Jahr-hunderts weit geringere Auswirkungen als in Spanien. „Die Zahl von Fabriken, die Produktion von Industrieartikeln und die Zahl der beschäftigten Arbeiter bewegten sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf sehr niedrigem Niveau […]“ (DE OLIVEIRA MARQUES 2001, S. 529). Man verfügte nur über wenig Eisen, Kohle und andere Grundrohstoffe und war in hohem Maße auf Importe angewiesen, wohingegen der für das Land lebenswichtige Güterexport weiterhin
6
Arbeit zitieren:
Samir Ibrahim, 2007, Spaniens und Portugals Weg von der Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Samir Ibrahim's Text Spaniens und Portugals Weg von der Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Samir Ibrahim hat den Text Spaniens und Portugals Weg von der Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft veröffentlicht
Samir Ibrahim hat einen neuen Text hochgeladen
Traumstraßen Spanien / Portugal
Die Reise Ottheinrichs von der Pfalz durch Spanien und Portugal
1519/20 im Spiegel des Reiseta...
Karin Hellwig
0 Kommentare