I. Einleitung
Der Schriftsteller Ödön von Horváth, zählt neben Heinrich Mann, Bertold Brecht und Kurt Tucholsky zu der Gruppe der Exilliteraten. Ab dem Jahre 1933 begann die Flucht von etwa 1500 Schriftstellern aus Deutschland. Dafür gab es verschiedene Gründe, gemeinsam hatten sie wohl alle einen: Der Aufstieg Hitlers und der des Nationalsozialismus. Mit der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden den Autoren radikal verdeutlicht, dass ihre Werke als „entartete Kunst“ bezeichnet wurden und auf den schnellstem Wege vernichtet werden müssen. Schnell realisierten sie, dass sie sich entweder mit dem Regime arrangieren oder ansonsten ihre Werke verboten werden. Gefährdet waren vor allem Kommunisten, Demokraten und Linke. Diejenigen, die sich der enormen Gefahr von der SS verfolgt und ermordet zu werden nicht stellen wollten, gingen ins Exil nach beispielsweise Paris, Amsterdam und Prag. Die Exilierten wurden mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert: die Hoffnung von einer raschen Auflösung der Nationalsozialisten musste vergraben werden, jegliche Kontakte zum Heimatland waren abgetrennt, das Leben in der fremden Umgebung wurde zudem erschwert. Nur ein kleiner Teil der emigrierten Autoren, konnten mit ihrer schriftstellerischen Arbeit genügend Geld verdienen, um einen konstanten sozialen Status aufrechterhalten zu können. Nicht alle Exilautoren waren in ihrer neuen, aufgezwungenen Heimat sicher. Zu Kriegsbeginn mussten die Schriftsteller erneut fliehen, die z.B. schon nach Frankreich geflohen waren. So blieb den meisten Autoren nur der Weg nach Amerika, wie z.B. Brecht und Zuckmayer. Diese Flucht fiel vielen nicht leicht, denn die Trennung von der europäischen Kultur vergrößerte die Isolation. Als Hauptziel der Exilliteratur gilt die Information der Weltöffentlichkeit über die Machenschaften des Nationalsozialistischen Regimes und dessen Umsturz. Die markantesten Punkte dieses Zeitalters sind die Machtergreifung der NSDAP 1933, der Kriegsbeginn 1939 und das Kriegsende 1945. Einige Autoren wendeten sich dem historischen und Gesellschaftsroman zu, der in der Weimarer Republik große Beachtung genoss. 1
Doch sie mussten sich natürlich fragen, wer ihre Werke verlegen würde. Schnell bildeten sich Exilverlage, wie in Amsterdam der Querido-Verlag und der Allert de
1 Vgl. Krischke, Traugott: „Horváths Jugend ohne Gott“. S.11-21.
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Lange Verlag, welcher sich auch Horváths „Jugend ohne Gott“ annahm. Aber nicht nur die Autoren, sondern auch die Verlage hatten mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen. Nicht nur finanziell waren ihnen die Hände gebunden, so dass viele Schriften nicht veröffentlicht werden konnten, sondern auch der Rückgang der Buchkäufer erschwerte die Situation.
„Die Besetzung der deutschsprachigen Gebiete durch die Faschisten und der Ausbruch des Krieges ließen nicht nur die wichtigsten Absatzgebiete für Exilliteratur ausfallen, sie trieben neben den Verlegern und ihren Autoren auch die exilierte Leserschaft auf eine unstete Wanderung von Land zu Land.“ 2 Als die wichtigsten Verlage sind eben der Allert de Lange-, der Querido-, der Oprecht- und der El libro libre- Verlag zu nennen. Ihnen ist zu verdanken, dass trotz der schwierigen Umstände die Exilliteratur über 12 Jahre hinweg den Weg an die Öffentlichkeit fand. 3
Diese Arbeit möchte den Exilroman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth inhaltlich analysieren und Bezug auf die politische Aussagekraft nehmen.
II. Der Roman „Jugend ohne Gott“
1. Biographie
„Ich bin eine typisch altösterreichisch- ungarische Mischung: magyarisch, kroatisch, deutsch, tschechisch [...] Allerdings: Der Begriff „Vaterland“, nationalistisch gefälscht, ist mir fremd. Mein Vaterland ist das Volk.[...] 4
Der Schriftsteller Edmund Josip (Ödön=ungarisch) von Horváth wurde am 9. Dezember 1901 als Sohn des österreichisch-ungarischen Diplomaten Dr. Ödön Josef von Horváth und der Mutter Maria Hermine in Fiume, dem heutigen Rijeka in Kroatien geboren.
Aufgrund des dienstlichen Erfolges des Vaters zog die Familie bis 1908 nach Belgrad, daraufhin nach Budapest, wo Horváth das Rákóczy-Gymnasium besuchte. Im Jahre 1913 verschlug es ihn nach München, wo auch sein Vater seiner
2 Krischke, Traugott: „Horváths Jugend ohne Gott“.S. 29.
3 Vgl. Ebenda. S. 27-42.
4 Lunzer, Heinz/ Lunzer-Talos Victoria/ Tworek, Elisabeth: „Horváth. Einem Schriftsteller auf der Spur“. S.22.
3
beruflichen Karriere als Fachberichterstatter des königlich-ungarischen Handelsministeriums im Ausland nachging.
Die schulische Laufbahn Ödön von Horváths hingegen war nicht durch Erfolg gekennzeichnet. Nachdem er auf einem Münchner Realgymnasium zweimal in der gleichen Stufe nicht versetzt wurde, beendete er 1919 seine Schulzeit schließlich an einer privaten Lehranstalt in Wien.
In den Zeiten des Ersten Weltkrieges ging Horváth folglich noch zur Schule und war zu jung, um an die Front geschickt zu werden, was von vielen Jugendlichen nicht freudig aufgenommen wurde. 5 „[...] und es tat uns außerordentlich leid, daß wir nicht um fünf bis sechs Jahre älter waren--dann hätten wir nämlich sofort hinaus können in das Feld.“ 6 Nichtsdestotrotz begriff Horváth das Ausmaß des Krieges. „[...] Aus der Tatsache, daß unsere Väter im Felde fielen oder sich drückten, daß sie zu Krüppeln zerfetzt wurden oder wucherten, folgerte die öffentliche Meinung, wir Kriegslümmel würden Verbrecher werden. [...] Wir hatten bislang nur zur Kenntnis genommen. Wir haben zur Kenntnis genommen--und werden nichts vergessen. Nie. Sollten auch heute einzelne von uns das Gegenteil behaupten, denn solche Erinnerungen können unbequem werden, so lügen sie eben.“ 7 Während seiner Schullaufbahn und seinen damit verbundenen Erfahrungen beschließt Ödön von Horváth Schriftsteller zu werden. Noch im Jahr seines abgeschlossenen Maturas 1919 immatrikuliert er sich an der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilian Universität in München. Gleich im Folgejahr beginnt er zu schreiben, jedoch vernichtet er viele Texte aus dieser Zeit. Zwischen 1924 und 1933 residierte Horváth in der oberbayerischen Marktgemeinde Murnau am Staffelsee, wo er 1927 auch einen Antrag zur bayerischen Staatsangehörigkeit stellte. “Meine Kindheit verbrachte ich in Belgrad, Budapest, Wien, München und Pressburg [...] Daher kommt es auch, daß ich keine Heimat habe- nur eine Wahlheimat: Bayern.“ 8 Dieser Ort schien einerseits für seine privaten Freizeitaktivitäten, sowie für seine Studien über das Kleinbürgertum und den schnellen Aufstieg des Nationalsozialismus prädestiniert zu sein. Dort und daraus entstanden seine Volksstücke „Italienische Nacht“, „Geschichten aus dem Wiener
5 Vgl. Lunzer, Heinz/ Lunzer-Talos Victoria/ Tworek, Elisabeth: „Horváth. Einem Schriftsteller auf der
Spur“. S. 7-14.
6 Ebenda. S. 14.
7 Lunzer, Heinz/ Lunzer-Talos Victoria/ Tworek, Elisabeth: „Horváth. Einem Schriftsteller auf der Spur“.
S.17
8 Ebenda. S. 43.
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Wald“, „Kasimir und Karoline“ und „Glaube, Liebe, Hoffnung“. In vielen von Horváths Werken, wie beispielsweise „Zur schönen Aussicht“ und „Jugend ohne Gott“ sind die Bezüge auf die Murnauer Jahre nicht von der Hand zu weisen. Nach einer Auseinandersetzung über die Rede Hitlers im Sportpalast am 10. Februar 1933, durchsuchte die SA Horváths Villa in Murnau. Man rechnete den Schriftsteller und seine Familie der kommunistischen Seite zu und somit wurde es dort zu gefährlich. Aus diesem Grund flüchtete er nach Berlin, Wien und Henndorf bei Salzburg zu Carl Zuckmayer.
Obwohl Horváth anti-nationalsozialistisch eingestellt war, gelang es ihm im Reichsverband deutscher Schriftsteller beizutreten und Mitglied der Union nationaler Schriftsteller zu werden. Allerdings wurden im Dritten Reich keine Werke Ödön von Horváths aufgeführt.
Die damit finanzielle Krise veranlasste Horváth dazu, sich solange im Filmgeschäft zu versuchen, bis seine Werke wieder größere Beachtung zukam. Erst im Jahr 1937 feierte der Schriftsteller mit seinem Roman „Jugend ohne Gott“, der von dem Exil-Verlag Allert de Lange in Amsterdam verlegt wurde, internationalen Erfolg.
Seine Informationen für den Roman, z.B. über das „Hochland-Lager“ der Hitlerjugend sammelte er schon damals in Murnau, in das er immer wieder heimlich zurückkehrte, als er schon zu den Emigranten gerechnet wurde. Sehr schnell nach der Veröffentlichung verbaten die Nationalsozialisten Horváths neueste Literatur. Im März 1938 flieht er wegen der deutschen Besetzung Österreichs nach Budapest und andere Städte und kommt im Mai nach Paris, um sich mit Regisseur Robert Siodmak über die Verfilmung des Romans „Jugend ohne Gott“ zu unterhalten. Am 1. Juni verstarb Ödön von Horváth, als er an einem stürmischen Abend von einem abbrechenden Ast in der Champs-Elysées erschlagen wurde. Sein Begräbnis fand am 7. Juni am Friedhof von Saint-Quen in Paris in Anwesenheit vieler Exilautoren statt. Seit 1988 ruht Ödön von Horváth auf dem Heiligenstädter Friedhof in Wien. 9
9 Vgl. Lunzer, Heinz/ Lunzer-Talos Victoria/ Tworek, Elisabeth: „Horváth. Einem Schriftsteller auf der
Spur“. S. 14-155.
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2. Inhalt des Romans
Der Roman „Jugend ohne Gott“ beginnt wie ein Tagebucheintrag am 25. März, dem 34. Geburtstag des Ich-Erzählers. Er arbeitet als Lehrer für Geschichte und Geographie an einem städtischen Gymnasium. Trotz seiner materiellen und beruflichen Sicherheit, ist er mit dem Zeitgeist und dem militaristischen und rassistischen Regime unzufrieden, von dem er sich auch innerlich distanziert. Diesbezüglich treten das erste Mal Probleme auf, als er Klassenarbeiten mit dem vorgeschriebenen Thema „Warum müssen wir Kolonien haben?“ korrigieren muss. 10 Der Schüler N behauptet darin, dass „alle Neger [...] hinterlistig, feig und faul [sind] 11 , was der Lehrer durchstreichen will, bis er realisiert, dass dieser Satz vom Radio geäußert wurde und diese Phrasen dürfen nicht geleugnet werden. Bei der Rückgabe der Hefte versucht der Gymnasiallehrer den Bäckermeistersohn N eines Besseren zu belehren, indem er ihn aufklärt, dass „auch die Neger doch Menschen sind“ 12 und handelt sich wegen dieser Aussage Ärger mit Eltern, Schülern und der Schulbehörde ein. Der Direktor macht ihn auf ein geheimes Rundschreiben aufmerksam, in dem verlangt wird, dass die Jugend ausschließlich auf den Krieg vorbereitet werden soll. 13 Aufgewühlt von den Ereignissen des Tages verschlägt es ihn abends in eine Bar, wo er auf den ehemaligen Kollegen Julius Caesar trifft. Dieser verdeutlicht ihm anhand der Metapher des Zeitalters der Fische die schlechte moralische Gesinnung der Jugend. Das damit eingeleitete Fischmotiv zeigt sich kurz darauf das erste Mal bei der Beerdigung des Schülers W, bei der die Schüler N und T herausgehoben und zu deutlichen Gegenspielern des Lehrers avancieren. 14 Die folgenden Kapitel spielen sich in einem Zeltlager in den Osterferien statt, welches zur Vorbereitung auf die militärische Laufbahn dienen soll. Der Lehrer unterhält sich in einem Dorf, nahe des Zeltlagers, mit einem Pfarrer über Gott und den Staat. Die Ansicht des Pfarrers, „dass Gott das Schrecklichste“ 15 sei, aber auch gerecht ist, weil „er straft“ 16 , bringt den Lehrer zum Nachdenken. Nach einigen Tagen im Zeltlager wird ein Fotoapparat gestohlen. Daraufhin kontrolliert der Lehrer die aufgestellten Wachen und bemerkt, dass Z von einem fremden Jungen einen Brief
10 Vgl. von Horváth, Ödön: „Jugend ohne Gott“. S. 11-13.
11 von Horváth, Ödön: „Jugend ohne Gott“ S. 13.
12 Ebenda. S. 17.
13 Vgl. Ebenda. S. 19.
14 Vgl . Von Horváth, Ödön: „Jugend ohne Gott“. S. 13-34.
15 Vgl. Ebenda. S. 52.
16 Vgl. Ebenda. S. 52.
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Manuela Schauer, 2009, Interpretation zu Ödön von Horváth "Jugend ohne Gott", München, GRIN Verlag GmbH
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