Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand als Abschlussarbeit meines Diplom-Soziologie-Studiums an der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Institution RAA Meck-lenburg-Vorpommern e.V. 1 mit Sitz in Waren (Müritz). Besonderer Dank gilt denjenigen, die mich bei der Entstehung dieser Arbeit unterstützt haben. Ich danke Herrn Professor Dr. Andreas Zick für die Betreuung und Begutachtung meiner Arbeit und die Vermittlung aller nötigen Kenntnisse, die eine Voraussetzung für die Bearbeitung der vorherrschenden Problemstellung waren. Mein weiterer Dank gilt dem Geschäftsführer der RAA Mecklenburg-Vorpommern e.V. Herrn Christian Utpatel, der mir die Möglichkeit für meine Tätigkeit gab und Frau Dipl.-Soz. Steffi Kühn, die mich während der Durchführung dieser Arbeit von Seiten der Institution RAA Mecklenburg-Vorpommern e.V. in organisatorischen und praktischen Belangen begleitet hat. Allen Mitarbeitern der RAA Mecklenburg-Vorpommern e.V. danke ich für die freundliche Unterstützung und die angenehme Atmosphäre während meiner dortigen Beschäftigung. Den Angestellten und Akteuren in den involvierten Unternehmen der Städte Bernau und Waren (Müritz), wie der Warener Wohnungsgenossenschaft, der Produktionsschule vom CJD, der Regionalen Schule „Friedrich-Dethloff“ auf dem Papenberg und dem Stadtteilzentrum in Bernau seien ebenfalls für ihre Ratschläge, Anregungen und Hilfen sowie der Bereitstellung benötigter Materialien und Räumlichkeiten bei meinen Untersuchungen gedankt.
Vor allem aber danke ich meiner Familie. Ich bedanke mich bei meinem Sohn Miguel Julian für seine Geduld und seine - nicht immer ganz freiwillige - Opferbereitschaft und bei meinem Mann Martin für seinen emotionalen Beistand und seine konstruktiven Beiträge bei der Erstellung und Gestaltung der vorliegenden Arbeit.
1 Die RAA M-V e.V. ist Teil eines bundesweiten Netzwerkes von RAA, bekannt auch unter dem früheren Namen "Regionale Arbeitsstellen für Ausländerfragen". Alle RAA und assoziierte Einrichtungen arbeiten in einer Bundesarbeitsgemeinschaft zusammen. Die RAA M-V e.V. wurden im September 1999 als ei- genständiger Verein gegründet.
Kurzfassung
Dass im Bereich der Demokratieentwicklung /-pädagogik angesiedelte Modellprojekt „Gleichwertigkeit erleben - Kompetenzen für den Arbeitsmarkt stärken“ beschäftigt sich ausführlich mit dem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) und einer Anerkennungskultur unter Jugendlichen. Dabei wird geklärt, ob eine Stärkung der Anerkennung von Jugendlichen vorherrschende Abwertungen gegenüber anderen Gruppen wie beispielsweise Migranten, ethnischen Gruppen oder Behinderten entgegenwirken kann. Es wird davon ausgegangen, dass eine individuelle und gesellschaftliche Anerkennung des Individuums die Gefahr der Abwertung anderer minimiert. Ziel des Modellprojektes „Gleichwertigkeit erleben - Kompetenzen für den Arbeitsmarkt stärken“ ist es demnach, mögliche Vorurteile von Jugendlichen abzubauen und positive Veränderungen bzw. Erfahrungen im Bereich der Anerkennungskultur und Gleichwertigkeit zu schaffen. [vgl. P2]. Werkzeug für diese Zielerreichung stellt das Gleichwertigkeitsaudit dar, welches in der vorliegenden Abhandlung detailliert vorgestellt, analysiert und hinterfragt wird. Fokussiert wird dabei die Fragestellung, ob es sich bei dem Gleichwertigkeitsaudit um eine geeignete Interventionsstrategie zur Reduktion Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit handelt. Im Vordergrund stehen ein soziologischer Hintergrund und empirische Analysen. Untersuchungsgegenstand dieses Projektes stellen Jungendliche des Stadtteils Papenberg in Waren (Müritz) und Jugendliche eines Stadtteilzentrums in Bernau dar.
Die dazu nötigen theoretischen Kenntnisse der Anerkennungskultur unter Jugendlichen, Gleichwertigkeitserfahrungen und das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit werden geklärt und erforderliche Arbeitsschritte wie eine Ist-standsanalyse des Stadtteils, Fragebogenerstellung und -auswertung, sowie das Auditverfahren aufgezeigt. Das Ergebnis soll es sein, eine Antwort auf die Frage zu geben, ob es sich bei diesem Audit um eine geeignete Interventionsstrategie zur Reduktion Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit handelt. Eine Auswertung und Zusammenfassung der gewonnenen Resultate schließt diese Arbeit ab.
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Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis I
1 Einleitung und Forschungsfeld 6
1.1 Ziele und Gliederung 9
2 Theorien einer (Un-) Gleichwertigkeit 13
2.1 Was ist das Syndrom Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? 14
2.2 Was ist eine Anerkennungskultur? 20
2.3 Anerkennung und Gleichwertigkeitserfahrungen 26
3 Das Gleichwertigkeitsaudit 32
3.1 Was ist ein Audit? 32
3.2 Was ist ein Gleichwertigkeitsaudit? 34
3.2.1 Was ist Gleichwertigkeit im Rahmen des Gleichwertigkeitsaudit?36
3.2.2 Der Kriterienkatalog 37
3.2.3 Was ist ein World Café? 46
4 Empirische Fallanalysen 48
4.1 Das Gleichwertigkeitsaudit in Waren (Müritz) 48
4.1.1 Die Stadt Waren (Müritz) 50
4.1.2 Betrachtung des Untersuchungsgegenstand 52
4.1.3 Durchführung des Workshops 60
Exkurs : Das Gleichwertigkeitsaudit im „Papenberger Jugendclub“ 64
4.2 Das Gleichwertigkeitsaudit in Bernau 67
4.2.1 Die Stadt Bernau 68
4.2.2 Betrachtung des Untersuchungsgegenstand 69
4.2.3 Durchführung des Workshops 72
4.3 Ergebnisse einer empirischen Begleitung des Gleichwertigkeitsaudits 74
4.3.1 Auswertung in Waren (Müritz) 74
4.3.2 Auswertung in Bernau 82
4.4 Prävention und Intervention 87
5 Ergebnisdiskussion und -zusammenfassung einer empirischen Begleitung
des Gleichwertigkeitsaudits 91
Literaturverzeichnis ............................................................................................ 102 Anhang ................................................................................................................. 107 Anhang 1 - Verwendete Leitsätze beim Gleichwertigkeitsaudit
in Waren (Müritz) ................................................................................. 107 Anhang 1.1 - Verwendete Leitsätze beim Workshop in der Regionalen Schule
„Friedrich-Dethloff“ ............................................................................. 107 Anhang 1.2 - Leitsätze für den Workshop im Stadtteil .................................. 115 Anhang 2 - Fragebögen für Jugendliche und Akteure .................................... 121 Anhang 3 - Leitsätze für den Workshop im STZ Bernau ............................... 125 Anhang 4 - Fotografische Dokumentation des Stadtteils Papenberg .............. 131
Abbildungsverzeichnis
Abb. 2.1.1: Konstrukte des Syndroms Gruppenbezogene Menschen-
Abb.2.1.2.: SOLI-Schema nach Wilhelm Heitmeyer [P5; S. 6] Abb. 2.2.1: Anerkennungstypen und Missachtungsformen bei Honneth [P3; S. 122] S. 23
Abb. 2.3.1: Bedürfnispyramide [eigene Darstellung in Anlehnung an P22; S. 31] S. 29
Abb. 3.1.1: Grafische Darstellung der Vorgehensweise eines Audits [S13 PowerPoint] S. 33
Abb. 3.2.2.1: Aufbau eines Leitsatzes [P2.1; S. 21] S. 38
Abb. 3.2.2.2: Zusammenfassung der Veränderungsvorschläge zum
Abb. 4.1.1.1: Logo der Stadt Waren (Müritz) [W1]
Abb. 4.1.1.2: Wappen der Stadt Waren (Müritz) [W1] S. 50
Abb. 4.1.1.3: Stadtplan des Papenberges [W1] S. 51
Abb. 4.1.2.1: Zufriedenheit der Jugendlichen mit dem Wohnort Papenberg [Eigene Analyse mit dem Programm SPSS] S. 54
Abb. 4.1.2.2: Kreisdiagramm - Freizeitverhalten der Jugendlichen
Abb. 4.1.2.3: Übersicht der Akteure und TrainerInnen [eigene Grafik] Abb. 4.2.1.1: Jugendtreff Dosto [www.bernau.de; entnommen 2008-11-10] S. 69
Abb. 4.2.1.2: Stadtteilzentrum Bernau Süd [www.bernau.de; entnommen 2008-11-10] S. 69
Abb. 4.2.2.1: geplanter zeitlicher Ablauf des Projektes in Bernau,
Abb. 4.3.1.1: Veränderungsvorschläge der LehrerInnen undSchülerInnen, [zusammengetragen von Madlen Leetz; P2.2; S. 14] S. 81
Abb. 4.3.2.1: Beispiel eines ausgefüllten Bogens (Kritiken und Ver-
Abb.4.4.1: Aktionsfelder und Interventionsmaßnahmen zur Stärkung
1 Einleitung und Forschungsfeld
„Der Aufschwung am Arbeitsmarkt schwächt sich ab. Im Juli 2008 steigt die Zahl der Menschen ohne Job um 50.000.“ [S14] (auf insgesamt 3.210.000, ca. 7,7 %) Dieses Zitat ist ein Beispiel von vielen Schlagzeilen und Reportagen, die BundesbürgerInnen Deutschlands in mannigfachen Medien lesen oder hören müssen. Sie spiegeln dabei die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt wieder und forcieren eine bestehende Angst vor Arbeitslosigkeit. [vgl. P17; S. 9]. Unmut, Orientierungslosigkeit und das Gefühl der individuellen Einflusslosigkeit sind Resultate dieser Angst und begleiten das tägliche Leben vieler Menschen. Immer öfter verfallen Individuen in eine Form des Kontrollverlustes [Ebd.; S. 15], welche durch die sich ständig ändernde Wirtschaftslage geprägt wird. 1 Schon im Jahre 1961 spricht anliegend daran der Soziologe Talcott Parsons von einem Wandel der normativen Kultur 2 , der sich nach Wilhelm Heitmeyer in der technologischen Entwicklung mit Rationalisierungspotential an Handwerksarbeit und einer progressiven Globalisierung (z.B. Transfer von Produktionsstätten und Ausdehnung von weltweit preiswerten Warentransporten) Ausdruck verleiht. [vgl. Ebd.]. Die Konsequenz ist ein Zerfall der gewohnten Sozialstruktur, d.h. eine
einheitliche Raum- und Stadtpolitik schwindet. Klassische Arbeiter weichen und machen Platz für Marginalisierte. Langzeitarbeitslosigkeit, untertarifliche Entgelte, Zeitarbeitsstrukturen und eine unzureichende Sicherstellung von Sozialleistungen sind dabei charakteristische Merkmale, dessen Folgen Lebensverläufe sind, die eine soziale Unsicherheit empfinden und negative Zukunftserwartungen schüren. Vor mehr als fünf Jahren hat sich unter der Leitung von Prof. Wilhelm Heitmeyer am Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld eine Forschungsgruppe gebildet, die sich mit diesen gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzt. In der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ werden im jährlichen Rhythmus über einen Zeitraum von zehn Jahren, Anschauungen und Meinungen der BundesbürgerInnen zu sozialen Rand- und Mindergruppen und rechtspopulistischen Inhalten erfragt. Eine Analyse diskriminierender Verhaltensweisen, welche nach An- 1 aktuellesBeispiel: Finanzkrise seit Mitte 2008
2 siehe z.B. Talcott Parsons (1951) : The Social System. oder Talcott Parsons (1961) : An Outline of the Social System.
sicht der WissenschaftlerInnen Folgen der oben beschriebenen sozialen Unsicherheit in der Gesellschaft sind, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Die bisherigen Ergebnisse dieser Langzeitstudie bezeichnet Heitmeyer dabei als bedenklich. Unter anderem kann gesagt werden, dass die Fremdenfeindlichkeit gestiegen ist, da sich mittlerweile annähernd jede/r zweite Deutsche xenophob und jede/r Fünfte rechtsextremistisch äußert. [vgl. P13]. Prekär ist, dass diese Einstellungen in der »Mitte« der Gesellschaft wieder zu finden sind und nicht mehr ausschließlich bei Minderheiten (z.B. rechte oder linke Positionen des politischen Systems). 3 Der Terminus Mitte stellt nach Heitmeyer ein „Synonym für Solidarität und Lebensweise, Leistungs-und Aufstiegsorientierung sowie Einstellungen ohne extreme Positionen, kurz: [ein] Garant von Normalität und politischer Stabilität“ dar. [Ebd.; S.21]. Welchen Einfluss haben die gezeigten Irritationen, die die »Mitte« unserer Gesellschaft erreicht haben? Und wie wirken sich diese auf die Demokratieentwicklung aus? Unbestritten ist, dass jeder Mensch individuell reagiert. Zum einen gibt es Individuen, die den Rückzug ins Private wählen, dessen persönliche Folgen Passivität und Depressionen sein können. Zum anderen gibt es jedoch Menschen, die ihre Emotionen und Einstellungen bspw. gegen Minderheiten und Randgruppen richten, um „der eigenen Verstörung eine stabilisierende Normalität von Hierarchien, Zugehörigkeit und Normdurchsetzung entgegenzustellen“. [P17; S.19]. Durch diese so genannte Ideologie der Gegensätzlichkeit kann die eigene Instabilität verdeckt werden, so dass eine Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) geschaffen wird. Bei diesem Syndrom geht es dabei nicht ausschließlich um Personen mit fremder Herkunft, sondern auch um Menschen gleicher Abstammung, deren Verhaltensweisen oder Lebensstile als divergent wirken. Mit dem Begriff GMF ist also „eine Einstellung gemeint, Menschen deshalb abzulehnen, abzuwerten oder zu hassen, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören“. [P2.1; S.3].
Wird nun der Blick auf Jugendliche, Individuen dieser Gesellschaft im Alter von 12 bis 17 Jahren gerichtet, ergibt sich eine duale Belastung, die sich auf die Adoleszenz auswirkt. Einerseits sind ihre Vorbilder (z.B. Eltern) ohne zukunftsweisende, individuelle oder gesellschaftliche Perspektiven ausgestattet und andererseits herrscht auch
3 vorzufinden vor allem in östlichen Gegenden, wie Kleinstädten und ländlichen Gemeinden der Bundes- republik Deutschland
bei den Jugendlichen eine individuelle Betroffenheit von fehlenden Ausbildungsplätzen und/ oder Arbeitslosigkeit. Dies fördert Kompetenz- und Integrationsdefizite, fehlendes Zusammengehörigkeitsgefühl und Abwertungs- bzw. Diskriminierungstendenzen. Ein aus der Arbeitslosigkeit entlehntes Fallbeispiel 4 soll anliegend daran das Ausmaß und die Konsequenzen dieser Abwertung verdeutlichen. Melanie, eine 15jährige und bei der allein erziehenden Mutter lebende Schülerin, spürt erstmalig mit 13 Jahren die negativen Wirkungen der Berufslosigkeit ihrer Mutter. Als Melanie fünf Jahre alt ist, lassen sich ihre Eltern scheiden und sie zieht mit den beiden jüngeren Geschwistern und ihrer Mutter in eine kleine Wohnung. Bis dato arbeitet diese als Sekretärin und die Familie lebt ärmlichen Verhältnissen. Dennoch kann die Mutter ihren Kindern Taschengeld zahlen und es ihnen ermöglichen, an kostenpflichtigen Veranstaltungen teilzunehmen. Auch die große Leidenschaft des Reitens kann Melanie gewährt werden. Nach 6 Jahren verliert die Mutter jedoch ihre Arbeitsstelle und ist seit dem auf Arbeitslosengeld und HARTZ IV angewiesen. Anfangs gibt es für die Geschwister keine Veränderungen. Weiterhin besucht Melanie ihre Reitstunden, erhält Taschengeld und kann Veranstaltungen beiwohnen. Dies ändert sich jedoch nach kurzer Zeit. Durch die finanzielle Einschränkung kann die Mutter ihren Kindern kein Taschengeld mehr zahlen und Melanie, mittlerweile 13 Jahre alt, muss auf ihren Reitunterricht verzichten. Immer öfter passiert es, dass sie schulischen Veranstaltungen fern bleibt, weil sie die Gebühren nicht aufbringt. Gemeinsame Hobbys und Unternehmungen mit ihren Freundinnen kann sie nicht mehr nachgehen und auch äußerlich vollzieht Melanie einen Wandel. Sie muss nun so genannte Secondhand-Kleidung tragen, die meist von gebrauchter Qualität ist. Die MitschülerInnen reagieren auf diese Veränderung empört und äußern öffentlich ihre Ablehnung gegenüber Melanie. Enge Freundinnen schämen sich für sie, meiden Melanie und fortan sieht sich diese Hänseleien und Anfeindungen ausgesetzt. Auf dem Schulhof und in den Pausen hört sie abwertende Sprüche oder verletzende Kommentare. Obwohl Melanie die gleiche Person ist und keine Schuld an ihrer momentanen Situation trägt, muss sie die negativen Konsequenzen dulden, die auch ihre Mutter nicht verhindern kann. Ebenso wie Melanie spürt sie die ablehnenden Verhaltensweisen und fühlt sich ohnmächtig. Nicht nur Jugendliche zeigen solch ein Verhalten, sondern auch
4 entnommen aus Einzelinterviews, die im Rahmen des Modellprojektes „Gleichwertigkeit erleben“ in der Stadt Waren (Müritz) gemacht wurden
Erwachsene, entfernte Bekannte, Freunde und ehemalige Kollegen replizieren die vorherrschende divergente Lebensweise der Familie und drücken ihre Antipathie durch Diskriminierung aus.
Deutlich wird eine starke Aversion und Feindseligkeit gegen die Andersartigkeit von Menschen und signalisiert, dass abwertendes Verhalten weit reichende Wirkungen haben kann. Für Melanie bedeutet diese Ablehnung persönlicher Schmerz bis hin zu einem Zerfall ihrer gewohnten sozialen Umgebung. Folgen können unter anderem Depressionen, schulische Defizite und Isolation sein. Ablehnende MitschülerInnen werten jedoch ihr einiges Selbstwertgefühl auf, indem sie sich distanzieren und dadurch »ab-normales« Verhalten Melanies darlegen. Auslöser für diese Haltung können eine beschriebene Perspektivlosigkeit, aber auch die gesellschaftliche Aneignung von Vorurteilen, Stereotypen und persönlicher Angst sein.
Um der facettenreichen Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit 5 entgegen zu wirken, müssen daher vor allem Jugendliche in die Position versetzt werden, demokratisch zu handeln und Anteil am gesellschaftlichen Leben zu nehmen. [vgl. P2.1].
1.1 Ziele und Gliederung
Im Rahmen des Projektverbundes „Living Equality“ wurde aus diesem Grund von der Amadeu Antonio Stiftung (A-A-S) 6 das Modellprojekt „Gleichwertigkeit erleben - Kompetenzen für den Arbeitsmarkt stärken“ 7 ins Leben gerufen, in welchem eine einjährige Entwicklungsgruppe das» Gleichwertigkeitsaudit« als mögliche Interventionsstrategie zur Bekämpfung von GMF konzipierte. Hierbei geht es um Partizipation und Mitbestimmung durch demokratisches Kommunizieren, Streiten und Handeln. In diesem Auditprozess erhält eine heterogene Gruppe von Menschen, „die an Veränderungen ihrer Situation interessiert sind, etwa Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und andere Beteiligte, […] einen Bogen, auf dem sie eintragen können, wie ihre individuelle Einschätzung der Lage ist, die sie mit Hilfe faktischer Nachweise untermauern,
5 Wiederzufinden in Sexismus, Heterophobie, Antisemitismus, Rassismus, etc.
6 Ziel der Amadeu Antonio Stiftung ist es, „eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet…Wichtigste Aufgabe der Stiftung ist es, die Projekte über eine finanzielle Unterstützung hinaus zu ermutigen, ihre Eigeninitiative vor Ort zu stärken und sie zu vernetzen.“ entnommen www.amadeu-antonio-stiftung.de/wir-ueber-uns am 15.07.2008
7 kurz „Gleichwertigkeit erleben“
und wie positive Veränderungen gestaltet werden können.“ [P2.1; S. 5]. So wird ein kommunales Gesamtmodell zur Stärkung der demokratischen Kultur und zur Bekämpfung von GMF durch die Förderung von Gleichwertigkeits- und Anerkennungserleben angestrebt. [vgl. Ebd.]. Insbesondere Jugendliche sollen in die Lage versetzt werden,
eine Gleichwertigkeit aller Menschen anzuerkennen und in ihrem Umfeld der Abwertung anderer zu begegnen.
Das Besondere an diesem Modellprojekt ist, dass es in dieser Form erstmalig in die Praxis umgesetzt wird. Der von der Entwicklungsgruppe verfasste theoretische Rahmen soll dabei in vier unterschiedlichen Kommunen auf seine Gültigkeit und Durchführbarkeit erprobt werden. Die A-A-S hat daher in Zusammenarbeit mit der RAA M-V e.V. die Stadt Waren (Müritz) als Projektort für das Land Mecklenburg-Vorpommern ausgewählt. Weitere Untersuchungen finden zeitgleich in den Städten Bernau und Schwedt (Brandenburg) sowie in Essen (Nordrhein-Westfalen) statt. In Schwedt konzentriert man sich in diesem Zusammenhang darauf, eine Schülerbefragung durchzuführen, an der ca. 200 SchülerInnen, Integrationsbeauftragte, LehrerInnen und SozialarbeiterInnen teilnehmen. In Nordrhein-Westfalen soll das vorhandene Streitschlichter-Programm genutzt werden, um jugendliche Gleichwertigkeitscoaches auszubilden. Diese sollen selbstverwaltend gegen Diskriminierung und Gewalt unter den SchülerInnen agieren. In Waren (Müritz) und Bernau sind Workshops in einer Ganztagsschule und einem alternativen Jugendzentrum geplant. In der vorliegenden Arbeit „Das Gleichwertigkeitsaudit - eine Interventionsstrategie zur Reduktion Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Soziologischer Hin-tergrund und empirische Analyse“ geht es also um das Gleichwertigkeitsaudit, welches eine Anerkennungskultur und Gleichwertigkeitserfahrungen von Jugendlichen untersucht und stärken bzw. fördern möchte. Dabei wird dieses gezielt vorgestellt und ein intensiver Einblick in die Vorgehens- und Arbeitsweise eines solchen Audits gegeben. Der Fokus liegt auf einer empirischen Beschäftigung mit der Thematik und es soll die zentrale Frage geklärt werden, ob das Gleichwertigkeitsaudit eine geeignete Interventionsstrategie zur Reduktion Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit darstellt. Ein weiteres Ziel ist es, erste gemachte Erfahrungen mit diesem Modellprojekt aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen. Im Mittelpunkt steht hier die Untersuchung des Projektteams aus Waren (Müritz). Als Sekundäranalyse werden dabei die Empirien aus der Stadt
Bernau hinzugezogen, um beide Herangehensweise miteinander vergleichen und eine Synthese ziehen zu können.
Die Abhandlung ist in 5 Kapiteln mit unterschiedlicher Gewichtung gegliedert. Begonnen wird im Kapitel 2 mit einer theoretischen Untersuchung, die sich genauer mit der Definitionsfindung des Terminus GMF (Kap. 2.1) und einer dazugehörigen Anerkennungskultur unter Jugendlichen (Kap. 2.2) beschäftigt. Hier gilt es zu klären, welche Aufgaben bzw. Funktionen der Terminus »Anerkennung« in diesem Postulat einnimmt und inwieweit Anerkennungs- und Gleichwertigkeitserfahrungen, vor allem für Jugendliche, fundamental sind (Kap. 2.3). Das dabei zugrunde liegende Menschenbild setzt sich anlehnend an Barbara Kaletta aus gemeinschaftsorientierten Lebewesen zusammen und distanziert sich von vereinzelten und beziehungslosen Individuen. Barbara Kaletta macht deutlich, dass Menschen die Zielsetzung aufweisen, in Gemeinschaften zu leben und sich in diese zu integrieren. Die Akzeptanz von individuellen Rollen und Positionen wird dabei als Anerkennung empfunden und kennzeichnet die Teilnahme an der Gruppe. „Zugehörigkeit wird somit durch das Praktizieren von Anerkennung demonstriert.“ [P22; S.15]. Ebenso ist hier wichtig, die Bedeutung des »Nichterfahrens« von Anerkennung und Gleichwertigkeit zu verdeutlichen, um Effekte auf die Identität von Jugendlichen deutlich zu machen. Als weitere Grundlage wird hier auf die Hypothese der A-A-S Bezug genommen, die zum Ausdruck bringt, dass »umso mehr Anerkennung ein Mensch erfährt, desto kleiner die Gefahr der Abwertung anderer, um sich selbst aufzuwerten«. [vgl. P2.1]. Ziel dieses Kapitels soll es folglich sein, einen intensiven Einblick in die theoretischen Betrachtungen des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und einer Anerkennungskultur unter Jugendlichen zu geben, um ein Verständnis für die fortlaufende Diskussion zu schaffen.
Der folgende zentrale Teil (Kap. 3 und 4) widmet sich methodischen Betrachtungen und beschäftigt sich beginnend mit dem allgemeinen Audit (Kap. 3.1). Anschließend steht eine detaillierte Betrachtung des Gleichwertigkeitsaudits (Kap. 3.2.) im Fokus, bei der eine Definition deklariert wird. Dieser Schritt ist wichtig, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen schon vorhandenen Audits und dem Gleichwertigkeitsaudit herauszuarbeiten. Im Anschluss daran, soll eine Antwort auf die Frage ge-funden werden, was Gleichwertigkeit im Gleichwertigkeitsaudit bedeutet (Kap. 3.2.1), um dann den Kriterienkatalog, einem Werkzeug zur Diskussionssteuerung des Gleich-
wertigkeitsaudits (Kap. 3.2.2), vorzustellen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, mit welcher Methode der Kriterienkatalog in interessanter und abwechslungsreicher Weise den Projektteilnehmenden näher gebracht werden kann. Zur Auswahl stehen die Learning-Communities »Conversations-Café«, »Gurteen Knowledge-Café« und »World Café«. Warum die letzt genannte Methode gewählt wird, soll im Kapitel 3.2.3 dargestellt werden.
Das 3. Kapitel stellt zusammenfassend eine Hinleitung auf den vierten Abschnitt dar, indem die Durchführungen der Gleichwertigkeitsaudits in den Städten Waren (Müritz) (Kap. 4.1) und Bernau (Kap. 4.2) intensiv betrachtet werden. Fragen wie: Welches konkrete Projektziel wird verfolgt? Was kennzeichnet das Projekt? und Was möchte das Projekt verändern bzw. bewirken? sollen hier beantwortet werden. Dazu werden die Städte Waren (Müritz) (Kap. 4.1.1) und Bernau (Kap. 4.2.1) kurz vorgestellt und auf die Betrachtung des Untersuchungsgegenstandes (in Waren Kap. 4.1.2 und in Bernau Kap. 4.2.2) eingegangen. Hier stehen Vorbereitungen zum Gleichwertigkeitsaudit, wie die Zusammenstellung einer Steuergruppe, eine Modifikation der Leitsätze und eine erste Iststandsanalyse des Projektortes im Vordergrund. Diese Punkte sind für eine adäquate Projektrealisierung unerlässlich und dienen einer effizienten Workshopdurchführung, welche eine direkte Arbeit mit den Jugendlichen gewährleistet. Diese Darstellung erfolgt in den Kapiteln 4.1.3 und 4.2.3. Im Anschluss daran, werden die Ergebnisse der empirischen Begleitung des Gleichwertigkeitsaudits (Kap. 4.3) vorgestellt und im Unterkapitel 4.4 dazugehörige Präventions- und Interventionsmaßnahmen aufgezeigt, die eine Veränderung des Syndroms GMF bei der Zielgruppe bewirken können. Im Abschlusskapitel „Ergebnisdiskussion und -zusammenfassung einer empirischen Begleitung des Gleichwertigkeitsaudits“ (Kap. 5) wird erläutert, ob das Projekt Jugendlichen greifbare Beispiele und Handlungsweisen geben kann, um Gleichwertigkeitserfahrungen für diese spürbar zu machen. Zudem werden die in Kapitel 4.3 erläuterten Ergebnisse der Workshops in Waren (Müritz) und Bernau ausreichend diskutiert und ein Gesamtüberblick der empirischen Resultate gegeben. Des Weiteren wird die zentrale Frage beantwortet, ob es sich bei dem Gleichwertigkeitsaudit um eine geeignete Interventionsstrategie zur Reduktion von GMF handelt.
2 Theorien einer (Un-) Gleichwertigkeit
Im folgenden Kapitel geht es darum, einen ausführlichen theoretischen Einblick in die Thematik der GMF zu schaffen. Beginnend wird dabei der Terminus definiert, um dann die Auswirkungen dieses Phänomens auf eine Anerkennungskultur und Gleichwertigkeitserfahrungen von Jugendlichen analysieren zu können. Zuvor gilt es allerdings zu klären, was unter einer Anerkennungskultur zu verstehen ist. Allgemein kann gesagt werden, dass das Forschungsprojekt „Deutsche Zustände“ unter der Leitung von Prof. Wilhelm Heitmeyer im Bereich der Demokratiepädagogik und -erziehung angesiedelt ist. Hierbei handelt es sich um pädagogische Konditionen, um »Demokratie« (aus dem griechischen kommend und aus den Termini demos »Volk« und kratein »herrschen« zusammengesetzt) als Lebensform anzuerkennen und im gesellschaftlichen Leben aktiv zu gestalten. Peter Fauser, Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V., definiert diese wie folgt: „„Demokratiepädagogik“ bezeichnet die gemeinsame Aufgabe zivilgesellschaftlich ausgerichteter Initiativen, Konzepte, Programme und Aktivitäten in Praxis und Wissenschaft, die das Ziel verfolgen, die Erziehung zur Demokratie zu fördern. Demokratie und Menschenrechte sind als umfassende und grundlegende Gestaltungsnormen eng miteinander verbunden und können nur miteinander verwirklicht werden. Wie die Menschenrechte, so ist auch die Demokratie eine historische Errungenschaft, deren Verständnis, Bedeutung und praktische Geltung durch politisches wie durch pädagogisches Handeln immer wieder aktiv erneuert und verwirklicht werden muss - als Regierungsform, als Gesellschafts-form und als Lebensform.“ [W7].
Ziel der Demokratiepädagogik ist es, Entwicklungen im Bereich des Demokratielernens voranzutreiben und eine Bindung zwischen Menschenrechten und einer Demokratie zu schaffen, so dass die Parameter »Gleichheit«, »Freiheit« und ein »aktives Wahlrecht« 8 in der Gesellschaft gesichert und gewährleistet werden. Demokratie sichert folglich bestimmte Grundrechte 9 von Personen, meint eine Regierungsform, die vom
8 Gleichheit: alle Individuen sind vor dem Gesetz und Recht gleich, keine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, Abstammung, Herkunft, Heimat etc.; Freiheit: Zwanglosigkeit des Menschen, Gewährleistung individueller Lebensführung, Zugang zu Medien und Informationen; Wahlrecht: Recht auf eine Beteiligung an freien Wahlen
9 niedergeschrieben in den Artikel 1 bis 12 des Grundgesetzes
Volk ausgeht und kann nur vorherrschen, wenn die Grundrechte eine allgemeine Gültigkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft finden. Zur Gewährleistung dieser Grundrechte gibt es Regeln und Institutionen die u.a. eine Verfassung mit Garantie der Grundgesetze und eine Gewaltenteilung sicherstellen sollen. [vgl. S8]. Artikel 1 des Grundgeset-
zes beschäftigt sich bspw. mit der Menschenwürde und bringt die Rechtsverbindlichkeit zum Ausdruck: „Artikel 1 [Menschenwürde - Menschenrechte - Rechtsverbindlichkeit der Grundrechte] (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. ...“ [W8; S. 14]. Wird dieser Grundsatz von der Gesellschaft jedoch missachtet, nicht verinnerlicht oder eingehalten, kommt es zu den eingangs geschilderten Abwertungshaltungen (siehe Kap. 1), die sich in rechts- und linksextremistischen Verhaltensweisen, Heterophobie, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit etc. wieder finden und kein friedliches Leben von betroffenen Menschen gewährleisten. WissenschaftlerInnen um Prof. Wilhelm Heitmeyer sprechen in diesem Gefüge von einer »Menschenfeindlichkeit«, die im Folgenden genauer betrachtet werden soll.
2.1 Was ist das Syndrom Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?
Deutlich wird, dass sich dieser sozialwissenschaftliche Terminus aus den drei Begriffen Syndrom, Gruppe und Menschenfeindlichkeit zusammensetzt. Menschenfeindlichkeit meint dabei die Abwertung der Andersartigkeit von Menschen durch Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile und Ethnozentrismus 10 . D.h. es wird versucht, eine Überlegenheit gegenüber Personen fremder, aber auch gleicher Herkunft zu erzeugen, die abweichend empfundene oder andersartig erklärte Verhaltungsweisen aufzeigen. Wichtig ist, dass hier nicht von einzelnen oder individuellen Feindschaftsverhältnissen gesprochen wird, sondern von einer Verbindung zu spezifischen Gruppen. Eine nach Uwe Schimank 11 soziologische Definition der Gruppe signalisiert dabei, dass es sich um eine „Anzahl von Individuen [handelt], die sich miteinander identifizieren und in informell strukturierten Weisen, die auf gemeinsamen Werten, Normen und Zielen beruhen, inter-
10 Beurteilunganderer Kulturen und Völker
11 Professor an der Fernuniversität GHS Hagen
agieren.“ [S11; S. 237]. Das Verhalten wird durch regelmäßige und strukturierte Inter-
aktionen zwischen den Gruppenmitgliedern, der Einigung auf kollektive Werte und dem Gefühl der gemeinsamen Identität gesteuert. „Werden [nun] Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten, der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.“ [P18; S. 21]. Der Terminus GMF
beschreibt also die Abwertung von so genannten Outgroups (Fremdgruppen) und wird laut Prof. Dr. Andreas Zick durch folgende vier Merkmale gekennzeichnet: 1.) Beziehung zu spezifischen Gruppen, die individuelle Verbindung ignoriert, 2.) Erscheinung „intergruppaler Differenzierungen und Konflikte“ [P2.1; S. 6]. Abwertungen basieren auf Gruppenzugehörigkeiten, GMF wird durch die Dualität persönlicher und gruppaler Einflüsse begründet,
3.) Menschenfeindlichkeit wendet sich gegen Gruppen und deren Mitglieder, 4.) GMF hat hohe Spannweite der Gruppen, die Abwertungen aufweisen. Das letzte genannte Merkmal stellt ein besonderes Kennzeichen dar [vgl. Ebd.], denn es verdeutlicht, dass Intoleranzen gegenüber vielen mannigfachen Gruppen eng miteinander verbunden sind. Aus empirischen Studien, durchgeführt durch die Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer [vgl. P13 - P17], hat sich anliegend daran gezeigt, „dass die Neigung, Vorurteile gegenüber einer Gruppe zu haben, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit der Neigung korrespondiert, auch Vorurteile gegenüber einer oder mehrerer anderer Gruppen zu haben.“ [P2.1; S. 6]. Vorurteile sind dabei Einstellungen, die ohne individuelle Meinungsbildung oder Erkenntnisse von Individuen übernommen werden. Sie stellen „positive oder negative Voreingenommenheiten gegenüber Personen [oder Gruppen] auf Grund realer oder bloß vorgestellter Merkmale“ dar und dienen der emotionalen Befreiung in Angstsituationen. [S6; S. 285]. Die unterschiedlichen Klischees der Vorurteile bilden somit ein Syndrom, so dass vom Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gesprochen werden kann. Folgende Elemente bzw. Gruppenfeindlichkeiten wurden von der Forschungsgruppe entdeckt und sind diesem Terminus zusammengefasst:
1.) Rassismus: ist die Ablehnung von Personen fremder Herkunft „auf Basis konstruierter »natürlicher« Höherwertigkeit der Eigengruppe“ [P14; S. 20], es wird Überlegenheit erzeugt, die an biologischen Differenzen deklariert wird
2.) Fremdenfeindlichkeit: ist auf kulturelle und materielle Aspekte bezogen, Menschen fremder ethnischer Herkunft werden abgelehnt; Gründe: Konkurrenz um Ressourcen und die Etikettierung von „kultureller Rückständigkeit“ [Ebd.] 3.) Antisemitismus: die Ablehnung richtet sich gegen Individuen jüdischen Glaubens, Auslöser sind eine auf Vorurteilen stützende Diskriminierungsbereitschaft und das Motiv der Holocaust-Ausbeutung
4.) Heterophobie: ist die Ablehnung von Menschen, die der »Norm« abweichen (Homosexuelle, Obdachlose, Behinderte), Menschen werden auch abgelehnt, weil sie andere religiös geprägte Lebensstile bevorzugen, z.B. Muslime 5.) Islamophobie: erhält Sonderstellung, da die Verbindung der Elemente gering ausgebildet sind; es handelt sich hierbei um die Abwertung des Islams 6.) Etabliertenvorrechte: so genannte Alteingesessene beanspruchen Vorrecht/ Vorrang gegenüber Zugezogenen; irrelevant ist dabei, ob es sich bei diesen um Aussiedler, Minderheiten oder Flüchtlinge handelt
7.) Sexismus: verdeutlicht die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und symbolisiert die Überlegenheit des Mannes, eine feste Rollenzuweisung der Frau wird präferiert, erhält ebenfalls Sonderstellung, da er sich nicht gegen Minder- oder Randgruppen richtet, dennoch ideologische Aspekte der Abwertung enthält Die Verbindungen der Konstrukte sind in der Abbildung 2.1.1 dargestellt.
Abb. 2.1.1: Konstrukte des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit [P14; S. 23]
Was verbindet die unterschiedlichen Abwertungen und welches gemeinsame Merkmal lassen ein Syndrom erkennen? Deutlich wird, dass alle Elemente des GMF-Syndroms die gesellschaftliche Position der Selbstaufwertung durch Devaluation der Outgroups erfüllen. D.h. alle Elemente stützen sich auf eine »Ideologie der Ungleichwertigkeit«, die aus einer sozialen Ungleichheit resultiert. Unter einer »sozialen Ungleichheit« können dabei opportune Lebens- und Handlungsweisen verstanden werden, die den Individuen durch gesellschaftliche Lebensbedingungen konsistent vorgegeben sind. Sie werden somit durch gesellschaftliche Mechanismen begründet und weisen strukturelle und institutionalisierte Merkmale auf. In diesem Gefüge können auf so genannte Ungleichheitssemantiken (nach Neckel/ Sutterlüty 2006) hingewiesen werden, welche eine soziale Ungleichheit in unterschiedliche Klassifikationen gliedern. [vgl. W10]. Zum einen gibt es »Graduelle Einteilungen«, bei denen Individuen und Gruppen
nach quantitativen Unterschieden, wie Bildung, Einkommen und beruflichen Status, beurteilt werden und zum anderen »kategoriale Klassifikationen«, die qualitative Urteile, wie Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit, hervorheben. Durch die letztere Klassifikation kann eine Umformung der sozialen Ungleichheit in Ungleichwertigkeiten erfolgen. [Ebd.]. Zur Ideologie der Ungleichwertigkeit kommt es demnach, wenn die Idee
der Gleichheit deformiert und kategoriale Bewertungen der Menschen vollzogen werden. Nach Heitmeyer sind „„Ideologien [somit] Ausdruck der Interessen des überlegenen Teils der Gesellschaft“ (Hofmann ebd., 95), sei es in Macht- oder Mehrheitskonstellationen, was nicht ausschließt, daß spezifische Ideologien auch in unterlegenen Teilen oder Minderheiten grassieren.“ [Ebd.; S. 2].
Differenzierungen zwischen diesen beiden Parametern liegen dabei in ihrer Wirkungsweise. Während eine soziale Ungleichheit gesellschaftlich bedingt ist, Unterschiede von Können, Eigentum, Kulturen etc. hervorhebt und Anerkennungsbedrohungen für Gruppen ausübt, tritt die „Ungleichwertigkeit als weitere substantielle Quelle für Desintegration und Anerkennungsverluste mit ihren Folgen einer Dehumanisierung des Zusammenlebens“ auf. [Ebd.; S. 2]. Eigenschaften der Ungleichwertigkeit sind Abwertungshaltungen gegenüber Outgroups, die zu Ausgrenzung, Degradierung, Nötigung und einem angstbesetzten Zusammenleben führen. Als mögliche Ursache kann u.a. die so genannte „Mal-rein-Mal-raus Arbeitslosigkeit“ [Ebd.] genannt werden, welche zu Nutzlosigkeitsgefühlen und zur Stabilisierung von sozialen Differenzen in der Gesell-
schaft führt. Menschenfeindliche Verhaltensweisen sind somit ein Kennzeichen für eine destruktive Entwicklung sowohl für Individuen als auch für die Gesellschaft und werden „in Prozessen der Betonung von Ungleichwertigkeit und der Verletzung von Integrität“ erkennbar. [Ebd.; S. 17].
Als ersten Erklärungsansatz für die Entwicklung von Ungleichheitsideologien kann auf das »SOLI-Schema« nach Heitmeyer hingewiesen werden. Dieses stützt sich auf „sozialisatorisch[e] Vorbedingungen, zu denen individuelle Lernprozesse von Gewalt und das individuelle Lernen von menschenfeindlichen Einstellungen zählen“. [P5; S. 5]. Zu Beginn stehen also persönliche Handlungsvoraussetzungen, die durch Handlungsbedingungen, einer Legitimation oder Organisation, zu Gewaltgelegenheiten führen. Diese Gelegenheitsstrukturen oder Interaktionen setzen sich aus Opfern, Zeit, Orte und Dritte zusammen und dienen als Voraussetzung für eine Eskalation, der so genannten Gewalthandlung. Bei dieser kommt es u.a. zu gruppenspezifischen Eskalationsstrategien und (intra-) gruppendynamischen Prozessen. Zu beachten ist jedoch, dass „weder das Subjekt noch die Gesellschaft pathologisiert [werden], sondern erst das Zusammenwirken individueller und sozialer Faktoren den Nährboden für Entwicklungen [bereiten], die in der Eigenlogik des Subjekts höchst produktiv erscheinen können - etwa im Sinne von Anerkennungsgewinnen - und gleichzeitig für die Gesellschaft extrem destruktiv sind.“ [Ebd.; S. 6]. In der Abbildung 2.1.2 ist das SOLI-Schema grafisch dargestellt.
Abb. 2.1.2.: SOLI-Schema nach Wilhelm Heitmeyer [P5; S. 6]
Als weiteren Erklärungsansatz für die Ideologie der Ungleichwertigkeit fokussiert Wilhelm Heitmeyer in seiner Abhandlung „Deutsche Zustände“ fünf Forschungsansätze, die sich mit persönlichen Lebenslagen, Alltagserfahrungen von Betroffenen aus als feindselig betrachteten Gruppen, der Funktion der Ingroup-Orientierungen und mit Verhaltenstendenzen des Einstellungssyndroms beschäftigen. Zu nennen sind die Relative Deprivation, Anomia, Orientierung an bindungsloser Flexibilität, Autoritarismus und die soziale Desintegrationstheorie. „Soziale Desintegration thematisiert die Verbindung oder Prekarität des Zugangs zu gesellschaftlichen Teilsystemen (wie zum Arbeitsmarkt etc.), der Partizipation an öffentlichen Einrichtungen und der Sicherung gemeinschaftlicher Einbindung.“ [P14; S. 26/27]. Es geht also um eine Anerkennungssi-
cherung bzw. -bedrohung, wobei davon ausgegangen wird, dass Individuen in einer modernen Gesellschaft doppelwertigen oder widersprüchlichen Situationen gegenübergestellt werden. Diese umfassen zum einen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und Existenzsicherung, zum anderen jedoch Strukturkrisen (Verfestigung von sozialen Ungleichheiten), die Regulationskrisen 12 auslösen. Aufgrund einer Zunahme dieser Strukturkrisen kommt es zu einem Normalitätszustand kritischer Situationen, so dass die Anforderungen in Bezug auf berufliche Stellungen und das Empfinden von Partizipation für den Einzelnen steigen. Die Desintegrationstheorie als ein Integrationskonzept untersucht diese Phänomene und stützt sich auf drei Dimensionen: 1.) Die individuell-funktionale Systemintegration zielt auf eine Partizipation an materiellen und kulturellen Gütern (z.B. durch das Bildungssystem oder den Arbeitsmarkt) und sozialen Perspektiven (im Beruf, privater Umgebung) in der Gesellschaft ab. Wichtig ist, dass eine subjektive Einschätzung der Teilhabechancen erfolgt. »Desintegrationsprobleme« entstehen durch gestörte Wahrnehmungsmöglichkeiten und sind als Anerkennungsverluste erkennbar.
2.) Die kommunikativ-interaktive Sozialintegration (institutionelle Dimension) kann als Teilnahme am Ausgleich konfligierender Interessen (politische Partizipation) ver-standen werden. Der Klassifikation von Sinnhaftigkeit und Einflussnahme kommen dabei einer besonderen Bedeutung zu und »Desintegrationsprobleme« entstehen,
12 Hierbei handelt es sich um Sinnlosigkeitserfahrungen und Kohäsionskrisen mit einer Beeinflussbarkeit sozialer Beziehungen
wenn ein Verlust moralischer Anerkennung aufgrund von Ohnmachtsgefühlen und unzureichender Verwirklichung der Grundnormen vorliegt.
3.) Die kulturell-expressive Sozialintegration (sozial-emotionale Dimension) wird als gemeinschaftlicher Lebensraum und Kenntnis in der individuellen Lebensführung definiert, gemeint sind hiermit also wahrgenommene emotionale Kontakte zum sozialen Umfeld und die soziale Anerkennung von Bezugspersonen. Liegen diese nicht vor, kommt es zu »Desintegrationsproblemen«, wodurch Möglichkeiten der Entfaltung beschränkt und Anerkennung gefährdet sind. Schlussfolgernd ist zu erkennen, dass die drei Dimensionen Anerkennungsmöglichkeiten und -bedrohungen untersuchen und eine »Anerkennung« reziproke Eigenschaften übernimmt. Gemeint ist hiermit, dass sowohl positive als auch negative Anerkennungserfahrungen Folgen aufweisen. Erfährt jemand also bspw. keine oder negative Anerkennung, ist davon auszugehen, dass dieser besonders schwache Gruppen zur „Zielscheibe“ [Ebd.; S. 40] macht und ebenfalls negative Anerkennung auf diese über-
trägt. „Vor diesem Hintergrund vertreten [WissenschaftlerInnen um Wilhelm Heit-
meyer] die These, dass Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und gewalt- wie diskriminierungsnahe Verhaltensintentionen um so ausgeprägter sind, je größer die Desintegrationsbelastungen in unterschiedlichen Teildimensionen mit der Folge einer negativen Anerkennungsbilanz sind.“ [Ebd.]. Schlussfolgerung ist ein gefährdetes Zusammenleben von Menschen, welches auf Ungleichwertigkeit beruht. Die Dimension der GMF ist also von den Erfahrungen abhängig, die Menschen in schwierigen Arbeits- und Lebensverhältnissen, politischen Ohnmachtsgefühlen und instabilen sozial-emotionalen Beziehungen machen. Es stellt sich somit laut Wilhelm Heitmeyer „drängender denn je die ungelöste Kardinalfrage einer neuen Kultur der Anerkennung.“ [Ebd.].
2.2 Was ist eine Anerkennungskultur?
Um diese Kultur der Anerkennung zu erfassen, bedarf es vorab einer Definitionsfindung des Terminus Anerkennung, wobei es hier laut Eva Borst, Doktorin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Mainz, um ein fast selbständiges und unbewusstes Konstrukt im menschlichen Verhalten handelt. Dies ist, laut Eva Borst, auch der Grund, warum es kaum Auseinandersetzungen in literarischen Werken mit dieser Thematik gibt. [vgl. P3]. Die Autorin nimmt deshalb die unreflektierte Praxis der
Anerkennungstheorie zum Anlass und widmet sich der Thematik in ihrem Buch „Anerkennung der Anderen und das Problem des Unterschieds. Perspektiven einer kritischen Theorie der Bildung“ aus dem Jahre 2003. [Ebd.]. In diesem macht sie deutlich, dass
Anerkennung bis dato von der gesellschaftlichen Position eines Individuums abhängig ist und immer in Verbindung mit Werturteilen, wie Lob, Respekt und Autorität (Erziehungsmaßnahmen) gebracht wird. So heißt es bspw. im historischen Wörterbuch der Philosophie, dass eine Anerkennungstheorie „in der traditionellen Logik eine Urteils-theorie [sei], die als das entscheidende Charakteristikum des Urteils betrachtet, das es Anerkennung, Behauptung oder Beifall zu einer Aussage besage.“ [Ebd.; S. 107]. Borst distanziert sich jedoch von dieser Haltung und misst dem Begriff Anerkennung einem Bedeutungswandel zu. Weg von außen gefassten Gesetzmäßigkeiten hin zu einem reziproken Interaktionsprozess, wird Anerkennung nun unabhängig von Werturteilen und erzieherischen Maßnahmen betrachtet. Intersubjektive Zuwendung, Bindungsfähigkeit, Selbstbehauptung und Aufmerksamkeit sind dabei Kriterien, die dieses Konstrukt bestimmen. [Ebd.]. Anerkennung meint also, dass der Andere ein Recht auf eine Anders-
artigkeit hat und diese einer gegenseitigen Achtung und Akzeptanz unterlegen ist. „So hält jeder Anerkennungsprozeß prinzipiell die Möglichkeit offen, noch Unverfügbares oder Unerkanntes zu entdecken und sich in ein produktives Verhältnis zu sich und zum Anderen in Form von Interesse und Aufgeschlossenheit zu setzen.“ [Ebd.; S. 109]. Gerhard Himmelmann versteht in diesem Zusammenhang in seiner Abhandlung „Anerkennung und Demokratie-Lernen bei John Dewey. Wie kann man Anerkennung lernen?“ unter diesem Terminus „so viel wie: Wertschätzung, Achtung, Respekt, Toleranz, Fairness, Würdigung, Bestätigung, Ehrung, Zuwendung, Vertrauen und Dankbarkeit sowie auch Rücksicht, Mitgefühl, Sympathie und Solidarität gegenüber den anderen. Gegenseitige Anerkennung hat eine personale und eine soziale Seite und eine physische und psychische Komponente. Sie berührt zugleich emotionale und kognitive Aspekte des Sozialverhaltens der Menschen.“ [P11; S. 64]. Auch der Sozialphilosoph Axel Honneth widmet sich dieser Thematik und debattiert über einen Kampf um Anerkennung. Laut Barbara Kaletta schafft Honneth damit das ausführlichste und detaillierteste Werk, welches sich mit dem Anerkennungskonstrukt beschäftigt. [vgl. P22]. Auf der Grundlage der Hegelschen (Intersubjektivität und Sittlichkeit) und Meadschen (Anerkennung in der Sozialpsychologie) Theorien
[vgl. P21] entwickelt er eine Gesellschaftstheorie, in dessen Zentrum die Individualisie-
rung und Vergesellschaftung unter Bezugnahme von intersubjektiven Anerkennungsprozessen stehen. [vgl. P3]. Anerkennungskämpfe, und wie diese gegen unrechte Zu-
stände verstanden werden, liegt im Zentrum dieser Überlegung. Damit die Kämpfe in der Gesellschaft vonstatten gehen können, muss nach Honneth und Bezug nehmend auf Hegel und Mead eine individuelle Entwicklung des Selbstbewusstseins voraus gesetzt werden. Dieser steht jedoch die Wahrnehmung des Anderen voran, um Selbstbeschränkungen und die Notwendigkeit des Anderen auf eine Anerkennung deutlich zu machen. Honneth akzentuiert, dass zur Ausbildung des Selbstbewusstseins eine Spannung von Versöhnung und Konflikt zwischen dem Selbst und Anderen vorherrschen muss, damit Grenzen erkannt und eine Konstituierung der dualen Anerkennung vollzogen werden. So können soziale Kämpfe in der Gesellschaft akzeptiert werden, deren Auslöser in der Verweigerung von Anerkennung zu suchen sind. Honneth bezeichnet diese Konflikte als Impuls für die gesellschaftliche Weiterentwicklung [vgl. P22] und stützt seine Erläuterungen auf Hegels Ausführungen zum
„Agens Movens des ethischen Geschehens“. [P3; S. 114]. Weiter führt er auf, dass auch bei der Theorie George H. Meads Konflikte wieder zu finden sind, die jedoch, nicht wie bei Hegel in der Gesellschaft, sondern im Inneren des Individuums stattfinden. Mead unterscheidet dabei zwischen einem MICH und einem ICH. Ersteres meint die Summe gesellschaftlicher Normen und Werte und das ICH symbolisiert die Differenz von vorherrschenden Verhaltensmustern. Anerkennung kann das ICH dabei in der Gesellschaft finden, denn fühlt es sich als Mitglied in dieser integriert, so fasst E. Borst zusammen, empfindet es Zustimmung und im sozialen Wert und seiner Individualität schlussendlich Anerkennung. [vgl. Ebd.].
Resümierend hebt Borst in ihrer Abhandlung hervor, dass Honneth die Theorien von Hegel und Mead differenziert betrachtet und weiter entwickelt. Honneth bedient sich dazu drei Arten der Missachtung, zu denen er drei Interaktionsphären gliedert. Diese sind untereinander verbunden und verkörpern in „ihrer Gesamtheit die ideale Bedingung der Möglichkeit für ein lebendiges und gleichberechtigtes Zusammenleben“. [Ebd.]. Abschließend werden drei dazugehörige Formen positiver Selbstbeziehung konzipiert, die mit den Anerkennungstypen in Verbindung stehen. „Durch diese drei For- men der Anerkennung wird das Subjekt in seiner jeweiligen Besonderheit bestätigt und
zugleich bilden sie die zentrale Basis für das Zusammenleben in demokratischen Gesellschaften.“ [P6; S. 211]. Die folgende Grafik 2.2.1 stellt alle Arten bildlich dar, die
im Kommenden kurz skizziert werden.
Liebe: Bei dieser ersten und primärsten Form der Anerkennung wird von gefühlsbetonten Bindungen gesprochen. Honneth definiert die Liebe dabei wie folgt: „unter Liebesverhältnissen sollen hier alle Primärbeziehungen verstanden werden, soweit sie nach dem Muster von erotischen Zweierbeziehungen, Freundschaften und Eltern-Kind-Beziehungen aus starken Gefühlsbindungen zwischen wenigen Personen bestehen.“ [P21; S. 153]. Voraussetzung dieser Prägung ist das Vorhandensein geeigneter Personen, die vorherrschende Begierden (eine Bedürfniskultur und das Anerkennen der involvierten Individuen) erfüllen, so dass eine alternierende Achtung entsteht. So wird die Ausbildung des Selbstvertrauens 13 gefördert und eine Grundlage für die selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geschaffen. [vgl. P6]. Honneth charakterisiert dies als gegenseitige Achtung und macht deutlich, dass die Anerkennung von Personen dependent ist. Schlussfolgernd wird offensichtlich, dass „es sich bei dieser spezifischen Verbindung um „eine durch wechselseitige Individualisierung gebrochene Symbiose“ [handelt], also um ein Verhältnis, das beides zugleich zuläßt: die intersubjektive Anerkennung von Unabhängigkeit sowie eine enge emotionale Bindung.“ [P3; S. 125 u. P21; S. 173]. Wichtig ist jedoch, dass hier auf einen eingeschränkten Personenkreis zurückgegriffen werden muss, so dass, anders als bei den Anerkennungsformen Recht und Solidarität, keine gesellschaftlichen Konsequenzen sichtbar werden. Möchte das Individuum also am gesellschaftlichen Leben partizipieren, muss es die privaten Beziehungen verlassen und in die „zu erschließende Sphäre des Rechts“ eintreten. [P3; Ebd.].
13 Selbstvertrauen: gefühlsmäßiges Verhalten auf Empirie des Geschätztwerdens
Recht: Hier herrscht die Maxime der Gewährung gleicher Rechte, welche für die Entwicklung der individuellen Selbstachtung 14 bedeutend ist. Voraussetzung ist dabei zum einen die Anerkennung des Individuums als gleichrangiges Wesen und zum anderen die Anerkennung der Person als moralisch zurechnungsfähig. [vgl. P6]. So kann die gesellschaftliche Teilhabe des Einzelnen nicht nur gewährleistet, sondern auch von diesen genutzt werden. Nach Honneth setzt sich die rechtliche Anerkennung aus der Einsicht über verallgemeinerbare Grundsätze, die im Interesse eines Jeden agieren und der Möglichkeit, die Gegensätzlichkeiten jedes Individuums zu achten, zusammen. Normative Übereinkünfte in der Gesellschaft, die laut Honneth durch Anerkennungskämpfe entstehen, sind somit unabdingbar. Das Recht bildet resümierend die Grundlage für die Selbstachtung und den Identitätsfindungsprozess der Person und leitet auf das „solidarische Vermögen, sich in Übereinstimmung mit anderen zu wissen und daraus soziale Wertschätzung abzuleiten“, hin. [P3; S. 127].
Solidarität als dritte und letzte Anerkennungsform, stützt sich auf Erkenntnisse, die in Hinblick auf soziale Wertschätzungen gemacht werden. Die in der Sozialisation und frühkindlichen Phase gemachten Erfahrungen können so auf Leistungen und Empirien bezogen werden, wodurch deutlich wird, dass es sich um den emotionalen Teil des Selbstbewusstseins, dem Selbstwertgefühl, handelt. „Hier wird [also] der Einzelne als Subjekt, dessen Fähigkeiten für die konkrete Gemeinschaft von konstitutivem Wert sind, wertgeschätzt.“ [P6; S. 215]. Generell bezeichnet der Autor die Solidarität als Interaktionsverhältnis, an dem Individuen teilhaben und sich gegenseitig auf symmetrische Weise achten. [vgl. P3]. Nach Eva Borst sind Beziehungen dann solidarisch, wenn eine affektive Anteilnahme am Anderen vorliegt, da nur so kollektive Ziele realisiert werden können. Zu beachten ist jedoch, dass, so Borst, die Solidarität mit permanenten Friktionen verbunden ist und die Unsicherheit symbolischer Gewalt in sich birgt. Daher handelt es sich bei diesem Phänomen um die „schwierigste Anerkennungsform, da sie der affektiven Aufmerksamkeit für bisher Unbekanntes, Fremdes bedarf und Handlungsvollzüge fordert, die unter Umständen unmittelbaren Einfluß auf die eigene Lebenswelt haben.“ [Ebd.; S. 129].
14 Selbstachtung: urteilsfähige Wertschätzung der individuellen Fähigkeiten
Zusammenfassend wird deutlich, dass Axel Honneth den Terminus Anerkennung als Verbindung der drei Kategorien Liebe, Recht und Solidarität begreift und damit eine Kultur der Anerkennung konzipiert. Auf der strukturellen Grundlage weisen diese Kate-gorien eine alternierende Suggestion auf und sind sowohl von individualpsychologischer als auch gesellschaftspolitischer Bedeutsamkeit. [Ebd.; S. 175]. Anerkennungskultur: Eine Anerkennungskultur symbolisiert demnach das positive Zusammenspiel von »Liebe«, in Form von Anteilnahme und Zuneigung, »Recht« als Beziehung zu den Menschenrechten und »Solidarität« als das Ersuchen um Gerechtigkeit und Inklusion. [vgl. P2.2]. Mithilfe von Liebe wird dabei das Selbstvertrauen
gebildet, ohne das keine Partizipation und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Folgt man den Ausführungen Honneths und Borst handelt es sich hierbei um einen wichtigen Bestandteil des individuellen Indentitätsbildungsprozesses [P3; S. 123], welcher als Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl gilt. Erst wenn die drei Formen der Persönlichkeit 15 vorliegen, kann ein Wesen als handlungsweisendes Individuum betrachtet werden, das am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann und eine Anerkennungskultur partizipiert. Werden diese Parameter berücksichtigt und dabei auf eine Anerkennungskultur speziell für Jugendliche übertragen, ergeben sich folgende Eigenschaften für diese [vgl. P2.1]:
- Lebensweltorientierte Angebote, die Selbstwirksamkeit fördern (individuelle Fähigkeiten der Jugendlichen, Wahrnehmung von Interessen und Neigungen)
- Dauerhafter Zugang zu Kultur, Sport, Erholung (Einbezug der Ideen und Kompetenzen der Jugendlichen, Raum und Zeit für Aktivitäten, ermutigender und wertschätzender Charakter der sportlichen und kulturellen Angebote)
- Jugendliche akzeptieren andere Gruppen, pflegen Beziehungen zu Anderen, werten die eigene Gruppe nicht durch die Abwertung anderer Gruppen auf
- Kein Ausschluss aufgrund unterschiedlicher finanzieller Möglichkeiten
- Teilhabe der Jugendlichen an Entscheidungen, die sie betreffen Diese Dispositionen symbolisieren, dass Jugendliche folglich Anerkennung erfahren, wenn ihre Leistungen von Außenstehenden positiv verstanden und sie als eigenständige Personen ernst genommen werden. Eine Anerkennungskultur für Jugendli-
15 Selbstvertrauen, Selbstachtung, Selbstwertgefühl
che bedeutet demnach, dass sie gleichwertig im gesellschaftlichen Leben beteiligt und integriert werden, ihre Ideen zugelassen und ihr Engagement unterstützt werden, ein gegenseitiges Zuhören und Kommunizieren gewährleistet wird, ihnen Verantwortung und Wertschätzung entgegengebracht werden, dass ihnen Zuneigung, Geborgenheit und Freundlichkeit zuteil werden, Bildung und Talent forciert und eine Kompetenzförderung vorangetrieben werden.
2.3 Anerkennung- und Gleichwertigkeitserfahrungen
Die Erfahrung von Anerkennung und Gleichwertigkeit nimmt eine wichtige Position ein, denn ohne diese kann sich beim Individuum kein Selbstvertrauen bilden und somit keine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vollziehen. Demnach sind laut Sascha Wenzel und Berit Lusebrink „Anerkennung, Überzeugung eigener Wirksamkeit und Verantwortungsbereitschaft“ […] zivile Tugenden, ohne die eine demokratische Gesellschaft nicht auskommt.“ [P25]. Bestimmte Formen der Anerkennung sind folglich grundlegende Parameter für das Selbstbild eines Individuums. Barbara Kaletta nimmt in diesem Gefüge an, dass eine Person ohne positives Selbstempfinden nicht existieren kann und „dass es sich bei einer solchen positiven Selbstwahrnehmung, so wie beim Schutz derselben, um elementare Grundbedürfnisse handelt. Hängt die Selbstwahrnehmung von bestimmten Arten der Anerkennung ab, so ist die Erfahrung dieser Anerkennung ebenfalls ein menschliches Grundbedürfnis.“ [P22, S. 30/31]. Kaletta weist darauf hin, dass diese Anerkennungsarten, Bezug nehmend auf das Anerkennungskonstrukt Honneths, auf postionaler, moralischer und emotionaler Ebene unterschieden werden und deklariert für jede Form Anerkennungs- und Gleichwertigkeitserfahrungen mit einer einhergehenden Nichtanerkennung. Emotionale Anerkennung: Durch die Ausführungen von Axel Honneth ist bekannt, dass eine emotionale Anerkennung die Beziehung zwischen Personen darstellt und in eine »Anerkennung der personalen Identität« und eine »Anerkennung der kollektiven Identität« untergliedert wird. Kaletta fügt hinzu, dass Anerkennungserfahrungen in diesem Postulat auf einer sozio-emotionalen und instrumentellen Unterstützung (personale Identität) und auf einer Achtung der Gleichwertigkeit trotz vorhandener Unterschiede (kollektive Identität) beruhen. Vollzogen werden sie zum einen von Personen, „zu denen eine geringe soziale Distanz besteht“ [Ebd.; S. 114] und zum anderen von
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Madlen Leetz, 2009, Das Gleichwertigkeitsaudit - Eine Interventionsstrategie zur Reduktion gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit , München, GRIN Verlag GmbH
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