I Einleitung
Wirtschaftskrisen sind ein Phänomen, welches unsere Gesellschaft in den letzten beiden Jahrhunderten stetig begleiten. Gerade die aktuelle Wirtschaftskrise des Jahres 2008, mit Ihren massiven Auswirkungen auf jeden Einzelnen Staatsbürger, erregt in uns den Zweifel mit dem bisherigen freien marktwirtschaftlichen und globalen Wirtschafts- und Rechtssystem auf dem richtigen Weg zu sein. Es stellen sich einige Fragen ob diese vermeintliche Vermehrung der Wirtschaftsabschwünge in den letzten 10 Jahren eine systematische Fehlverhalten/Problematik der Politischen-, wirtschaftlichen-und rechtlichen
Grundrichtungen unserer Gesellschaft ist, oder ob es sich um ein gesundes Auf- und Abwärtsschanken eines funktionierenden Systems handelt. Die Beantwortung dieser Frage ist schwer und wird von unterschiedlichen Experten mit entsprechenden Argumenten in die eine oder andere Richtung verteidigt.
Die ersten lokal beschränken aufgezeichneten Wirtschaftskrisen begannen im 17 Jahrhundert. Folgend eine Auflistung der wichtigsten: Tulpenmanie Krise (1634, Holland), der englische Geldkrise (1696), Der Lawsche Aktien- und Banknotenschwindel (1716), Der englische Südseeschwindel (1711), die französische Assignatenwirtschaft (1790), der Hamburger Handelskrise (1799), die englische Wirtschaftskrise (1815 und 1825),die Panik (USA/England) von 1837 und der Englischen Eisenbahnkrise (1847). 1 1857 wurde ausgehend aus den Vereinigten Staaten die erste Weltwirtschaftskrise ausgelöst und 1873 kam es zur sogenannten Gründerkrise.
Die Gründerkrise ist insofern bemerkenswert und somit Hauptinhalt dieser Arbeit, sofern sie einen starken Bezug zu Österreich also auch einen starken Bezug zur Bankenwirtschaft im 19 Jahrhundert hat, was auf Analogien zur derzeitigen Wirtschaftskrise schließen lassen könnte. Ob diese Parallelen bestehen soll im Folgenden geklärt werden, wobei der Schwerpunkt auf die Beschreibung der Krise 1873 gelegt wird und abschließend die Gemeinsamkeiten zur Situation im Jahr 2008 verdeutlicht werden.
II Die Chronologie der Finanzkrise im Jahr 1873
Die rechtliche und politische Vorbereitung der Krisenfähigkeit, ja sogar der Ausbildung von Finanzmärkten im Habsburgerreich, war die mit ende des 17. Jahrhunderts aufgeklärte Absolutismus. Durch die Josephinischen Reformen (Steuerreform, Wirtschaftsreform, Agrarreform) wurden viele der Notwendigen Freiheiten geschaffen. Der Zweck war die
1 Peters, Die Gründerkrise von 1873 und ihre Auswirkungen (2007).
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Belebung der Wirtschaft und somit die Erhöhung der Steuereinnahmen um ein stehendes Heer mit 108.000 Mann versorgen zu können. Herauszuheben ist die Aufhebung der alten strengen Zunftordung, mit dem Patent vom 12. April 1725. Weiters wurde der Handel durch eine offenere Zollpolitik im Habsburgerreich erleichtert, mit dem Ausland wurden Handelsverträge abgeschlossen. 1771 wurde die erste kaiserliche Börse gegründet. Fabriksprivilegien wurden geschaffen um neue Unternehmen staatlich teilweise über Monopolstellungen abzusichern. 2
Ein weiterer wichtiger Schritt war die Bauernbefreiung des Jahres 1848. Am 7. September diesen Jahres erließ das Parlament den Beschluss „Aufhebung des Unterthänigkeitsbandes und Entlastung des bäuerlichen Besitzes“ . Die Auflösung der Grundherrschaft und die Schaffung freien Eigentums lieferten weitere wichtige Effekte. Die ehemaligen Grundbesitzer erhielten für Ihre Grundabtretung einerseits regelmäßige Zahlungen der Bauern, andererseits nicht unbeträchtliche einmalige Entschädigungszahlungen des Landes. Die Ablöseprozedur war örtlich unterschiedlich, der Effekt jedoch gleich. Es wurden selbständige Unternehmer, einerseits Bauern andererseits nun finanzkräftige ehemalige Gutsherrn, geschaffen die am nunmehr freieren Markt agieren konnten. Der Begriff Frei ist hier natürlich mit Vorsicht zu genießen, da nach den zahlreichen Verfassungsreformen nach 1848 erst recht wieder der Neoabsolutismus einkehrte. Im Neoabsolutismus wurde z.B. mit dem Patent vom 26.11.1852(„Vereinspatent“, RGBl 1852/253) das Konzessionswesen insofern eingeschränkt, als dass alle neuen Vereine (auch Aktiengesellschaften) vom Innenminister oder der obersten Landesbehörde genehmigen zu sind. Jedoch erleichterte im Gegenzug die Gewerbeordnung von 1859 (Kaiserliches Patent vom 20.12.1859, RGBl 1859/227) wiederum den Gewerbezugang durch Brechen der Zunftordnung. 3
Der spätere Ausgleich und Bildung der österreich-ungarischen Doppelmonarchie leitete eine Zeitspane des Optimismus und Wirtschaftsaufschwunges ein. Zwei Rekordernten in den Jahren 1867 und 1868 führten zu den „sieben fetten Jahren“. Man spricht von dieser Zeit auch von der sogenannten Gründerzeit. In dieser Periode übernahmen Teile des Bürgertums die Führungsrolle im Staat, man spricht von der großen Zeit des Liberalismus. Der Liberalismus erreichte in der Österreich-Ungarischen Monarchie in der kurze Periode von 1867 (Dezemberverfassung) bis in die frühen 1870er-Jahre seinen Höhepunkt. Wien, die Haupt- und Residenzstadt von Kaiser Franz Joseph, wurde ab 1850, nach gescheiterter Märzrevolution, durch die Eingemeindung der Vorstädte und den Zuzug Hunderttausender,
2 Floßmann/Kalb, Geschichte des öffentlichen Rechts Teil 2, 3. Auflage, Linz (2004)
3 Floßmann/Kalb, Geschichte des öffentlichen Rechts Teil 2, 3. Auflage, Linz (2004)
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insbesondere aus Böhmen und Mähren, zur viertgrößten Millionenstadt der Welt. Die Ringstraße wurde an Stelle der alten Stadtmauer gebaut, Wohnbau und -spekulation erlebten einen Höhepunkt. Das durch die gestiegene Bedeutung von Gewerbe und Handwerk wohlhabend und, gegenüber dem eher agrarwirtschaftlich abhängigen Adel und der mittellosen Arbeiterschaft, mächtig gewordene Bürgertum setzte sich mit Prachtbauten Denkmäler. Auch in Graz wurden ganze Stadtteile neu errichtet. Die rasante Entwicklung des Eisenbahnbaues war von wesentlicher Bedeutung für die Wirtschaftsentwicklung. Einerseits wurde der Transport ermöglicht und so die Produktivität verschiedenster Industrien gesteigert, andererseits erlebten auch Zulieferindustrien für die Eisenbahn - besonders Stahl und Kohle - einen massiven Aufschwung. Die industrielle Massenproduktion wurde erheblich erleichtert. Zu bedeutenden Unternehmensgründern (von Lebensmittelkonzernen) wurden beispielsweise der Bierbrauer Ignaz Mautner und der Kaffeeröster Julius Meinl I. Durch die schwierige Situation in der Landwirtschaft und die besseren, wenngleich auch schlechten Aussichten in städtischen Industrieunternehmen, entstand ein stetiger Bevölkerungsstrom in Richtung Städte. Die Eisenbahn war hier das passende Mittel um diesen ohnehin schon drastischen Urbanisierungseffekt weiter zu verstärken. Da Eisenbahn sowie auch Industriebetriebe sehr Investitionsintensive Unternehmungen sind, bedeutete diese Industrialisierungs- und Transportnachfrage eine starke Nachfrage an durch Banken ermöglichte Finanzierungsformen. Zwischen 1871 und 1873 wurden in Deutschland 928 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 2,78 Milliarden Mark gegründet. Zudem dehnte sich das Bankwesen immer stärker aus, denn eine liberale Wirtschaftspolitik ermöglichte eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Banken und Unternehmen.
Geld zur Finanzierung dieses Massiven Aufschwungs war genügend vorhanden. Im Deutschen Reich finanzierten nach Kriegsende des Deutsch-Französischen Krieges die französischen Reparationszahlungen das Wachstum östlich des Rheins. Der politische Wunsch, das neue Deutsche Reich schuldenfrei antreten zu lassen, veranlasste die Finanzverwaltung mit dem Geld aus Frankreich, die Kriegsanleihen so schnell wie möglich zu tilgen. So landeten die Reparationen gleich an den deutschen Börsen, denn die Besitzer von Kriegsanleihen suchten sofort neue Anlagemöglichkeiten. Insgesamt flossen etwa 2,5 bis 3 Milliarden Francs, also etwa 2 bis 2,4 Milliarden Mark, bis zu Beginn der Krise direkt auf den Kapitalmarkt. Ein nicht unbeachtlicher Anteil davon landete in Österreich auf der Wiener
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Arbeit zitieren:
2008, Die Finanzkrise des Jahres 1873, München, GRIN Verlag GmbH
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