Der kleine Schritt zwischen „gut“ und „böse“
„Alles Böse wurzelt in einem Guten und alles Falsche in einem Wahren.“
Thomas von Aquin, italienischer Philosoph und Dominikanerpater
Das menschliche Gute sind die sozialen Normen die sich der Mensch selber auferlegt, und die er in seinem ganzen Leben einzuhalten versucht. Das menschliche Böse hingegen, ist der Schaden, den der Mensch anderen zufügt, wenn er nicht nach den gesellschaftlichen Normen handelt. Wie Thomas Aquin in seinem Zitat bemerkt, steckt das Böse in jedem Guten und das Lügnerische hält sich nicht weit von der Wahrheit entfernt. Der Mensch ist hierzu keine Ausnahme, und man findet auch in ihm eine anständige Seite, die an das Gute auf der Welt glaubt, und eine üble, die unter dem Einfluss von Egoismus steht.
Goethes Faust gilt als „Jedermann“, der wie jeder Mensch zwischen dem Guten und dem Bösen steht. Der Jedermann ist meist auf dem richtigem Pfad und neigt eher zur Wahrheit als sich mit dem Unerlaubten abzugeben. Er strebt, glaubt, und lebt sein Leben wie es ihm durch die Gesellschaft vorgegeben ist. Es bedarf meist nur eines kleinen Auslösers, der den Menschen zum Bösen drängt. In Fausts Fall ist es die Verzweiflung und Sehnsucht, die ihn in die Arme Mephistopheles´ treibt. Faust, der sein Leben lang nach Wissen strebt, kann nie zu einer richtigen Erkenntnis kommen. Er bleibt ständig unzufrieden und sieht in den Büchern und Worten keinen Sinn mehr. Aber strebt Faust tatsächlich nur nach konstruktivem Wissen, oder ist es vielleicht das reale Leben und die Natur, die er vermisst? Faust redet ständig davon, dass er die Dinge erleben und am eigenen Leib erfahren will. Er möchte wissen was die Welt im Innersten zusammenhält, und dazu braucht er mehr als nur Belesenheit. Nachdem das Anrufen des Erdgeistes Faust nicht befriedigt und ihn eher verschreckt, ist er in seiner tiefsten Phase der Verzweiflung. Dies ist der richtige Moment für Mephistopheles, Symbol des Bösen und Inkarnation des Teufels, in Fausts Leben zu treten.
Mephistopheles verkörpert nicht unbedingt Verfechter von Ehrlichkeit und Wahrheit. Er verführt die Menschen auf eine gewiefte Art und Weise zum Bösen, und tendiert dabei besonders zu denen, die mit ihrer jetzigen Art zu leben, nicht vollends zufrieden
sind, jene, die sich und ihre Seele schon längst aufgegeben haben. Faust ist die ideale Person für Mephistopheles um eine weitere Seele zu ergaunern. Er ist nicht gläubig, verliert sich zunehmend in der Maßlosigkeit, ist dem Leben überdrüssig, mit seinem Dasein nicht zufrieden und er vermisst etwas in seiner Welt, das vollkommene Wissen nachdem er beinahe schon zu streben aufhört. Was Mephistopheles jedoch nicht sieht, ist dass Fausts Intelligenz ein Problem für ihn und seine Mission, das Gute zum Bösen zu verleiten, werden könnte.
Faust und Mephistopheles schließen eine Wette ab. Diese besagt, dass Mephistopheles Faust dienen wird bis dieser einen Zustand absoluter Glückseeligkeit erreicht, und ihn bittet diesem Moment Dauer zu verleihen. Sollte dass geschehen, verliert Faust seine Seele an den Teufel. Faust verzweifeltes Streben nach Wissen und Erkenntnis lässt ihn soweit gehen, dass er sich dem Bösen verschreibt und mit dieser Wette nur noch einen kleinen Schritt davon entfernt ist das Gute in sich vollends aufzugeben. Mephistopheles ist davon überzeugt, dass es nur kleiner Annehmlichkeiten des Lebens, wie Lust und Begierde, bedarf um Faust zu betören und somit seine Seele zu erlangen.
Nach Abschluss der Wette werden Faust und Mephistopheles so etwas wie Gefährten. Von nun an wird Mephistopheles keinen Schritt mehr von Fausts Seite weichen und alles daran setzen, Faust den Moment vollster Zufriedenheit zu liefern. In Auerbachs Keller versucht Mephisto Faust mit Alkohol zu verführen. Seine Annahme ist die Folgende. Verfallen die Menschen dem Alkohol befinden sie sich in einem Stadium der Zurechnungsunfähigkeit, vorausgesetzt, es wurde übermäßig Alkohol konsumiert, und schenken Regeln nur wenig Beachtung. Sie genießen eher den Augenblick der Freiheit, der sie in diesem Zustand umgibt. Mephisto hat Faust in dieser Beziehung gewiss falsch eingeschätzt und scheitert kläglich nachdem er ihn auch nicht mit Magie beeindrucken kann. Faust fragt lediglich, ob sie denn nun „endlich gehen könnten“. Er ist von der ganzen Situation gelangweilt, denn Alkohol war für Faust noch nie ein Grund sich selbst aufzugeben und in ein jämmerliches Benehmen zu verfallen. Er bleibt den Gesetzten der Gesellschaft, die zu jener Zeit als das Gute angesehen wurden, treu und lässt sich nicht verführen.
In der Hexenküche probiert Mephistopheles es nun auf eine andere Art, mit Trieb und Verlangen. Er verspricht Faust einen Zauber- und Liebestrank zugleich, welcher ihn
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Silvia Golle, 2003, Goethe, Johann Wolfgang von - Faust - Das Verhältnis zwischen Mephisto und Faust, Munich, GRIN Publishing GmbH
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