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hätte jemand etwas gewollt, an dieser Tür, und schon gar nicht in der spielfreien Zeit. Der
Besucher, ebenso überrascht, antwortet nur: Eigentlich nichts; vielleicht dürfe er ja kurz
eine Frage stellen, aber die Frau winkt gleich ab. Sie schüttelt den Kopf und sagt: Fragen
an die Festspielleitung. Nächste Antworten: Vielleicht im Sommer. Der Besucher geht
also weiter. Einmal um das Festspielhaus herum, und dann noch einmal. Er passiert die
Anbauten der Bühnenwerkstatt und der großen Probebühne III („Nichtbeschäftigten ist
der Zutritt untersagt“), die beide im Rückraum des Geländes ihren festen Platz haben. Der
Besucher setzt sich auf eine Bank neben dem Festspielhaus, unter einen Baum, und
schlägt seinen Stadtführer auf. Er liest ein kurzes Zitat von Bernard Shaw: „Diejenigen,
die nach Bayreuth kommen, bereuen es nie.“ Der Besucher erinnert sich sogleich an einen
Ausspruch Nietzsches: „Bayreuth - bereits bereut.“ Er blättert weiter und entdeckt ein
anderes Zitat, diesmal von Wagner selbst: „Hier sollte nun ein provisorisches (Theater),
so einfach wie möglich, vielleicht bloß aus Holz, und nur auf Zweckmäßigkeit des
Inneren berechnet, aufgerichtet werden.“ Ein Provisorium also. Und wenn nichts mehr
funktioniert, dann Abbruch des Unternehmens - und Abflug! In eine größere Stadt.
Leipzig vielleicht? Aber der Besucher weiß, dass Richard Wagner den großen Städten
misstraute. Er hasste den Pomp dort, die vielen unseriösen Nebenschauplätze, die doch
nur von der Kultur ablenkten. Wagner wünschte sich daher „eine der minder großen
Städte, günstig gelegen, und zur Aufnahme außerordentlicher Gäste geeignet“.
Außerordentliche Gäste, im Sinne Wagners: Gäste, die wegen seiner Werke auf den
Grünen Hügel pilgern. Gäste, die kommen, um zu sehen (und zu hören), und nicht, um
gesehen zu werden. Menschen, die sich wirklich für die Musik Wagners interessieren.
Aber so war es noch nie. Das Publikum noch nie außerordentlich, eher schon abscheulich,
traut man wiederum den Worten Virginia Woolfs, die nach einem Bayreuth-Besuch
notierte: „Hässliche und monströse Frauen, Bier trinkende Männer. Mein Gott, wie
scheußlich alle hier sind.“ Also der richtige Ort, das richtige Haus für das falsche
Publikum? Der Wiener Schriftsteller Hermann Bahr wenigstens wünschte sich im Jahre
1909, dabei sein zu können, wenn „einmal in Bayreuth der 'Ring' vor Arbeitern
aufgeführt wird.“ Über dreißig Jahre später, 1940, gab es einige Vorstellungen für
verwundete Nazi-Soldaten. Aber das ist eine ganze andere Geschichte.
Soviele Zitate, denkt sich der Besucher jetzt, und so wenig Gewissheit. Er steckt
das Buch in die Tasche, steht auf, und möchte sich nun selbst ein Bild machen. Um in das
Innere des Hauses sehen zu können, tritt der Besucher jetzt vor eine breite Fensterfront.
Er blickt in das Foyer: dort an der cremefarbenen Wand hängt eine große weiße Uhr. Da
sind Treppen aus Holz, die in den Zuschauerraum führen: ein ansteigender Sitzstufenbau,
Arbeit zitieren:
René Becher, 2006, Nächste Führung: Heute keine, München, GRIN Verlag GmbH
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