5. Die Anschläge von London Seite 37
5.1 Reaktionen auf die Anschläge Seite 40
6. „Der Kampf gegen den Terrorismus“ -Konsequenzen der Anschläge von New York, Madrid und London für die EU Seite 43
6.1 Der Aktionsplan der EU zur Bekämpfung des „Terrorismus“ Seite 45
6.2 Terrorismusbekämpfung und Demokratie Seite 49
7. Studentenbefragung zum Thema „Terrorismus“ Seite 50
8. Fazit und Zukunftsperspektiven Seite 52
9. Literaturverzeichnis Seite 56
12. Anlage: Fragebogen und Auswertung zum Thema „Terrorismus“ Seite 60
3
1.Einleitung
„Terrorismus“ gibt es nicht erst, seitdem am 11. September 2001 zwei entführte Flugzeuge als „fliegende Bomben“ das Word Trade Center, das Symbol der amerikanischen Prosperität, zum Einsturz brachten. Trotzdem hat sich die Weltlage danach weit reichend verändert. Noch nie zuvor gelang es „Terroristen“ Anschläge solchen Ausmaßes auf amerikanischen Boden zu verüben. Der „Internationale Terrorismus“ ist eines der bedeutendsten politischen Themen unserer Zeit geworden und scheint seitdem zur schärfsten Bedrohung der westlichen Demokratien zu werden. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in der Welt ein neues Selbstmordattentat geschieht. Vielleicht ist Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ doch wahr geworden und die islamischen Länder wehren sich gegen all zu lange Unterdrückung und Erniedrigung seitens des Westens. Wir haben uns einige Fragen gestellt und werden ihnen im Laufe unseres Lehrforschungsprojektes nachgehen.
Seit wann gibt es „Terrorismus“ und wie hat er sich entwickelt? Gibt es eine allgemein gültige Definition? Wie rechtfertigen „Terroristen“ ihre Taten? Welche Rolle spielt dabei der Islam? Und letztendlich die Frage, wie der europäische „Kampf gegen den Terrorismus“ geführt wird.
Wir werden zunächst die Begriffsgeschichte des „Terrorismus“ aufzuzeigen und die Veränderungen, die der Begriff erfahren hat herausarbeiten, um letztendlich zu einer Arbeitsdefinition zu gelangen.
Nachdem wir auf die geschichtlichen und definitorischen Inhalte des „Terrorismus“ eingegangen sind, wenden wir uns dem islamischen „Terrorismus“ zu. Hierbei gilt es seine Legitimation zu klären. Anschließend beschäftigen wir uns mit der größten internationalen Terror-Organisation „Al Kaida“. Wie ist sie entstanden, organisiert und was sind ihre Ziele?
Am 7. Juli 2005 wurde London das Ziel von „Terroranschlägen“ und nachdem zuvor bereits Madrid betroffen war, wurde deutlich, dass nicht nur Amerika Ziel des „Internationalen Terrorismus“ ist, sondern die gesamte „westliche Welt“. Woher kamen die Attentäter und was waren die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen?
4
Das führt uns zu der Frage, wie Europa auf den „Internationalen Terrorismus“ reagiert, wie also der europäische „Kampf gegen den Terrorismus“ aussieht und welche Schwierigkeiten sich dabei offenbaren. Anschließend werden wir anhand einer nicht repräsentativen Umfrage eine Bestandsaufnahme zum Thema erarbeiten. Zu diesem Zweck haben wir 100 Fragebögen an Siegener StudentenInnen verteilt, um zu klären, was diese unter „Terrorismus“ verstehen, wie sie die Bedrohungslage einschätzen und welche Schutzmaßnahmen für sie persönlich akzeptabel wären. Als letztes folgt ein Resümee und ein Ausblick darauf, wie sich der „Terrorismus“ zukünftig entwickeln könnte.
2. Begriffsgeschichte und Definition von „Terrorismus“
Der Begriff „Terrorismus“ hat sich mittlerweile völlig in unseren Sprachgebrauch integriert. Egal in welche Zeitung man schaut oder welche Nachrichtensendung gerade läuft, das Wort „Terrorismus“ oder „Terrorist“ werden ständig und ohne Bedenken verwendet. Dabei handelt es sich oft um „so unterschiedliche Vorkommnisse wie einen Bombenanschlag auf ein Gebäude, die Ermordung eines Staatsoberhauptes. Ein Massaker an Zivilisten durch eine militärische Einheit, die Vergiftung von Produkten in den Regalen eines Supermarktes oder die gezielte Verunreinigung von frei verkäuflichen Arzneimitteln in einer Apotheke […].“ 1
Mit dem Slogan: „Kampf gegen den Terrorismus“ wurde auch die politische Dimension des Begriffs „Terrorismus“ sichtbar, nämlich die Legitimation seitens der USA für die Luftangriffe auf Afghanistan Ende 2001. Man denke auch an die Gefangenen auf dem US-Stützpunkt Guantanamo 2 auf Kuba, wo derzeit Menschen Prozesse nach rechtsstaatlichen Grundsätzen verweigert werden,
1 Hoffman/S.13
2 Nach der US-amerikanischen Invasion in Afghanistan wurden 2002 über 1.000 Gefangene aus den Reihen der Taliban und der Al-Qaida nach Guantanamo Bay verbracht, wo ihnen ihre Rechte als Kriegsgefangene verwehrt blieben. Stattdessen werden sie als so genannte unlawful combatants (ungesetzliche Kombattanten) in einem „Camp X-Ray“ genannten Teil des Stützpunkts interniert. Quelle:Wikipedia
5
weil sie als „Terroristen“ nicht den Status Kriegsgefangener erhalten. 3 Die Leichtfertigkeit, mit der man diesen Begriff verwendet, ist verwunderlich, fehlt es doch an einer allgemeingültigen Definition. Wo sind die Grenzen zwischen „Freiheitskämpfern“ und „Terroristen“? Wie hat sich der Begriff im Laufe der Geschichte geändert?
Wir werden im Folgenden zunächst auf die Chronik des Begriffs „Terrorismus“ eingehen, um dann zu versuchen, genauer zu definieren, was „Terrorismus“ bedeutet.
2.1 Begriffsgeschichte
Das Wort „Terrorismus“ stammt aus dem Lateinischen, „Terror“ bedeutet Schreck(en), Schreckensnachricht, Angst. 4 Auch wenn einige Wissenschaftler Vorformen des „Terrorismus“ bereits in der Antike ausfindig machen 5 , so erlangte der Begriff „Terror“ („la terreur“) erstmals während der Französischen Revolution Bedeutung. Das „régime de la terreur“ um Robespierre der Jahre 1793/94 setzte auf eine „Abschreckungspolitik“, die es dem Staat ermöglichte, Widerständler und Konterrevolutionäre öffentlich auf der Guillotine hinzurichten, um mit dieser Art Abschreckung die Macht des jungen französischen Staates zu festigen. 6 Doch als Robespierre mit Danton sogar ehemalige Mitstreiter hinrichten ließ, verschwor sich der Nationalkonvent und stürzte Robespierre, der dann im Juli 1794 seinerseits hingerichtet wurde. 7 Zu dieser Zeit wurde der Begriff überwiegend positiv verwendet, denn „la terreur“ wurde als Mittel gebraucht, um die bestehende Ordnung im Land zu wahren. Doch trotz der unterschiedlichen Bewertung des Begriffs „Terrorismus“, bleiben doch zwei Eigenschaften, die der damalige und heutige „Terrorismus“ gemeinsam haben: Damals wie heute war er organisiert, zielbewusst und systematisch und seine vermeintliche Rechtfertigung lag in der Schaffung einer neuen und besseren Gesellschaft 8 . Robespierre selbst sagte dazu:
3 Beermann/S.10
4 Pons Schülerwörterbuch/S.497
5 Vgl. Beermann/S.19
6 Vgl. Hoffman/S.14
7 Vgl. Beermann/S.21
8 Vgl. Hoffman/S.17
6
„Terror ist nichts anderes als Gerechtigkeit, sofortige, unnachsichtige und unbeugsame Gerechtigkeit; er stellt daher eine Ausdrucksform der Tugend dar.“ 9
Nach Robespierres Hinrichtung wurde der Begriff „Terrorismus“ zu einem Begriff, „der mit dem Missbrauch von Amt und Macht untrennbar verknüpft war“. 10 Er integrierte sich auch in den Sprachgebrauch der anderen Länder Europas und gelangte schließlich durch Zeitungskorrespondenten, die von den Geschehnissen in Frankreich berichteten, nach Deutschland. Es entwickelten sich die Begriffe „Terrorismus“, „Terror“ und „Terrorist“, zum einen zur konkreten Beschreibung der Regierungszeit Robespierres, zum anderen als Termini zur Stigmatisierung herrschender Gewaltsysteme. 11 In ganz Europa brachte die Französische Revolution Misstrauen gegenüber dem Staat hervor. Dieser wurde nun nicht ausschließlich als von Gott gegeben akzeptiert, sondern als ein von Menschen geschaffenes Gebilde, dass ebenso von diesen verändert werden konnte. Gewaltige sozioökonomische Veränderungen, hervorgerufen durch die industrielle Revolution, brachten neue Ideologien, wie den Marxismus hervor, „die aus der Entfremdung und den ausbeuterischen Umständen im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts resultierten.“ 12 Aus diesem Milieu entstand eine neue Art von „Terrorismus“. Einer seiner Vorläufer war der italienische republikanische Extremist Carlo Piscane 13 , der den Begriff „Propaganda der Tat“ nachhaltig prägte. 14 Er ging davon aus, dass nur die Tat etwas bewegen könne. Gewalttätigkeit seit deshalb nötig, um zu informieren und letztendlich die Masse für die Ziele der Revolution zu gewinnen. Diese und ähnliche revolutionäre Ideen sollten den Charakter der kommenden terroristischen Aktivitäten bestimmen.
Als erste Gruppe, die nach dieser Maxime der „Propaganda der Tat“ handelte, gilt die russische „Narodnaja Volja“ (meist übersetzt mit „Volkswille“). Sie wurde 1878 gegründet, um durch gezielte politische Attentate gegen die
9 Robespierre;in:Hoffman/S.16
10 Hoffman/S.18
11 Vgl. Beermann/S.21
12 Hoffman/S.18
13 Carlo Piscane war ein italienischer Extremist, der seine durch Geburt gerechtfertigte Stellung als Herzog von San Giovanni ablehnte und 1857 bei einer gescheiterten Revolte gegen die Bourbonenherrschaft umkam (aus: Hoffman/S.18)
14 Vgl. Hoffman/S.18
7
Zarenherrschaft zu „kämpfen“. 15 Wichtig hierbei ist die Unterscheidung zum heutigen Terrorismusbegriff. Die „Propaganda der Tat“ wurde nämlich so ausgelegt, dass ausschließlich Attentate auf Personen ausgeübt wurden, die als repräsentativ für den aus der Sicht der Terroristen 16 „autokratischen Unterdrückerstaat“ galten. 17 Unschuldige wurden somit immer verschont. Diese Prämisse wird bei folgendem Beispiel deutlich: Bei dem Versuch eines „Terroristen“ einer Nachfolgeorganisation der russischen Narodnaya Wolya den Großfürst Sergej Alexandrowitsch zu ermorden, bemerkte der Attentäter, dass der Großfürst von seinen Kindern begleitet wurde und brach das Attentat ab, zu gefährlich schien ihm die Tatsache, dass bei dem Anschlag unschuldige Kinder in Gefahr kommen könnten. Als die Narodnaya Wolya 1881 den Zar Alexander II. ermordete, wurden die meisten Attentäter schnell gefasst und hingerichtet. 18 Doch nicht nur in Russland gab es politische Gewalt gegen Vertreter des Staates. Populärstes Beispiel ist das tödliche Attentat auf den Habsburger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo durch Gavrilo Princip 19 am 28. juni 1914, das bekanntermaßen den ersten Weltkrieg zur Folge hatte. Noch bis weit nach dem ersten Weltkrieg galt „Terrorismus“ im allgemeinen Verständnis als Bezeichnung für illegitim empfundene politische Gewalt „von unten“, die meist links-revolutionären Ursprungs war. 20 Dazu kam während der Weimarer Republik immer mehr der „Terrorismus“ von rechten Gruppen. Eine erneute Wandlung des Begriffs „Terrorismus“ gab es dann in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. 21 Er wurde nicht mehr wie bisher als Gewalt einzelner Gruppen gegen die bestehende Regierungen und ihre Führer benutzt, sondern immer häufiger zur Beschreibung der Massenunterdrückung totalitärerer Staaten, wie zum Beispiel in Deutschland und Italien. Diese Art des „Terrors“ war zudem ein wichtiger Bestandteil totalitärer Staaten, die nur so ein „System der sanktionierten Furcht und des Zwangs“ durchsetzen konnten. 22 Die
16 Sie wurden nicht nur von ihren Gegnern „Terroristen“ genannt, sondern bezeichneten sich auch selbst als solche, mit dem Ziel einer „terroristischen Revolution“ (aus:Beermann/S.23)
17 Hoffman/S.19
18 Vgl. Ebenda/S.20
19 18 Princip gehörte einer Gruppe an, die unter dem Namen „Mlada Bosna“ bekannt wurde und gegen den Fortbestand der „habsburgischen Oberhoheit“ kämpfte. Quelle: Wikipedia
20 Vgl. Beermann/S.24
21 Vgl. Hoffman/S.27-28 und Beermann/S.25
22 Hoffman/S.28
8
Nationalsozialisten propagierten auch ganz offen „den „Terror“ ihrer Gegner im Inland und der Alliierten mit „Gegenterror“ zu beantworten.“ 23 Nach dem zweiten Weltkrieg wandelte sich der Terrorismusbegriff wieder zu einem revolutionär geprägten Begriff, ähnlich wie er vor dem zweiten Weltkrieg gebraucht wurde. In diesem Zusammenhang entstand der Ausdruck „Freiheitskämpfer“, den rebellierende Volksgruppen, die sich beispielsweise im Kampf gegen die europäischen Kolonialstaaten bildeten, verwendeten. Der ehemalige PLO-Präsident Yassir Arafat rechtfertigte die Ablehnung der Terrorismuszuschreibung wie folgt:
„Der Unterschied zwischen dem Revolutionär und dem Terroristen liegt in dem Grund, warum er kämpft. Denn wer immer sich für eine gerechte Sache und für die Freiheit und Befreiung seines Landes von Eindringlingen, Siedlern und Kolonisten einsetzt, kann unmöglich als Terrorist bezeichnet werden.“ 24
Aber es bildeten sich nicht nur nationalistische und antikolonialistische Gruppen in Asien, Afrika und dem Nahen Osten, andere „politisch Entrechtete“, wie die FLQ (Front de Libération du Québec) oder die baskische ETA (Euskadi ta Askatasuna), griffen zum „Terrorismus“ als Mittel, Aufmerksamkeit für ihre jeweiligen Ziele zu erlangen. Zusätzlich entstanden in den 60er Jahren in Europa zahlreiche linksorientierte, revolutionäre Gruppen, die gegen gesellschaftliche und ökonomische Ungerechtigkeiten des modernen kapitalistischen Staates kämpften. 25 In Deutschland war es die RAF (Rote Armee Fraktion), in Italien die BR (Brigate Rosse) und in Frankreich die AD (Action Directe).
Ein anderes Phänomen ist der „Terrorismus“ einzelner Gruppen, finanziert und unterstützt durch Regierungen, wie z.B. der Irak, Iran Libyen und Syrien. Der Begriff wird seitdem oft im Zusammenhang einer Art Ersatzkriegsführung gesehen, durch den schwächere Staaten größere Staaten attackieren können, ohne mit einem Gegenschlag rechnen zu müssen. 26
Im Folgenden werden wir versuchen, den Begriff „Terrorismus“ so weit es geht einzugrenzen und von unterschiedlichen Standpunkten zu beleuchten.
23 Beermann/S.25
24 Arafat; in.: Beermann/S.25
25 Vgl. Hoffman/S.31
26 Vgl. Hoffman/S.32
9
2.2 Definitionsversuche
Wie die Begriffsgeschichte gezeigt hat, hat sich der Gebrauch und die Bedeutung des Wortes „Terrorismus“ im Laufe der Zeit immer wieder verändert, so dass verständlich ist, warum es so schwer fällt ihn zu definieren. Ein Konsens der Forschung besteht höchstens darüber, dass es keinen Konsens für eine einheitliche Definition gibt. Sobald eine neue Definition auftaucht, finden sich Gegenbeispiele und Gegenargumente, die diese außer Kraft setzen. Wenn beispielsweise ein Bombenanschlag palästinensischer Gewalttäter unter viele der gängigen Definitionen von „Terrorismus“ fällt, ein vergleichbare politische Gewalttat der israelischen Armee aber nicht 27 , dann lässt sich erahnen, wo die Problematik hierbei liegt. Auf einige Probleme möchten wir im Folgenden eingehen.
2.2.1 „Terrorismus“ - Gewalt „von oben oder unten“ 28 ?
Eine grundlegende Frage, wenn man sich mit „Terrorismus“ beschäftigt ist, ob „Terrorismus“ ausschließlich Gewalt „von unten“, oder auch „von oben“ ist? Ein Großteil der Terrorismusforschung plädiert dafür, zu unterscheiden, ob Gewalt durch nicht-staatliche Gruppen oder dem Staat verübt wird. Dabei wird dem Staat eher der Begriff „Terror“ zugeschrieben. 29 Beermann weist aber zurecht darauf hin, dass durch eine Trennung der Begriffe „Terrorismus“ und „Terror“ Regierungen und Staaten ermöglicht wird, ihre eigenen Gewalttaten herunterzuspielen und zu verharmlosen: 30
„Es gibt keinen seriösen Grund, bestimmte Verhaltensweisen oder Politiken nicht als terroristisch zu bezeichnen, nur weil sie nicht von privaten Personengruppen oder Organisationen, sondern von Staatsorganen begangen werden. Dass die Androhung und Anwendung nicht-legitimer Gewalt zu
27 Vgl. Beermann/S.30
28 Vgl. Ebenda./S.31
29 Vgl. Ebenda. /S.31
30 Vgl. Ebenda /S.32
10
politischen Zwecken zum Standardrepertoire von Staaten gehört, ist offensichtlich.“ 31
Ein anderes Argument, das dafür spricht, „Terrorismus“ nicht ausschließlich als Gewalt „von unten“ zu sehen, ist ein historisches. Ursprünglich leitet sich „Terrorismus“ aus der Zeit der Französischen Revolution und der dort praktizierten staatlichen „Schreckensherrschaft“ um Robespierre ab (s.o.). Andere Forscher gehen noch weiter, sie sehen die Gewalt von unten stets als Reaktion auf die Gewalt „von oben“.
Die Gegenseite verweist auf den heutigen Charakter terroristischer Aktivitäten, die überwiegend aus dem antikolonialen Befreiungskampf nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sind. 32
2.2.2 „Terrorismus“ und seine Symbolik
Einige Forscher gehen davon aus, dass in der Symbolik von „Terrorismus“ der entscheidende Unterschied zu anderen Formen politischer Gewalt liegt. 33 Die Botschaft ist demnach entscheidend, bei deren Vermittlung die Massenmedien eine wichtige Rolle spielen. „Terrorismus“ kann somit als
Kommunikationsstrategie gesehen werden. Die Gewalt ist dabei insofern symbolisch, als dass sie meist nicht auf diejenigen zielt, die sie direkt betrifft, sondern auf die, die zuschauen, also allgemein gesprochen, auf die Öffentlichkeit.
Dennoch darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden, dass „Terrorismus“ nicht ausschließlich symbolische Ziele verfolgt. Politische Forderungen, wie die Freilassung inhaftierter Häftlinge oder die Forderung nach Lösegeld. Sicherlich ist die symbolische Wirkung von „Terrorismus“, das Verbreiten von Angst in der Öffentlichkeit, eines der wichtigsten Charakteristika des „Terrorismus“, aber eben nicht das einzige.
31 Hippler/Lueg, in.: Beermann/S.33
32 Vgl. Ebenda/S.33/34
33 Vgl. Ebenda/S.34
11
2.2.3 „Terrorismus“ und Krieg
Eine interessante Frage ist auch, ob es sich bei „Terrorismus“ um Krieg handelt oder nicht? Auf den ersten Blick möchte man diese Frage mit „nein“ beantworten, gibt es doch klare Vorstellungen darüber, was Krieg bedeutet. Im völkerrechtlichen Sinne können nur Staaten Kriege gegeneinander Krieg führen. Die Krieg führenden Streitkräfte sind dabei durch Uniformen klar erkennbar. 34 Doch die Worte von Georg Bush lassen auch andere Interpretationen zu, wenn er am 30.1.2002 in einer Rede zur Lage der Nation folgendes sagt:
„Unser Krieg gegen den Terror hat gut begonnen. Es ist aber erst der Anfang. Dieser Feldzug mag nicht während unserer Wache beendet werden. Er muss und wird aber während unserer Wache geführt werden.“ 35
Ähnlich sieht es auch der US-Wissenschaftler Carr, der die USA schon mitten in einem „Terroristenkrieg“ sieht:
„Es überrascht und ist wohl nur schwer zu akzeptieren, aber was wir Terrorismus nennen, ist in der Tat eine Form der Kriegsführung.“ 36
Die meisten Forscher gehen jedoch davon aus, dass Krieg und „Terrorismus“ strikt voneinander getrennt werden müssen. Hoffman weist zum Beispiel auf die qualitativen Unterschiede zwischen „Terrorismus“ und Krieg hin. Denn selbst in Kriegszeiten gelten Regeln, auch wenn diese nicht immer eingehalten werden: So sind z.B. Geiselnahmen und Racheakte gegen Zivilisten verboten. Ebenso stehen zur Behandlung Kriegsgefangener verbindliche Regeln fest und neutrale Territorien werden geachtet, sowie die Unverletzlichkeit von Diplomaten und sonstigen offiziellen Vertretern. 37
Man könnte „Terrorismus“ also als Kampfmethode sehen und nicht als Personenkreis. Diese Kampfmethode könnte dann in einem Krieg zweier
34 Vgl. Beermann /S.36
35 http://www.concernedphotography.com/galerie/kein-krieg/hintergrund/index-reden-05.html
36 Carr; in.: Beermann/S.38
37 Vgl. Hoffman/S.43
12
Staaten genauso gut angewendet werden, wie in einem substaatlichen Konflikt oder in Friedenszeiten. 38
2.2.4 „Terrorismus“ und Guerillakampf
Wichtig ist auch eine Unterscheidung der Begriffe „Terrorismus“ und „Guerillakampf“.
Der Guerillakampf ist durch den Kampf der Tupamaros in Uruguay populär geworden. Sie bezeichneten sich als „Stadtguerilla“, als sie Ende der 60er Jahre ihren Kampf gegen den Staat vom Land in die Großstädte trugen. Übersetzt heißt Guerilla „kleine Kriege“, dabei handelt es sich um eine Form des bewaffneten Kampfes nichtmilitärischer Einheiten. 39 Einige Unterschiede haben sich in der Forschung durchgesetzt. So besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Guerillakämpfer sich in ihrer Art der Kriegsführung teilweise der der regulären Streitkräfte angenähert haben. So ist Hippler sogar der Meinung, dass Guerilla ein bewaffneter Widerstand ist, der eine legitime Auflehnung eines Volkes gegen unerträgliche Repression ist, sofern diese nicht mit friedlichen Mitteln zu ändern ist. 40
Mit Anspielung auf die strategische Vorgehensweise der Guerillakämpfer und der symbolischen Wirkung des „Terrorismus“ meint Waldmann, dass der „Guerillero“ den Raum besetzen wolle, der „Terrorist“ dagegen das Denken. 41
2.2.5 „Terrorismus“ und Kriminalität
Nun sollte noch kurz auf den Unterschied von „Terroristen“ und Kriminellen eingegangen werden. Bei kriminellen Akten, zum Beispiel einem Attentat oder einer Erpressung, handeln die Täter meist aus persönlichen, eigennützigen Motiven, beispielsweise um sich zu bereichern. „Terroristen“ hingegen haben stets ein politisches, gesellschaftliches oder religiöses Motiv.
38 Vgl. Beermann/S.40
39 Vgl. Ebenda/S.41
40 Vgl. Ebenda/S.42
41 Vgl. Ebenda/S.42
13
Weiterhin charakteristisch ist, dass „Terrorismus“ nicht durch Einzeltäter erfolgen kann:
„Sowenig eine Person glaubwürdig den Anspruch erheben kann, eine politische Partei zu sein, so wenig kann ein einsames Individuum eine terroristische Gruppe darstellen.“ 42
2.2.6 Verschiedene Formen von „Terrorismus“
Bevor wir zur politischen Dimension des „Terrorismus“ kommen, möchten wir kurz auf die verschiedenen Formen eingehen, die Waldmann 1998 erarbeitet hat 43 und sie um die Komponente des „Internationalen Terrorismus“ erweitern: Waldmann unterscheidet zwischen „sozial-revolutionärem“, „ethnischnationalistischem“, „religiösem“ und „vigilantistischem Terrorismus“ 44 : „Sozial-revolutionärer Terrorismus“ zielt auf eine revolutionäre Veränderung bestehender Strukturen im Sinne von Marx. Beispiele hierfür sind die „RAF“, die „Roten Brigaden“ und die „Action Directe“ 45 . Der „ethnisch-nationalistische Terrorismus“ ist gekennzeichnet durch das Streben einer ethnischen Minderheit nach Autonomierechten oder einem eigenen Staat, Waldmann nennt hier die „ETA“ und die „PLO“. „Vigilantistischen Terrorismus“ übt zum Beispiel der „Ku-Klux-Klan“ in den USA aus. Sie versuchen „am Staat vorbei, unter Verletzung der Gesetze, die bestehende Ordnung zu bewahren […].“ 46 Bei „religiösem Terrorismus“ handelt es sich um religiösen Fundamentalismus, sowohl im Islam, im Christentum als auch im Judentum. Ihr Hauptmotiv ist jeweils die Abwehr der modernen Globalisierungstendenzen, die mit
Säkularisierungstendenzen einhergehen. Sie wollen die Rückkehr zu einer ausschließlich religiösen Gemeinschaftsform. Beispiele hierfür sind die palästinensisch-arabische Hamas-Gruppe oder die “Islamische Heilsfront“ (FIS).
42 Hoffman/S.54
43 Vgl. Beermann/S.53
44 Ebenda./ S.53
45 Die Action Directe (direktes Handeln) war eine 1979 gegründete französische linksextremistische Terrororganisation, die unter anderem den französischen General René Audran und den Renault-Chef Georges Besse ermordeten. Quelle: Wikipedia
46 Waldmann; in.: Beermann/S.53
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Lundquist Neubauer, 2006, Internationaler Terrorismus, München, GRIN Verlag GmbH
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