EINLEITUNG
Besuchte man ab Mitte der 1980er Jahre die Wartezimmer einiger Arztpraxen, oder die von Anwaltskanzleien, so konnte man häufig in Stühlen Platz nehmen, die für die damalige Zeit als modern galten und das auch noch bis zum heutigen Tage sind. Häufig sind es die des Sitzmöbeltypus „Freischwinger“. Das ist ein aus Stahlrohr (Rahmen) und Leder (Sitz – und Rückenfläche) konstruierter Stuhl, der federnd nachgibt, wenn die sitzende Person leichte Schaukelbewegungen ausübt.
Dass dieser Sitzmöbeltypus keine Idee der 1980er Jahre ist, sondern seinen Ursprung bereits in den 1920er Jahren hat, ist den meisten Menschen nicht bekannt.
Bis zum heutigen Tage finden wir in Möbel – und Kaufhauskatalogen die verschiedensten Sitzmöbel des Formats eines „Freischwingers“ wieder.
Neben der Kategorie dieser Stuhlform existieren bis heute zahlreiche weitere Möbel, welche das Material des Eisenrohres verwenden.
Schaut man im Alltag aufmerksam hin, so entdeckt man, wie sich die Idee der Verwendung von Metall im Möbeldesign in mehreren Dimensionen ausgedehnt hat: Stahlrohr – Stühle, - Tische, - Hocker (auch unter der Verwendung von Aluminium und ähnlichem Material). Desweiteren die Verwendung von gepresstem Stahl als Kufen für Side – und Highboards. Sitzt man im Aussenbereich eines Cafés oder eines Restaurants, so kann man häufig in Konstruktionen aus Metallrohr und Korbgeflecht Platz nehmen, welche nach Gebrauch platzsparend (da stapelbar) zu verstauen sind.
Dieses sind nur einige aufgelistete, umgesetzte Ideen, die sich Designer bis heute bei ihren Möbelkonstruktionen ausgedacht haben.
Auf den folgenden Seiten soll darauf eingegangen werden, woher die Idee der Stahlrohrmöbel stammt und aufgezeigt werden, wie und in welcher Form es bereits in den 1920er Jahren verwendet worden ist. Desweiteren wird erläutert, welche Rolle die Bauhaus – Künstler (Entwerfer/Designer/Architekten) wie Mart Stam, Mies van der Rohe und Marcel Breuer bei der Entwicklung der Stahlrohrmöbel eingenommen haben.
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1. DIE ENTDECKUNG DES STAHLROHRES IM MÖBELDESIGN
Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Techniker in den USA mit dem Entwurf des sogenannten „Patent Furniture“. Die Idee der Konstrukteure war zum Einen, sämtliche technischen Möglichkeiten, vor allem die des Materials Eisen, auszuschöpfen, und zum Anderen, die Möbel optimal an die anatomischen Anforderungen des Körpers der Benutzer anzupassen. Ein Möbel, wie beispielsweise der Stuhl, sollte nicht mehr ein bequemes Gebrauchsobjekt sein, dessen Polsterung lediglich dem Körper einen Widerstand entgegensetzt, sondern ein dynamisches Instrument, das durch seine Ausstattung aktiv alle
Bewegungen des Körpers unterstützen sollte 1 .
Dieses gedankliche Konzept wurde nicht nur bei der Gestaltung von Möbeln im Wohnbereich angewendet, sondern auch bei der Entwicklung und Gestaltung von Arbeitsplätzen. Die in diesem Zuge beispielhafte, konzeptionelle Umsetzung, die Entwicklung einer Standardform für Traktorsitze, hat über einige Jahrzehnte ihre Gültigkeit beibehalten: der Sitz bestand aus einem aus Blech gepressten Sattel, einer dem Gesäß angepassten Form, mit gestanzten Löchern, und aus einer schrägen, Erschütterungen abfedernden Stange.
Aufgrund der durch die Industrialisierung gegebenen Möglichkeit des Eisengusses, hat man in Europa im 19./20. Jahrhundert Gusseisenstühle, - tische und – bänke entwickelt, welche sich hervorragend für den Aussenbereich eigneten - aufgrund der Haltbarkeit des Materials, welches sich durch eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber den Einflüssen der Witterungsverhältnisse auszeichnete. Dieses galt noch nicht für Holzmöbel, da der wasserfeste Leim noch nicht entwickelt worden war.
Seit 1827 wurden für Krankenhäuser und Gefängnisse, besonders aus Kosten – und Hygienegründen, Möbel aus Eisenrohr entwickelt. Die Vorteile waren: hohe Stabilität, somit Langlebigkeit und einfach zu reinigen (polieren).
Auf dieser Basis gab es somit in England auf Metall-Möbelkonstruktionen die ersten Patente. Bei der Londoner Weltausstellung 1862 wurde unter anderem ein Schaukelstuhl ausgestellt,
welcher aus Eisenstangen mit einer Samtpolsterung bestand 2 .
1 Vgl. Schink, Arnold: „Mies van der Rohe“ (1990), S. 208.
2 Vgl. Schink, Arnold: „Mies van der Rohe“ (1990), S. 209.
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Weitere technische Entwicklungen trugen dazu bei, die Ideen der Konstrukteure umsetzen zu können. Der Firma Mannesmann (Salzgitter) für Stahlproduktion gelang es im Jahre 1866, nahtlose Stahlrohre zu walzen, welche sehr stabil und leicht waren und eine gleichbleibende Qualität beibehielten. Dieses sind wichtige Aspekte für die Produktion von Massenware. Aus diesem dünneren und leichteren Material (Stahlrohre) wurden vor allen Dingen Fahrradrahmen und Sitze in Autos und Flugzeugen hergestellt.
Der Aspekt der einfacheren Handhabung und Verarbeitungsmöglichkeit des Stahlrohres wurde, neben den Aspekten der Stabilität und Leichtigkeit, gern von den Akademien, Kunstgewerbeschulen und besonders am Bauhaus aufgenommen.
Dort beschäftigte man sich unter anderem mit den gestalterischen Fragen, wie dieses Metarial unter ästhetischen und funktionalen Gesichtspunkten weiter zu verarbeiten und zu verwenden sei.
2. MARCEL BREUER
Der am Bauhaus Dessau mitwirkende Architekt, Designer und Lehrer 3 kreierte, angeregt durch seine Fahrradlenkstange 4 , welche aus dünnem und leichtem Stahlrohr bestand, 1925 sein erstes Stahlrohrstuhlmodell. Der entstandene Stuhl, bekannt unter der Bezeichnung Klubsessel B3
oder „Wassily – Sessel“ 5 (siehe Abb. 1), war der erste Stuhl, der zugunsten von Kufen auf die Stuhlbeine verzichten konnte. Für dieses Modell gab es in der Konstruktionsphase mehrere Vorstufen.
Abb. 1)
3 Ab 1925 (Jung-) Meister der Tischler – und Möbelwerkstatt am Bauhaus Dessau.
4 Vgl. o.V. / „Marcel Breuer 1921 – 1962“ (1962) S. 3.
5 Erläuterung: „B3“ steht für Entwurf, Modell Nr. 3 von Breuer / „Wassily“ ist auf den Namen des
Bahuhaus Künstlers Wassily Kandinsky zurückzuführen, da er für ihn kreiert worden ist.
4
Die komplexe und filigrane, mit Eisengurten bespannte Konstruktion aus poliertem Metall,
sollte mit diesem Entwurf die traditionelle, gepolsterte Behäbigkeit derartiger Möbelstücke
durch die optische Transparenz und physikalische Leichtigkeit luftiger Volumen ersetzen 6 .
Marcel Breuer über seine Stahrohrstühle: „Sie füllen keinen Raum aus.“ (Zitat 7 )
Der Stuhl, sein Gerüst, besteht aus vernickeltem und poliertem, nahtlos gezogenem Stahlrohr.
Anfangs verschweisst und später verschraubt. Die Sitz -, Arm - und Rückenlehnen bestanden
zuerst aus Eisengarn und später aus Leder. Die Grundform, der Gesamteindruck des Stuhles
erscheint kubisch. Sitz – und Rückenlehne sind in diesem kubischen Erscheinungsbild schräg
zueinander gerichtet, damit sich die sitzende Person in einer entspannten und körpergerechten
Position wiederfinden kann.
Der Clubsessel B3 wurde der breiten Öffentlichkeit erstmalig 1927 in der Bauhausausstellung
des Deutschen Werkbundes am Stuttgarter Weißenhof 8 in den Häusern der Architekten von Walter Gropius und Mart Stam vorgeführt.
Erläuterung:
Die Weissenhofsiedlung / 1927:
Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe haben 1927 in Stuttgart
siebzehn Architekten aus Deutschland, Holland, Österreich und der Schweiz ein
mustergültiges Wohnprogramm für den modernen Großstadtmenschen geschaffen. Dieses war
vor allen Dingen mit dem Einsatz neuer Baumaterialien und rationeller Baumethoden
verbunden. Die innerhalb einer Bauzeit von lediglich 21 Wochen entstandenen 33 Häuser mit
insgesamt 63 Wohnungen sind keine natürlich gewachsene Siedlung, sondern Resultat der
vom Deutschen Werkbund 1927 initiierten Ausstellung "Die Wohnung". Innerhalb eines
neuartigen städtebaulichen Gesamtkonzepts entstanden neben Beispielen typisierter
Wohnbauten für die kostengünstige Massenproduktion Gebäude großer architektonischer
Vielfalt und Einrichtungen für die Wohnungen unter der Verwendung neuerer Technologien.
6 Vgl. Gleiniger, Andrea „Bauhaus“ (2006), S. 328.
7 Vgl. / Zitat aus: Gleiniger, Andrea aus „Bauhaus“ (2006), S. 325.
8 Siehe Erläuterung S. 5 „Die Weissenhofsiedlung / 1927“.
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Quote paper:
André Chahil, 2008, Stahlrohrstühle am Bauhaus (1925-1927) , Munich, GRIN Publishing GmbH
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Bauen und Wohnen am Schinkelplatz
Sascha Krüger
Hervorragende Arbeit - hat mir sehr weitergeholfen!
on Thursday, July 22, 2010-