0. Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Die Engel
2.1. „Ich verginge von seinem stärkeren Dasein“ 4
2.2. Rilkes Engel-Konzeption. 4
2.3. Zum religiösen Aspekt des Engels. 9
3. Der Auftrag des Menschen
3.1. „Wen vermögen wir denn zu brauchen?“ 11
3.2. Weltraum - Weltinnenraum. 14
3.3. Die ersehnte und zugleich enttäuschende Nacht. 17
3.4 Die Bewältigung des Auftrags. 18
4. Die Liebenden
4.1. Die Transzendenz der Liebe. 20
4.2. Der Mensch, der über sich hinauswächst. 23
5. Schlussbemerkung. 29
6. Literaturverzeichnis. 31
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1. Einleitung
Die Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke gehören zum Spätwerk des Dichters. Sie entstanden zwischen 1912 und 1922, allerdings liegen innerhalb dieses Jahrzehnts mehrere Jahre, in denen Rilke an dem begonnenen Werk nicht weiterarbeiten konnte und sich statt dessen anderen Dichtungen zuwandte, die auch oft als Teil der Entwicklung der Duineser Elegien angesehen werden. Diese hinsichtlich der Elegien unfruchtbaren Jahre entsprangen keinem Desinteresse des Dichters, vielmehr war Rilke nicht in der Lage, daran zu arbeiten, die Elegien entzogen sich ihm. Sie schritten in kurzen, periodischen Schüben voran, um danach jeweils wieder für längere Zeit fast völlig zu ruhen, neue Fragmente wurden hinzugefügt und andere wieder gestrichen. Die letzten Verse und Strophen schließlich entstanden 1922 innerhalb weniger Tage. Dieser seltsame
Entstehungsprozess wird von einigen Kritikern gleichgesetzt mit der persönlichen Entwicklung und Reife Rilkes, der Überwindung seiner negativen Jahre. Die Dichtung selbst zeichnet ein sehr verzweifeltes Bild des Menschen und seiner vergeblichen Suche nach Heimat und Wärme, zeigt aber auch den Weg auf, dessen Beschreitung zum Ziel führen soll. Es geht um die Erfahrung des Leides, um das Ertragen von Schmerz und Trauer und schlussendlich, als Ausweg, um die Transzendenz des eigenen Ichs.
In dieser Arbeit werden die ersten beiden Strophen der Ersten Duineser Elegie analysiert, die sich vor allem der Positionierung des Menschen und seinem Bezug zur Umwelt widmen und in einem zweiten Schritt dann die Lösung des Dilemmas anklingen lassen. Die näher beleuchteten Schwerpunkte, sind die Rolle und Konzeption der Engel, Definition und Verhältnis des Weltraums und des Weltinnenraums und dem damit verbundenen Auftrag des Menschen und als drittes des Dichters zunächst eigentümlich anmutende Auffassung der Liebenden, die sich jedoch als Schlüssel und Ausweg erweisen soll. Diesen drei Themen entsprechend ist die Arbeit auch aufgeteilt. Die äußere Form der Elegien blieb unberücksichtigt, interpretiert wurde ausschließlich der Wortlaut.
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2. Die Engel
2.1. „Ich verginge von seinem stärkeren Dasein“
Rilkes Erste Elegie beginnt sehr unvermittelt mit einer Frage:
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme mich plötzlich einer ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. (I, 1ff)
Aus diesen ersten Zeilen spricht schon Verzweiflung und vor allem Hoffnungslosigkeit. Der Mensch, der dies spricht, wirkt auf den Leser unendlich verloren und einsam. Das lyrische Ich möchte schreien, möchte die Engel um Hilfe anflehen und ans Herz genommen werden. Hier kann man erstmals erahnen, worin der Grund für die Verzweiflung liegt: Ans Herz genommen werden bedeutet, in den Arm genommen und geliebt, getröstet zu werden. Das lyrische Ich sucht eine Heimat, wo es sich zuhause und geborgen fühlt, es sucht Nestwärme und Liebe. Schlussendlich wagt es den Anruf aber doch nicht, weil es genau weiß: Es bedeutete die Zerstörung seines Daseins, denn es kann neben dem Engel nicht bestehen. Hier stellt sich dem Leser die erste wichtige Frage: Welche Art Wesen sind sie, diese Engel?
2.2. Rilkes Engel-Konzeption
Eines wird dem Leser von Rilkes Erster Duineser Elegie sofort beim ersten Satz klar: Der Mensch und der Engel sind zwei grundverschiedene Wesen, und auch die Hierarchie bleibt nicht lange verborgen: Der Engel, so meint das lyrische Ich, hat ein „stärkeres Dasein“ (I, 4). Worin besteht nun diese stärkere Dasein, und was zeichnet es aus? Was ist der Engel? Nähern wir uns einmal an: Rilke selbst hat in einem vielzitierten Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz deutlich gemacht, dass der Engel
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der Elegien „[...] nichts mit dem Engel des christlichen Himmels zu tun“ hat, sondern eher mit den Engelgestalten des Islam zu vergleichen sei. Konkreter: „Der Engel der Elegien ist dasjenige Wesen, das dafür einsteht, im Unsichtbaren einen höheren Rang der Realität zu erkennen. - Daher ‚schrecklich’ für uns, weil wir, seine Liebenden und Verwandler, doch noch am Sichtbaren hängen“. 1 Die Verwandlung des Sichtbaren ins Unsichtbare, ein Grundthema der Elegien, ist des Menschen Auftrag, wie später in der zweiten Strophe der Ersten Elegie deutlich werden wird. Was der Mensch also noch zu leisten hat und auch nur unter bestimmten Voraussetzungen zu leisten vermag, ist dem Engel per definitionem bereits gelungen, und daher steht er über dem Menschen.
Der Engel ist alles, der Mensch ist nichts? Sicher ist, dass zwischen Engel und Mensch ein „großer, unüberbrückbarer Gegensatz“ 2 besteht und die menschliche Existenz durch den Engel bedroht ist:
[...] und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. (I, 2ff)
Auch in der zweiten Elegie wird die Gefahr thematisiert:
Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochaufschlagend erschlüg uns das eigene Herz. (II, 7ff)
Jacob Steiner weist diesbezüglich in seiner Interpretation auf den Bezug des Herzens hin, das im Werk Rilkes durchgehend das Organ des Inneren ist. Er folgert daraus, dass der Engel nicht zur Außenwelt, sondern ins Innerste gehören müsse 3 . Das macht auch insofern Sinn, als die Verwandlung des Sichtbaren ins Unsichtbare - als Domäne des Engels - ebenfalls als Bewegung von außen nach innen aufgefasst werden kann.
1 Fülleborn 1980, S. 322……
2 Krumme 1988, S. 23
3 Steiner 1962, S. 14f
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Was wir aus Rilkes Versen sicher wissen, ist dass der Engel in „Ordnungen“ (I, 2) existiert. Mehrere Interpretoren vergleichen diesen Ausdruck, Ordnungen, der ja seiner Bedeutung nach auf Harmonie, Miteinander und Ruhe verweist, mit dem kosmos kalos, einer antiken Vorstellung der Welt als eines geordneten Ganzen. Sie zeichnet sich aus durch Harmonie, Vollkommenheit, Schönheit und befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Gott. 4 Das Gegenteil des vollkommenen Kosmos ist das Chaos. Das wiederum ist der Argumentation zufolge der Zustand der Welt der Menschen. Krumme erläutert, dass Totalitätsvorstellungen, wie sie den kosmos kalos begleiten, vom lyrischen Ich der Elegien nicht mehr angenommen werden können. In seiner eigenen chaotischen Welt ist eine solche Harmonie und Einheit nicht mehr möglich, und das ist der Grund, warum der Mensch den Engel in seiner Schönheit als „schrecklich“ (I, 7) empfindet. 5 „Der Kosmos“, so formuliert es Hamburger, „ist die Stätte des Menschen nicht, zugleich aber weiß er ihn und sucht von seinem Orte aus ihn zu erkennen.“ 6
Für den Engel existieren keine Unterschiede, wie der Mensch sie macht. Er lebt in einer zeitlosen Welt, es gibt für ihn weder tot noch lebendig, diesseits oder jenseits: alles ist zugleich. 7 Da es keine Zeitlichkeit gibt, ist der Engel nicht mit der Vergänglichkeit konfrontiert wie der Mensch, der mit dem Tod den Schlusspunkt des Lebens markiert sieht. Schwach und stark lauten die Gegenpole des Verhältnisses zwischen Mensch und Engel, der Mensch ist den ersten Versen der Ersten Elegie zufolge verzweifelt, hilflos und scheint von Dunkelheit umgeben zu sein, der Engel dagegen erscheint wie ein klares Wesen des Lichts. Über seinen Seelenzustand wird nichts ausgesagt. Hat der Engel überhaupt eine Seele? Ist er fähig, Schmerz zu empfinden, überschäumende Freude, hat der Engel Gefühle? Tatsächlich wissen wir es nicht, was sich aber aufdrängt, liest man Rilkes erste Verse der Elegien, ist folgendes: Der Engel „lebt“ in einer sehr geordneten Welt, in Ordnungen.
4 Vgl. Buddeberg 1956, S. 409, Krumme 1988, S. 25
5 Vgl. Krumme 1988, S. 27 und auch Guardini 1961, S. 14
6 Hamburger 1976, S. 103
7 Vgl. Krumme 1988, S. 26
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Ein jeder hat seinen festen Platz im System der Engel, den er nicht verlassen kann, will und darf. Er kennt weder Anfang noch Ende, analog dazu sind ihm die Geburt als Beginn des Lebens und der Tod als dessen definitives Ende kein Begriff. Infolgedessen möchte man sagen, der Engel kenne keine Emotionen, denn er würde beispielsweise nie um einen verlorenen Mitmenschen oder auch Mitengel trauern und sich genauso wenig freuen, wenn ein neuer entstehen würde. Engel sind nicht vergänglich, sie kennen keine Selbstzweifel, keine Trauer, keinen Schmerz, all das nicht, was den Menschen in dieser Ersten Elegie plagt. Ebenso wenig kann ein Engel dann aber auch die positiven Gegensätze dieser Gefühle wahrnehmen. Der Engel ist schlichtweg perfekt, fehler- und tadellos in seiner Existenz. Eine Welt oder vielleicht sollte man sagen: ein Himmel, ohne Gegensätze, zwischen denen man sich möglicherweise unter Qualen noch entscheiden müsste, keine Wahrnehmung von Diesseits und Jenseits, ohne die Angst, irgendwann sterben und vergehen zu müssen. Krumme bezeichnet die Engel als suisuffizient., weil sie ihr Dasein aus sich selbst heraus bewahrten, denn was von ihnen ausgehe, kehre zu seinem Ausgangspunkt zurück 8 . Damit ist viel gesagt: Wer sich selbst genügt, braucht nichts und niemand anderen mehr. Auf einen Menschen mit normalen Ängsten und Zweifeln muss das zwangsläufig beängstigend wirken. Treffen wir einen anderen Menschen, der uns seltsam gefühllos vorkommt und der vor nichts Angst zu haben und keine Zweifel zu empfinden scheint, werden wir uns in dessen Gegenwart sehr unwohl fühlen, denn eine solche Gefühllosigkeit ist äußerst unmenschlich beziehungsweise schon übermenschlich. Deswegen empfinden wir respektive das Lyrische Ich den Engel als „schrecklich“, als zutiefst erschreckend, weil uns seine selbstverständliche Perfektion geradezu unheimlich ist. Die Zweifel und Ängste eines Menschen wiegen im Gegensatz dazu noch viel mehr und werden verstärkt wahrgenommen. Ergebnis: Das Lyrische Ich versinkt noch mehr in Verzweiflung, nachdem es sich klar gemacht hat, dass der Engel so perfekt ist, dass er den Klageschrei des Menschen noch nicht einmal hören würde: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen?“ (I, 1f). Denn wie so
8 Krumme 1988, S. 27
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Arbeit zitieren:
Katrin Kleinbrahm, 2002, Rainer Maria Rilke - Erste Duineser Elegie - Eine Analyse der ersten beiden Strophen, München, GRIN Verlag GmbH
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