1. Einleitung
Deutschland ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, im weltweiten Vergleich ein sehr reiches Land. Die hinter der Fassade dieses offensichtlichen Wohlstands ebenfalls existierende Armut wird jedoch häufig übersehen. So lebten 2006 z.B. 13,5% der deutschen Bevölkerung in relativer Armut. 1 Nun gibt es erhebliche Unterschiede, was das Verständnis von Armut betrifft. Jemand, der sozialhilfeberechtigt ist, kann sich möglicherweise weniger als arm empfinden als ein Anderer mit höherem Einkommen. Auch die Wissenschaftler sind sich über die Definition des Armutsbegriffes nicht einig, weshalb es mittlerweile eine große Anzahl an Erklärungsmodellen gibt. In der vorliegenden Arbeit sollen zunächst zwei weit verbreitete Definitionen dargestellt werden. Durch die anschließende Darstellung der wesentlichen Armutsrisikogruppen werden einige Ursachen von Armut verdeutlicht. Schließlich werden im Fazit einige Ideen zur Überwindung der bestehenden sozialen Ungleichheit in Deutschland vorgestellt. An dieser Stelle muss noch betont werden, dass es sich hierbei lediglich um einen kurzen Überblick handelt und kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht.
2. Definition der Europäischen Kommission
Nach der Definition der Europäischen Kommission sind jene Personen arm, die lediglich bis zu 50 % des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommens beziehen. Mittlerweile besteht eine zusätzliche Bestimmung zur Umgrenzung einer Armutsrisikoquote von Nettoäquivalenzeinkommens beziehen. 2 Um das Nettoäquivalenzeinkommen zu errechnen, wird das zur Verfügung stehende Haushaltseinkommen durch die Anzahl der Haushaltsmitglieder im Haushalt lebenden Personen dividiert. Dadurch werden Einspareffekte berücksichtigt, welche beispielsweise durch die gemeinsame Nutzung von Wohnraum und
1 vgl. Schneider 2006, S. 1
2 vgl. Waida 2007, S. 79, sowie Joas 2007, S. 234
1
Haushaltsgeräten entstehen. 3 Für die Rechnung wird eine Äquivalenzskala verwendet, in der die einzelnen Haushaltsmitglieder unterschiedlich gewichtet sind 4 :
Haupteinkommensbezieher: 1,0
Übrige Personen ab 14 Jahren: 0,5 Personen unter 14 Jahren: 0,3
So wird z.B. bei einer Familie mit zwei Kindern das verfügbare Haushaltseinkommen nicht durch 4, sondern durch 2,1 dividiert. Das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen betrug im Jahr 2005 jährlich 16.556 € 5 , also 1.379 € monatlich. Nach dieser Definition lebten in dem Jahr also alle Personen in Armut, die weniger als 689,50 € (50%-Grenze) bzw. 827,80 € (60%-Grenze) pro Monat bezogen.
3. Unterscheidung: Absolute und relative Armut
3.1 Absolute Armut 6
Das absolute Armutskonzept stellt das physische Existenzminimum in den Vordergrund. Wer unter absoluter Armut leidet, ist also in seiner physischen Existenz bedroht, d.h. er verfügt nicht über ausreichende Mittel zur Ernährung, Kleidung, Unterkunft und Gesundheit. Die absolute Armutsgrenze wird politisch festgelegt und stets an die aktuellen Lebenserhaltungskosten angepasst. Aufgrund der sozialen Sicherung ist die deutsche Bevölkerung weitgehend vor absoluter Armut geschützt. Zu dem sehr geringen Anteil der absolut Armen zählen vorwiegend Obdachlose und Personen, die nicht selbst in der Lage sind soziale Sicherungssysteme in Anspruch zu nehmen, wie z.B. Drogenabhängige.
3.2 Relative Armut 7
3 vgl. Waida 2007, S. 76
4 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2006, S. 5 5 vgl. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2008, S. 85 6 Vgl. zu folgenden Ausführungen: Waida 2007, S. 74, sowie Joas 2007, S. 239 7 Vgl. zu folgenden Ausführungen: Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2007, S. 19f, sowie Waida 2007, S. 75ff.
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Da nur wenige Deutsche unter absoluter Armut leiden, erscheint hier das Konzept der relativen Armut als weitaus relevanter. Hiernach ist zwar die physische Existenz gesichert, jedoch können sich relativ Arme die sozialen und kulturellen Mindeststandards ihrer Gesellschaft nicht leisten. Ein Schlüsselbegriff ist daher das soziokulturelle Existenzminimum. Es geht dabei stets um die in der jeweiligen Gesellschaft angebotenen Möglichkeiten – das soziokulturelle Existenzminimum variiert also von Gesellschaft zu Gesellschaft. Das relative Armutskonzept kann unterschiedlich ausdifferenziert werden und findet insbesondere in den Sozialwissenschaften Verwendung. Zwei wesentliche Ansätze sind der Ressourcen- und der Lebenslagenansatz. Nach Waida misst der Ressourcenansatz Armut über das Ausmaß des Mangels von finanziellen Mitteln, die zur Erhaltung des soziokulturellen Existenzminimums als notwendig erachtet werden. 8 Arm sind danach Personen, die aufgrund finanzieller Einschränkungen nur begrenzt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Besondere Aufmerksamkeit gilt also der Ressource Einkommen.
Der Lebenslagenansatz stellt eine Erweiterung des Ressourcenansatzes dar, indem er eine verglichen mit dem Einkommen, weniger greifbare Ressource in den Vordergrund stellt – die Lebensumstände. Dieser Ansatz geht davon aus, dass wirtschaftliche Armut eine Unterversorgung in weiteren Lebensbereichen, wie z.B. Ernährung, Bildung, politische Beteiligung, Wohnverhältnisse, Kleidung und Gesundheit zur Folge hat. Dabei gilt die Aufmerksamkeit insbesondere der tatsächlich vorhandenen Versorgungslage in den genannten Bereichen und somit der Frage nach Isolation und sozialer Ausgrenzung.
4. Risikogruppen
Unter Risikogruppen sind solche Bevölkerungsgruppen zu verstehen, welche einen besonders hohen Anteil an Armen aufweisen. Wer diesen Gruppen angehört ist also einem erhöhten Risiko ausgesetzt, unter der Armutsgrenze leben zu müssen. Die wesentlichen Risikogruppen sind Arbeitslose, junge Menschen, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Personen mit Migrationshintergrund. 9 Die Gefahr ist vor allem dann sehr hoch, wenn sich die Gruppen überschneiden, wie z.B. bei einem
8 vgl. Waida 2007, S. 76
9 vgl. Geißler 2004, S. 1
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Arbeit zitieren:
Michaela Schnisa, 2008, Armut in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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