1. Einleitung
Obwohl die Problematik schrumpfender Städte in der Bundesrepublik Deutschland nicht gänzlich neu ist, stellen die derzeitigen Entwicklungen die Stadtplanung vor enorme Heraus-forderungen, vielmalig entwickelt sich eine tendenziell negative Eigendynamik. Nicht allein Städte leiden unter Schrumpfungsprozessen, sondern ganze Regionen, die sich mit einer wachsenden „Entleerung“ konfrontiert sehen. Gegenwärtig sind die neuen Bundesländer in besonderem Maße davon betroffen, bedingt durch massive Abwanderung der Einwohner. Auch die alten Bundesländer werden in absehbarer Zeit mit diesem Problem konfrontiert, weil die demografische Entwicklung in absehbarer Zeit ihre Wirkung auf die gesamte Bundesrepublik entfalten wird.
Mit Aufkommen der modernen industriellen Großstädte und dem massiven Zuzug ländlicher Arbeitskräfte in die Städte und Stadtregionen konnte Stadtentwicklung bislang mit Wachstum gleichgesetzt werden, wobei es diesen in erster Linie zu steuern und zu verteilen galt. In Politik und Gesellschaft wird Schrumpfung als stark negativ konnotierter Begriff gehandelt und oftmals als Zeichen für wirtschaftlichen Abstieg einer Stadt oder Region mit abqualifizierendem Akzent wahrgenommen.
Angesichts des drastischen Bevölkerungsrückganges ist offensichtlich, dass in der Stadtplanung und - entwicklung ein Umdenken notwendig geworden ist, da Wachstum zukünftig nicht mehr die zentrale Determinante im Stadtentwicklungsprozess sein wird. Der Sinn für alternative Stadtformen und -identitäten sollte dementsprechend geschärft werden. Um die komplexen Wirkungszusammenhänge städtischer Schrumpfungsprozesse zu verstehen, fragt diese Arbeit nach den zentralen Ursachen und Folgen schrumpfender Städte für die Stadtentwicklung. In diesem Zusammenhang werden die markantesten gesellschaftlichen Trends, die Schrumpfungsprozesse teils verstärken teils kompensieren, einbezogen sowie die bereits ergriffenen gegensteuernden Maßnahmen und Programme von Stadtumbau bzw. Stadtrückbau, namentlich Stadtperforation, Stadttransformation, Stadtauflösung, „Soziale Stadt“ oder aber „lean city“, näher verdeutlicht.
Hinsichtlich der großen Vielfalt an Lösungsansätzen erhebt die Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann nur einen spezifischen Teil der gesamten Bandbreite denkbarer Konzepte und Lösungsansätze aufgreifen.
1
2. Ursachen von Stadtschrumpfung und Entleerung von Räumen
Zentrale Ursachen für Stadtschrumpfung resultieren aus dem demografischen Wandel, der fortschreitenden Bevölkerungs- und Gewerbesuburbanisierung, dem interregionalen Wanderungsverhalten vor allem junger, hoch qualifizierter Erwerbstätiger und aus gesellschaftlichen Trends, die dies verstärken oder kompensieren 1 .
Weil unterschiedliche Stadttypen sehr verschieden stark unter Schrumpfungsprozessen leiden und gerade die deutschen Städte und Gemeinden eine hohe Vielfalt aufbieten, muss grundlegend zwischen diesen unterschieden werden. Die vorliegende Arbeit definiert anhand der Kriterien Größe (im Sinne von Einwohnerzahl), Zentralität und Stadtrecht. Danach werden Großstädte (Oberzentren, > 100.000 Ew.), Mittelstädte (Ober- und Mittelzentrum, < 100.000 Ew.), Kleinstädte (meist zentraler Ort unterer Stufe, < 20.000 Ew.), große Landgemeinden (häufig zentraler Ort, unterer Stufe, > 7.5000 Ew.) und kleine Landgemeinden (< 7.5000 Ew.) unterschieden 2 .
2.1 demografischer Wandel
Die demografische Entwicklung der Bundesrepublik zeigt bereits deutlich, dass in naher Zukunft die Bevölkerung insgesamt schrumpft und eine Veränderung der Altersstruktur eintritt, wonach weniger Kinder geboren werden und der Anteil älterer Menschen weiter steigt, die aufgrund des medizinischen Fortschritts, immer älter werden 3 . Zwar gab es schon früher Bevölkerungsrückgänge in Deutschland, die vorwiegend durch externe Faktoren (z.B. II. Weltkrieg) bedingt waren, ein natürlicher Bevölkerungsrückgang ist jedoch eine gänzlich neue Erscheinung. Der Trend zur Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung ist ebenfalls keineswegs unbekannt und bereits seit den 70er Jahren beobachtbar, aber Überalterung wird zukünftig sehr viel stärker die Bevölkerungsstruktur bestimmen. Realistischen Prognosen zufolge kann die Zahl der 65-Jährigen und Älteren bereits bis 2030 um nahezu 40% auf über 22 Millionen Menschen in der Bundesrepublik ansteigen 4 .
1 Vgl. Gatzweiler, Hans-Peter/Meyer, Katrin/Milbert, Antonia 2003: Schrumpfende Städte in Deutschland -Fakten und Trends, S. 557, in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 10/11.2003
2 Vgl. Ebd., S. 558
3 Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.): Daten, Fakten, Trends zum demographischen Wandel in Deutschland, 2008, Seite. 18
4 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung im Bund und in den Ländern, Heft 1, Ausgabe 2007, S. 8
2
Neben dem allgemeinen Bevölkerungsrückgang und der Überalterung ändert sich zusätzlich die soziale und kulturelle Zusammensetzung der Gesellschaft, zuvörderst durch Einwanderung aus dem Ausland. Wenngleich die Zahl der Einwanderungen in den letzten Jahren sank, weisen vor allem eingewanderte Familien eine vergleichbar hohe Geburtenziffer auf 5 , die sich innerhalb von zwei bis drei Generationen dem Niveau ursprünglich Einheimischer angleicht 6 . Sicherlich ist das Ausmaß von Zuwanderung von politischen Rahmenbedingungen abhängig, doch diese können sich schnell ändern (z.B. Regierungswechsel). Dennoch, auch massive Zuwanderung aus dem Ausland kann den langfristigen Bevölkerungsrückgang nicht stoppen, lediglich abmildern und hinauszögern 7 . Insbesondere die westdeutschen Städte prägt seit langem ein hoher Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und dem generationenübergreifenden Zusammenwachsen zwischen alten und neuen Bundesländern, werden sich auch die ostdeutschen Städte an das Westniveau angleichen. Der Anstieg von Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist deshalb in dieser Betrachtung einzubeziehen, da häufig, neben Armen und Alten, Ausländer zu denjenigen „Problemgruppen“ gezählt werden, durch die soziale Konflikte entstehen können 8 , die Segregationsprozesse ankurbeln, was sich wiederum auf die Stadtentwicklung auswirkt.
2.2 Bevölkerungssuburbanisierung / Gewerbesuburbanisierung
Vorrangig Kern- und Innenstädte sind zusehends von spürbaren Bevölkerungsverlusten berührt. Mit Suburbanisierung ist die Abwanderung von Bevölkerung in städtische Randgebiete und das Umland gemeint 9 . Besonders durch den aus dem Übergang der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft verursachten Wertewandel ergeben sich gesellschaftliche Tendenzen, die zu Zersiedelung, Dekonzentration und der Unattraktivität der Innenstädte beitragen. Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen und -stile wirken kurz- bis mittelfristig schrumpfungsmildernd, weil steigende Haushaltszahlen, wegen „Einzelhaushalten“ bei vielen Rentnern und jugendlichen Personen und aufgrund hoher Scheidungsraten, eine höhere
5 Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.) 2008: Daten, Fakten, Trends zum demographischen Wandel in Deutschland, S. 20
6 Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 2006: 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung - Annahmen und Ergebnisse, S. 5-6
7 Vgl. Kocks, Martina 2003: Der demographische Wandel in Deutschland und Europa, S. 2, in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 12/2003
8 Vgl. Strubelt, Wendelin 2007: Gedanken zur Stadt und Stadtentwicklung, S. 346 in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 6/2007
9 Vgl. Gatzweiler, Hans-Peter/Meyer, Katrin/Milbert, Antonia 2003: Schrumpfende Städte in Deutschland -Fakten und Trends, S. 557, in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 10/11.2003
3
Wohnungsnachfrage bedeuten 10 . In der Wirklichkeit werden diese Bedarfe hingegen im suburbanen Raum befriedigt, weshalb das Problem erheblicher Wohnungsleerstände in den Städten nicht bereinigt wird. Staatliche Subventionen tragen zur Abwanderung in städtische Um-landgebiete bei. Zu nennen sei hier die bereits abgeschaffte Eigenheimzulage oder die derzeit heftig umstrittene Pendlerpauschale, die die Überwindung von Pendeldistanzen zwischen Wohn- und Arbeitsort staatlich bezuschusst. Einen übermäßig starken Effekt wird die Abschaffung der Eigenheimzulage kaum bewirken, besonders da mit dem kürzlich beschlossenen Eigenheimrentengesetz Wohneigentum als Altersvorsorge anerkannt wird 11 .
Ein Großteil der Bevölkerung sucht nach einem Wohnort mit möglichst optimalen Lebensbedingungen und größtmöglichem persönlichen Freiraum. Einesteils leitet sich dies aus dem beständig steigenden Bedarf an Wohnfläche je Einwohner her: Grundsätzlich streben junge beruflich erfolgreiche Menschen nach viel Wohnraum, der aus rein ökonomischen Gesichtspunkten von Einzelpersonen („Singlehaushalt“) nicht optimal ausgenutzt wird. Familienhaushalte, bei denen Kinder ausziehen, und Haushalte Älterer, die bereits Witwen sind, behalten aus vielerlei Gründen (z.B. emotionale Bindung) in der Regel den bestehenden Wohnraum bei. Andererseits wünschen sich vor allem junge Familien ein „eigenes Heim im Grünen“. Das Vorhandensein funktionsfähiger kinderfreundlicher Infrastrukturen, die Nähe zu Erholungsgebieten (z.B. Wald als Ausflugsziel) und gute nachbarschaftliche Beziehungen sind nur einige der wichtigsten Antriebskräfte, die zur Ansiedelung in den sogenannten „Speckgürteln“ der Städte bewegt.
Zusätzlich unterstützt eine zunehmende Motorisierung der Bevölkerung die Suburbanisierung. Mit steigendem Wohlstand, angestoßen durch das Wirtschaftswunder, steigt auch die Anzahl der PKW insgesamt kontinuierlich an und Pendelverkehr zwischen Arbeitsstelle und Wohnort, auch über größere Distanzen, ist heute vielerorts selbstverständlich 12 . Die gestiegene Mobilität bei jüngeren Generationen zeigt sich im Wanderungsverhalten zwischen alten und neuen Bundesländern besonders stark.
10 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung im Bund und in den Ländern, Heft 1, Ausgabe 2007, S. 28
11 Vgl. Wohneigentum wird Teil der Altersvorsorge, in: Internetauftritt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, URL: http://www.bmas.de/coremedia/generator/26610/2008__06__20__eigenheimrentengesetz.html, zuletzt abgerufen am 24.06.2008
12 Vgl. Siedentop, Stefan 2007: Auswirkungen der Beschäftigungssuburbanisierung auf den Berufsverkehr -Führt die Suburbanisierung der Arbeitsplätze zu weniger Verkehr?, S. 105, in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 2/3.2007
4
Der umzugswilligen Bevölkerung folgen ebenfalls die innerstädtisch angesiedelten Unternehmen, was gemeinhin mit Gewerbesuburbanisierung definiert wird. Neben fehlender Nachfrage an Konsumgütern und Dienstleistungen, aufgrund schrumpfender Bevölkerungszahlen, trägt die Optimierung von Betriebsabläufen zur Auslagerung in den suburbanen Raum bei, denn häufig geht dies mit ebenerdiger Produktion einher. Folglich steigt der Bedarf nach Fläche für die jeweiligen Unternehmen, die wiederum an geringen Miet- und Grundstückspreisen interessiert sind, welche in der Regel vermehrt in peripheren Gewerbegebieten der Städte angeboten werden. Im Rahmen von Globalisierung/Internationalisierung senken moderne deutsche Unternehmen ihre Fertigungstiefe und spezialisieren sich auf technologisch hochwertige Güter. Demzufolge verlagern viele Unternehmen einzelne Betriebszweige oder ganze Betriebe, die mit gering qualifizierten Erwerbstätigen (Industriearbeitsplätze) arbeiten, ins Ausland. Im Inland fehlen diese Arbeitsplätze. Weltweite Absatzmärkte zwingen außerdem zur Nähe an leistungsfähiger und schnell erreichbarer Infrastruktur (z.B. Autobahnen, Wasserstraßen oder Flughäfen), denn moderne Unternehmen produzieren primär für den sofortigen oder kurzfristigen Verkauf. Lagerhaltung verursacht Kosten und wird im Wesentlichen weitgehend vermieden. Um ein Beispiel zu geben - nahezu zwei Drittel aller Industrieflächen Thüringens sind mittlerweile in einem Radius von fünf Kilometern zu Autobahnauffahrten angesiedelt.
2.3 interregionale Wanderung / Migration
Im Bundesländervergleich sind vor allem ostdeutsche Klein- und Mittelstädte sowie strukturschwache Regionen von erheblichen Wanderungsverlusten betroffen, während die westdeutschen Länder bisher von jenen innerdeutschen Wanderungen profitierten 13 . Langfristig werden aber auch sie nicht von Schrumpfung verschont bleiben. Von der Abwanderung besonders betroffen sind Ortschaften, die sich entweder in ungünstigen Randlagen (z.B. zu den neuen EU-Mitgliedsstaaten Polen und Tschechoslowakei oder Gebieten an Nord- und Ostsee) oder in vormals industriell geprägten Gebieten befinden. Vor dem Hintergrund der Globalisierung und der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft sind Unternehmen, die strukturbestimmend für ganze Städte und Ortschaften waren, längst ein obsoletes Phänomen, womit auch Schrumpfungsprozesse im industriell geprägten Raum um Düsseldorf oder das „Kohleabbaugebiet Saarland“ zu erklären sind. Weitere Beispiele sind Städte wie Eisenhüttenstadt (von der Stadt am Stahlwerk zur Stadt mit einem Stahlwerk), Guben (als Grenzstadt mit dem
13 Vgl. Gatzweiler, Hans-Peter/Meyer, Katrin/Milbert, Antonia 2003: Schrumpfende Städte in Deutschland -Fakten und Trends, S. 558, in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 10/11.2003
5
Arbeit zitieren:
Ferid Giebler, 2008, Was sind die zentralen Ursachen und Folgen von Stadtschrumpfung und der Entleerung von Räumen?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der weltweite Erfolg des Apple i-Pods
Anhand welcher Unternehmensstr...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Seminararbeit, 15 Seiten
Corporate Governance - Deutscher Corporate Governance Kodex (DCGK)
Seminararbeit, 24 Seiten
Der Corporate Governance-Gedanke in Deutschland: Entstehung, Entwicklu...
Studienarbeit, 39 Seiten
Der deutsche Corporate Governance Kodex - Ziele, Wirkungen, Umsetzungs...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Seminararbeit, 26 Seiten
Balanced Scorecard in der Materialwirtschaft, ein Managementsystem für...
BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik
Seminararbeit, 31 Seiten
Business-Intelligence - Eine Übersicht über Systeme, Methoden und Leis...
Informatik - Wirtschaftsinformatik
Seminararbeit, 13 Seiten
Was bedeutet der Bevölkerungsrückgang für die Regionen in den neuen Bu...
VWL - Fallstudien, Länderstudien
Habilitationsschrift, 20 Seiten
Ferid Giebler's Text Was sind die zentralen Ursachen und Folgen von Stadtschrumpfung und der Entleerung von Räumen? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ferid Giebler hat den Text Was sind die zentralen Ursachen und Folgen von Stadtschrumpfung und der Entleerung von Räumen? veröffentlicht
Ferid Giebler hat einen neuen Text hochgeladen
Demografischer Wandel als Chance
Erneuerung gesellschaftlicher ...
Claudia Bogedan, Till Müller-Schoell, Astrid Ziegler
Demografischer Wandel und Kultur
Veränderungen im Kulturangebot...
Andrea Hausmann, Jana Körner
Demografischer Wandel: Von der Bedrohung zum Wettbewerbsvorteil
Konkrete Schritte zur Analyse ...
Florian M. Naporra
Demografischer Wandel in Japan und Deutschland
Bevölkerungspolitischer Paradi...
Holger Rockmann
Demografischer Wandel und Weiterbildung
Strategien einer alterssensibl...
Herbert Loebe, Eckart Severing
0 Kommentare