günstige politische Rahmenbedingungen schufen, um eine größere militärische Offensive
gegen die bewaffnete Hisbollah zu wagen. Andererseits mangelte es der israelischen Zielsetzung an Klarheit. Im Verlauf des für Israel bisher längsten Krieges wurden die Ziele oft nach unten korrigiert. Der Anlass, den entführten Soldaten zu befreien, wuchs sich schnell zur Absicht aus, die Hisbollah insgesamt zu zerschlagen. Nach Scheitern dieses Vorhabens tendierte die israelische Führung stärker dazu, den Beschuss israelischer Ortschaften im Norden des eigenen Landes zu unterbinden. Als auch diese Idee nicht griff, sollte zumindest das Abschreckungspotential der Israel Defense Forces (Israelische Verteidigungsstreitkräfte) wieder hergestellt werden.
Während Achcar in den ersten beiden Kapiteln noch sachlich und methodisch die im „33-Tage-Krieg“ gipfelnde Historie der Eskalation nachzeichnet, verliert die gesamte Analyse mit der Betrachtung von Verlauf und Folgen des Krieges und spätestens im vierten, von Warschawski behandelten, Kapitel sehr schnell an Schärfe und Authentizität. Dabei wird der Konflikt in einen überregional ausufernden kolonial-imperialistisch-en Zusammenhang gebracht. Hiernach benutzten die USA Israel stellvertretend als Schwert in ihrem „unbegrenztem globalen Krieg“. Um den „Schurkenstaat“ Iran nachhaltig zu schwächen, sollte dessen Verbündetem, der international als terroristische Organisation bezeichneten Hisbollah, ein tödlicher Schlag versetzt werden. Folglich diene Israel der Verteidigung westlicher Interessen im Nahen Osten und fungiere gegen Russland und den arabischen Nationalismus als Brückenkopf 3 . Die Autoren degradieren Israel regelrecht zum „Befehlsempfänger“ Washingtons, das seine regionale Hegemonialstellung behaupten wolle und Israel aufgrund der „gemeinsam erarbeiteten Strategie der Neokonservativen beider Länder“ 4 den Auftrag zum Stellvertreterkrieg erteilte.
Mit herben polemischen Animositäten gegen die westliche Welt entfernt sich die Analyse weit von einer zwingend notwendigen Sachlichkeit und schwächelt in spitzzüngigen Ausdrucksweisen von der „ungeheuren Unverfrorenheit und egozentrischen Arroganz“ 5 Israels und der USA über das „Metzeln flüchtender Zivilisten“ 6 bis zum „zweiköpfigen Monster […], auch wenn dessen eine Hälfte größer und stärker ist“ 7 . Triftige Beweise werden nicht
3 Vgl. Achcar, Gilbert; Warschawski, Michael 2007: Der 33-Tage-Krieg - Israels Krieg gegen die Hisbollah im
Libanon und seine Folgen, S. 58
4 Ebd., S. 60.
5 Ebd., S. 30
6 Vgl., Ebd., S. 56
7 Vgl. Achcar, Gilbert; Warschawski, Michael 2007: Der 33-Tage-Krieg - Israels Krieg gegen die Hisbollah im
Libanon und seine Folgen, S. 60
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vorgelegt, sondern lediglich die allgemeine öffentliche Kritik aus israelischen und amerikanischen (keine europäischen) Printmedien kondensiert.
Für Israel endete der Libanonkrieg 2006 fatal. Militärisch geschwächt, ging die Hisbollah politisch gestärkt aus dem Konflikt hervor. Die Fehler werden dem Ministerpräsidenten Ehud Olmert, dem abgelösten Verteidigungsminister Amir Peretz und dem früheren Generalstabschef Dan Chalutz zugeschrieben. Insofern stimmen die Autoren mit den Ergebnissen der Winograd-Kommission überein. Darüber hinaus suchen sie weitere Schuldige für Israels Scheitern in den Nachrichtendiensten und den Streitkräften, die „fälschlicherweise immer als erstklassig betrachtet wurden“ 8 . Diese Schlussfolgerung ist schlichtweg falsch. Sie vernachlässigt, dass die israelischen Streitkräfte in mehreren, nach klassischer westfälischer Manier geführten, Kriegen - also nur zwischen Staaten - ihre eindeutige qualitative Überlegenheit bewiesen. Bei der Hisbollah handelt es sich jedoch um eine paramilitärische nichtstaatliche Organisation, die sich keinem konventionellen Kampf stellt, sondern diverser Guerillataktiken bedient. Diese bestehen vorrangig aus kleinen Scharmützeln und nadelstichartigen Angriffen aus dem Zivil heraus. Entsprechend kann lediglich kritisiert werden, dass die Organisationsfähigkeit und Schlagkraft der Hisbollah unterschätzt wurde. Die unvollendete Anpassung der israelischen Armee an diese veränderten Bedrohungsszenarien verursachte somit Verluste. Anhand des legalen Aktienverkaufs des israelischen Generalstabschefs kurz vor Kriegsbeginn pauschalisieren die Autoren ungebremst weiter, denn „in der Ära des Neoliberalismus streben die Offiziere nicht mehr nach Ruhm und militärischem Erfolg, sondern fragen sich, wie sie noch mehr Geld Scheffeln können“ 9 , worin sich offenkundig die allgemeine kapitalismuskritische Haltung der Verfasser manifestiert.
Für eine konstruktive Debatte ist der Beitrag „Der 33-Tage-Krieg“ nicht dienlich. Eine Verhältnismäßigkeitsprüfung der von den Kriegsgegnern angewandten Mittel im Rahmen des geltenden humanitären Völkerrechts fehlt vollständig. Die Autoren unterstellen dem Kampf der Hisbollah sogar Legitimität, lassen jedoch jede rechtlich gestützte Unterfütterung dieser Argumentation missen. Die langfristigen Vorbereitungen, die Völkerrechtsverletzungen und vorrangig zivilen Opfer der Hisbollah werden gar nicht oder nur marginal erwähnt. Eine klare Analyse weicht hier einer propagandistischen Polemik.
8 Achcar, Gilbert; Warschawski, Michael 2007: Der 33-Tage-Krieg - Israels Krieg gegen die Hisbollah im Liba-
non und seine Folgen, S. 58
9 Ebd., S. 66
3
Vergleichend dazu sind die bereits während des Krieges verfassten Texte von Christian Tomuschat und Michael Wolffsohn eindeutig nutzbringender. Hinsichtlich einer Verhältnismäßigkeits- und Legitimitätsprüfung fokussieren sie auf rechtliche Aspekte in den Auseinandersetzungen und regen zur Diskussion an, ob das humanitäre Völkerrecht noch zeitgemäß ist. Denn im „Sommerkrieg 2006“ standen sich nicht zwei Staaten gegenüber. Der Staat Israel reagierte auf die Angriffe eines nichtstaatlichen Akteurs.
Anfangs macht Tomuschat auf die hohen zivilen Opferzahlen und die massive Zerstörung libanesischer Infrastruktur aufmerksam. Außerdem kreidet er die fehlende Aufmerksamkeit für Situation im Gazastreifen an. Schließlich führte Israel auch dort größere militärische Aktionen durch. Der Autor konstruiert eine „David-Goliath-Situation“, indem er von Mächtigen (Israel) und Schwachen (Palästinenser/Hisbollah) spricht. Diesbezüglich artikuliert er, dass Rechtsverletzungen zur Verfolgung eigener Interessen die jeweiligen Positionen beider Seiten lediglich diskreditieren, anstatt ihnen zu nutzen.
Anhand des „Sommerkrieges 2006“ konstatiert Tomuschat einen Mangel im humanitären Völkerrecht 10 , das sich am westfälischen Modell - dem internationalen Konflikt zwischen staatlichen Akteuren - orientiert. Der Umstand, dass eine Organisation wie die Hisbollah zu einem eigenständigen umfassenden Waffengang gegen Israel befähigt ist, stellt das humanitäre Völkerrecht, seiner Ansicht nach, vor eine neue Herausforderung. Auch derartige Ausei-nandersetzungen finden nicht im rechtsfreien Raum statt.
Weder Tomuschat noch Wolffsohn bezweifeln die Rechtmäßigkeit des von Israel genannten Kriegsgrundes. Die Entführung von Soldaten und der vornehmlich gegen israelische Zivilisten gerichtete Raketenbeschuss qualifiziert die Handlungen der Hisbollah als militärische Aktion. Auf dieser Grundlage hatte Israel ein Selbstverteidigungsrecht. Die Hisbollah agierte losgelöst vom eigentlichen Souverän. Angriffe gegen den Libanon sind demnach ebenfalls gerechtfertigt, da er auf seinem Gebiet eine bewaffnete Gruppe duldete, die von dort in die territoriale Integrität Israels ein- und seine Bürger angriff.
Grenzverletzungen, auch durch auf eigenem Gebiet tolerierte paramilitärische Organisationen, verstoßen gegen das Gewaltverbot der Charta der Vereinten Nationen und berechtigen dementsprechend zu Gegenmaßnahmen. Die Angriffe der Hisbollah sind wegen der staatlichen
10 Vgl. Tomuschat, Christian 2006: „Der Sommerkrieg des Jahres 2006 im Nahen Osten. Eine Skizze“, in: Die
Friedenswarte, Nr. 81, 1/2006, S. 181
4
Arbeit zitieren:
Ferid Giebler, 2008, Der Zweite Libanonkrieg 2006 - Der "33-Tage Krieg" und seine Folgen, München, GRIN Verlag GmbH
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