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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
Einleitung 6
1. Eine kurze Darstellung der Individualpsychologie 11
1.1 Alles Leben ist zielgerichtet 13
1.2 Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen 13
1.3 Mensch sein heißt, sich minderwertig fühlen 14
1.4 Leben strebt nach Vervollkommnung 16
1.5 Der Mensch ist eine Ganzheit 16
1.6 Alles hängt von unseren Meinungen ab 17
2. Welche Bedeutung hat die Psychologie für mich in meinem
Leben und in meiner Ausbildung zum Erzieher oder Sozial-
arbeiter /Sozialpädagogen gehabt? 19
2.1 Veränderungen der Gruppe 30
3. Die Einordnung des Menschen unter den Lebewesen und
seine Besonderheit 33
3.1 Die Menschen unter sich 34
3.2 Die Bedeutung der menschlichen Psyche und deren Korrelation
mit dem Geist 38
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3.3 Das Prinzip der Fehlerhaftigkeit als Chance für Entwicklung,
Anpassung , Evolution 45
3.4 Die Gemeinschaft und der Einzelne 47
4. Praktische Beispiele des aktiven Handelns bzw. Grenzgänger-
tum zwischen Sozialarbeit, Pädagogik und Psychologie 54
5. Möglichkeiten und Grenzen der Einflußnahme 58
6. Heute Chancen und Gefahren 61
7. Resumée 64
Literaturverzeichnis 69
Erkl ärung 71
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Vorwort
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben und durch ihre Unterstützung das Erstellen dieser Diplomarbeit ein wenig erleichterten. Die Arbeit habe ich natürlich selbst geschrieben und geleistet. Aber ich habe auch oft gehadert, war unsicher, fand mein Thema nicht oder wollte es wieder umstoßen. In vielen Diskussionen wurde es mir möglich, einen Favoriten unter den Themen zu finden und mich langsam an die Arbeit zu wagen. Wie es dann immer so ist, arbeitet man entweder die Nächte durch oder wartet bis kurz vor Abgabetermin, um dann Tage und Nächte durchzuschreiben. Man schläft schlecht, ißt zu viel oder zu wenig, geht nicht geregelt spazieren, vernachlässigt andere Literatur, als die zu der Diplomarbeit gehörigen, und auch die Partnerschaft bekommt diese Auswirkungen zu spüren. Diese Symptomatik völlig aufzuheben ist mir nicht gänzlich gelungen, aber ich habe doch viel Unterstützung bekommen, um wenigstens zeitweise in den richtigen „Trott“ hineinzufinden.
Ein anderes Übel, welches sicherlich weit verbreitet ist, ist der unüberschaubare Umfang. Das angestrebte Werk wird zu weit gefaßt und damit unübersichtlich. Es gerät bei aller Arbeit, Sorgfalt und Mühe nur unzulänglich. Ein kleiner Fehler im Detail stellt mitunter die ganze Arbeit in einen schlechten Schatten. Und doch ist es bei einer Arbeit, die nicht als Bearbeitung und Interpretation statistischer Erhebungen erstellt wird und auch nicht auf besonders viel Literatur zur angestrebten Aussage zurückgreifen kann, oft nicht anders möglich, als ein wenig ausschweifender Raum zu greifen. Natürlich ist mein Gedankengebäude nicht rein aus mir,
1 , entsprungen, sondern hat sich durch also nach Immanuel Kant „a priori“
Erfahrung und Information von außen entwickelt. Allerdings geschieht so etwas nicht immer und in jeder Situation bewußt, und vieles wird in die eigene Meinung integriert, ohne noch zu wissen von wem genau man etwas
1 Kant für Anfänger; Die Kritik der reinen Vernunft; Ralf Ludwig; DTV, 1996, München, Seite 42
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hat. Somit ist es eben unmöglich, das eigene Gedankengebäude noch in jedem Winkel mit einem Zitat und einer Ursprungsquelle zu versehen oder unter Heranziehung dieser Quellen dieses gleichsam ein zweites Mal für die Diplomarbeit zu errichten bzw. abzuleiten. Genauso ist es unmöglich, etwas zu sagen, was nicht schon ein anderer gesagt hätte. Um aber den Erfordernissen trotzdem zu entsprechen, habe ich mich bemüht, genügend Quellen der Literatur ausfindig zu machen und sie zu zitieren. Jedoch ist der Maßstab der Wissenschaftlichkeit hier ein wenig zur Diskussion gestellt. Ich habe keine eigenen Fragebögen entworfen, keine Umfrage durchgeführt und die Ergebnisse interpretiert. Ich habe keine sogenannten Fakten aus der wissenschaftlichen Literatur zu einem Leitfaden verknüpft. Meine Arbeit ist eher eine Reflektion meines Werdeganges, meiner Erfahrungen und Ansichten, die ich versuche, soweit wie möglich zu erläutern. Um nicht ganz allein mit meiner Meinung dazustehen, habe ich in der Literatur Beispiele gesucht, die sich in mein Gedankengebäude zur Untermauerung hineinfügen. Insofern ist meine Arbeit nicht eine Reproduktion vorhandener Erkenntnisse. Ich bin der Meinung, daß ich sogar ein bißchen auf etwas weniger betretenen Pfaden wandele. Ich bin sicher nicht der erste, doch kenne ich die anderen nicht und kann sie auch nicht zur Unterstützung heranziehen.
Das Beschreiten dieses Gebietes wird aber schwerlich einen schnellen und statistisch meßbaren Erfolg zeitigen können, so wie die Entwicklung der Menschheit an sich nur in großen Zeiträumen gedacht werden kann. Somit ist eine wissenschaftlich empirische Herleitung der Thesen nicht möglich. Ihre Herleitung kann häufig nur auf der Ebene des Denkens, also rationalistisch, erfolgen. Setzt man allerdings die Empirie als wissenschaftlich voraus, dann zeigt das griechische Ursprungswort „empeiria“ für Erfahrung, daß die Erfahrung an sich eigentlich schon empirisch und damit wissenschaftlich wäre. Dies sollte zutreffen, wenn die Erfahrungen zuerst objektiv geschildert werden können, um sie anschließend einer Deutung zu unterziehen, wie es
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bei statistischem Material geschieht. An dieser Stelle kommt ohnehin oft die Person, die persönliche Meinung des Deutenden ins Spiel, auch bei den sogenannten Fakten. Nicht u msonst kursiert das Wort der „Auftragswissenschaft“, welche nicht frei forscht, sondern, wie im Falle der Hanfforschung, eindeutig vor politische Karren gespannt wird und dies trotzdem als objektive Wissenschaft verkaufbar bleibt. Ich bin mit dieser Arbeit nicht ganz uneigennützig verfahren. Davon ausgehend, kein achtes Weltwunder erstellt zu haben, sondern nur eine unbedeutende Version von mindestens 150 Diplomarbeiten jährlich allein an der Alice-Salomon-Fachhochschule, war es mir wichtig, selbst etwas von dieser gebundenen Zeit zu haben. Mir war wichtig, dieses Thema spannend und interessant zu finden, meinen Erkenntnisstand zu überprüfen und wenn möglich zu fundamentieren oder gar zu erweitern. Ich wollte herausarbeiten, welch unterschiedliche Gewichtung zwischen Handelndem und
Handwerkszeug von Nöten ist, wenn man es mit einem Beruf der aktiven Zwischenmenschlichkeit als Gegenstand der Arbeit, im Gegensatz zu Handwerksberufen oder Handel, zu tun hat. Berlin, den 01.09.1998
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Einleitung
Warum gibt es überhaupt Sozialarbeiter/Sozialpädagogen? Wer ist Auftraggeber, und wer will uns haben? Die Beantwortung dieser Fragen geschieht oft in direkter Abhängigkeit des eigenen gesellschaftspolitischen Standpunktes. Ein Marxist würde sagen, daß die Notwendigkeit f ür Sozialarbeit sich daraus ergibt, daß gesellschaftliche und persönliche Interessen in einem gegebenen Sozialsystem nicht übereinstimmen. Die Gesellschaftsordnung legt Normen fest, die für ihre Erneuerung und Aufrechterhaltung garantieren. Die Menschen, die mit den Normen nicht übereinstimmen, sollen mit diesen in Übereinstimmung gebracht werden. Dies wäre der Staatsauftrag an die Sozialarbeiter. Der politisch engagierte Sozialarbeiter müsse dagegen sich auf die Seite der Entrechteten stellen und dürfe nicht nur die Symptome der ungerechten Gesellschaft bearbeiten, sondern er müsse zur völligen Beseitigung der Symptome an der
1 Veränderung der Gesellschaft mitarbeiten.
Der religiöse Mensch findet seine Rechtfertigung in der Prüfung Gottes. Seine Hilfe ist Dienst am Menschen und wird ihm hoffentlich im Jenseits entlohnt. Man kann diesen Job natürlich auch betreiben, weil man so gerne mit Menschen zusammen ist und wenn man mal helfen konnte, fühlt man sich doch recht gut. Man wird gebraucht. Schließlich gibt es noch das Zeitalter der psychologisierten Sozialarbeit, entsprungen aus der Hoffnung, endlich DAS Instrument zum Verstehen und Handeln gefunden zu haben. Der Kampf um Kompetenzen und Arbeitsplätze zwischen Psychologen und
Sozialarbeitern/Sozialpädagogen darf dabei nicht vergessen werden. Ich bin da in einer Notlage. Ich glaube an keinen Gott, Götter, Göttinnen, Feen, Sterne, Sternzeichen und deren mehr. Ich glaube an keine politische Richtung. Ich habe keine Lust, immer nur für andere da zu sein. Ich werde von 1 Dazu siehe Karam Khella - Theorie und Praxis der Sozialarbeit und Sozialpädagogik: 1.Teil
Einführung, Theorie- und Praxis -Verlag, Hamburg 1974
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meinen Freunden gebraucht, und ich brauche meine Freunde. Ich brauche keine Arbeit, um gebraucht zu werden. Mit lebenslänglich bezahltem Urlaub hätte ich kein Problem. Ich wüßte mich schon zu beschäftigen und bräuchte es nicht „Arbeit“ nennen.
Warum sollte ich mich um die Schwierigkeiten anderer Menschen kümmern? Weil ich ein Mitmensch sein möchte und der Meinung bin, daß es einem Menschen zur besseren Gesundheit gereicht, wenn er mit seinen Mitmenschen mitfühlt und sich mit ihnen zusammentut. Fühlt der Mensch mit seinen Mitmenschen, dann macht er dies im Großen wie im Kleinen. Aber wie bei einer Feuerwehr, die bei drei kleinen Bränden und einem großen, bei nur einem Löschzug, zuerst den großen Brand vor den kleinen bekämpfen würde, so wird man als Mitmensch als erstes auf die dringendsten Probleme seiner Umwelt reagieren müssen.
Die Ursache vieler Probleme ist oft genug in der Politik zu finden. Sie würden sich lösen lassen, wäre die Politik eine andere. Aber im Gegensatz zu vielen politischen Strategen bin ich der Meinung, daß Politik nicht von oben nach unten durch bessere Gesetze oder gar Systeme erreicht werden kann, sondern nur von unten nach oben. Die Menschen müssen sich ändern, dann nehmen sie einen anderen Einfluß auf die Gesellschaft, deren Teil sie sind. Daraus ergeben sich letztendlich neue Formen des Zusammenlebens auf privater und staatlicher Ebene.
Eine solche Sichtweise bedeutet, daß es notwendig ist, sich selbst ständig zu entwickeln und zu lernen und diese Botschaft, zusätzlich zur praktischen Hilfe, zu verbreiten; nicht nur unter den Kollegen und Klienten, sondern immer und überall. Dies ist mühselig für die, die Techniken suchen, um alles schneller, zuverlässiger, besser, aber vor allem leichter zu machen. Eine solche Hoffnung muß meiner Meinung nach als endgültig gescheitert angesehen werden. Der Weg zum Ziel führt über kleine Schritte. Wir werden das Ziel nie erreichen, weil es sich von Generation zu Generation
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weiterentwickelt. Also ist nicht das Ziel unser Ziel, sondern das Bemühen, auf dem Weg zum Ziel voranzukommen. Wer große Dinge im Sinn hat, findet seine Kräfte in dieser Aufgabe gebunden, und die Gefahr an großen Dingen zu scheitern ist höher als die, an kleinen Dingen zu scheitern, die sich ja später auch mal zu einem Großen und Ganzen zusammenfügen werden. „„Nehmen Sie sich in acht“, sagte er (Goethe zu Eckermann. Anm. des Diplomanden) darauf, „vor einer großen Arbeit. Das ist’s eben, woran unsere Besten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiste Talent und das tüchtigste Streben vorhanden. Ich habe auch daran gelitten und weiß, was es mir geschadet hat. Was ist da nicht alles in den Brunnen gefallen! Wenn ich alles gemacht hätte, was ich recht gut hätte machen
1 können, es würden keine hundert Bände reichen.“ Auf dem W eg der vielen kleinen Schritte sollten die Psychologie und Philosophie unsere Begleiter sein. Diese beiden Disziplinen haben viele Überschneidungen und können Handwerkszeug sein. Wenn wir dauernd feststellen, daß wir die anderen nicht gegen ihren Willen ändern können, sollten wir mehr Zeit darauf verwenden, uns selber zu verändern. Mit Psychologie und Philosophie sollten wir uns zuerst an uns selber zu schaffen machen, um unsere eigene Geschichte zu erfahren und durch Fragen Erkenntnis daraus zu gewinnen. Ein tieferes Verständnis von sich und seiner Umwelt erhöht das kreative und intuitive Potential, das ein helfender Mitmensch braucht. Die Sozialarbeit unterliegt hierin keinen anderen Gesetzen als die Medizin und die Psychologie. Der Helfende muß wie ein Künstler sein. Er erlernt sein Handwerk durch Techniken. Aber die Anwendung und Weiterentwicklung und das künstlerische „mehr als nur Handarbeit“ machen die Kunst und den Erfolg aus. Erwerben kann man dies nur durch viel Arbeit und viel Erfahrung. Erst wer die Technik richtig und fließend beherrscht, kann mit ihr spielen. Der Sozialarbeiter soll sich jede
1 Goethes Gespräche mit Eckermann, Insel-Ausgabe, Druck des 11.-15. Tausends von Poeschel &
Trepte in Leipzig, Seite 52
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Technik anschauen und die, die er für brauchbar hält, erlernen. Aber sie allein zeichnet ihn nicht aus. Gute Arbeit entsteht aus dem intuitiven und künstlerischen Erfassen von Situationen und Personen und dem Versuch, sich ihnen anzunähern. Die Technik bewerkstelligt die Detektivarbeit und Recherche sowie die Handlungskonsequenzen. Die Wahl der Technik aus dem Repertoire erfolgt dementsprechend wieder situativ-intuitiv. Dies alles liegt in der Person des Sozialarbeiters. Es wird deutlich, welche Verantwortung daraus entsteht. Wenn nicht die Technik das wichtigste Instrument ist, sondern ich selbst es bin, kann ich das Instrument nur verbessern, indem ich selber mich „verbessere“. Die Verantwortung, mich selbst zur Reife zu entwickeln, habe ich nicht mehr nur mir gegenüber, sondern ich bin es der Professionalität meiner Arbeit und damit meiner Klientel, den Mitmenschen, schuldig. In meiner Arbeit werde ich mit einer kurzen Darstellung der Individualpsychologie Alfred Adlers beginnen, um zu verdeutlichen, auf welcher Grundlage meine Überlegungen basieren, von welchem Menschenbild ich ausgehe. Diese Annahmen haben direkten Einfluß auf die daraus gezogenen Schlußfolgerungen. Würde ich nämlich den Menschen als rein biologisch oder göttlich determiniert ansehen, wäre meine gesamte Aussage absurd. Anschließend folgt eine kleine Erläuterung und Deutung meines bisherigen Lebensweges. In Kapitel 3 gehe ich auf die Einordnung des Menschen in seiner Welt ein (Evolution,...) und versuche, im folgenden aus seinem bisherigen Werdegang die Bedeutung von Psyche und Geist zu ergründen. In beiden Bereichen liegen Begründungen und Notwendigkeiten für Mitmenschlichkeit und menschliches Handeln. Da bisher viele Gründe für eine Einordnung in die Gemeinschaft festgestellt wurden, behandelt das Kapitel „Die Gemeinschaft und der Einzelne“ die Notwendigkeit von persönlicher Freiheit und Individualismus. Beides, persönliche Freiheit und Einordnung in eine Gemeinschaft, muß in ein Gleichgewicht gebracht werden.
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Nach den Blöcken Psychologie (Darstellung der Individualpsychologie), Biographie (Kapitel 2) und Anthropologie/Philosophie (Kapitel 3), folgt ein Teil mit Beispielen praktischen Handelns (Kapitel 4), welches auf den dargelegten Grundlagen und Vorstellungen fußt. Nach der Erwägung von Möglichkeiten und Grenzen, Chancen und Gefahren (Machtmißbrauch, Selbstüberschätzung...), folgt mein Resumée. Das Resumée ist die für mich einzig mögliche Konsequenz für verantwortungsvolle Arbeit in der Sozialarbeit, aber auch in anderen „Helferberufen“. Hier wird die Bedeutung des Arbeitstitels (Ich kann, was ich bin) für den, in der Praxis arbeitenden, Helfer dargelegt.
Abschließend möchte ich zu meiner schriftlichen Handhabung eine Bemerkung machen. Ich werde meine Arbeit nicht mit „.../Innen“ unnötig lang und schlechter lesbar machen. Sicherlich verzichte ich im direkten Fall einer bestimmten Person darauf zu sagen: „Der Sozialarbeiter war eine Frau.“ In einem solchen Fall käme nur „...Die Sozialarbeiterin...“ in Frage. Rede ich aber von einem Berufsbild allgemein, ohne eine bestimmte Person zu meinen, dann werde ich den dafür in der deutschen Rechtschreibung vorgesehenen Artikel verwenden. Bei der Sozialarbeit werde ich also von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen schreiben, wohlwissend, daß die meisten von ihnen weiblichen Geschlechts sind. Ich würde mich eher darauf verständigen können, alle diese Bezeichnungen ausschließlich mit weiblichem Artikel oder mit sächlichem Artikel zu versehen, als mit mehreren gleichzeitig. Ich finde, daß dies nicht gut aussieht und eine Menge Arbeit macht. Obendrein finde ich es verwirrend und schlechter (unflüssig) zu lesen.
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1. Eine kurze Darstellung der Individualpsychologie
Mit der Zunahme des empirischen Tatsachenmaterials über den Menschen entstand wie von selbst die Aufgabe, hier eigenständig weiterzuforschen, und da das 19. Jahrhundert ein ausgesprochenes Zeitalter der Naturwissenschaften war, so ergab es sich, daß die Psychologie ins Fahrwasser der Medizin und der Physiologie geriet. Es entstand eine Experimentalpsychologie, die sich bemühte, mit neuerdachten Geräten und Meßmethoden Seelenleben mechanisch und mathematisch zu erklären. In der Folge entwickelte sich eine bestimmte Richtung der Psychologie, aus der sich in Rußland unter Pawlow und Bechterew die Reflexologie und in den Vereinigten Staaten unter Watson und Skinner der Behaviorismus oder die Verhaltenspsychologie entwickelt hat.
Schon früh gab es Gegenstimmen gegen diese „Psychologie ohne Seele“, die zwar zu scheinbar exakten Ergebnissen kam, aber kaum etwas mit unserem Seelenleben zu tun hatte. Sigmund Freud war einer der ersten, die die Ursachen psychischer Störungen und Erkrankungen nicht in physiologischen Defekten des Gehirns, sondern in einer mißglückten Lebensgeschichte der Patienten vermuteten. Nicht die damals beliebten Begriffe der Vererbung und Degeneration, sondern einschneidende traumatische Ereignisse in der frühen Kindheit schienen spätere Krankheiten wie Hysterie, Neurose oder Psychose zu verursachen. Aufgrund seiner ärztlichen Beobachtungen an psychisch Kranken fiel Freud besonders das gestörte Sexualleben seiner Patienten auf. In langjähriger Arbeit, fast im Alleingang und gegen den heftigsten Widerstand der damals tonangebenden Schulmedizin entwickelte er seine Lehre, der er den Namen Psychoanalyse gab. Obgleich Freud selbst sich streng auf den Spuren einer naturwissenschaftlichen Forschungsrichtung glaubte, hat er dennoch Erkenntnisse der Literatur, der Philosophie und besonders der Kulturkritik mit in sein Lehrgebäude einbezogen.
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Freud war konservativ und revolutionär zugleich. Der Einfluß seiner Lehre auf nahezu alle Lebensbereiche ist nicht zu übersehen. Kein Jurist, kein Mediziner, kein Künstler, Dichter, Soziologe, Pädagoge, Sozialarbeiter usw. kommt darum herum, sich mit den Ergebnissen der Psychoanalyse auseinanderzusetzen. Man spricht geradezu von einer „dritten kopernikanischen Wende“, da seine Lehre, vergleichbar mit den Leistungen eines Kopernikus oder Darwin, einen Paradigmenwechsel, d. h. einen grundlegenden Wandel im abendländischen Denken bewirkt hat. Und dennoch wirkt auch Freuds Psychoanalyse merkwürdig mechanisch und lebensfremd. Begriffe wie Triebökonomie, Libidoumwandlung, Sublimierung, Triebverschränkung und -entmischung, Ödipuskomplex usw. weisen eher auf Physik und Hydraulik denn auf menschliche Verhaltensweisen hin. Als echter Konservativer glaubte Freud auch an die These von der Raubtiernatur des
1 - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, Menschen; „homo homini lupus“
das ist die traditionelle Haltung aller konservativen oder reaktionären Menschen, die gerne von staatlicher oder natürlicher Unterordnung und
2 wenig von Freiheit, Solidarität und Freude reden.
An diesem Punkt stieß sich auch ein früher Mitstreiter Freuds, der Arzt Alfred Adler. Es kam zu Differenzen (nicht nur darüber) und schließlich 1911 zum offenen Bruch zwischen den beiden. Adler und einige seiner Anhänger zogen sich aus der Psychoanalyse zurück und schufen eine eigenständige tiefenpsychologische Schule, die Adler Individualpsychologie nannte. Damit wollte er ausdrücken, daß jeder Mensch als unverwechselbare Einheit zu verstehen ist und nur wenig mit Allgemeinbegriffen wie menschliche Natur oder Triebwesen zu fassen sei.
1 T. Hobbes - De cive / Vom Staat, Paris, 1648
2 Dazu siehe Amitai Etzioni - Die Verantwortungsgesellschaft; WBG, Campus-Verlag, 1997,
Frankfurt/Main, Seiten 219-221 (Der anthropologische Pessimismus)
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Ich kann hier natürlich nicht die ganze Individualpsychologie darstellen, aber einige der Grundannahmen der Individualpsychologie möchte ich nacheinander aufzählen:
1.1 Alles Leben ist zielgerichtet
Die Physik betont zu Recht die Kausalität der Ereignisse. Wenden wir jedoch dieses Denken auf menschliches Seelenleben an, so geraten wir in den Kreislauf des Determinismus, und jede willkürliche und „freiwillige“ Änderung des Bestehenden erscheint absurd. Natürlich ist dieser alte philosophische Streit nicht mit diesen wenigen Worten abgetan, aber es ist gut, im menschlichen Seelenleben den Aspekt der Finalität zu berücksichtigen. Nicht so sehr ein biologischer Trieb, sondern eine Absicht, ein Ziel oder Zweck liegt unserem Handeln zugrunde. Wir fragen also weniger nach dem „warum?“ als vielmehr nach einem „wozu?“. Das ist nicht unwichtig oder gar Haarspalterei. Wenn wir in einer Beratung oder Therapie uns die Frage nach einer (unbewußten) Absicht stellen, so richten wir den Blick nach vorne und können möglicherweise eine Haltung korrigieren, was bei einem Rückblick auf die verursachenden Begebenheiten kaum möglich ist.
1.2 Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen
1 Schon Aristoteles im 4. Jahrhundert v.d.Z. hat uns ein „zoon politikon“ genannt, ein gemeinschaftliches Tier. Auch Darwin reiht uns in die Abteilung der Herdentiere ein. Nun sehen wir uns nicht unbedingt als Tiere an, aber unsere soziale Bezogenheit untereinander ist nicht zu leugnen. Allerdings ist unser Zusammenleben weder in der Vergangenheit noch gegenwärtig immer zufriedenstellend und gerecht verlaufen; Ausbeutung, Unterdrückung,
1 Rudolf Dreikurs - Grundbegriffe der Individualpsychologie, Klett, Stuttgart 1969, Seite 16
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Patriarchat, Krieg, Bevormundung, Kriminalität und hunderterlei ähnliche Zerrformen sind uns bekannt und geläufig. Die Individualpsychologie sieht darin kulturell und persönlich bedingte Fehlwege, die einem pervertierten Machtstreben oder einer untauglichen Kompensation eines tiefsitzenden Unzulänglichkeitsgefühls entspringen. Es gibt im Zusammenleben der Menschen unzählige Beispiele gegenseitiger Hilfe und Solidarität, wohlwollender Freundschaft und Verständigungsbereitschaft, die nur durch Verblendung, Vorurteile, Verleumdung und bösartige Unterstellungen in die vorhin genannten feindseligen Haltungen verbogen werden können. Es muß schon vieles an Propaganda und Überredung betrieben werden, um etwa Menschen in einen Krieg zu führen, und selbst dann hält oft nur die Angst vor der eigenen Militärpolizei die Soldaten davon ab, wieder einfach nach Hause zu gehen. Gesunde Menschen sind friedlich. Seelische Gesundheit ist aus individualpsychologischer Sicht untrennbar mit der Achtung des anderen verbunden. Adler hat dafür den Begriff „Gemeinschaftsgefühl“ geprägt, der allerdings in der Folgezeit (denkt man nur an die „Volksgemeinschaft“ des Nationalsozialismus) arg mißbraucht wurde. Gemeinschaftsgefühl bedeutet eine Verbundenheit mit allen Menschen, egal welcher Nationalität und Weltanschauung. In einem Verein, einer Partei oder Kirche zu sein, bedeutet nicht automatisch, Gemeinschaftsgefühl zu haben.
1 1.3 Mensch sein heißt, sich minderwertig fühlen
Die Biologen nennen uns ein biologisches Mängelwesen, zu Recht, schaut man sich nur unsere körperlichen Unzulänglichkeiten, unsere lange Kindheit und Jugend an. Das Gefühl der eigenen Kleinheit ist uns Menschen unbehaglich, und wir setzen alles daran, diesen Zustand zu überwinden. Gelingt es uns nicht, durch eigene Kraft den Mangel zu beheben, so versuchen wir doch, auf anderem Gebiet dafür einen Ausgleich zu schaffen.
1 Alfred Adler - Der Sinn des Lebens, Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1978, Seite 67
Arbeit zitieren:
Michael Seidler, 1998, Ich kann was ich bin. Von der Bedeutung des Werdens und ewigen Lernens für die Fachlichkeit des Sozialarbeiters/der Sozialarbeiterin unter Berücksichtigung der Individualpsychologie Alfred Adlers, München, GRIN Verlag GmbH
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