1. Einleitung
„Schon Anfang der achtziger Jahre hat sich Max Kaases Versuch, das Konzept Politische Kultur dingfest zu machen, als ein Versuch erwiesen, einen Pudding an die Wand zu nageln“. 1
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Konzept der politischen Kultur. Seit Jahren wird es in weiten Teilen der Welt kritisiert, weiterentwickelt und erprobt. Diese Arbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit der Auseinandersetzung in Deutschland. Zunächst wird der Begriff der politischen Kultur geklärt um ein besseres Verständnis für die nachfolgenden Gliederungspunkte zu erhalten.
Um die Kritik und die neuen Entwürfe des Konzeptes zu verstehen, wird der Entwurf von Almond und Verba im Folgenden zunächst kurz erläutert.
Danach werden dann die Hauptpunkte der Arbeit betrachtet. Das heißt, wie etablierte sich das Konzept in Deutschland und in welchen Punkten wurde es kritisiert. Danach erfolgt dann eine ausführliche Betrachtung der neuen Entwürfe und Weiterentwicklungen des Konzeptes. Besonders die Überlegungen von Karl Rohe werden hier dominieren, da er umfangreiche Betrachtungen zu der Studie vorgestellt hat. Seine Theorie der beiden Ebenen der politischen Kultur wird erläutert und auch sein Konzept wird kritisch hinterfragt. Außerdem werden Überlegungen von Andras Dörner und Werner J. Patzelt angeführt. Zum Abschluss der Hausarbeit wird es einen Ausblick geben, der allerdings nicht nur auf Deutschland bezogen ist. Weiterhin werden Perspektiven aufgezeigt, wie sich das Konzept weiterentwickeln kann und weiterentwickeln wird.
1 Pesch; Volker: Handlungstheorie und Politische Kultur. Wiesbaden 2000. S.12-13.
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2. Was ist politische Kultur?
In den letzten 20 Jahren hat sich ein neues Wort in der politischen Sprache fest etabliert. Der Begriff der politischen Kultur. Heutzutage können wir diesen Begriff immer öfter vernehmen, ob nun durch einen Politiker oder durch die Tageszeitung. Jeden Tag hören oder lesen wir diese Wortverbindung. 2
Doch bereits Almond und Verba schufen diesen Begriff in den 50er Jahren in ihrer Pionierstudie, „The Civic Culture“. 3
Die erste Annährung an eine Definition von politischer Kultur, trafen auch die beiden in ihrer Studie. Sie definierten politische Kultur wie folgt: „The political culture of a nation is the particular distribution of patterns of orientation towards political objects among the member of the nation“. 4
Doch es stellte sich mit der Zeit heraus, dass politische Kultur zu definieren in etwa so schwer ist, wie „Der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“ 5 , dies bemerkte bereits Max Kaase.
3. Ansatz der politischen Kulturforschung
Gabriel Almond und Sidney Verba führten in den 50er Jahren die Studie „The Civic Culture“ durch. Hintergründe der Studie sind das Aufkommen Systemtheoretischer Konzepte, die Verbreitung des Behaviorismus, die Entwicklung der Umfrageforschung und die politischen Entwicklungen. Zum einen der Zusammenbruch junger Demokratien vor dem zweiten Weltkrieg und zum anderen das entstehen neuer Länder in der dritten Welt. Dadurch entstand die Frage nach dem „Warum“ und nach den Faktoren außerhalb des Institutionengefüges und der Ökonomie. Eine zweite Frage ergab sich, ob Demokratien auch exportiert werden können in zum Beispiel Länder mit keiner oder nur wenig Erfahrung in dieser Staatsform.
Das Umfrageprojekt umfasste damals fünf Länder, die Vereinigten Staaten von Amerika (USA), Großbritannien, Italien, Deutschland und Mexiko. Die USA und Großbritannien
2 Nach: Rohe Karl: Politische Kultur und ihre Analyse. In: Donrheim, Andreas/Greiffenhagen, Sylvia(Hrsg.):
Identität und politische Kultur. Stuttgart 2003. S110- 111.
3 Nach: Westle, Bettina: Politische Kultur. In: Hans Joachim Lauth (Hrsg.): Vergleichende Regierungslehre. Eine
Einführung. Wiesbaden 2002. S.319.
4 Almond, Gabriel A/Verba, Sidney: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations.
Princeton 1963. S.14- 15.
5 Kaase, Max: Sinn oder Unsinn des Konzepts „Politische Kultur“ für die vergleichende Politikforschung, oder
auch: Der Versuch, einen Pudding an die Wand nageln. In: Kaase, Max/Klingemann, Hans Dieter (Hrsg.):
Wahlen und politisches System. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1980. Opladen 1983. S.144.
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wurden zum damaligen Zeitpunkt als stabile Demokratien angesehen. In Deutschland und Italien wurde gerade erst eine neue Demokratie geschaffen und Mexiko wurde als Entwicklungsland hinzugezogen. Die zentrale Hypothese des Projektes war: ist zwischen der politischen Struktur (Institutionengefüge) und der politischen Kultur eine Kongruenz erforderlich um den Bestand eines Systems zu gewährleisten?
Dabei war es wichtig nach den Orientierungen von Individuen und nicht nach deren Verhalten oder Handlungsresultate zu fragen. Weiterhin mussten die Orientierungen einen politischen Bezug aufweisen der von kulturellen Handlungen zu unterscheiden ist. Durch die Verteilung der Orientierungsmuster in der Gesellschaft ergaben sich Klassifikationen von Typen der politischen Kultur. Durch eine gewisse Kohärenz der Orientierungen ließen sich Muster identifizieren. Politische Kultur ist ein kollektives Merkmal der Gesellschaft, aber sollte bei den individuellen Trägern der Gesellschaft gemessen werden.
Almond und Verba unterscheiden drei Arten der Orientierung. Die kognitive (Wahrnehmung, Wissen), die affektive (Gefühle) und die evaluative (Werte, Bewertungen) Orientierung. Des Weiteren unterscheiden sie vier Objekte in die sich das System differenziert. Als erstes das Systems als Ganzes, also die nationale Gemeinschaft und den Typus politischer Ordnung. Dann die Inputfunktion, demnach der Bürger seine Forderungen an die Politik heranträgt. Die Outputfunktion, sprich die konkreten Leistungen der Politik und als letztes selbst als politischer Akteur, folglich die eigenen politischen Kompetenzen und Inhalte des politischen Engagements.
Ferner unterscheiden beide noch drei reine politische Typen von Politischer Kultur. Das Fehlen von Orientierungen jeglicher Art gegenüber allen Objekten und das nicht vorhandene Bewusstsein selbst in der Politik aktiv zu sein, ist die Parochialkultur. Die Untertanenkultur beschreibt das umfangreiche Wissen über Politik der Individuen. Aber die fehlenden Wahrnehmungen der Inputstrukturen und die Individuen spielen keine Rolle als politischer Akteur. Der dritte Typ ist die Partizipationskultur, dabei haben die Personen Kenntnisse, Gefühle und Bewertungen gegenüber allen Objekten und sind jederzeit zur politischen Aktivität bereit.
Durch die Hypothese passt jeder Typ der politischen Kultur zu einem bestimmten Regime. Die parochiale Kultur wird verglichen mit einer Stammesgesellschaft wobei sich noch keine bzw. kaum politische Rollen oder Strukturen entwickelt haben. Die Untertanenkultur hingegen lässt sich zu den nicht demokratischen Monarchien und Diktaturen zählen. Es ist allerdings nicht gesagt, dass die Partizipationskultur die geeignetste ist, sondern eher ein Mischtypus. Denn sonst würde es keine permanente Beteiligung aller Bevölkerungsanteile
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geben und somit ist die Folgebereitschaft gegenüber politischen Autoritäten gewährleistet. Der Mischtypus wird bezeichnet als „Civic Culture“ 6 (Staatsbürgerkultur). Das Ergebnis der Studie der 50er Jahre war, dass die USA und Großbritannien dieses Mischmuster aufweisen und somit zu der sogenannten Zivilkultur zählen. Deutschland und Italien wiesen eher die Untertanenkultur auf. Damit ist auch geklärt, warum die Demokratien vor dem zweiten Weltkrieg gescheitert sind. Mexiko hingegen besitzt einen Mix aus Parochial und Partizipationskultur auf.
Somit bleibt nur noch die zweite Frage zu klären, ob es gelingt Demokratie zu exportieren. Almond und Verba denken das dies schwer ist, da politische Kultur in der Primärsozialisation 7 erworben wird und die Kernmerkmale in kurzer Zeit nicht wandelbar sind. Es bedürfte eines längerfristigen Lernprozess und Generationen Austausches um eine Demokratie vollständig zu etablieren. 8
4. Das Konzept in Deutschland
In Deutschland konnte sich das Konzept nicht einfach durchsetzen, denn die Begriffspaarung war nicht üblich und es kam häufig auch zu Missverständnissen. Die zwei Ausdrücke politische Kultur hatten eine widerstrebende Verbindung und Kultur wurde als etwas eher Politikfremdes angesehen. 9
Dennoch kam es durch Defizite und Fehlinterpretationen dazu, dass die politische Kultur an Popularität gewinnt, aber auch ein wissenschaftlich umstrittener Gegenstand ist. 10
4.1. Kritikpunkte
Das Konzept der politischen Kultur wurde von unzählbaren Politikwissenschaftlern kritisiert, dabei wurden Teilaspekte getrennt untersucht und das Methodenspektrum wurde modifiziert. Es wurde der Fragestellung nachgegangen andere erkenntnisleitende Interessen zu betrachten. Viele äußerten ihre Befürchtungen, dass die Civic Culture Studie nur eine Verherrlichung der angloamerikanischen politischen Kultur entspreche.
Einer der größten Kritikpunkte betraf allerdings die Definition von politischer Kultur. Auf der einen Seite wurde die Meinung vertreten, dass es ein verengter Kulturbegriff sei. Es gehe nicht um Oberflächenphänomene sondern um Tiefenphänomene. Es müsste ein Rahmen
6 Westle, 2002, S 322.
7 Die Phase der Primärsozialisation umfasst die ersten Lebensjahre und erfolgt vornehmlich im Elternhaus bzw.
in der Familie. (http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=2RQI2Y (13:50, am 22.03.2009)).
8 Nach: Westle, 2002, S. 319-322.
9 Nach: Bergem; Wolfgang: Tradition und Transformation. Eine vergleichende Untersuchung zur politischen
Kultur in Deutschland. Opladen 1993. S. 30.
10 Nach: Westle, 2002, S. 323.
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Arbeit zitieren:
Julia Quade, 2009, Die Entwicklung des Konzepts der politischen Kultur in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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