1. Einleitung Der hellenistische Dichter Theokrit überrascht vor allem durch die Vielseitigkeit seines Werkes. Spielen viele seiner Gedichte in der Welt der Hirten, so tragen doch manche auch ganz andere Züge, wie etwa das Enkomion auf Hieron (Idyll 14) oder die Darstellung aus dem Leben des Herakles (Idyll 24). Im 15. Idyll lässt Theokrit den Leser an einem Fest im ptolemaischen Alexandria teilhaben, welches die Königin Arsinoe zu Ehren des Gottes Adonis veranstaltet. Der erste Morgen dieser Festivität, die in der Regel Ende Juni an zwei hintereinander folgenden Tagen zelebriert wurde 1 , wird in den Worten und Taten zweier Hausfrauen zum Leben erweckt, welche beide als Syrakusanerinnen, also Immigranten, in der Stadt leben und damit auch den dorischen Dialekt des Idylls bestimmen.
Das komplexe und detailreiche Gedicht, das in Form eines Dialoges zwischen diesen beiden Augenzeugen verfasst ist, soll im Folgenden genauer analysiert werden. Dazu wird zunächst auf die verschiedenen Handlungssphären, den Humor und die mimetisch-realistischen Charaktere des 15. Idylls eingegangen, woraufhin dann die Beschreibung des ptolemaische Alexandria im Gedicht, also die Darstellung der Stadt selbst und der Königsfamilie, untersucht wird.
Das 15. Idyll hat, als eines der beliebtesten Gedichte Theokrits, in der Forschung große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Grundlegend ist immer noch der Kommentar von Gow aus den fünfziger Jahren. Zudem haben sich viele Einzeluntersuchungen mit dem Gedicht beschäftigt, wie etwa die von Magnien, Helmbold oder Gow selbst. Noch mehr Beachtung hat das Idyll nach Veröffentlichung des Kommentars von Gow gefunden, wie die Arbeiten aus den siebziger Jahren, etwa von Horstmann oder Griffiths, und achtziger Jahren, wie etwa die Studien von Reinhardt oder Fabiano, zeigen. Doch auch in jüngerer Zeit ist das Interesse nicht erlahmt, sondern eher noch gestiegen, so dass vor allem mit den Untersuchungen von Burton und Hunter oftmals völlig neue Aspekte des Gedichtes herausgestellt werden konnten. 1 Beckby, Die griechischen Bukoliker, S. 452.
1
2. Handlungssphären, Humor und mimetisch-realistische Charaktere im
15. Idyll
Schon der Doppeltitel „Συρακόσιαι ἤ Αδωνιάζουσαι“ weist auf die eigentümliche Komposition des 15. Gedichtes hin. Denn hier sind, auf den ersten Blick erkennbar, zwei Handlungssphären miteinander verbunden: auf der einen Seite präsentiert uns Theokrit „a little mimic drama“ 2 (v. 1-99 und 145-149), das in seinen realistischen Charakterzeichnungen, vor allem der beiden Hauptpersonen Gorgo und Praxinoa, in scheinbar krudem Gegensatz zu der auf der anderen Seite elegant anmutenden Hymne an Adonis (v. 100-144), vorgetragen von einer Sängerin, steht. Auf den zweiten Blick erschließt sich neben dieser Zweiteilung eine weitere Strukturierung des Gedichtes, welche sich nach den verschiedenen Handlungsorten richtet. 3 So folgt auf die erste Szene in Praxinoas Haus (v. 1-43) zunächst die Darstellung des ereignisreichen Weges der beiden Freundinnen durch die Stadt zum Palast (v. 44-77), woran sich die Palastszene, mitsamt der Adonishymne und der Abschlussworte Gorgos, anschließt (v. 78-149).
2.1 Treffen im Haus (v. 1-43)
Theokrit lässt sein 15. Idyll, wie auch die meisten anderen seiner Gedichte, ohne Einleitung oder in die Situation einführenden Erzählteil, direkt mit den Worten der Protagonisten beginnen. Doch schon die Frage Gorgos, „Ἒνδοι Πραξινόα;“ 4 , zu Anfang des Gedichtes, liefert den ersten Hinweis auf ein Haus als Handlungsort, an dessen Schwelle die Anwesenheit der Hausherrin Praxinoa erfragt wird. Diese eilt, noch bevor die Dienerin Eunoa die Fragende einlassen kann, zur Tür und begrüßt die offensichtlich sehnlichst erwartete Freundin freudig: „Γοργὼ φίλα, ὡς χρόνῳ. ἔνδοι.| θαῦμ᾿ ὅτι καὶ νῦν ἦνθες.“ 5 Dass sich die Handlung des Gedichtes innerhalb einer Stadt abspielt, wird, trotz des Fehlens einer eigentlichen Exposition des Ortes, wie sie sich in den meisten Hirtengedichten Theokrits findet 6 , an den nun folgenden Worten Gorgos deutlich. Denn im Gegensatz zum 2. Idyll, dessen ebenfalls städtischer Hintergrund, abgesehen von der Erwähnung einer παλαίστρα zu Beginn des Gedichtes 7 , erst relativ spät explizit benannt wird 8 , erweckt Gorgo, nachdem man 2 Nicoll, Masks, mimes and miracles, S. 44.
3 Einer solchen Gliederung wird in den Studien zum 15. Idyll, mit Abweichungen im Detail, in der Regel gefolgt; cf. etwa Blumenthal, s.v. Theokritos, Sp. 2008; Horstmann, Ironie und Humor, S. 19. 4 15, 1.
5 15, 1f.
6 Cf. etwa Id. 3, 1-5, Id. 6, 1-5, Id. 9, 1-6.
7 2, 8.
2
ihr einen Stuhl angeboten hat, mit der Beschreibung ihres beschwerlichen Weges zu Praxinoas Haus gleich zu Beginn des 15. Idylls das Bild einer turbulenten Stadtszene: „ὢ τᾶς ἀλεμάτω ψυχᾶς· μόλις ὔμμιν ἐσώθην,| Πραξινόα, πολλῶ μὲν ὄχλω, πολλῶν δὲ τεθρίππων·| παντᾷ κρηπῖδες, παντᾷ χλαμυδηφόροι ἄνδρες·“. 9 Welche Personengruppe Gorgo mit den hier erwähnten Bekleidungsstücken im Sinn hat, ist nicht eindeutig feststellbar, denn χλαμύς und κρηπίς können sowohl Bestandteil militärischer, als auch national-makedonischer bzw. ägyptischer Bekleidung sein. 10 Deshalb hat sich einerseits die Vorstellung verfestigt, dass Gorgo, sozusagen im klischeehaften Rollenbild gefangen, in den Straßen marschierende Soldaten nicht anhand ihrer Waffen, sondern, ganz Frau, mit Blick auf ihre Mäntel und Schuhe beschriebe. 11 Andererseits hat man in der Forschung aber auch angenommen, dass an dieser Stelle lediglich auf ein auffälliges makedonisches Element in den Straßen Alexandriens, erkennbar am nationalen Gepräge, hingewiesen werden solle. 12 Die Menschenmasse, so die weiteren Schlussfolgerungen, sei wohl auf dem Weg zu den an einem solchen Festtag stattfindenden Wagenrennen, wohin auch die beschriebenen Wagen und Pferde von ihren Wärtern geführt würden. 13 Eine solche Herangehensweise an den Text unterschlägt allerdings m.E. die emotionale Wirkung dieser Stelle, wie sie J. Burton herausgestellt hat. Im Vordergrund scheint für Theokrit nämlich hier die Verdeutlichung der Überforderung und Verwirrung Gorgos zu stehen, wie sie eben vor allem auch durch das Mittel der Metonymie für den Leser fassbar wird: „The text‘s indeterminacy reflects Gorgo’s alienation in the public space.“ 14 Vor demselben Hintergrund muss auch der, nach der Klage über den endlos langen Weg, an Praxinoa gerichtete Vorwurf, „τὺ δ᾿ ἑκαστέρω αἰὲν ἀποικεῖς“ 15 , gesehen werden. Der Weg scheint Gorgo immer länger zu werden, je öfter sie sich zu Praxinoa begibt. 16 Zur angedeuteten Thematik der Entfremdung gesellt sich hier also noch zusätzlich der Aspekt der räumlichen Distanz, welche, als typische Problembereiche für die Bevölkerung einer Großstadt wie Alexandria 17 , dem Gedicht beide einen realistischen Charakter verleihen, der auch im weiteren Verlauf des Gedichtes nicht 8 „ταὶ κύνες ἄμμιν ἀνὰ πτόλιν ὠρύονται“ 2, 35; cf. dazu Reinhardt, Die Darstellung der Bereiche Stadt und Land, S. 85.
9 15, 4ff.
10 Gow, Theocritus, S. 268.
11 Griffiths, Theocritus at court, S. 118.
12 Gow, Theocritus, S. 268.
13 Beckby, Die griechischen Bukoliker, S. 452f.
14 Burton, Theocritus’s urban mimes, S. 11.
15 15, 7.
16 Eine andere Möglichkeit, diese Stelle zu lesen, wäre, dass Praxinoa schon mehrmals umziehen musste und deswegen „immer weiter weg“ wohnt; cf. dazu Gow, Theocritus, S. 268.
17 Reinhardt, Die Darstellung der Bereiche Stadt und Land, S. 101.
3
verloren geht. Vor allem im Hinblick auf das Selbstverständnis von Immigranten, wie es die beiden Syrakusanerinnen ja sind, im Gegensatz zur übrigen Stadtbevölkerung, wird schon an dieser Stelle eine gesellschaftskritische Seite des Gedichtes erkennbar 18 , die später immer wieder zum Vorschein treten wird (Cf. Kap. 2.2).
Äußerst wirklichkeitsgetreu wirkt auch die nun folgende Schimpftirade Proxinoas auf den Ehemann Dinon, der als „πάραρος“ und „φθονερὸν κακόν“ bezeichnet wird. Denn der sei Schuld an der miserablen Wohnung weit außerhalb der Stadt, welche er nur bezogen habe, um sie zu ärgern. 19 Geradezu stürmisch schlägt hier die Stimmung der friedlichen und freudigen Eröffnung des Besuches in ein wütendes Donnerwetter um, das dem Anlass ziemlich unangemessen erscheint und dem Leser einen ersten Eindruck von Praxinoas aufbrausendem Temperament vermittelt. 20 Das Humoristische dieser Szene wird im Folgenden noch weiter gesteigert, wenn Gorgo die wütende Freundin unterbricht und dazu anhält, nicht so in Gegenwart des Kindes von seinem Vater zu reden, um sogleich beruhigend auf den Zögling einzureden: „θάρσει, Ζωπυρίων, γλυκερὸν τέκος· οὐ λέγει ἀπφῦν“. 21 Das hält sie selbst freilich nicht davon ab, in Praxinoas erneutes Geläster einzustimmen und über die Dummheit ihres eigenen Ehemannes Diocleidas zu berichten. 22 Durch diese kleine Episode gelingt es Theokrit, seine Protagonistinnen auf humorvolle Weise bloßzustellen, indem er den Fokus auf ihre Reaktionen gegenüber dem kleinen Zopyrion lenkt: bereits auf einen Blick des Kleinen hin (er kann ja noch nicht sprechen) unterbrechen die beiden Freundinnen erschrocken („αἰσθάνεται τὸ βρέφος, ναί τὰν πότνιαν“ 23 ) ihr Gespräch, fühlen sich ertappt, und zeigen für einen kurzen Augenblick vielleicht sogar ein klein wenig schlechtes Gewissen. 24 Andererseits macht die Einfügung des Zopyrion, wie auch die Erwähnung der Dienerin, deutlich, dass es dem Dichter nicht nur darum geht, das dramatischen Wechselgespräch zweier Frauen, sondern auch die Atmosphäre und die Umwelt, die sie umgibt, darzustellen. 25 Gorgo, die ohnehin als die Tonangebende erscheint 26 , leitet das Gespräch nun auf eine neue Bahn, indem sie Praxinoa auffordert, sich bereitzumachen, damit sie gemeinsam in den Königspalast gehen können, um dort „τὸν Ἄδωνιν“ zu sehen, also das Fest, das die Königin
18
Cf. Burton, Theocritus’s urban mimes, S. 12.
19 15, 8ff.
20 Horstmann, Ironie und Humor, S. 22.
21 15, 13.
22 15, 15-20.
23 15, 14.
24 Cf. Horstmann, Ironie und Humor, S. 23f.
25 Mehmel, Virgil und Apollonius Rhodios, S. 26; der allerdings m.E. unsinnigerweise davon ausgeht, dass es Theokrit darum geht, nur den Raum um die beiden Frauen und nicht deren Gespräch selbst zu schildern. 26 Beckby, Die griechischen Bukoliker, S. 452.
4
dort abhält. 27 Geradezu banal wirkt der darauf folgende Wortwechsel, der in seiner Lebhaftigkeit ganz in der Tradition des Mimos steht und mit der Anhäufung sprichwörtlicher Phrasen auf das umgangssprachliche Niveau des Gespräches hinweist. 28 Die Antwort Praxinoas zeugt nicht gerade von Begeisterung für Gorgos Vorschlag: „ἐν ὀλβίω ὄλβια πάντα.“ 29 Doch schließlich lässt sie sich doch durch Gorgos Drängen umstimmen, nicht ohne unerwähnt zu lassen, dass sie für solche Vergnügungen eigentlich keine Zeit habe 30 , und beginnt sogleich einen ganzen Reigen an Befehlen auf ihre Dienerin niederprasseln zu lassen, um alles Nötige für den Aufbruch zu bestellen. Diese kann es ihrer Herrin aber, trotz aller Bemühungen, offensichtlich nicht recht machen und bekommt dies auch zu spüren, wenn sie als „λᾳστρί“ 31 oder „δύστανε“ 32 bezeichnet wird. In dieser Auseinandersetzung zwischen Herrin und Dienerin, wie sie typisch ist für die hellenistische Komödie 33 , wird Praxinoas hitziges Temperament nochmals herausgestellt, ebenso wie ihr rücksichtsloses Benehmen gegenüber ihren Bediensteten. Gorgo erscheint insgesamt wesentlich besonnener als Praxinoa zu sein und versucht die Laune ihrer Freundin, vielleicht auch im Hinblick auf die arme Eunoa, zu besänftigen, indem sie das soeben angelegte Kleid Praxinoas lobt, allerdings ohne großen Erfolg. 34 Als nun endlich alles bereit zum Aufbruch zu sein scheint, lässt Theokrit amüsanter weise nochmals den kleinen Zopyrion störend eingreifen, der offensichtlich mitkommen will, von seiner Mutter aber ungeduldig abgewiesen wird. 35 In der Eile weist Praxinoa schroff eine Dienerin an, sich mit dem Kind zu beschäftigen: „Φρυγία, τὸν μικκὸν παῖσδε λαβοῖσα“. 36 Nun steht dem Marsch zum Palast nichts mehr im Wege und Praxinoa kann den familiären Alltag hinter sich lassen.
2.2 Auf dem Weg zum Palast (v. 44-77)
Der Übergang von der häuslichen zur städtischen Szenerie gelingt nahtlos, indem Theokrit Praxinoa die Eindrücke von der Straße vor ihr in direktem Anschluss an ihre letzten Anweisungen an die Dienerin im Haus schildern lässt. Nach dem Vorgeschmack, den der kurze und aufgeregte Bericht Gorgos zu Beginn des Gedichtes bot, bekommt der Leser nun in
28 Fabiano, Fluctuation in Theocritus’ style, S. 18.
29 15, 24.
30 15, 26; cf. dazu Gow, Theocritus, S. 275f.
31 15, 30.
32 15, 31.
33 Horstmann, Ironie und Humor, S. 27.
34 15, 34-38.
35 15, 40ff.; cf. dazu Horstmann, Ironie und Humor, S. 29.
36 15, 42.
5
Arbeit zitieren:
Oliver Christl, 2008, Theokrit, Idyll 15, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Oliver C.'s Text Theokrit, Idyll 15 ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Oliver C. hat den Text Theokrit, Idyll 15 veröffentlicht
Oliver C. hat einen neuen Text hochgeladen
Dynamik des Dialekts - Wandel und Variation
Akten des 3. Kongresses der In...
Elvira Glaser, Jürgen Erich Schmidt, Natascha Frey
Isis Unveiled: Secrets of the Ancient Wisdom Tradition Madame Blavatsk...
Helene Petrovna Blavatsky, Michael Gomes
Recht und Rechtsleben im ptolemäischen und römischen Ägypten
An der Schnittstelle griechisc...
Hans-Albert Rupprecht
0 Kommentare