1. Einleitung
Thukydides widmet in seiner Beschreibung der 50 Jahre zwischen Perserkriegen und dem Peloponnesischen Krieg der ägyptischen Expedition der Athener und ihrer Verbündeten nur ganz kurz seine Aufmerksamkeit. Mit ihrem desaströsen Ausgang war sie sicherlich nicht besonders relevant für seine eigentliche Absicht bei der Abfassung der Pentekontaetie, nämlich der Darstellung von Athens Machtausweitung gegenüber den anderen Griechen. Und doch ist die ägyptische Expedition eines der herausragendsten Ereignisse in der Zeit vor dem eigentlichen Peloponnesischen Krieg. Sie verweist auf den ungestümen Machtwillen der Politiker Athens, die in einem Zweifrontenkrieg in Mittelgriechenland und in Ägypten die hegemoniale Position ihrer Stadt in Griechenland und im gesamten östlichen Mittelmeerraum endgültig verfestigen wollten. Die Überspannung der Kräfte musste in der Katastrophe enden, aus der man aber, wie die Ereignisse des Peloponnesischen Krieges mit der noch verheerenderen Expedition Athens nach Sizilien beweisen, offensichtlich nicht gelernt hat. Im Folgenden soll nun die ägyptische Expedition der Athener und ihrer Verbündeten genauer untersucht werden. Dazu wird nach der Darstellung ihrer Vorgeschichte, die Expedition selbst, durch eine Analyse des Verlaufes, der Chronologie und der Verlustzahlen, beleuchtet, woraufhin abschließend die Folgen der ägyptischen Expedition beschrieben werden. Die Zeit der Pentekontaetie ist, trotz des schlechten Quellenstandes, sehr gut erforscht und auch in Spezialuntersuchungen, wie etwa den Darstellungen der Chronologie von Bayer und Heideking oder von Kolbe, analysiert worden. Einen guten Überblick für diese Zeitspanne bieten Bengtson und Lewis und Rhodes in der Cambridge Ancient History. Für die Darstellung des Thukydides zu dieser Zeit ist immer noch der Kommentar von Gomme grundlegend, der von Hornblowers neuerem Kommentar gewinnbringend ergänzt wird. Zur Geschichte Athens sind zu allen Zeiten Untersuchungen erschienen, wie etwa die Studien von Meiggs oder Schuller.
Auch die ägyptische Expedition im Speziellen hat das Interesse der Forschung zu allen Zeiten auf sich gezogen. Zu nennen sind hier etwa die Aufsätze von Westlake und Libourel, sowie die Monographie von Salmon.
1
2. Vorgeschichte
Die Handelsbeziehungen zwischen Athen und Ägypten gehen bis in archaische Zeiten zurück. Nachdem Psammetich von Sais (663-609) die assyrische Besatzung aus Ägypten vertrieben hatte, gelangten zusammen mit den griechischen Söldnern, welche ihn unterstützt hatten, auch immer mehr griechische Kaufleute in das Nilland, welchen Psammetrich schließlich die dortige Ansiedlung erlaubte. 1 Mit der ersten, gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. von griechischen Kaufleuten gegründeten Kolonie Naukratis im Nildelta haben sich die Handelsbeziehungen sicherlich noch weiter verstärkt. 2 Sie war, wie Herodot berichtet, die einzige Siedlung, in welcher der griechische Güteraustausch vor Ort erlaubt war 3 , was ihre Bedeutung für den Ägyptenhandel unterstreicht. Dort hat man vor allem athenische Keramik im Überfluss gefunden, woraus man auf die dominierende Stellung Athens im Handel mit Ägypten schließen kann. 4
Scheint der Handel mit dem seit Untergang des Assyrerreiches unabhängigen Ägypten also relativ erfolgreich und, abgesehen von den bei Herodot erwähnten Restriktionen, ohne größere Schwierigkeiten abgelaufen zu sein, so müsste man doch annehmen, dass, nachdem, wie aus dem 3. Buch der Historien des Herodot bekannt 5 , Ägypten im Jahre 525 v. Chr. unter dem persischen Großkönig Kambyses II. in das persische Reich eingegliedert worden war und von diesem fortan in Personalunion als Pharao regiert wurde 6 , eine Zäsur in den ägyptischathenischen Beziehungen eingetreten sei. Dies umso mehr, als sich der Handelsposten Naukratis seit Beginn der persischen Herrschaft im Niedergang befunden zu haben scheint. 7 Doch scheint ein solcher Einschnitt in den Handelsbeziehungen nicht stattgefunden zu haben 8 , was wohl auch damit in Verbindung steht, dass sich im Laufe der Zeit immer mehr Griechen auch in anderen ägyptischen Städten niedergelassen hatten. 9 Freilich lässt die desolate Quellenlage hierfür keine sicheren oder endgültigen Schlussfolgerungen zu. Aus demselben Grund bleiben auch die Ereignisse, die zum Aufstand der Ägypter gegen die persische Herrschaft 486/5 v. Chr. geführt haben, schwer ergründbar. Dieser war „um so bemerkenswerter, als gerade die Ägypter - soviel wir wissen - wenig Grund hatten, sich über die Herrschaft der Achämeniden zu beklagen.“ 10 Einzig Herodot wirft ein genaueres Licht
1 Bengtson, Griechische Geschichte, S. 78.
2 Habermann, Die athenischen Handelsbeziehungen, S. 96.
3 II, 179.
4 Salmon, La politique Égyptienne, S. 68.
5 Vgl. III, 10-14.
6 Bengtson, Griechische Geschichte, S. 131.
7 Ebd., S. 156.
8 Vgl. Meiggs, The Athenian Empire, S. 24f.; Salmon, La politique Égyptienne, S. 68f.
9 Habermann, Die athenischen Handelsbeziehungen, S. 97.
10 Bengtson, Griechische Geschichte, S. 168.
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zumindest auf den Ablauf der Revolte 11 , welche scheinbar vor allem deswegen eine zwei Jahre dauernde Selbständigkeit für Ägypten erreichte, da der bereits einen Feldzug zur Niederschlagung planende Großkönig Dareios I. im Jahr 486 v. Chr. gestorben war. 12 Erst sein Nachfolger Xerxes unterwarf Ägypten wieder und setzte, dieses dabei, wie Herodot vorwurfsvoll vermerkt, „πολλὸν δουλοτέρην ποιήσας ἢ ἐπὶ Δαπείου ἦν“, seinen Bruder Achaimenes als Statthalter ein 13 , wodurch der Sonderstatus der Personalunion von Pharao und Großkönig aufgehoben und Ägypten zur einfachen Satrapie ohne besondere Vorrechte herabgestuft wurde. In den folgenden Kriegen gegen die Griechen mussten die Ägypter auf Seiten der Perser an den Kämpfen teilnehmen. Nun ist es als sehr wahrscheinlich anzusehen, dass durch den Konflikt mit Persien die Beziehungen Athens und der anderen Griechenstädte mit Ägypten beeinträchtigt bzw. der Handel behindert war. Jedenfalls herrschte nach den Perserkriegen eine allgemein negative Stimmung in Griechenland gegenüber den Ägyptern. Was den Handel betrifft, so fehlen literarische und archäologische Quellen, was vielleicht sogar auf eine Stagnation schließen lässt. 14
Die Auseinandersetzungen mit Persien aber waren nach dem Sieg der Griechen in Plataiai 479 v. Chr. freilich nicht zu Ende, sondern wurden, wie man dem Bericht des Thukydides entnehmen kann, auch in den folgenden Jahren mit wechselnden Erfolgen fortgesetzt. 15 Das Perserreich wurde allerdings unter der Herrschaft des Artaxerxes, der nach der Ermordung des Xerxes 465/4 v. Chr. den persischen Thron bestiegen hatte, von gleich mehreren Aufständen erschüttert. Ein solcher war, neben Baktrien und Syrien auch in Ägypten ausgebrochen. 16 Die dortige Erhebung der einheimischen Fürsten Inaros und Amyrtaios wird schon bei Herodot erwähnt, der bei seinem Aufenthalt in Papremis, nach eigenen Angaben, noch die Knochen der Perser gesehen hat, die zusammen mit dem Statthalter Achaimenes im Kampf gegen Inaros gefallen waren. 17 Im Zuge dieses Aufstandes rief man im Jahre 460/59 v. Chr. 18 die Athener um Unterstützung an, und zwar indem man sich, so scheint es jedenfalls bei Thukydides durch, direkt an die sich bei Zypern befindliche Flotte des Seebundes, bestehend aus zweihundert Schiffen, wandte. Die Athener hätten daraufhin, laut Thukydides, ihre
11 VII, 1; vgl. dazu und im Folgenden Bengtson, Griechische Geschichte, S. 168.
12 VII, 4.
13 VII, 7.
14 Salmon, La politique Égyptienne, S. 73ff.
15 I, 98ff.; vgl. dazu Rhodes, The Delian League, S. 41-49.
16 Bengtson, Griechische Geschichte, S. 209.
17 III, 12, 4; vgl. auch III, 7, wo im Zuge der Ernennung Achaimenes‘ zum Statthalter auch dessen spätere
Ermordung erwähnt wird: „Ἀχαιμένεα μέν νυν ἐπιτροπεύοντα Αἰγύπτου χρόνῳ μετέπειτα ἐφόνευσε
Ἰνάρως ὁ Ψαμμητίκου ἀνὴρ Λίβυς.“ Die dortige Zeitangabe ist natürlich unverhältnismäßig, da zwischen der
Einsetzung und der Ermordung Achaimenes‘ mehrere Jahre vergangen sein müssen.
18 Vgl. Kap. 3.2 zur Chronologie der Ereignisse.
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Unternehmung gegen die Insel abgebrochen und seien stattdessen weiter in Richtung Ägypten gefahren. 19
Es stellt sich natürlich die Frage, weshalb sich die Athener und ihre Bündner zu dieser Hilfeleistung bereit erklärten. Ein Grund dafür war sicherlich, dass der Aufstand bereits weite Teile des Landes, vor allem Unterägyptens, erreicht hatte 20 und nach der Vertreibung der persischen Besatzung durch Inaros in Papremis 21 erhebliche Erfolgsaussichten für eine militärische Operation gegen die Perser in Ägypten bestanden. Der Gedanke, dass nach einer erneuten Unabhängigkeit Ägyptens auch Zypern bald folgen würde und damit die absolute Seeherrschaft im östlichen Mittelmeer für Athen greifbar wäre, hat sicher zum Entschluss beigetragen. 22 Außerdem war der Umstand, dass in Ägypten immer noch viele Griechen lebten, für Athen wohl Anlass genug, die Unternehmung auch für die Bündner überzeugend „as an act of Greek solidarity“ 23 im Krieg gegen die Perser hinzustellen, wofür man den Seebund ja gegründet hatte. Die negative Stimmung gegen die Ägypter aus den Jahren nach den Perserkriegen scheint zu dieser Zeit also kein besonderes Gewicht mehr zu besessen zu haben, oder war entscheidenderen Interessen untergeordnet. Dazu gehörte sicherlich auch die Erreichung einer Wiederbelebung des Handels und der Getreidelieferungen aus dem reichen Kornland Ägypten, so dass man, mit H. Bengtson, zusammenfassend sagen kann, dass es „Erwägungen macht- und handelspolitischer Art“ 24 waren, welche die Athener und ihre Bündner zu dieser ägyptischen Expedition veranlassten.
3. Die ägyptische Expedition
Es sind nur wenige Quellen erhalten, die Aufschluss über die ägyptische Expedition geben können. Zeitnah zu den Ereignissen steht, neben den drei Erwähnungen des ägyptischen Aufstandes bei Herodot (III, 12 ad fin.; III, 15; VII, 7), die aber allesamt nur kurze Anspielungen aus einem anderen Kontext heraus sind und nicht weiter ausgeführt werden, einzig der Bericht des Thukydides (I, 104 und 109f.), der die wichtigste Quelle zur Rekonstruktion der ägyptischen Expedition darstellt. Als Teil des Exkurses zur Pentekontaetie (I, 89-118, 2) ist die Darstellung allerdings geprägt durch dessen überblicksorientierten Charakter, was sich vor allem in einer starken Verknappung und der mangelhaften
19 Thuk. I, 104.
20 Ebd.; Oberägypten konnte, solange Memphis noch in den Händen der Perser war, auch wenn es wollte, keine
Hilfe an das revoltierende Unterägypten schicken, vgl. Gomme, A historical commentary, S. 306.
21 Herodot (3, 1, 4 und 7, 3) zumindest impliziert, dass die Besatzung noch ohne griechische Hilfe besiegt
worden war. Das Stillschweigen des Thukydides darüber bestätigt einen solchen Ablauf der Dinge; auch Ktesias
spricht von einem Sieg des Inaros über das persische Landheer bevor die athenische Flotte eintrifft (F 14, §36);
vgl. Meiggs, The Athenian Empire, S. 93 mit Anm. 4.
22 Meiggs, The Athenian Empire, S. 93f.
23 Rhodes, The Delian League, S. 50.
24 Bengtson, Griechische Geschichte, S. 209; vgl. auch Meiggs, The Athenian Empire, S. 95.
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Oliver Christl, 2008, Die Ägyptische Expedition der Athener, München, GRIN Verlag GmbH
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