1 Einleitung
Die Friedensidee des Erasmus von Rotterdam hat immer wieder die Gemüter der Menschen über die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Zeit bewegt. Die aufrüttelnden, rhetorischen Anklagen in den Erasmusschen Friedensschriften scheinen in allen Situationen kriegerischer Auseinandersetzung von zeitloser Gültigkeit zu sein und wurden somit in Kriegszeiten immer wieder neu gedruckt - etwa 1917 in Chicago, als die USA in den ersten Weltkrieg eintraten. Die Friedensschriften des Erasmus entstanden auch ihrerseits aus der unruhigen Lage heraus, in der sich der europäische Kontinent zur Zeit des Erasmus befand: die großen Herrscherhäuser, Valois und Habsburg, setzten alles daran, die Hegemonie in Europa zu erlangen. Und so bekriegte man sich gnadenlos und schmiedete Bündnisse, nur um sie gleich wieder zu brechen. Selbst die „heidnischen Barbaren“, die Türken, waren in diesem System machtpolitischer Interessen ein gern gesehener Bündnispartner, auch wenn die christlichen Oberhäupter die seit Mitte des 15. Jahrhunderts immer bedrohlicher werdende Türkengefahr offiziell aufs vehementeste bekämpften. Nur im Kontext dieser historischen Situation lässt sich die Entstehung der Friedensschriften des Erasmus erklären.
Im Folgenden soll nun Erasmus’ Einstellung zu den bedeutendsten Kriegsfragen seiner Zeit, unter Berücksichtigung der wichtigsten Schriften zu dieser Thematik, dargestellt werden. Nach der Darstellung der Ansichten des Erasmus zur zeitgenössischen Idee vom bellum iustum, sollen seine Einstellung zunächst gegenüber den Kriegen innerhalb der Christenheit und schließlich zum Krieg gegen die Türken behandelt werden.
Hierbei wird vor allem von den beiden bedeutendsten Friedensschriften des Erasmus, der „Querela pacis“ und der „Dulce bellum inexpertis“ (beide in deutscher Übersetzung), Gebrauch gemacht. Zur Türkenfrage wird zusätzlich die Schrift „Ultissima consultatio de bello Turcis inferendo, et obiter enarratus Psalmus XXVIII“ (aus Ermangelung einer Übersetzung im lateinischen Original) herangezogen.
1
2 Bellum iustum
Zu Lebzeiten des Erasmus von Rotterdam bestimmten die dynastischen und machtpolitischen Interessen der großen Herrscherhäuser die politische Landkarte Europas. Dabei waren die christlichen Fürsten nicht zimperlich bei der Wahl der Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele: Kriege standen auf der Tagesordnung. Der jeweilige kriegsführende Herrscher sah sich selbst im Recht, konnte er sich doch auf seit Jahrhunderten angewandtes „Kriegsrecht“ stützen, um seinen Krieg zu legitimieren. Diese in der frühen Neuzeit allgemein geltende Vorstellung, unter bestimmten sittlichen und rechtlichen Bedingungen sei ein christliches Oberhaupt zur Kriegsführung befugt, ging zurück auf den ersten Kirchenvater Augustinus. Seine Lehre vom bellum iustum wurde im Mittelalter übernommen und durch den Rechtslehrer Gratian weiterentwickelt. Thomas von Aquin formulierte diese Gedanken dann in die Begrifflichkeit, wie sie bis in die Neuzeit praktisch immer zur Kriegslegitimation angewandt wurde. Danach sei ein Krieg gerecht, wenn er drei Grundbedingungen erfülle: er dürfe erstens nur von einer zur Kriegsführung befugten Obrigkeit in Gang gebracht werden (auctoritas principis); zweitens müsse der Krieg zur Durchsetzung eines Rechtes, also einer gerechten Sache dienen (iusta causa); und drittens müsse sich der Fürst im Krieg (wie natürlich auch zu Friedenszeiten) von seiner rechtmäßigen Gesinnung leiten lassen (recta intentio). 1 Erasmus ließ diese Haltung zum Krieg nicht gelten. Er machte dies in seiner „Querela pacis“ mit den Worten der Friedensgöttin deutlich, wenn diese sagt, dass kaum ein Friede so ungerecht sei, als dass er nicht dem scheinbar gerechtesten Krieg vorzuziehen wäre. 2 In seiner Schrift „Dulce bellum inexpertis“ kritisierte er, dass der kriegsführende Herrscher jeden seiner Kriege für gerecht erkläre, egal ob er nun nach Rache sinnt oder wirklich Gerechtigkeit zu erreichen sucht. Denn schließlich sehe ja jeder den eigenen Beweggrund als gerecht an. 3 Erasmus durchschaute die heuchlerischen Ansprüche der verschiedenen christlichen Oberhäupter, seien es nun die europäischen Fürsten oder gar der Papst, ihre jeweiligen Konflikte durch gerechte, mit der christlichen Lehre scheinbar übereinstimmenden Beweggründen zu legitimieren.
Die Grundlagen für die Bestimmungen zum bellum iustum basierten hauptsächlich auf der Interpretation verschiedener Stellen der Bibel. Für Erasmus waren aber sämtliche Herleitungen aus der heiligen Schrift zur Rechtfertigung von Kriegen inakzeptabel. Das
1 Vgl. Repgen, K.: Kriegslegitimation in Alteuropa, in: HZ Band 241 (1985), S. 33f.
2 Erasmus von Rotterdam: Klage des Friedens, in: Zur Friedensidee in der Reformzeit. Texte von Erasmus,
Paracelsus, Franck, hrsg. v. Siegfried Wollgast, Berlin 1968, S. 34.
3 Vgl. Erasmus von Rotterdam: Süß erscheint der Krieg den Unerfahrenen. Übersetzt, kommentiert und hrsg. v.
Brigitte Hannemann, München 1987, S. 69.
2
Argument, dass doch auch die Israeliten, wie man es dem alten Testament entnehmen könne, auf Geheiß Gottes hin, also auch für eine gerechte Sache, Kriege geführt hätten, war seiner Meinung nach nicht mehr gültig, weil mit der Lehre Christi ein neues Zeitalter begonnen hätte. 4 Und so schrieb Erasmus auch immer wieder von Christus als dem wahren Friedensbringer, der nichts anderes lehrte und verkörperte als den Frieden 5 , der seinen Anhängern durch Wahrzeichen, Gleichnisse und Gebote die Liebe zur Eintracht einprägte 6 . Ebenso betonte Erasmus die christliche Lehre von der Feindesliebe, schließlich predigte Christus ja „den Frieden mit Freund und Feind“ 7 . Diejenigen, welche nun trotzdem die Kriege aus den Evangelien zu rechtfertigen versuchten, etwa durch eine dahingehende Interpretation der Worte Christi, griff Erasmus scharf an: sie verwässerten das Evangelium, nur um den Herrschern Gelegenheit zu geben, sich in ihren Begierden zur Kriegsführung geschmeichelt zu fühlen. 8
Die Annahme, es gebe einen bellum iustum, zeugt im Hinblick auf das 16. Jahrhundert, vor allem wegen der raschen Entwicklung im Heereswesen, von einer gewissen Absurdität. Nicht ohne Grund wies Erasmus in seinen Schriften immer wieder auf die unmenschlichen Gräuel des Krieges hin. Denn die einstmals überschaubaren adeligen Ritterheere des Mittelalters konnten sich in Ausrüstung und Masse nicht mit den seit Maximilian I. immer stärker bevorzugten Söldnerheeren messen, welche, zumeist ausgerüstet mit Schusswaffen und Kanonen, weit größere Verwüstungen anrichteten. Vor allem waren diese Erasmus verhasst, weil sie nicht einer Nation oder einem Herrscher dienten, sondern einzig und allein ihrem Sold. Deswegen bezeichnete Erasmus die Kriege der Christen auch als Raubzüge und nicht als Militäraktionen. 9 Mit Unverständnis beschrieb er in „Dulce bellum inexpertis“ die Doppelmoral von Recht und Krieg:
Einen Henker verabscheuen wir, weil er gegen Entgelt im Namen des Gesetzes verurteilte Verbrecher hinrichtet; und die, welche Eltern, Ehefrauen und Kinder zurücklassend, aus freien Stücken in den Krieg eilen, nicht gedungen, sondern sich um den Sold der ruchlosen Schlachtbank bewerbend, genießen, wo
sie nach Hause zurückkehren, fast mehr Gunst, als wenn sie nie fortgewesen wären. 10 Zusätzlich entstanden durch das aufwändige Kriegsgerät auch enorme Kosten, welche vor allem das Volk, in Form von Steuern und Abgaben, zu tragen hatte. Auch die Friedensgöttin in der „Querela pacis“ beklagt die Unkosten, welche durch einen Krieg entstünden und
4 Vgl. Christ- von Wedel, C.: Erasmus von Rotterdam. Anwalt eines neuzeitlichen Christentums, Köln o.J.,
S. 216.
5 Klage des Friedens, S. 16.
6 Ebd. S. 18.
7 Ebd. S. 17.
8 Süß erscheint der Krieg den Unerfahrenen, S. 70.
9 Vgl. ebd. S. 67.
10 Ebd.
3
Arbeit zitieren:
Oliver Christl, 2004, Die Friedensidee des Erasmus von Rotterdam, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Antiochos IV. im Buch Daniel - Tyrann oder Realpolitiker?
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die Christianisierung der Franken
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Exegese Lukas 7.36-50 - Jesu Salbung durch die Sünderin
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 27 Seiten
Jesu Salbung durch die Sünderin - Eine Auslegung von Lk 7, 36 - 50
Theologie - Biblische Theologie
Seminararbeit, 20 Seiten
Bildungstheoretische Didaktik - Wolfgang Klafki
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Allgemeinbildung in kritisch-konstruktiver Perspektive - Wolfgang Klaf...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 21 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Eine häretische Bewegung und d...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 20 Seiten
Oliver C.'s Text Die Friedensidee des Erasmus von Rotterdam ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Oliver C. hat den Text Die Friedensidee des Erasmus von Rotterdam veröffentlicht
Oliver C. hat einen neuen Text hochgeladen
Dritter Teilband. Griechisch-D...
Origenes, Claudia Barthold, Michael Fiedrowicz
Periochae Et Argumenta Librorum Viginti Fl. Iosephi De Antiquitatib. I...
singulorum capitum summam sing...
Carl von Reifitz
Human Freedom, Christian Righteousness: Philip Melanchthon's Exegetica...
Timothy J. Wengert
Alexandrian War. African War. Spanish War = de Bello Alexandrino. de B...
Caesar, A. G. Way
Caesar and the Germans; Adapted from Caesar, 'de Bello Gallico', and E...
Alfred Herbert Davis
0 Kommentare