1. Einleitung
In der modernen Mediengesellschaft ist immerwährende und ständige Information, sei es in Form von Bildern, Werbung oder Nachrichten, ein allgegenwärtiges Phänomen. Als wichtigstes Medium über Jahrhunderte hinweg, das Nachrichten verbreiten, informieren aber auch Stimmung erzeugen will, wurde der Zeitung zwar längst der Rang durch Fernsehen und Computer abgelaufen, dennoch ist ihr Einfluss auf den tagtäglichen Informationsfluss ungebrochen, auch, weil sich mit dem Siegeszugs des Internets ein neuer und weitaus größerer Markt aufgetan hat, der sich, in Form von Online-Zeitungen im Laufe der Jahre immer größerer Beliebtheit erfreut.
Im schulischen Alltag begegnet Jugendlichen das Medium Zeitung in der Regel im Deutschunterricht. Aber auch im Fach Geschichte greift man gelegentlich auf einen Zeitungsartikel zurück, zumeist wenn darin eine historische Rede abgedruckt ist, um eine bestimmte historische Situation zu beleuchten. Wie darüber hinaus Presseartikel im Unterricht eingesetzt werden können und welchen Nutzen sie für den Geschichtsunterricht haben, soll im Folgenden geklärt werden.
Dazu wird, nach der Beschreibung der Eigenschaften der Quelle Presseartikel und ihrer Geschichte, ihr didaktischer Wert für den Geschichtsunterricht untersucht, um dann abschließend eine konkrete Einsatzart der Quelle in einer Unterrichtsskizze darstellen zu können. Zur Quelle Presseartikel an sich gibt es nur wenig Literatur. Zu nennen wären als allgemeine Überblickswerke zum Medium Zeitung die Darstellungen von E. Straßner, H.-D. Fischer und P. S. Brand. Zur Quelleninterpretation im Allgemeinen bieten die Untersuchungen von K. Bergmann, G. Schneider und H.-J. Pandel, zum Einsatz von Presseartikeln im Unterricht die Arbeiten von V. Ackermann und K. Lampe wichtige Anhaltspunkte.
2. Presseartikel als Quelle
2. 1 Definition und Textgattungen
Der Umstand, dass Presseartikel bevorzugt in einem bestimmten Medium, nämlich dem der Zeitung, erscheinen, macht es notwendig, sich zunächst mit den grundlegenden Prinzipien dieses Mediums vertraut zu machen. Auch im Hinblick auf das zweite wichtige Medium zur Publikation von Presseartikeln, dem Internet, das sich durch eine schnellere und in der Regel auch kostengünstigere Verfügbarkeit gegenüber der gedruckten Zeitung in den letzten Jahren zu einer immer stärker wachsenden Konkurrenz entwickelt hat, ist eine solche Herangehensweise sinnvoll, da eine Publikation im Internet im Grunde denselben Prinzipien
1
folgt, wie eine Veröffentlichung in einer gedruckten Zeitung. Damit wäre bereits ein Hauptmerkmal des Mediums Zeitung angesprochen: die Publizität. Denn Kennzeichen einer jeden Zeitung ist ihre „grundsätzliche Zugänglichkeit“ für die Öffentlichkeit. 1 Als das „Kardinalkriterium“ der Zeitung gilt die Periodizität, also ihr „Erscheinen zu einem genau bestimmten Zeitpunkt“, so dass die „Berichterstattung kontinuierlich und regelmäßig erfolgen kann“, sei es nun, ob als Wochezeitung wöchentlich, oder als Tageszeitung jeden Tag. 2 Damit verbunden ist ihre Aktualität, die den Gegenwartsbezug und die Neuwertigkeit der Berichterstattung verdeutlicht. Außerdem ist auch die inhaltliche Vielfalt bzw. das breite Spektrum der behandelten Themen, also die Universalität, welche eine grundsätzliche Offenheit nach allen Lebensbereichen hin beinhaltet, kennzeichnendes Merkmal einer jeden modernen Zeitung. 3
Die Quelle Presseartikel an sich ist, nach der Definition Ahasver von Brandts, sowohl Überrest „als Dokument zeitgenössischen politischen Lebens“, als auch Tradition, „insofern sie durch Nachrichtengebung auch ‚historische’ Kenntnis von Begebenheiten vermitteln will“. 4 Dabei ist zu beachten, dass ein rückblickender Bericht über ein Ereignis, also der in dieser Definition als Tradition erkannte Versuch, dem Leser den Ablauf eines Geschehnisses zu verdeutlichen, eng verwandt ist mit Berichten über historische Ereignisse, welche häufig als historische Reportagen in Zeitungen, bzw. als eigenständige Geschichtszeitschriften publiziert werden. Doch während ersterer sich in der Regel auf ein vor kurzem stattgefundenes Ereignis bezieht und somit als zeitnahes Dokument im Sinne einer Quelle fungieren kann, erfüllen letztere mit ihrer relativen zeitlichen Entfernung zum historischen Ereignis die Kriterien einer historischen Darstellung. Neben der Quelle Presseartikel findet sich auch die Quelle „Zeitungsberichte“, welche, zumindest vom Namen her, auf eine Bedeutungsüberschneidung schließen lassen würde. Dass dem aber nicht so ist, verdeutlicht ihre alternative Bezeichnung als „Verwaltungsberichte“, die ihren Zweck als Informationsblätter über Verwaltungsangelegenheiten offenbart. Diese heute hauptsächlich über Archive zugänglichen Dokumente wurden 1812 in der preußischen Verwaltung eingeführt und dienten dem preußischen König und seinen Staatsministern bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zur Überwachung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in den Provinzen. 5
1 Brandt, Medienkundliches Handbuch, S. 7.
2 Straßner, Zeitung, S. 5.
3 Brandt, Medienkundliches Handbuch, S. 7; vgl. Straßner, Zeitung, S. 5.
4 von Brandt, Werkzeug des Historikers, S. 60.
5 Vgl. Schneider-Treffeisen, Zeitungsberichte, S. 153 - 169.
2
Die Quelle Presseartikel erscheint in verschiedenen Textformen, wobei im Allgemeinen zwischen den drei Hauptgattungen Nachricht, Reportage und Kommentar unterschieden wird. Hauptmerkmal der Nachricht ist ihr objektiv referierender Charakter, der sie vom persönlich gefärbten und interpretierenden Tatsachen- und Erlebnisbericht einer Reportage und dem Kommentar bzw. Leitartikel, in dem die Redaktion Stellung nimmt, abgrenzt. 6 Neben der Bereitstellung grundlegender Informationen zu einem Ereignis, also der Beantwortung der so genannten „sechs W-Fragen“, folgt jede Nachricht dem Grundsatz, dass die wichtigsten Fakten zuerst berichtet werden. In ihrer Kurzform als Meldung oder in ihrer Langform als Bericht bildet sie die Grundlage nicht nur der Zeitung, sondern jeder journalistischen Arbeit. Die Annahme, dass die Nachricht als Tatsachenbericht strikt objektiven Kriterien gehorche, kann schon alleine auf Grund der Vorauswahl einer Nachricht durch die Redaktion als unrealistisch bezeichnet werden. 7 Oft sind Nachrichten auch durch subjektive Stellungnahmen oder objektiv unwichtige Ereignisse durchsetzt, welche Aufmerksamkeit oder Neugierde beim Leser erwecken sollen, so „dass die Trennungslinien zwischen Nachricht, Reportage und Kommentar nicht immer eindeutig zu ziehen sind.“ 8
Von besonderem Quellenwert sind, neben weiteren Arten von Presseartikeln wie zum Beispiel der Glosse oder den Kritiken zu Theater, Film, Buch, Kunst und Musik, insbesondere Interviews und Leserbriefe. Beide enthalten authentische und direkte Stellungnahmen zu einem aktuellen Thema, erstere aus der Sicht einer Persönlichkeit, etwa aus der Politik oder der populären Kultur, letztere von der Position interessierter Leser. Aus dem nichtredaktionellen Teil einer Zeitung sind vor allem die Anzeigen als Quelle hervorzuheben, da sie, etwa in der Form von Heiratsanzeigen, lebensnahe Einblicke in eine Gesellschaft ermöglichen. 9
2. 2 Geschichte und Tendenzen
Nach der Erfindung des Buchdruckes erschienen bald, etwa um 1480, erste Flugblätter im deutschsprachigen Raum, die sich zunächst mit theologischen Fragestellungen, später auch mit politischen Themen, wie zum Beispiel Krönungen oder Kriegsausbrüchen, beschäftigten. Der aktuelle und häufig auch kontroverse Inhalt dieser frühen Publizistik wirkte bereits als „Katalysator für die öffentliche Meinungsbildung“. 10 Diese Tendenz setzte sich auch in ihren direkten Nachfolgern, welche zunächst „Avisen“ und „Relationen“, später aber immer
6 Vgl. Ackermann, Presseartikel, S. 238ff.
7 Brandt, Medienkundliches Handbuch, S. 135f.
8 Ackermann, Presseartikel, S. 240.
9 Vgl. Straßner, Zeitung, S. 16ff.
10 Fischer, Handbuch der politischen Presse, S. 167.
3
häufiger auch „Zeitung“ hießen, um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert fort. Neben diesen ausschließlich aus Nachrichten bestehenden wöchentlich erscheinenden Publikationen erschienen ab Mitte des 17. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum auch die ersten Tageszeitungen. 11 Die Möglichkeiten zur Meinungsäußerung in diesen frühen Zeitungen waren allerdings durch die Restriktionen des absolutistischen Staates stark eingeschränkt, was aber eine weitere Politisierung der Presse im Laufe des 18. Jahrhunderts nicht verhinderte. Um die Zensur zu umgehen erschien liberaleres Gedankengut zunächst in nur wenig überwachten, so genannten politischen Zeitschriften, welche sich allerdings von Stellungnahmen zur Tagespolitik fernhielten. Durch diese in der Regel von Privatunternehmern getragenen „Meinungsblätter“ wurde sowohl der aufklärerische Liberalismus einerseits als auch der monarchische Konservativismus andererseits gefördert, welche gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf Grund der französischen Herrschaft beide nationalistische Prägung annahmen. 12 Entgegen der Verbote und Zensur zunächst der napoleonischen Militärverwaltung und anschließend in der Restaurationszeit versuchten vereinzelt mutige Publizisten bis in die Zeit des Vormärz ihre national-liberalen Ideen an die Öffentlichkeit zu bringen. Seit der Revolution von 1848, die eine vorübergehende Pressefreiheit mit sich brachte, erreichte die Presse in Deutschland eine bedeutende Stellung, der der Staat durch Verbote und Unterdrückung allein nicht mehr begegnen konnte. Nach den verschiedenen politischen Richtungen ausgelegt, entstand die „Gesinnungspresse“, aus der vielfach die offiziellen Parteiorgane hervorgingen. Zugleich entwickelte sich das Publikationswesen allmählich, vor allem durch die neuen Herstellungstechniken begünstigt, hin zur so genannte Massenpresse, die seit dem freiheitlichen Reichspreßgesetz von 1874 im Deutschen Reich neben seriösen politischen Zeitungen nun auch eine Vielzahl auf breiteste Leserschichten zugeschnittene „Generalanzeiger“ beinhaltete. 13 Nun erlangten die Anzeigen, in der Funktion als bezahlte Inserate, ihre wichtige Stellung als kommerzielle Basis für die Zeitung. 14
Die Kommerzialisierung und Verbreitung der Zeitung nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter zu. Nachdem im Ersten Weltkrieg eine weitestgehende Zensur der Presse zumindest für Themen von militärischem Belang vorherrschte, sah die Weimarer Verfassung von 1919 Meinungs- und Pressefreiheit vor, welche allerdings gegen Ende der Weimarer Republik durch den Reichspräsidenten mehrmals vorübergehend aufgehoben und nach der
11 Vgl. Brandt, Medienkundliches Handbuch, S. 11 - 15.
12 Vgl. Fischer, Handbuch der politischen Presse, S. 176 - 182.
13 Brandt, Medienkundliches Handbuch, S. 17.
14 Straßner, Zeitung, S. 2f.
4
Arbeit zitieren:
Oliver Christl, 2007, Presseartikel im Geschichtsunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zum Testament Attalos III - Rom als Erbe des Königreichs Pergamon
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 16 Seiten
Zur Kategorie des Risikos in der soziologischen Theorie
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Essay, 11 Seiten
Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang"...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die Vegetation der Wutachschlucht
Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie
Seminararbeit, 31 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther / Uwe Timm...
Referat / Aufsatz (Schule), 11 Seiten
Vaterfiguren in den Stücken "Familie Selicke" und "Papa...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 23 Seiten
"Vor Sonnenaufgang": Analyse eines Theaterskandals
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Theologie der Befreiung in Südamerika
Theologie - Religion als Schulfach
Referat / Aufsatz (Schule), 23 Seiten
Die Krise in den achtziger Jahren nach Titos Tod
Geschichte Europa - and. Länder - Europa Nachkriegszeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Die Bedeutung von Natur und Technik in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Das Modell deliberativer Demokratie von Habermas
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 21 Seiten
Oliver C.'s Text Presseartikel im Geschichtsunterricht ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Oliver C. hat den Text Presseartikel im Geschichtsunterricht veröffentlicht
Oliver C. hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare