1. Einleitung
Die Welt, in der wir leben, kann man, oder besser unser Bewusstsein, in verschiedene Teile zerlegen: Es kann Töne aus Melodien heraushören, Farben voneinander abgrenzen, Formen unterscheiden, Gegenstände in zahllose Teile zerlegen und sogar eigens wieder kreativ zusammensetzen.
Die Welt birgt für das Bewusstsein aber oft Täuschungen, mit denen es oft erst „klarkommt“, wenn es sich länger mit jenen auseinandersetzt und sie zu erklären versucht. Aufgrund dieses notwendigen Zeitraums können beim ersten Sichten eines Gegenstandes des Bewusstseins leicht optische Täuschungen entstehen, die erst mit der Zeit aufgelöst werden können, also durch „näheres Hinsehen“, durch das Zeit verbrauchende Auseinanderlegen des Ganzen. Das Bewusstsein wird getäuscht, nicht etwa, weil die physikalischen Gegebenheiten der Täuschung entsprechen, also eine 3-dimensional wirkende Figur wie Abb. 1 wirklich auch 3-dimensional ist, sondern weil die Vorstellung der 3-
Dimensionalität im Bewusstsein selbst entsteht und dies erst Informationen verarbeiten muss. Woher sonst sollte die Täuschung kommen außer vom Bewusstsein selbst?
Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was das
Bewusstsein zuerst verarbeitet, erst das Ganze, das es wahrnimmt, oder Teile des Ganzen, und ob eine solche Fragestellung überhaupt sinnvoll ist. Es soll nicht gezeigt werden, dass Ganzheiten imstande sind zu täuschen, denn das ist eingängig, sondern wie und wann das Bewusstsein seine Eingangsreize als Ganzes oder als Teile einstuft, wodurch ja optische
Abb. 2 („Wikipedia“) Täuschungen entstehen können.
Ein gutes Einführungsbeispiel sind die beiden
Figuren in Abb. 2. Die beiden mittleren Kreise sind gleich groß, doch erscheinen sie nicht so. Der rechte mittlere Kreis scheint, von größeren Kreisen umgeben als der linke,
größer. Der Betrachter sieht sich zuerst die ganzen Figuren sehen, dann erst kann er sich durch Anlegen eines inneren Maßstabs vergewissern, dass beide mittleren Kreise gleich groß sind. Aber sieht er wirklich zuerst das Ganze und dann die Teile? Blickt man danach mit
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einem Vergrößerungsausschnitt, der so groß ist wie die beiden mittleren Kreise, nochmals über die beiden Figuren, so kann man die physikalisch richtigen Proportionen der Kreise erkennen. Der Unterschied für den Schluss über die Größe der beiden Kreise besteht scheinbar nur darin, dass man bestimmte Teile des Bildes vergrößert und damit zum Ganzen der Wahrnehmung macht. Es scheint davon abzuhängen, was man alles vor den Augen hat, und wenn es nur Teile eines Ganzen sind, die unser Blickfeld bestimmen. Wenn der Mensch auch noch auf dem Hinterkopf Augen hätte und ein viel größeres Blickfeld hätte, was evolutionär sicher möglich gewesen wäre, so wäre „das Ganze“ für ihn also wieder vollkommen neu definiert. Möglicherweise würde er sich leichter täuschen lassen, da sein Blickbereich ja größer wäre. Es wäre interessant, zu untersuchen, ob sich bei verschiedenen „Bildschirmgrößen“ der Wahrnehmung oder auch verschiedenen Arten der Bildschirme (z.B. bei den eher seitlich gelegenen Augen der Insekten) auch die Anzahl oder Art der optischen Täuschungen oder die Wahrnehmung in sonst einer Weise verändert. Kleine Anfänge zu dieser Fragestellung gaben Kinchla und Wolfe (1979), siehe Punkt 2.2.1, indem sie die absolute Größe eines Objekts in der Wahrnehmung änderten, was einer Verkleinerung des Bildschirms entspricht.
2. Hauptteil
2.1 Navons Untersuchung der globalen Präzedenz anhand Buchstaben
2.1.1 Darstellung Navons Experiments
Der erste, der sich in ernster Weise experimentell damit beschäftigt hat, ob zuerst das Ganze oder die Teile einer gesehenen Szene verarbeitet werden oder andersherum („global
structuring of a visual scene precedes analysis of local features“
(Navon, David; 1977;
Forest Before Trees: The Precedence of Global Features in Visual Perception,
S. 453, Z. 6-7)), war
David Navon (1977) mit seinem Artikel namens „Forest before trees: The precedence of global features in visual perception“. Im Experiment wurden Versuchspersonen Buchstaben wie in Abb. 3/1 vorgegeben, deren Form aus lauter kleineren Buchstaben bestand, also z.B. ein H mit großer Schriftgröße aus H mit kleiner Schriftgröße (Kongruenz
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gegeben, d.h. kleiner und großer Buchstabe sind gleich) oder ein großes H aus kleinen S (Inkongruenz) wie in Abb. 3/1, ein großes S aus kleinen S (Kongruenz) oder ein großes S aus kleinen H (Inkongruenz). Es „musste entweder der groß abgebildete Buchstabe…“ so schnell wie möglich „…identifiziert werden, oder aber der Typ der kleinen Buchstaben, aus denen der groß abgebildete bestand.“ (Gadenne, Volker; 1996; Bewusstsein, Kognition und Gehirn; Einführung in die Psychologie des Bewusstseins; Bern, Hans Huber Verlag, S. 38, Z. 12-14) Das Resultat war, dass die Versuchspersonen länger brauchten, die kleinen Buchstaben, die den Großen bildeten, zu benennen, als im anderen Versuch den Großen, der aus kleinen Buchstaben bestand. Navon (2003) nennt diese Auswirkung den „globalen Vorteil“. Als „globale Interferenz“ bezeichnet er dagegen den Fakt, dass die Verarbeitung der lokalen Merkmale, der kleinen Buchstaben, durch die überlagernde Information auf der globalen Ebene, also durch den großen Buchstaben, beeinträchtigt wird. Außerdem ergab sich bei Navon (1977), dass „die benötigte Zeit, den jeweils kleinen Buchstabentyp zu identifizieren, erheblich länger…“ war „…, wenn … großer und kleiner Buchstabe…“ inkongruent „…waren, als wenn sie gleich waren.“ (Gadenne, S. 38, Z. 17-19). Die Resultate sind in Abb. 3/2 veranschaulicht.
Abb. 3/2 (Kunde)
2.1.2 Diskussion
Das Experiment zeigt, dass es eine schnellere Antwort auf die „globalen“ Buchstaben gibt als auf die„lokalen“. Die Identifikation globaler Strukturen muss nach Navon (1981) früher gegeben sein als die lokaler Strukturen.
„Early in processing, two different shape matrices sharing the same global pattern will appear to match, even though the local elements mismatch.” (Love, Bradley C.; Rouder, Jeffrey N.; 1998; Wisniewski, Edward J.; A Structural Account of Global and Local Processing; S.303, Z. 30-32)
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Um den kleinen Buchstaben zu erkennen, muss er aus dem Kontext des Großen herausgelöst werden, was eine kontextunabhängige, zeitaufwendigere Wahrnehmung erfordert. Das Bewusstsein wird durch die Anwesenheit des großen Buchstabens so getäuscht und abgelenkt, dass es länger dafür braucht, die kleinen zu erkennen. Der große Buchstabe hingegen ist nur zu erkennen, wenn seine Teilelemente, also die kleinen Buchstaben, als Ganzes wahrgenommen werden.
2.2 Nähere Untersuchung der globalen Präzedenz
2.2.1 Die Exzentrität des Reizes
Der Versuch beweist somit, dass „die Wahrnehmung des Ganzen die Wahrnehmung der Teile“ (Gadenne, S. 38, Z. 20-21) zu beeinflussen, zu illusionieren imstande ist und regte zu weiteren Nachforschungen an, ob dies auch immer so ist. Man fand heraus, dass der „globale Vorteil“ und die „globale Interferenz“ unter bestimmten Bedingungen lokal werden können und die Geschwindigkeit der Verarbeitung der globalen Ebene variieren, wenn man bestimmte Merkmale der Versuchsanordung ändert.
Eines dieser Merkmale kann z.B. die „Exzentrizität der…“ wahrgenommenen „…Stimuli“ (Malinowski, Peter; 2001; Funktionelle Gehirnasymmetrien bei der Verarbeitung globaler und lokaler Merkmale visueller Szenen; S. 6, Z. 13) (die Fovea ist das Zentrum) sein. Globaler Vorteil und Interferenz zeigten sich bei Grice, Canham und Boroughs (1983) nur im rechten und linken visuellen Feld, nicht im mittleren.
Kinchla und Wolfe (1979) fanden heraus, dass ein globaler Vorteil bei Gegenständen, die auf der Fovea sehr groß abgebildet werden, nicht auftritt, da sie „in einer sehr frühen Phase des Wahrnehmungsprozesses verarbeitet“ werden (Gadenne, S. 38, Z. 25). Der Sehwinkel darf höchstens 7 Grad betragen.
2.2.2 Abhängigkeit von der Güte der Gruppierung lokaler Elemente
LaGasse (1993) z. B. „verwendete hierarchische Stimuli von unterschiedlicher Größe und mit einer unterschiedlichen Anzahl von lokalen Elementen… . Nur in der Bedingung mit vielen lokalen Elementen…“ zeigte sich „…ein globaler Vorteil“ (Volberg, Gregor; 2004; Funktionelle Gehirnasymmetrien für die Integration von Ebene und Form bei hierarchischen visuellen Reizen; S. 8, Z. 7-10 ), so wie in Abb. 4 zu sehen.
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Arbeit zitieren:
Reinhart Heißler, 2006, Die zeitliche Verarbeitung globaler und lokaler Merkmale in der optischen Wahrnehmung, München, GRIN Verlag GmbH
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