Gliederung
1. Einleitung
2. Gesundheitliche Risikofaktoren im Bereich Familie
2.1. Familie als (sozial interaktives) Umfeld gesundheitlicher Entwicklung
2.2. Vollständigkeit der Familie
2.3. Familie als Mediator von Sozialschichteffekten
3. Gesundheitliche Risikofaktoren im Bereich Schule
4. Gesundheitliche Risikofaktoren im Bereich Freizeit
5. Salutogene Faktoren im Leben von Kindern und Jugendlichen
5.1. Gesundheitsförderung auf struktureller Ebene
5.2. Gesundheitsförderung auf institutioneller Ebene
5.3. Gesundheitsförderung auf personenzentrierter Ebene
6. Fazit
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1. Einleitung
Gesundheitliche Risikofaktoren im Leben von Kindern und Jugendlichen sind eng mit den allgemeinen Lebensbedingungen einer Kultur verbunden, innerhalb derer sie aufwachsen. Es liegt nahe, daß in einer hochentwickelten Industriegesellschaft wie in Deutschland qualitativ andere gesundheitliche Gefährdungspotentiale bei einer Be-standsaufnahme einbezogen werden müssen, als in weniger entwickelten Ländern. So ist auffällig, daß in Deutschland, trotz eines hochgradig entwickelten medizinischen Versorgungs- und Informationssystems, eine alarmierend hohe Zahl an Jugendlichen unter gesundheitlichen Belastungen und Störungen leidet, denen nicht mehr unmittelbar mit ausschließlich biomedizinischen Diagnose- und Therapiemodellen beizukommen ist. K. Hurrelmann spricht von den „Kosten der modernen Lebensweise“ und bezeichnet damit die hohe Verbreitung emotionaler, sozialer und somatischer Belastungen, denen Kinder und Jugendliche innerhalb unserer Gesellschaft ausgesetzt sind und die sich u.a. in Form von psychosozialen, psychosomatischen und psychischen Störungen (u.a. auch in Suchtstörungen) niederschlagen. Geschätzt wird, daß etwa 12-15 % aller Jugendlichen unter psychischen Störungen (u.a. Psychose, emotionalen Störungen, Verhaltensstörungen) leiden. Besonders oft werden Lernstörungen, Teilleistungsschwächen (Hyperaktivität, Lese-Rechtschreibschwäche ) festgestellt. Darüberhinaus ermittelten verschiedene Studien einen Anteil von ca. 20 % aller Jugendlichen, die von psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Nervosität, Unruhe, Rückenschmerzen, Magenbeschwerden, Schlafstörungen usw. ) betroffen sind (vgl. Hurrelmann, 1994, S. 218 ). Deutliche Zuwachsraten lassen sich auch bei allergischen Erkrankungen, Neurodermitis, Haut- und Schleimhauterkrankungen etc. verzeichnen, wobei hier der verschlechterte ökologische Einfluß der Umwelt berücksichtigt werden muß. Einen Hinweis auf die veränderte Qualität von Belastungen im Leben junger Menschen kann auch die Zunahme der Selbstmordversuche und Selbstmorde geben (vgl. a.a.O.). Diese potentiellen Gefährdungen sind auf wirtschaftliche und kulturelle Veränderungsprozesse zurückzuführen, die in wenigen Sätzen grob umrissen werden können: - Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland bewirkte einen hohen Zuwachs an Konsummöglichkeiten, aber auch einen qualitativ anspruchsvolleren Arbeitsmarkt ( Ausbau des Dienstleistungsektors, technologische Innovationen, Rationalisierungen, etc.) und führte seit den 70er Jahren zu einer stark angewachsenen Arbeitslosigkeit.
-Die Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte führte zu höheren und längeren Bildungsanstrengungen für alle Bevölkerungsschichten und zu einer Verschärfung der lebensschicksalhaften Bedeutung der schulischen Qualifikation. -Die stark angewachsene Bildungsbeteiligung und Berufstätigkeit unter Frauen führten zusammen mit Prozessen wie Emanzipationsbewegung, Wertewandel, Demokratisierung und Ausbau des Sozialstaats zu veränderten Familienstrukturen. -Die mit den strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen einhergehende „Individualisierung von Lebensläufen“ bewirkte einen Bedeutungsverlust traditioneller Sicherheiten für die gesellschaftliche Integration und damit sowohl neue Entfaltungsspielräume als auch neue Unsicherheiten und Risiken. Der Individualisierungsprozess geht einher mit einer verstärkten „Institutionalisierung von Lebensläufen“ und infolgedessen zu einer tendenziellen Verschärfung der Abhängigkeiten des Einzelnen von gesellschaftlichen Erwartungen, Meinungen und Verhaltensstandards bei der Entwicklung einer positiven Selbstwertschätzung (vgl. Beck, 1986, S. 211).
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Diese gesellschaftliche Ausgangssituation hat weitreichende Konsequenzen für die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen in der heutigen Zeit: Hurrelmann verdeutlicht, daß Jugendliche heutzutage einen hohen Aufwand betreiben müssen, um einerseits den gewachsenen schulischen und beruflichen Leistungsanforderungen und andererseits den größeren Freiheitsspielräumen gleichermaßen gerecht werden zu können. Demzufolge müssen Jugendliche ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Selbstorganisation und individueller Werte- und Zukunftsorientierung aufbringen, um sowohl ihre gesellschaftliche Integration als auch ihren subjektiven Lebenssinn eigenständig zu sichern ( vgl. Hurrelmann, 1994, Kap.4-6 ). Sozialpsychologisch gesehen bedeutet das, daß die heutige Jugend mit einer Reihe von kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen (u.a. langfristiges Denken, hohe Frustrationstoleranz, Selbstreflexion, Verinnerlichung von verschiedenartigen Regeln und sozialen Erwartungen, Ausbildung einer selbstgesteuerten Ich-Identität/Selbstbewertung ...) ausgestattet sein müssen, um ihre Entwicklungsaufgaben erfolgreich zu bewältigen. Im weiteren sind hierbei ein Mindestmaß an materiellen und finanziellen Ressourcen ausschlaggebend. In dieser schwierigen Ausgangslage, das soll die vorliegende Arbeit untermauern, liegen die gegenwärtig bedeutsamen gesundheitlichen Risikofaktoren im Leben von Kindern und Jugendlichen verborgen. Als Folge der verschärften psychischen Anpassungsleistungen, die für eine zufriedenstellende soziale Integration und Persönlichkeitsentwicklung vom Einzelnen gefordert sind (und sich u.a. als psychosoziale Folgekosten der Moderne zunehmend niederschlagen), setzte sich ein Verständnis von Ge-sundheit durch, das weit über das traditionell biomedizinische Gesundheitsbild hinausgeht und den Begriffen „Krankheit“/ „Gesundheit“ eine ganzheitlichere Sichtweise zugrunde legt. Schon im Jahr 1946 formulierte die WHO einen damals revolutionären Gesundheitsbegriff, mit dem Gesundheit definiert wird als der „Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“( WHO,1946, In: Hurrelmann, 1993, S.16). In Anlehnung an diese Definition bezeichnet Hurrelmann Gesundheit als „ein aktuelles Ergebnis der jeweils aktiv betriebenen Herstellung und Erhaltung der sozialen, psychischen und körperlichen Aktionsfähigkeit eines Menschen“. Im weiteren definiert er Gesundheit als ein Prozeß, „(...) der nur möglich ist, wenn ein Individuum flexibel und zielgerichtet den jeweils optimal erreichbaren Zustand der Koordination von inneren und äußeren Anforderungen bewältigt, dabei eine zufriedenstellende Kontinuität des Selbsterlebens (der Identität) und eine persönliche Selbstverwirklichung in Abstimmung mit und in Rücksichtnahme auf Interaktionspartner ermöglicht.“ (Hurrelmann, 1993, S.17 ). Mit diesem Gesundheitsverständnis integriert Hurrelmann die psychischen, physischen und sozialen Aspekte von Gesundheit in ein umfassendes Konzept und bezieht die Bewältigung der dabei relevanten Bedingungsfaktoren des Lebensumfeldes einer Person mit ein. Unter der Voraussetzung dieses Gesundheitsverständnisses müssen also neben rein körperlich schädigenden Erkrankungsrisiken (z.B. in Bereichen wie Ernährung, Hygiene, medizinische Prophylaxe, usw.) auch solche potentielle gesundheitliche Risikofaktoren und salutogene Einflüsse in denjenigen Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen ausgemacht werden, die eine erhebliche Bedeutung haben sowohl für die zufriedenstellende Persönlichkeitsentwicklung als auch für die erfolgreiche soziale Integration unter den heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich deshalb die gesundheitlichen Risikofaktoren und salutogenen Potentiale in den Bereichen Familie, Schule und Freizeit betrachten und mich dabei auf einige wichtige Aspekte beschränken. Hierbei stütze ich mich zum einen auf theoretische Erkenntnisse der Jugendsoziologie, Familiensoziologie, Sozialpsycho-
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Arbeit zitieren:
Martin Moharrer, 1999, Welche Risikofaktoren und welche salutogenen Faktoren sind im Leben von Kindern und Jugendlichen wirksam ?, München, GRIN Verlag GmbH
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