0 Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
1.1 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit 5
1.2 Aufbau und Umfang der Arbeit 6
2 Der allgemeine Toleranzbegriff 7
2.1 Der diffuse sozio-politische Toleranzbegriff 8
2.2 Der lexikalische Toleranzbegriff. 10
Exkurs : Begriffliche Abgrenzung: Akzeptanz, Ignoranz 12
3 Komponenten und Konzeptionen der Toleranz 12
3.1 Toleranzkomponenten. 13
3.1.1 Kontextkomponente 14
3.1.2 Ablehnungskomponente. 14
3.1.3 Akzeptanzkomponente 14
3.1.4 Toleranzgrenze 15
3.1.5 Prinzip der Freiwilligkeit 16
3.1.6 Praxis und Haltung 16
3.2 Toleranzkonzeptionen 16
3.2.1 Erlaubnis-Konzeption. 17
3.2.2 Koexistenz-Konzeption. 18
3.2.3 Respekt-Konzeption 18
3.2.3.1 Modell der formalen Gleichheit 19
3.2.3.2 Modell der qualitativen Gleichheit. 19
3.2.4 Wertschätzungs-Konzeption 19
4 Die UNESCO-Toleranzdeklaration 20
4.1 Historische Einordnung und Bedeutung der Deklaration 20
4.2 Formale Gliederung der Deklaration. 22
4.3 Intrinsische Begriffsbestimmung 22
4.4 Komponentenbau der Deklaration 24
4.4.1 Kontextkomponente der Deklaration 24
4.4.2 Akzeptanzkomponente der Deklaration 25
4.4.3 Ablehnungs- und Grenzkomponente der Dekaration 26
0 Inhaltsverzeichnis 3
4.4.4 Freiwilligkeitskomponente der Dekaration. 27
4.4.5 Praxis- und Handlungskomponente der Deklaration 28
4.5 Die Toleranzkonzeption der Deklaration 29
4.5.1 Werthaltigkeit und Reichweite der Deklaration. 29
4.5.2 Die Respektkonzeption als adäquates Modell für die Deklaration 30
5 Anhang A: Deutscher Text der 'Erklärung von Prinzipien der Toleranz' 34
6 Literaturverzeichnis 37
1 Einleitung 4
1 Einleitung
Das Konzept der Toleranz ist politisch und ideengeschichtlich von ausserordentlicher Bedeutsamkeit für die Genese der liberalen Demokratie. Der ihr zugrunde liegende Begriff der Toleranz ist überaus konfliktbehaftet, da er eine Haltung einfordert, die erst in Konfliktsituationen zum Tragen kommt, in denen ein Widerstreit von Überzeugungen und Praktiken entschärft werden muss. Ein derartiger Konflikt soll durch die Vermittlung der Toleranz dahingehend kanalisiert und gedämpft werden können, als bestehenden Ablehnungsgründen gegenüber andersartigen Praktiken und Überzeugungen Akzeptanzmöglichkeiten entgegengestellt werden, die den begründeten Zweifel der Ablehnung nicht aufheben, doch wohl aber ausbalancieren sollen. "Das Versprechen der Toleranz lautet, dass ein Miteinander im Dissens möglich ist" (Forst 2003, 12). Toleranz versucht so, ausgleichend und unparteilich zu wirken; sie ist gesellschaftlich und konfessionell, aber auch ethisch und politisch angesiedelt, situationsgebunden und dadurch konkret. Alle Epochen sind durch kulturelle Konflikte geprägt, aus denen allein Toleranz einen befriedigenden Ausweg für die beteiligten Parteien eröffnet. Aber nicht nur ethnisch oder religiös motivierte Kriege oder Bürgerkriege bedingen Toleranz, auch die Pluralität von Religionen und die Vielfältigkeit an Lebensweisen innerhalb von Gesellschaften bedürfen eines Regelmechanismus, den Toleranz schafft. So ist die Problematik der Intoleranz nicht allein epochen-, sondern auch kulturübergreifend und besteht, seit der Mensch eigene Werteüberzeugungen herausgebildet hat, die mit denen anderer konfligieren. Aber nicht nur aus ethischer, sondern auch aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist Toleranz ein konfliktbehafteter Terminus: Das Prinzip der Toleranz ist infolge ihrer differenten Verwendungsweise und Bewertung selbst Gegenstand begriffsimmanenter Konflikte geworden. Hauptursache dieses intrinsischen Problems ist, dass es in der Theorie nur ein einheitliches Konzept von Toleranz geben kann, hingegen verschiedene Toleranzkonzeptionen, die aufgrund ihrer konträren Anlagen miteinander konkurrieren. Toleranz ist - als Prinzip und als Begriff - folglich in ihren Aussagen konfliktgerichtet, in ihrem Auftreten konfliktnah und in ihrem Wesen selbst Konflikt zerrissen.
Diese Konfliktlastigkeit und Zerrissenheit der Toleranz macht es umso deutlicher zur philosophischen Pflicht, sich ihrer - nicht nur aus ethischer, sondern auch aus epistemischer Notwendigkeit heraus - anzunehmen, um auf der erkenntnistheoretischen Seite der Klärung ihres Begriffs nachzukommen und auf der normativen Seite angesichts des immensen vorherrschenden Konfliktrahmens ein Verständnis in der gesellschaftlichen Realität dafür zu schaf- fen, dass Toleranz ein adäquates Mittel der Konfliktbewältigung ist. Die hier vorliegende Ar-
1 Einleitung 5
beit versucht in einem ihr möglichen, engen Rahmen, diesem Bedürfnis nach begrifflicher Klärung und normativem Verständnis nachzukommen.
1.1 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
Die Mitgliedstaaten der UNESCO verabschiedeten an ihrer 28. Generalkonferenz im Herbst 1995 zu Paris die 'Erklärung von Prinzipien der Toleranz' (Toleranzdeklaration). Grund für die Verabschiedung dieser Deklaration war es - wie es in der Präambel heisst - "den Gedanken der Toleranz in unserer Gesellschaft zu verbreiten", da er "eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker" darstellt (Präambel). Die UNESCO-Toleranzdeklaration gilt neben der 'Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte' 1 von 1948, der 'Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten' (Europäische Menschenrechtskonvention EMRK) 2 von 1950 inklusive ihrer 36/55 3 Zusatzprotokolle, der 'Nichtdiskriminierungs-Resolutionen' der UN-Generalversammlung von 1981 und der 'UNESCO-Rassendeklaration' 4 von 1978, die den eigentlichen Ausgangspunkt der Toleranzprinzipien bildet, zu den bestimmenden Schriften für die Determinante Toleranz auf globaler Ebene.
Das einschlägige völkerrechtliche Dokument von 1995 ist die bis heute einzige Schrift des internationalen 'soft law', die den Begriff der Toleranz exklusiv als Gegenstand einer Erklärung ausweist. Damit macht sie sich zum idealen Untersuchungsgegenstand für eine diesbezügliche völkerrechtlich-philosophische Untersuchung. Obwohl von einem globalen Aspekt der Toleranz ausgegangen wird, hat die Toleranzkonzeption der Deklaration aufgrund ihrer Reichweite nicht nur Niederschlag auf zwischenstaatlicher Ebene, sondern dadurch, dass sie ebenso auf das Wohl der Gesellschaft zielt, auch eine innerstaatliche Tiefenwirkung. In dieser gesamtheitlichen Hinsicht soll der Fokus darauf gerichtet werden, wie das Völkerrechtsorgan UNESCO das Konstrukt der Toleranz in ihrer Deklaration expliziert, indem der Analysege-genstand auf Begrifflichkeit hin geklärt wird. Dabei versucht die vorliegende Arbeit, die Struktur der globalen Toleranzkonzeption, wie sie die Erklärung, eingebettet in die einschlä- 1 3.Tagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNO), New York, 10.12.1948: Resolution 217 A
(III).
2 Die EMRK wurde vom Europarat ausgearbeitet und am 4. November 1950 in Rom unterzeichnet. Am 3. Sep-
tember 1953 trat sie durch Ratifikation von zehn Mitgliedstaaten in Kraft. Nachdem die Schweiz 1963 im Eu-
roparat Sitz bezog, trat die EMRK in der Schweiz am 28. November 1974 in Kraft.
3 36. Tagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, New York, 25.11.1981: Resolution 36/55.
4 20. Generalkonferenz der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kom-
munikation (UNESCO), Paris, 24.10. - 28.11.1978; Verabschiedung der Deklaration: 27.10.1978.
1 Einleitung 6
gigen internationalen Menschenrechtsschriften, zeichnet, sichtbar zu machen, um die Frage beantworten zu können, wie die Deklaration Toleranz konzipiert. Damit kommt sie der Forderung nach Begriffsklärung nach. Indem sie gleichzeitig versucht, die sich aus der Begrifflichkeit herausschälenden Prinzipien von Toleranz aufzuzeigen, kommt sie zweitens dem Verständnis schaffenden Bedürfnis nach. Ziel der Arbeit ist es somit, die UNESCO-Toleranzdekaration anhand einer konzeptionellen Analyse auf Begriffsklarheit und Prinzipientauglichkeit hin zu prüfen, zu bewerten und sie einer klaren Konzeption zuzuweisen.
1.2 Aufbau und Umfang der Arbeit
Die folgende Untersuchung geht nach einem dreistufigen Modell vor: In einem ersten Schritt wird propädeutisch der allgemeine lexikalische Toleranzbegriff in seiner sozio-politischen Bedeutung herausgeschält, um eine Basisdefinition des Untersuchungsgegenstands zu erhalten, auf der die nachfolgende Analyse aufbauen kann. 5 In einem zweiten Theorieschritt werden die verschiedenen Toleranzkomponenten und die aus ihnen resultierenden Konzeptionen von Toleranz systematisiert und spezifiziert. Dabei wird auf die von Rainer Forst erarbeitete Systematik zurückgegriffen. Der dritte Schritt transponiert die theoretischen Vorlagen der vorangegangenen Abschnitte - Basisdefinition, Komponenten und Konzeptionen - auf den Un-tersuchungsgegenstand: Nach einer kurzen historischen Einordnung folgt auf die deklaratorische Begriffsbestimmung von Toleranz der Komponentenbau der Deklaration. Das Einpassen der Komponenten in die Erklärung ermöglicht es abschliessend, neben einer summarischen Gehaltsprüfung auch die spezifische Toleranzkonzeption der Deklaration zu eruieren. Aus diesem Vorgehen heraus erfolgt die dreistufige Gliederung der Arbeit:
(1) Basisdefinition der Toleranz
(2) Theorie der Toleranzkomponenten und -konzeptionen (nach Forst) (3) Transposition der Theorie in die Toleranzdeklaration: i. Intrinsische Begriffsbestimmung ii. Komponentenbau der Deklaration iii. Toleranzkonzeption der Deklaration
Aufgrund des vorgegebenen Umfangs dieser Arbeit muss auf einige Aspekte einer zeitgemässen Toleranzdiskussion verzichtet werden: Zum einen wird weitestgehend auf eine historische
5 Diesbezüglich geht es nicht um die Frage, warum der Toleranzbegriff gerade auf diese hier vorliegende Weise
definiert ist, da - wie noch zu erwähnen sein wird - die Historie des Begriffs in dieser Arbeit ausgeblendet
2 Der allgemeine Toleranzbegriff 7
Darstellung des Toleranzbegriffs verzichtet und nur dort berücksichtigt, wo sie hinsichtlich der vorliegenden Thematik Bedeutung besitzt. So werden die philosophiegeschichtlichen Perspektiven des Toleranzbegriffs seit den Glaubenskriegen des 16. Jahrhunderts ebenso wie jene im Übergang zur Neuzeit ausgeblendet. Auch historische Aspekte der Moderne werden nur nach völkerrechtlicher Relevanz in die Untersuchung einfliessen. Des Weiteren soll neben dem historischen auch der religiöse Toleranzbegriff nicht näher Eingang in die Arbeit finden, da die Untersuchung vorrangig einen säkularen Begriff der Toleranz zum Gegenstand hat. Die Fragen der Überzeugungen, Praktiken und Haltungen werden darum ausschliesslich durch einen überkonfessionellen, politischen und gesellschaftlichen Begriff der Toleranz geklärt. Zum dritten wird auf der epistemisch-semantischen Ebene verzichtet, entsprechende Toleranzparadoxa aufzulösen, da dies nicht zwingend erkenntnisleitend für die vorliegende Untersuchung erschien. Denn in Bezug auf eine Toleranzsituation, hervorgerufen und gekennzeichnet durch die Gründe aus Ablehnungs-, Akzeptanz- und Zurückweisungskomponente, ergeben sich infolge der individuellen Gewichtung und Qualität dieser Gründe je spezifische Paradoxa, die ein grundsätzliches begriffsimmanentes Problem ans Licht fördern, hinsichtlich der Modellierung von Konzeptionen jedoch als vernachlässigbar gelten können. 6 Als Letztes lassen es die formalen Richtlinien der Arbeit nicht zu, die Toleranz als Tugend näher zu beleuchten, obwohl die Deklaration sie explizit als Tugend ausgibt. Weiterführende Untersuchungen in dieser Hinsicht wäre wohl angebracht, würden den Rahmen der Arbeit aber bei weitem sprengen.
2 Der allgemeine Toleranzbegriff
Toleranz im allgemeinen Sprachgebrauch wird in mannigfaltiger Weise verwendet und nuanciert und darum auch unterschiedlich interpretiert und begriffen. Dieser Umstand hat zum einen historische Ursachen, zum anderen rührt er von uneinheitlichen Interessen und Zielen. So wird der soziale Terminus der Toleranz unter dem geschichtlichen Brennglas religiös, kulturell oder politisch reflektiert; neben der konfessionellen und kulturellen Ausprägung besitzt er eine starke ethische und normative Komponente. Die Toleranz als Grundlage des Zusammenlebens verstanden erweist sich aufgrund ihrer Heterogenität hinsichtlich Verständnis und Anwendung als hochgradig diffus. Diese Diffusion wird im Nachfolgenden punktuell umrissen,
bleibt, sondern nur darum, wie er definiert wird. Die Frage nach dem Warum wird erst hinsichtlich der dekla-
ratorischen Toleranzdefinition gestellt werden.
2 Der allgemeine Toleranzbegriff 8
um das Feld abzustecken, in dem mögliche Toleranzbestimmungen aufzufinden sind. Tritt man von der Rhapsodie dieser gesellschaftlichen und staatsrechtlichen Toleranzauffassungen zurück, um den Fokus auf die Gemeinsamkeiten und die jeweiligen Akzidenzien der verschiedenen Toleranzausprägungen zu richten, lässt sich eine erste allgemeine Basisdefinition des sozio-politischen Toleranzbegriffs skizzieren. Die Komposition der Toleranz soll dabei lexikalisch und auf breiter Basis vollzogen werden, um das Diffuse des Begriffs einzufangen und zu ordnen, und um sie im Verlauf der Analyse einzugrenzen und auf die Deklaration zu transponieren. Auf der Grundlage der Basisdefinition schälen sich sechs identifikatorische Merkmale von Toleranz heraus, die, auch wenn sie verschieden interpretiert werden, das gemeinsame Charakteristikum des Begriffs ausmachen. Diffusion und Basisdefinition werden in diesem Kapitel, die identifikatorischen Toleranzbestandteile und die möglichen daraus resultierenden Konzeptionen im Nachfolgenden bestimmt.
2.1 Der diffuse sozio-politische Toleranzbegriff
Die Technik definiert Toleranz als eine "zulässige Abweichung vom vorgegebenen Nennmass". 7 Dabei gibt ein Nennmass (Null-Linie) die Norm vor, die im Rahmen einer Masstoleranz abweichen darf und bezeichnet die Differenz zwischen dem oberen und unteren Grenzmass. 8 Diese exakte Definition der Konstruktionslehre ist jedoch zweifelsfrei nicht auf eine ethisch-soziale Ebene zu hieven und auf die Praxis zwischenmenschlichen Zusammenlebens adaptierbar. Denn das Leben ist in keiner Weise zu keinem Zeitpunkt exakte Wissenschaft, wo nach allgemeinen und klar vorgegebenen Sollwerten mit objektivem Geltungsanspruch verfahren werden könnte. Dass im gesellschaftlichen Umgang ein System mit Toleranzmöglichkeit nicht wie in der Bauphysik funktioniert, liegt in der menschlichen Natur, die nicht so stark berechenbar ist wie ein mechanisches Konstrukt, weil dem Menschen ihm eigene "partikularen Erfahrungen, Perspektiven und Interessen und Wertvorstellungen" anhaften. (Forst 2000, 8). Aufgrund dieser menschlichen Determinanten ersteht innerhalb eines gesellschaftlichen Systems unausweichlich Streit, den die Toleranz zu lösen versucht.
6 So entsteht auf der Ebene der Ablehnung und Akzeptanz die Paradoxie des toleranten Rassisten und die Para-
doxie der moralischen Toleranz, auf der Ebene der Zurückweisung die Paradoxie der Grenzziehung und die
Paradoxie der Selbstzerstörung.
7 Die Zitation gibt die gebräuchlichste Definition der technischen Toleranz in der Fachliteratur wieder; vgl. hier-
zu exemplarisch: http://toleranz_technik.know-library.net/.
8 Neben dem technischen Toleranzbegriff gibt es auch einen medizinischen, in dem Toleranz pharmakologisch
gedeutet die Gewöhnung oder Anpassung eines Organismus an einen Wirkstoff (Pharmakodynamik, Pharma-
kokinese) bedeutet, und einen ökologischen, in dem Toleranz als Widerstandsfähigkeit eines Lebewesens ge-
genüber Änderungen von Umweltfaktoren verstanden wird.
Arbeit zitieren:
M.A. (lic. phil) Christoph Schelhammer, 2007, Der Toleranzbegriff der UNESCO-Toleranzdeklaration, München, GRIN Verlag GmbH
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