Steiger , Yoon, Schelhammer Politische Meinungsbildung in egozentrierten Netzwerken
Inhaltsverzeichnis
I. ABBILDUNGSVERZEICHNIS. 4
II. TABELLENVERZEICHNIS 5
1. EINLEITUNG 7
1.1. ENTDECKUNGS- UND VERWERTUNGSZUSAMMENHANG. 7
1.2. FRAGESTELLUNG UND VORGEHEN. 7
1.3. FORSCHUNGSSTAND 9
1.4. AUFBAU DER ARBEIT. 11
2. THEORIEN 13
2.1. EINLEITUNG. 13
2.2. KLASSISCHE WAHLTHEORIEN: DER SOZIOLOGISCHE ANSATZ 14
2.3. KRITIK AN DEN COLUMBIA-STUDIEN. 16
2.4. BILDUNG VON EINSTELLUNGEN UND MEINUNGEN 17
2.4.1. Theorie sozialer Vergleichsprozesse 17
2.4.2. Definition und Entstehung kognitiver Dissonanzen 18
2.5. HYPOTHESEN 22
2.5.1. Homogenität. 22
2.5.2. Intensität. 22
3. METHODE: DER SOZIALE NETZWERK-ANSATZ 24
3.1. URSPRUNG UND GRUNDIDEEN DER SOZIALEN NETZWERKANALYSE 24
3.1.1. Zu den Ursprüngen und den Entwicklungslinien 24
3.1.2. Analyseebenen. 26
3.2. EGOZENTRIERTE NETZWERKE 27
3.3. PARAMETER UND MASSZAHLEN DER SOZIALEN NETZWERKANALYSE. 28
3.3.1. Abgrenzung und Namensgeneratoren: Burt oder Fischer? 28
3.3.2. Namensinterpretatoren. 30
3.3.3. Grösse des Netzwerks. 31
3.3.4. Dichte 31
3.3.5. Multiplexität 33
3.3.6. Zentralität. 34
3.3.7. Software: UCINET 5 34
3.4. DER ONLINE-FRAGEBOGEN 34
3.4.1. Konzeption des Fragebogens 34
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3.4.2. Zeitpunkt der Messung 35
3.4.3. Datenschutz 36
4. EMPIRIE 37
4.1. DATEN: RÜCKLAUF UND SELEKTION 37
4.2. ERHEBUNGSDATEN ZU EGO 37
4.2.1. Soziodemographische Daten 37
4.2.2. Politische Verortung von Ego 38
4.3. STRUKTURPARAMETER 40
4.3.1. Grösse 41
4.3.2. Dichte 44
4.3.3. Homogenität. 46
4.4. RELATIONALE PARAMETER 52
4.4.1. Intensität. 52
4.4.2. Verwandtschaftliche Relation 54
4.4.3. Kontakthäufigkeit 56
4.4.4. Konflikthäufigkeit. 57
4.5. ZUSAMMENFASSUNG 59
5. HYPOTHESENDISKUSSION. 60
5.1. NETZWERKEIGENSCHAFTEN UND -ZUSAMMENHÄNGE. 60
5.1.1. Hypothese 5: Netzwerkgrösse - Dichte. 60
5.1.2. Hypothese 6: Dichte - Kontakthäufigkeit. 61
5.1.3. Hypothese 3: Kontakthäufigkeit - Intensität 62
5.2. POLITISCHE HOMOGENITÄT IN DEN NETZWERKEN 63
5.2.1. Links-Rechts-Homogenität (Ego - Alter) 63
5.2.2. Hypothese 1: Soziodemographische Homogenität - Links-Rechts-Homogenität 64
5.2.3. Hypothese 2: Intensität - Links-Rechts-Homogenität 65
5.2.4. Hypothese 4: Grösse - Links-Rechts-Homogenität. 66
5.3. DIE ZUSATZFRAGE. 68
5.3.1. Deskriptive Statistik 68
6. FAZIT. 72
6.1. NETZWERKE 72
6.2. HYPOTHESEN 73
6.3. KRITIK 75
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III. LITERATURVERZEICHNIS .................................................................................................................76
IV. ANHANG ...................................................................................................................................................78 ANHANG EMPIRIE....................................................................................................................................78 A.
i. Hypothese 1........................................................................................................................................78
ii. Redaktionelle Artikel in Zeitungen.....................................................................................................78
iii. Erläuterungen des Bundesrates .........................................................................................................79
iv. Inserate ..............................................................................................................................................80
v. Werbesendungen im Briefkasten ........................................................................................................81
vi. Plakate ...............................................................................................................................................81
vii. Fernsehsendungen.........................................................................................................................82
viii. Radiosendungen ............................................................................................................................83
ix. Podiumsgespräche .............................................................................................................................83
x. Gespräche mit Freunden....................................................................................................................84
xi. sonstige Informationsquellen .............................................................................................................85
ANHANG: FRAGEBOGEN ..........................................................................................................................86 B.
ANHANG: BRIEF ZUHANDEN DER BEFRAGTEN MIT PASSWORT VOM 25./26 APRIL 2002........................106 C.
ANHANG: ERINNERUNGS-BRIEF ZUHANDEN DER BEFRAGTEN VOM 2. MAI 2002 ..................................107 D.
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I. Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Anzahl Artikel in soziologischen Journalen, die den
Begriff der "Sozialen Netzwerke" enthalten.
Abbildung 2: Semesterzahl von Ego
Abbildung 3: Politische Verortung von Ego auf der Links-Rechts-Skala
Abbildung 4: Kategoriale politische Verortung von Ego (nominal)
Abbildung 5: Netzwerkgrösse (insgesamt)
Abbildung 6: Dichte
Abbildung 7: Soziodemographische Homogenität (nominal)
Abbildung 8: Politische Verortung der Netzwerke auf der Links-Rechts-Skala
Abbildung 9: Politische Homogenität
Abbildung 10: Intensität (nominal)
Abbildung 11: Verwandtschaftliche Relationen (nominal)
Abbildung 12: Kontakthäufigkeit (nominal)
Abbildung 13: Konflikhäufigkeit
Abbildung 14: Scatterplot Links-Rechts-Skala von "Ego" und "Alteri
Abbildung 15: Histogramme "Bundesbüchlein" und "Fernsehsendungen"
Abbildung 16: Histogramme "Radiosendungen" und "Podiumsgespräche"
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II. Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Adjazenzmatrix a) 32 Tabelle 2: Adjazenzmatrix b) 32 Tabelle 3: Multiplexität 33 Tabelle 4: Datenrücklauf 37 Tabelle 5: Politische Verortung von Ego in der Links-Rechts-Skala 39 Tabelle 6: Politische Verortung von Ego und Alteri in den Kategorien "Links", "Mitte", "Rechts" 40 Tabelle 7: Netzwerkgrösse insgesamt 41 Tabelle 8: Netzwerkgrösse namentlich erwähnter Diskussionspartner 43 Tabelle 9: Ties und Dichte 44 Tabelle 10: Dichte 45 Tabelle 11: Soziodemographische Homogenität 48 Tabelle 12: Politische Verortung von Ego und Alteri auf der Links-Rechts-Skala 50 Tabelle 13: Links-Mitte-Rechts Verortung von Ego und Alteri 50 Tabelle 14: Politische Homogenität der Netzwerke bezüglich Ego 51 Tabelle 15: Intensität der Ego-Alter-Relation 53 Tabelle 16: Verwandtschaftliche Relationen in den Netzwerken 55 Tabelle 17: Kontakthäufigkeit 57 Tabelle 18: Konflikthäufigkeit 58 Tabelle 19: Korrelation "Netzwerkgrösse (gross)" - "Dichte" 60 Tabelle 20: Korrelation "Netzwerkgrösse (klein)" - "Dichte" 61 Tabelle 21: Korrelation "Dichte" - "Kontakthäufigkeit" 62 Tabelle 22: Korrelation "Kontakthäufigkeit" - "Intensität" 62 Tabelle 23: Korrelation Links-Rechts-Skala von Ego und Alteri 63 Tabelle 24: Korrelation "Soziodemgraphische Homogenität""Links-Rechts-Homogenität" 64 Tabelle 25: Korrelation "Intensität" - "Links-Rechts-Homogenität" 65 Tabelle 26 : Korrelation "Netzwerk (gross)""Links-Rechts-Homogenität" 66 Tabelle 27: Korrelation "Netzwerk (klein)" -
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Tabelle 28: Zusatzfrage: Deskriptive Statistik 68 Tabelle 29: Korrelation "Werbesendung" - "Inserate" 69 Tabelle 30: Korrelation "Bundesbüchlein" - "Fernsehsendungen" 70 Tabelle 31: Korrelation "Radiosendung" - "Podiumsgespräche" 71 Tabelle 32: Korrelation "Zeitungsartikel" - "Freunde" 71 Tabelle 33: Korrelation "Freunde" - "Fernsehsendungen" 71
III. Dank
Unser Dank richtet sich an alle, die uns bei der Entstehung dieser Forschungsarbeit unterstützt haben. Besonders erwähnen wollen wir Uwe Serdült, Oberassistent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich, für seine fachliche Unterstützung, des weiteren Oscar Chinellato, Doktorand der Informatik am Institut für Wissenschaftliches Rechnen der ETH Zürich, für das Programmieren des Fragebogens, und - last not least - Arthur van Dorp, EDV-Koordinator am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich, für die technische Unterstützung und das Bereitstellen des Webspace.
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1. Einleitung
1.1. Entdeckungs- und Verwertungszusammenhang
Die Aufgabe, die sich der hier vorliegenden Forschungsarbeit stellt, erschliesst sich in der kritischen Frage, inwiefern personale Netzwerke als Quellen politischer Information und Kommunikation betrachtet werden können. Dabei wird dem System des Netzwerks interpersonaler Kommunikation dem System der Massenkommunikation gegenüber der Vorzug gegeben. Anhand der Strukturanalyse der kommunikativen Beziehungen eines Abstimmenden lassen sich Aussagen darüber machen, inwieweit die politische Ausrichtung - und damit ver-bunden sämtliche politische Agitationen wie z.B. das Abstimmungsverhalten - einer Person (im folgenden "Ego" genannt) durch ihre Gesprächspartner (im folgenden "Alteri" genannt) in ihrer direkten Umgebung beeinflusst wird. Diesen medialen Sachverhalt versucht das Forschungsprojekt in einem kleinen, den gegebenen Mitteln angepassten Rahmen zu beleuchten. Die nicht marginale Relevanz der hier zugrunde liegenden Thematik der politischen Meinungsbildung zeigt sich darin, inwieweit Bürgerinnen und Bürger wirklich Zielgruppen von Kampagnen sind. Wird doch der interpersonalen Kommunikation eine wesentliche Schutzschildfunktion gegenüber den - in manchen Fachkreisen postulierten - allzu mächtigen Massenmedien zugesprochen. Das Individuum soll nicht als atomisiert, wie in der Theorie der Massengesellschaft angenommen wird, sondern als Mitglied von kleinen Gruppen und Netzwerken, die den Bezugsrahmen für die individuellen Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen bilden, fungieren. Die Untersuchung will diese Thematik aufgreifen und anhand einer ausgesuchten Anzahl an Netzwerken messen, ob dieser Sachverhalt auch in der Praxis zutrifft.
1.2. Fragestellung und Vorgehen
Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Untersuchung von egozentrierten Netzwerken 1 , die in einem Sample von Studentinnen und Studenten der Politikwissenschaftler an der Universität Zürich erhoben wurde. Dieses Sample - welches aufgrund der gegebenen Möglichkeiten eines Forschungsseminars sehr klein ist - weist der Untersuchung einen rein explorati-
1 Beidieser Analyse wird eine bestimmte Anzahl von Personen zu sich selbst und zu ihrem direkten Umfeld befragt. Zu diesem Zweck wird ein eigens dafür konzipierter Fragebogen auf eine Internetsite der Universität Zürich geschaltet. Aus praktischen Gründen beschränkt sich die Befragung auf die Teilnehmer des laufenden Forschungsseminars, dessen Seminarleiter und dem Fachverein Politikwissenschaft der Universität Zürich. Auf die Untersuchung sogenannter Kommunikationsnetzwerke wird ebenso aus Zeitgründen und Gründen mangelnder Ressourcen verzichtet wie auch auf Nachbefragungen oder Panels.
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ven Charakter zu. Das Sample bildet sich aus einer kleinen Summe von Netzwerken, dessen Ego eine Studentin oder ein Student ist. Untersucht werden also eine bestimmte Anzahl "studentischer oder akademischer Netzwerke".
Weil sich bei erster Betrachtung des Samples selbst eine starke Homogenität bezüglich des Abstimmungsverhaltens herausgestellt hat, musste unweigerlich von der ursprünglichen Fragestellung Abstand genommen werden. Ehedem war die Forschungsfrage darauf ausgerichtet, die konkreten Abstimmungspräferenzen von Ego und Alteri bei der UNO-Beitritts-Abstimmung vom 3. März 2002 auf Übereinstimmung zu untersuchen. Jedoch stellte sich heraus, dass alle befragten Ego bei dieser Abstimmung ein "Ja" in die Urne gelegt hatten. Somit blieb diese Variable konstant und konnte nicht weiter verwendet werden. Nichtsdestotrotz weist diese Konstante darauf hin, dass es sich um ein sehr spezielles Sample handelt, ein wie oben bereits angesprochenes studentisches bzw. akademisches Sample von kleiner Fallzahl.
Es bietet sich aber trotzdem auch die Möglichkeit, den Blick auf aktuelle Untersuchungen zu richten: Gerade aufgrund des speziellen Samples und der explorativen Art dieser Untersuchung ist ein Vergleich mit Ergebnissen neuerer Netzwerkuntersuchungen interessant. Hierzu bieten sich zwei Werke an: Die eine Studie ist die von Michael Schenk 1995 erschienene Untersuchung zum Einfluss persönlicher Kommunikation in sozialen Netzwerken und in Massenmedien. Sie ist ein adäquater Vergleichspunkt für die Netzwerkparameter. Die andere Studie ist eine Lizentiatsarbeit neuesten Datums von Enzo Nolli über das persönliche Umfeld und den individuellen Wahlentscheid. Besonders seine Untersuchung ist für ein Vergleich mit dieser Arbeit von ausgesprochen interessantem Charakter, da auch er mit politischen Homogenitäten und Ausrichtungen in Netzwerken operiert. An ihr können ebenfalls die Netzwerkparameter, aber auch die einzelnen aufgestellten Hypothesen in ihren Resultaten verglichen werden.
Der Fokus dieser ausdrücklich explorativen Arbeit liegt in der Analyse von studentischen Netzwerken. Im Mittelpunkt steht die Untersuchung von verschiedenen Homogenitätsmassen, relationalen und Strukturparametern. Untermauert wird diese Fragestellung von Leon Festingers (1989c) sozialpsychologischem Ansatz der Vermeidung kognitiver Dissonanzen in Gruppen. Die zentralen Fragen sollen wie folgt heissen:
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Wie sehen studentische Netzwerke bezüglich politischer Verortung aus? Besteht ein statistischer Zusammenhang zwischen Homogenitätsmassen, relationalen und Strukturparametern und politischen Präferenzen? Und damit auch: sind soziale Vergleichsprozesse in Netzwerken möglich?
Des weiteren soll zum Schluss die Forschungsfrage in einen grösseren Kontext gestellt werden. Netzwerke sind nur eine von vielen Quellen politischer Information und Kommunikation. Anhand einer abschliessenden Auswertung verschiedener Informationsquellen soll herausgestrichen werden, welche Medien in Bezug auf politische Information von den Studenten am wichtigsten eingestuft wird. Die Ergebnisse liefern ein Bild dafür, in welche Rangfolge oder Bedeutung die Netzwerke in einem grösseren Rahmen einnehmen. Somit wird der Bogen von der interpersonalen Kommunikation hin zur Massenkommunikation geschlagen.
1.3. Forschungsstand
Das Forschungsinteresse an sozialen Netzwerken nimmt seit ungefähr Mitte des letzten Jahr-hunderts stetig zu: In der Sozialanthropologie wird das Netzwerkkonzept bereits in den 1940er und 1950er Jahren als Gegensatz zum damals gebräuchlichen Paradigma des Strukturfunktionalismus entwickelt (Wellmann 1978/79). Wesentliche Fundamente für Beziehungen und Netzwerke werden aber schon Anfang 1900 gelegt: Georg Simmel stellt 1908 die Soziologie als eine Art "Geometrie sozialer Beziehungen" dar, in welcher der Begriff der "Individualität" als "Kreuzung sozialer Kreise" verstanden werden kann. Hierbei zeichnet sich die moderne Gesellschaft durch den Wechsel von Herkunfts- und Verwandtschaftsbeziehungen hin zu Berufs- und Interessenbeziehungen aus. Auf den Ansätzen Simmels baut 1924 Leopold von Wiese auf, indem er zwischen zwei verschiedenen Ordnungen von Beziehungen zu unterscheiden versucht. Der Verbindung, die unmittelbar zwischen Personen besteht (Beziehungen erster Ordnung) setzt er die Verbindung zwischen sozialen Gebilden entgegen (Beziehungen zweiter Ordnung). Jacob Moreno entwickelt mit der Soziometrie ein Erhebungs-und Analyseinstrument, mit dem das Beziehungsgeflecht zwischen Menschen untersucht werden kann. "[...] networks are the kitchen of public opinion", formuliert er und konstatiert damit, dass soziale Netzwerke zur Verfestigung von Meinungen erheblich beitragen können (Schenk 1995, 5). Theodor Caplow arbeitet 1964 das Konzept der "Ambience" aus, womit er
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wichtige Begriffe der Netzwerkforschung wie Dichte, Homogenität, Heterogenität, Elastizität und interne Gliederung definiert.
Der eigentliche Beginn der quantifizierenden Netzwerkanalyse geht aber auf die Gruppe um den Soziologen Paul F. Lazarsfeld und die damit verbundenen "Columbia-Studien zum persönlichen Einfluss" zurück. In den Studien, die Lazarsfeld et al. in den 1940er und 1950er Jahren durchführten, stehen die Untersuchung der intervenierenden Wirkung sozialer Faktoren im Zusammenhang mit Massenkommunikation im Vordergrund (Schenk 1995, 6). Durch Wahlkampagnenstudien stiess man auf den Umstand, dass Wählen sich als Gruppenerfahrung erwies. "Personen, die zusammen arbeiten oder leben oder spielen, wählen in hohem Masse dieselben Kandidaten" (Lazarsfeld et al. 1948, 137). Interpersonale Kommunikation erzeugt nämlich eine starke Aktivierung der Prädispositionen, so dass bereits erkennbare Absichten verstärkt werden (ebd., 146). Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei der "Opinion Leader" (Meinungsführer) ein, dem zwei wichtige Funktionen in einer Gruppe zugesprochen werden: erstens die Relais- und Informationsfunktion, wie sie in der Hypothese des "Two-Step-Flow" beschrieben wird: "Ideas often flow from radio and print to the opinion leaders and from them to the less active sections of the population" (Lazarsfeld et al. 1948, 151). Zweitens die Verstärkungsfunktion mit Rückgriff auf Gruppendruck und Gruppennormen: Die Meinungsführer beeinflussen auf der zweiten Stufe die kommunikativ weniger aktiven Menschen in ihrer sozialen Umgebung, weil Meinungsführer umfangreicher und besser in-formiert sind. Erstmals wurde damit in der Kommunikationsforschung akzentuiert, dass das Individuum in ein Netzwerk von Sozial- und Kommunikationsbeziehungen eingebunden ist, das die Wirkungschancen der Massenkommunikation entscheidend mitbestimmt (Schenk 1995, 7).
In der Anwendung zeigten die Columbia-Studien auf, dass ein persönlicher und somit individueller Wahlentscheid auf kommunikative Beziehungen zwischen Personen zurückgeführt werden kann. Das Datenmaterial beschränkte sich damals aber nur auf Angaben zur Wichtigkeit von Informationen und Einflüssen anderer Personen.
Seit den 1970er Jahren hat sich die moderne Netzwerkanalyse in der Soziologie stark ausgebildet. Der Begriff Netzwerk wird im analytischen Sinne verwendet und ist definiert "als eine durch Beziehungen eines bestimmten Typs verbundene Menge von sozialen Einheiten wie Personen, Positionen, Organisationen" (Schenk 1995, 14). Während Radcliffe-Brown das Konzept eines "totalen Netzwerks" verfolgte, das alle möglichen Beziehungen umfasst, kon-
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zentriert sich die heutige Netzwerkforschung zumeist auf "partielle Netzwerke", welche Teilbereiche komplexer Netzwerke darstellen. Es werden grundsätzlich drei Typen sozialer Beziehungen unterschieden: persönliche, kategorielle und strukturelle Beziehungen (Mitchell 1969, 9f.). Zu den Netzwerken persönlicher Beziehungen zählt das egozentrierte Netzwerk, das als Instrumentarium dieser Forschungsarbeit zugrunde liegt. Dieser partielle Netzwerkansatz konzentriert sich aus der Perspektive des Ego heraus auf seine unmittelbare soziale Umgebung.
1973 stellt Laumann im Rahmen seiner Untersuchungen auf Basis dieser Netzwerke fest, dass die politische Homogenität eines Netzwerks mit dessen Form zusammenhängt (Laumann 1973, 123). 1985 werden im "General Social Survey (GSS)" erstmals umfassend Netzwerkdaten bezüglich individueller Wahlentscheide erhoben. Huckfeldt und Sprague untersuchen 1995 aufgrund dieser Daten und unter Zuhilfenahme einer Panel-Befragung kommunikative Beziehungen von Wählern im Vorfeld von Wahlen auf Informationsflüsse und Beeinflussungen hin. In Deutschland sind 1989 von Pfenning et al. Parteipräferenzen in sozialen Netzwerken untersucht worden. In der Schweiz finden sich sozialwissenschaftliche Netzwerkanalysen äusserst selten. Eine Untersuchung neueren Datums ist ein von Enzo Nolli im Rahmen der Nationalratswahlen 1999 im Kanton Aargau durchgeführtes Forschungsprojekt (2000).
1.4. Aufbau der Arbeit
Im Folgenden gliedert sich die Forschungsarbeit in vier konzeptionell unterschiedliche Kapitel:
• Im zweiten Kapitel wird das theoretische Fundament der vorliegenden Untersuchung präsentiert. Das Schwergewicht liegt hier bei den Ausführungen zu Leon Festingers Theorie sozialer Vergleichsprozesse. Daraus werden drei zu überprüfende Hypothesen abgeleitet.
• Im dritten Teil folgen Ausführungen zum Sozialen Netzwerkansatz als Methode. Zuerst wird der Ansatz allgemein erklärt, dann werden speziell die verwendeten egozentrierten Netzwerke vorgestellt, die in dieser Untersuchung analysiert werden. Abschliessend werden wichtige Netzwerkparameter der egozentrierten Netzwerk-Analyse erklärt. Als letzter Punkt dieses Kapitels wird der Online-Fragebogen und dazu Fragen des Datenschutzes erörtert.
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• Das vierte Kapitel stellt den empirischen Teil des Projekts dar. Eingangs werden statistische Daten zur Auswertung des Online-Fragebogens und zu den soziodemographischen Daten der Befragten präsentiert. Danach werden anhand der verschiedenen Strukturparameter Grösse, Dichte, Homogenität und der Merkmale der Relation die einzelnen Netzwerke aufgeschlüsselt und diskutiert. Zu jedem der Parameter wird - wo möglich - ein Vergleich zu den Untersuchungen von Schenk und Nolli gezogen.
• Die ausgewerteten Daten des vierten Kapitels werden im fünften Kapitel anhand der herausgearbeiteten Hypothesen untersucht, verglichen und bewertet. Die Ergebnisse zu den einzelnen Hypothesen werden auch hier den Resultaten von Nolli gegenübergestellt. Und die zusätzliche Frage nach der Wichtigkeit der verschiedenen Informationsmedien wird versucht zu beantwortet.
• In einem sechsten und letzten Kapitel werden die Ergebnisse der gemachten Untersuchung insgesamt beurteilt. Es werden die Ergebnisse der Netzwerkuntersuchungen und der Hypothesendiskussion nochmals in kurzer Form erläutert und ein kritisches Fazit über das gesamte Projekt gezogen.
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2. Theorien
2.1. Einleitung
Die moderne Netzwerkanalyse erfreut sich seit ihrer Entwicklung in den späten 1970er Jahren grosser Beliebtheit in den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Eine Fülle von unterschiedlichen Studien über soziale Netzwerke ist mittlerweile erschienen; zudem gibt es ein internationales Netzwerk von Netzwerkforschern (International Network of Social Ne-work Analysis, INSNA). Für Soziologen ist die Netzwerkanalyse jedoch in erster Linie eine Methode zur Untersuchung von Beziehungen und sozialen Strukturen (Schenk 1995, 4).
Abbildung 1:
Anzahl Artikel in soziologischen Journalen, die den Begriff der "Sozialen Netzwerke" enthalten.
Es stellt sich dabei die Frage, ob es sich bei den bisher aus empirischen Befunden gewonnen Aussagen über soziale Netzwerke nicht bereits implizit um eine Theorie (mittlerer Reichweite) handelt. 2 Kritiker bemängeln jedoch, dass die soziale Netzwerkanalyse über keinen umfassenden theoretischen Unterbau für ihre Modelle und Analysen verfügt und sich die Forschungsergebnisse daher nicht schlüssig bewerten lassen. 3 Eine weitergehende Auseinandersetzung mit diesem Problembereich soll aber im Rahmen dieser Arbeit nicht geführt werden. Um der vorliegenden Untersuchung zum Verhalten von Stimmbürgern zur UNO-Abstimmung ein festes theoretisches Fundament zu geben, werden wir die Theorie der sozia-
2 Vgl.dazu Gonzalez Ruiz (1998), der die Netzwerkanalyse von Burt einer strukturellen und epistemologischen Analyse unterzieht.
3 Borgatti hat dagegen eine simple Antwort auf die Kritik der "Theorieleere": "The field of network analysis is
conventionally criticized for being too much methodological and too little theoretical. Critics say that there are few truly network theories of substantive phenomena. This is not a well-considered argument, however, because when examples of network theories are presented, critics say 'that's not really a network theory'. This is natural because theories that account for, say, psychological phenomena, tend to have a lot of psychological content. Theories that account for sociological phenomena have sociological independent variables. Only theories that explain network phenomena tend to have a lot of network content".
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len Vergleichsprozesse des Sozialpsychologen Leon Festinger hinzuziehen. Zuerst sollen jedoch die klassischen Wahltheorien kurz erwähnt werden, und zwar aus zweierlei Gründen: Einerseits gibt es in den Sozialwissenschaften keine gesonderten Theorien zum Abstimmungsverhalten, sondern ausschliesslich zu Wahlen, weshalb wir die Wahltheorien analog auf Abstimmungen anwenden. Andererseits hat die moderne Netzwerkanalyse ihre Vorgänger in den Untersuchungen von Lazarsfeld und Kollegen, welche in den frühen 1940er Jahren den soziologischen Ansatz entwickelten.
2.2. Klassische Wahltheorien: Der soziologische Ansatz
Innerhalb der Wahlforschung werden allgemein drei Erklärungsansätze unterschieden. Es sind dies der soziologische, der ökonomische und der sozialpsychologische Ansatz. 4 Für die vorliegende Arbeit ist jedoch nur der soziologische Ansatz von Interesse, da aus ihm die Netzwerkanalyse hervorgegangen ist. 5
Die soziologische Wahltheorie, auch "structural approach" oder nach ihrer Ursprungsuniversität "Columbia-Ansatz" genannt, ist die älteste der drei klassischen Wahltheorien. Sie wurde in den frühen 1940er Jahren von Paul F. Lazarsfeld und Kollegen in den USA entwickelt und in weiteren Untersuchungen verfeinert. Der Ansatz gründet auf den Ergebnissen einer Untersuchung zur Veränderung politischer Einstellungen und Wahlabsichten im Verlauf des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes von 1940 in Erie County, Ohio. 6 Eine aus den Resultaten abgeleitete Erkenntnis war, dass die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen wahlentscheidend ist. Lazarsfeld et al. (1969, 176 ff.) sprechen von "der politischen Homogenität sozialer Gruppen". In der Regel entscheiden sich die meisten Menschen bei der Wahl ihres Freundes- und Bekanntenkreises für Personen, die bezüglich sozioökonomischer Status, Religionszugehörigkeit oder Wohnort, mit ihnen übereinstimmen (ebd., 177). Der regelmässige Kontakt mit den Gruppenmitgliedern bewirkt dabei eine Homogenisierung der politischen Ansichten. Der grösste Einfluss auf den Wahlentscheid wird dem Familien- und Freundeskreis zugesprochen.(ebd., 180 ff ).
Die Analyse der soziodemographischen Daten ergab, dass starke Zusammenhänge zwischen den Variablen "sozioökonomischer Status", "Religionszugehörigkeit" und "Wohnort" einerseits sowie der Stimmangabe andererseits bestand. In der Folge wurde daraus ein Index poli-
4 Einedetailliertere Darstellung und Kritik der drei Ansätze findet sich bei Schloeth (1998).
5 Vgl. oben 1.4.
6 Als Buch erstmals 1944 von Lazarsfeld et al. publiziert unter dem Titel "The People's Choice - How the Voter makes up his Mind in a Presidential Campaign".
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tischer Prädisposition konstruiert (ebd., 60-62). Ein Fazit der Autoren lautet: "Wenn wir einige persönliche Merkmale unserer Befragten erkennen, so können wir mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, wie sie schliesslich wählen wird: Sie schliessen sich der Herde an, zu der sie gehören. Der Wahlkampf aktiviert nur ihre politischen Prädispositionen".
Eine zentrale Rolle spielen auch Meinungsführer (Opinion Leaders), welche massenmediale Informationen an die Mitglieder ihrer sozialen Gruppe weitergeben. Meinungsführer verfügen über ein ausgeprägtes Kommunikationstalent, grössere Informationsressourcen, sind in einer prominenten Netzwerksposition und besitzen ein hohes Mass an Vertrauenswürdigkeit. Dies führt zur Annahme des zweistufigen Kommunikationsflusses (Two Step Flow of Communication) (ebd., 28, 191 ff.). Die Meinungsführer spielen dabei nach Lazarsfeld et al. (1969, 28) die Rolle der Vermittler zwischen den Massenmedien und den Rezipienten der Informationen. Weiter sind die Autoren der Ansicht, dass die meisten Leute sich nicht direkt bei den Massenmedien informieren, sondern mehrheitlich durch persönliche Kontakte mit ihren Meinungsführern. Opinion Leaders sind aber nicht unbedingt formale Führungspersönlichkeiten. Vielmehr gibt es in jeder sozialen Schicht oder Gruppe eigene Meinungsführer. Was sie von den übrigen Gruppenmitgliedern unterscheidet sind im Grunde nur eine vergleichsweise intensivere Informationsbeschaffung in den Medien sowie ein kommunikativeres Verhalten im Vergleich zu anderen. Gleichzeitig halten sie sich aber auch eher an die Gruppennormen und verstärken vorhandene Ansichten, was sie nicht besonders fortschrittlich erscheinen lässt (ebd., 29 und Schenk, 64).
Die regelmässige Informations- und Kommunikationstätigkeit der Meinungsführer bewirkt eine Homogenisierung der politischen Ansichten einer Gruppe. Politische Diskussionen mit den Meinungsführern wurden von den Befragen als wichtigste Informationsquelle während des Wahlkampfes genannt (ebd., 190, 160-162).
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2.3. Kritik an den Columbia-Studien
In der Zwischenzeit wurde auch Kritik laut am Columbia-Ansatz. Kurz zusammengefasst werden folgende Punkte kritisiert: 7
• "...der soziologische Ansatz sei atheoretisch, deskriptiv und räume prognostischer Fähigkeit den Vorrang vor kausaler Erklärungskraft ein" (Schloeth 1998, 9 mit weiteren Verweisen).
• Der Index der politischen Prädisposition propagiert einen sozialen Determinismus. Das Wahlverhalten bekommt dadurch ein sehr statisches Bild und kann deshalb grosse Verschiebungen in den Wahlresultaten nur schwer erklären (ders., 10 mit weiteren Verweisen).
• Methodisch gesehen erscheinen heute die Untersuchungen von damals als überholt und teils unsauber (ders., 12-13).
• Schenk (1995, 11) kritisiert, dass sich die theoretische Konzeption zu stark auf die Erkenntnisse der Kleingruppenforschung konzentrierte. Dagegen wurden von Lazarsfeld und seinen Kollegen eingehendere theoretische Überlegungen zu Netzwerken persönlicher Kommunikation vernachlässigt. 8
• Die Kritik am Konzept der "Opinion Leader" und des "Two Step Flow of Communication" ist hervorzuheben. Eine Zweistufigkeit des Kommunikationsflusses wird durch neuere Untersuchungen widerlegt. Den Autoren der Erie-Studie wird vorgeworfen, nicht zwischen Informationsfluss und Beeinflussung unterschieden zu haben: "Die eigentliche Weitergabe der Informationen von den Medien über die Opinion Leader zu den Wählenden wurde von Lazarsfeld et al. nicht untersucht" (Schloeth, 1998, 11). Neuere Untersuchungen können den Zweistufenfluss nicht bestätigen: Die Wählenden informieren sich direkt bei den Massenmedien, während Meinungsführer allenfalls zusätzliche oder vertiefende Informationen weitergeben (Schenk 1995, 8 f.).
Abschliessend kann gesagt werden, dass Lazarsfeld zu den Pionieren der Netzwerkforschung zählt, weil er als erster Daten zu Netzwerken interpersonaler Kommunikation quantitativ erhoben hat. Er stellte fest, dass politische Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis die
7 Eine ausführlichere Kritik mit Verweisen findet sich bei Schloeth (1998, 9-14).
8 Nolli (2000, 23) sieht hingegen kein prinzipielles Problem in der Beeinflussung durch Ergebnisse der Klein-gruppenforschung, da gerade diese "...einen entscheidenden Beitrag zur Erklärung der Prozesse bei der Entstehung und Anpassung von Meinungen und Werthaltungen in sozialen Gruppen geleistet hat".
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wichtigste Informationsquelle waren. Wegen der allzu starken Ausrichtung auf das Konzept der Meinungsführer kam es aber nicht zu einer genauen Erfassung, Beschreibung und theoretischen Konzeption solcher Netzwerke.
2.4. Bildung von Einstellungen und Meinungen
Die Meinungen und Wertvorstellungen einer Person A stehen in engem Zusammenhang mit der Position, welche A in einem Netzwerk von persönlichen Beziehungen einnimmt. Die Struktur persönlicher Relationen kanalisiert und modifiziert interpersonale Prozesse, was vor allem auch auf soziale Vergleichsprozesse zutrifft (Erickson 1982, 163). Die Theorie des sozialen Vergleichs sowie die Theorie kognitiver Dissonanzen des Sozialpsychologen Leon Festinger sollen aufzeigen, wie sich interpersonale Prozesse auf Meinungen und Einstellungen und schliesslich auch auf die Wahl- bzw. Abstimmungspräferenz auswirken.
2.4.1. Theorie sozialer Vergleichsprozesse
Festinger beschreibt in seinem 1954 erstmals veröffentlichten Werk "A Theory of Social Comparison Processes" Prozesse der Meinungsbildung in sozialen Gruppen. In Hypothese 1 geht er von der Annahme aus, dass im menschlichen Organismus ein Drang nach Evaluation der eigenen Meinungen und Fähigkeiten herrscht (Festinger 1954 [1989], 134). 9 Das Verhalten einer Person kann daher als Funktion ihrer Meinungen und Fähigkeiten betrachtet werden, was gerade auch bei Abstimmungen und Wahlen zutrifft. Der Wahl- und Abstimmungsentscheid hängt davon ab, welche Vor- und Nachteile subjektiv mit dem jeweiligen Entscheid verbunden werden. Dies steht wiederum in Abhängigkeit mit der eigenen Meinung und insbesondere deren Stichhaltigkeit.
Bezieht sich die Meinung auf einen physikalischen Gegenstand, kann ein Individuum eine Überprüfung der eigenen Meinung ohne Vergleiche erreichen. Bei der Frage, ob ein Ja oder ein Nein in die Abstimmungsurne einzulegen ist, kann die Stichhaltigkeit der eigenen Meinung aber nur evaluiert werden, wenn überprüft wird, ob auch andere Personen der gleichen Meinung sind oder nicht. "Upon what does the subjective validity of this belief depend? It depends to a large degree on whether or not other people share his opinion and feel the same way he does" (ders. 1950 [1989], 119). Die Grundlage solcher sozialer Vergleichsprozesse stellt die interpersonale Kommunikation dar. "To the extent that objective, non-social means
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are not available, people evaluate their opinions and abilities by comparison respectively with the opinion and abilities of others" (ders., 1954 [1989], 135). Allgemein kann gesagt werden, dass ein sozialer Vergleich um so mehr angestrebt wird, je wichtiger und je stärker die Meinung von unmittelbarer Bedeutung für das Handeln der betreffenden Person ist: "In general, the more important the opinion or ability is to the person, the more related the be-havior, social behavior in particular, and the more immediate the behavior is, the greater will be the drive for evaluation" (ders., 1954 [1989], 149). In einer Wahl- oder Abstimmungssituation häufen sich daher Einflussprozesse auf politische Meinungen und Einstellungen: "Thus, in an election year, influence processes concerning political opinions are much more current than in other years" (ders., 1954 [1989], 149).
Als Referenz werden vor allem Personen herangezogen, welche bezüglich Meinungen und Fähigkeiten nicht allzu stark von der eigenen divergieren und als nahestehend angesehen werden (ders., 1954 [1989], 138). Es findet also eine bewusste oder unbewusste Selektion der Referenzpersonen statt. Dies wird damit begründet, dass eine bessere Evaluation der eigenen Meinung möglich ist, wenn der Vergleich mit einer Person geschieht, deren Meinung mit der eigenen ähnlich ist (ders. 1954 [1989], 138-139). Der Begriff der Ähnlichkeit wird von Festinger dabei weit interpretiert. Bei der Beschreibung eines Laborexperimentes erwähnt er die minimalen Anforderungen: in etwa gleich grosser Anteil an Interesse/Kenntnisse des Problems bzw. der Fragestellung (ders., 1951 [1989], 167).
Neben der Ähnlichkeit und der Stärke der Beziehung zwischen zwei Personen kann auch die Kontakthäufigkeit als eine Voraussetzung für den Ablauf sozialer Vergleichsprozesse betrachtet werden. Durch häufigen Kontakt ist es wahrscheinlicher, dass soziale Vergleichsprozesse erfolgen und diese eine nachhaltigere Wirkung zeigen.
2.4.2. Definition und Entstehung kognitiver Dissonanzen
Treten nun bei einem sozialen Vergleichsprozess Unterschiede zur Referenzperson auf, entsteht ein Druck zur Revision der eigenen Meinungen bzw. zu einer Anpassung an die Referenzperson (ders., 1954 [1989], 139). Es entstehen sogenannte kognitive Dissonanzen. Unter dem Begriff "Kognition" versteht Festinger "... any knowledge, opinion, or belief about the environment, about oneself, or about one's behavior" (ders., 1957 [1989], 206). Dissonanz wird als eine Relation zwischen zwei Elementen definiert: "... two elements are in a dissonant
9 In unserer Arbeit beschränken wir uns auf die Evaluation von Meinungen, da dies in Zusammenhang mit unserer Untersuchung von Interesse ist.
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relation if, considering these two alone, the observe of one element would follow from the other. To state it a bit more formally, x and y are dissonant if not-x follows from y" (ders., 1957 [1989], 213).
Dabei wird die Kognition der evaluierenden Person durch den Vergleich mit der Referenzperson um ein neues Element erweitert, das aber mit den bestehenden kognitiven Elementen im Widerspruch steht (ders., 1957 [1989], 215-216). Da in der Regel ein Individuum danach strebt, die verschiedenen Elemente seiner Kognition in einem konsonanten Verhältnis zu halten, entsteht ein Zwang zur Anpassung der eigenen Meinung an diejenige der Referenzperson (ders., 1957 [1989], 216). Falls der Vergleich keine Unterschiede hervorbringt, wird die eigene Meinung bestätigt und gefestigt (ders., 1954 (1989): 140). Das Ausmass der kognitiven Dissonanzen ist eine wichtige Variable bei der Messung des Angleichungsdrucks und wird durch verschiedene Faktoren bestimmt. Festinger schliesst drei zentrale Folgerungen (ders., 1957 [1989], 216):
1. Wenn zwei kognitive Elemente relevant sind, stehen sie entweder in einem konsonanten oder dissonanten Verhältnis zueinander.
2. Das Ausmass der Dissonanz (oder Konsonanz) wächst in dem Masse, wie die Wichtigkeit oder der Wert der Elemente zunimmt.
3. Die Gesamtmenge an Dissonanzen, die zwischen zwei Clustern kognitiver Elemente bestehen, ist eine Funktion der bewerteten Proportion aller relevanten Beziehungen zwischen zwei dissonanten Clustern. Es handelt sich um eine bewertete Proportion, da jede relevante Beziehung gemäss der Wichtigkeit der in dieser Beziehung involvierten Elemente bewertet wird.
Daraus lassen sich weitere Folgerungen schliessen: Je grösser der Widerspruch bei einem Vergleich ist, desto grösser sind auch die Dissonanzen. Je stärker die Beziehung zur Referenzperson ist, desto grösser fallen die möglichen kognitiven Dissonanzen aus. Und je höher die Kompetenz einer Bezugsperson eingeschätzt wird, desto schwerwiegender sind auftretende Dissonanzen.
2.4.2.1 Druck zur Uniformität
Das allgemeine Bedürfnis, kognitive Dissonanzen möglichst zu vermeiden, lässt die Folgerung zu, dass sich eine Person in erster Linie zu Personen hingezogen fühlt, deren Meinungen und Wertvorstellungen möglichst kongruent mit den eigenen sind. "If there is a drive toward
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evaluation of abilities and opinions, and if this evaluation is possible only with others who are close enough, then there should be some attraction to groups where others are relatively close with respect to opinions and/or abilities" (ders., 1954 [1989], 141).
Treten Diskrepanzen innerhalb einer Gruppe auf, so werden gemäss Festinger (1954 [1989], 142) die Mitglieder der Gruppe darum bemüht sein, die Diskrepanzen zu beseitigen. Dieses Verhalten erklärt sich aus den vorhergegangenen Ausführungen: Um die eigene Meinung in einer Angelegenheit bestmöglich evaluieren zu können, wird ein Vergleich mit Individuen angestrebt, deren Meinungsposition möglichst nahe der eigenen ist. Um diesen Idealzustand zu erreichen, wird versucht, allenfalls vorhandene Diskrepanzen zwischen der eigenen Person und der Referenzperson auf ein akzeptables Minimum zu reduzieren. Dies wird erreicht, indem man seine eigene Meinung derjenigen der Gruppe annähert als auch versucht, die anderen von der Stichhaltigkeit der eigenen Meinung zu überzeugen. Es entsteht somit ein gewisser Druck zur Uniformität von Meinungen, der sich in einer gegenseitigen Einflussnahme widerspiegelt: "... the presence of disagreement in a group concerning some opinion leads to attempts to influence others who disagree with them and also to tendencies to change own 10 opinion to agree more with the others in the group. The effect of this process is to have a group move closer and closer to agreement" (ders., 1954 [1989], 145). Die Kommunikation in einer Gruppe richtet sich immer an diejenigen Personen, deren Meinung am stärksten von der Meinung der anderen abweicht. Umgekehrt werden diejenigen, deren Meinung sich in etwa mit der des Kommunikators deckt, am wenigstens einer Einflussnahme ausgesetzt (ders., 1954 [1989], 123). Eine Erklärung für solches Verhalten findet sich in der Annahme, "... dass eine Annäherung an eine konsonante Kognition dann am schnellsten erreicht wird, wenn die am stärksten abweichenden und deshalb die grösste Diskrepanz bzw. die grössten kognitiven Dissonanzen hervorrufenden Meinungen zu beeinflussen versucht werden" (Nolli, 31). Zudem richtet sich der Kommunikationsdruck vor allem auch an Personen, bei denen die gewünschte Meinungsänderung am ehesten zu erzielen ist (Festinger., 1954 [1989], 124).
Man kann verschiedene Faktoren unterscheiden, welche einen Druck zur Kommunikation bewirken oder verstärken. Hypothesenartig formuliert wären das folgende:
10 Hier scheint ein Druckfehler im Originaltext vorzuliegen. Es müsste korrekterweise "one's own opinion" heissen.
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• Je grösser die wahrgenommene Diskrepanz bezüglich eines Gegenstandes X zwischen den Gruppenmitgliedern ist, desto mehr steigt der Druck zur Kommunikation (Festinger, 1954 [1989], 121; Nolli, 31)
• Je wichtiger ein Gegenstand X für das Funktionieren der Gruppe ist, desto mehr steigt der Druck zur Kommunikation (Festinger, 1954 [1989], 121; Nolli, 31)
• Je stärker die Beziehung zur dissonanten Person ist, desto mehr steigt der Druck zur Kommunikation. Je angesehener die Kompetenz der dissonante Person ist, desto mehr steigt der Druck zur Kommunikation (Nolli, 31).
• Je grösser die Kohäsion einer Gruppe ist, desto mehr steigt der Druck zur Kommunikation innerhalb der Gruppe (Festinger, 1954 [1989], 122; Nolli, 31). Unter dem Begriff "Kohäsion" versteht Festinger (1954 [1989], 122) "... the resultant of all the forces acting on the members to remain in the group. These forces may depend on the attractiveness or unattractiveness of either the prestige of the group, members in the group, or the activities in which the group engages".
Sind die Diskrepanzen jedoch zu gross und ein Vergleich daher nicht sinnvoll durchführbar, besteht die Tendenz, inkompatible Mitglieder aus der Gruppe auszuschliessen (ders., 1954 [1989], 146-147). Wenn ein betroffenes Mitglied nicht ausgeschlossenen werden möchte, dann erhält die Gruppe in dieser Hinsicht eine gewisse Form von Macht. Sie kann mittels Uniformitätsdrucks einen genuinen Meinungswandel der ursprünglich dissonanten Mitglieder erwirken (ders., 1954 [1989], 125).
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Arbeit zitieren:
Christoph Schelhammer, Raoul Steiger, Se-Sung Yoon, 2002, Politische Meinungsbildung in egozentrierten Netzwerken, München, GRIN Verlag GmbH
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