Inhaltsverzeichnis
I. Teil: Hakuin Zenji: „Nächtliche Plaudereien auf einem Boot“ (Yasen-kanna)
Vorwort S.3
Übersetzung S.4
II. Teil: Takuan Sôhô: „Abhandlung zur Medizin“ (Isetsu)
Vorwort S.25
Übersetzung S.26
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I. Teil: Hakuin Zenji: „Nächtliche Plaudereien auf einem Boot“ (Yasen kanna)
Vorwort
Die kleine Schrift „Nächtliche Plaudereien auf einem Boot“ (Yasen kanna) des berühmten Rinzai-Zen-Mönchs Hakuin Zenji (1686-1769) ist ein eindrucksvolles Zeugnis für die reichhaltige Tradition der Lebenspflege (yangsheng) in China und Japan. Sie ist zugleich aber auch ein eindrucksvolles Zeugnis für die Gelehrtheit und Belesenheit eben jener buddhistischen Schulrichtung (d.h. des Zen-Buddhismus), welche hierzulande und heutzutage leider allzu leicht als „unkompliziert und anti-intellektuell“ missverstanden wird. Der kleine Traktat ist voll mit Anspielungen und Bezugnahmen auf allerlei Werke und Personen des Buddhismus, des Taoismus und der chinesischen Geschichte/Mythologie. Praktische Hinweise oder Anweisungen und theoretische Erläuterungen halten sich dabei in etwa die Waage. Ihr Studium kann daher für Qigong-Praktizierende u.dgl. ebenso lehrreich sein wie für den an philosophischen und geistesgeschichtliche Hintergründen interessierten Asienfreund. 1
München, Mai 2009
1 Eine (sprachlich etwas eigene) Übersetzung der Geschichte, allerdings ohne Kommentierung, findet sich in Durkheim, Hara - Die Erdmitte des Menschen. Der Name „Nächtliche Plaudereien auf einen Boot“ ist eine Bezugnahme auf eine Redewendung des Gebiets/Ortes, an dem Hakuin seine Belehrung über die Lebenspflege erhalten haben soll.
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Übersetzung
Vorwort von Kitô, dem „Hungernden und Frierenden“
1. (Die Bitte zur Druckfreigabe von Shoshi Ogawa)
Im Frühling des Jahres 7 Hôreki (1757) erreichte den Matsukage-Tempel folgender Brief eines gewissen Shoshi Ogawa aus Kyoto:
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr Alter Meister ein „Yasen-Kanna“ betiteltes Manuskript besitzt, in dem so bedeutsame Punkte wie die Schulung der Vitalkraft und das Nähren der Essenz, das Geheimnis der Regulierung von Puls und Blut zum Zwecke eines langen Lebens, sowie die Zinnober-Übung der göttlichen Heiligen erläutert werden. Für die lerneifrigen Menschen dieser Welt ist dies eine lange ersehnte Schrift. Wohl mögen einige Praktizierende davon Abschriften haben; doch viele Menschen können sie nicht bekommen. Ich glaube aber, dies liegt nicht daran, dass Ihr gerade diese Schrift nur ungern preisgeben würdet. So ersuche ich Euch, das Werk zum Druck freizugeben, damit es von vielen Menschen gelesen werden kann. Der Alte Meister Hakuin hat stets Gefallen daran, den Menschen zu helfen; ich glaube daher, dass Ihr nicht zu sehr an diesem Werk hängen werdet.“
Der Bedienstete verkündete diesen Inhalt des Briefes, und der Alte Meister lachte freundlich. Unverzüglich lies er die Schüler in einer Truhe mit Schriften nach dem gewünschten Manuskript suchen. Dabei stellte sich heraus, dass es zur Hälfte von Insekten zerfressen worden war. Mit vereinten Kräften wurde der Text wieder hergestellt, korrigiert und abgeschrieben; und das nun 15 Blöcke umfassende Manuskript wurde nach Kyoto gesandt. Darum habe ich, obwohl unbedeutend und betagt, dies Vorwort dazu geschrieben.
2. (Die Kasteiung der Wanderpriesters am Matsukage-Tempel)
Unser alter Meister Hakuin wohnte bereits seit etwa 40 Jahren im Matsukage-Tempel. Seitdem gab es viele, welche sich für 10 oder 20 Jahre in die strenge Schulung des Meisters begaben; ja sogar bereit waren hier zu sterben [„zu Staub zu werden“]. Es waren allesamt ausgezeichnete Mönche (unsui). Sie leben unter jämmerlichen Umständen in verfallenen Hütten oder abgerissenen Schreinen in der Nähe unseres Tempels. Sie hungern tagsüber und frieren nachts, essen Gemüseblätter und Hafer und bekommen täglich Schimpfworte, Faust-und Stockschläge zu spüren. Wer dies sieht, runzelt die Stirn; wer davon hört, bekommt kalte Schweißausbrüche. Gutaussehende, kräftige Männer werden nach kurzer Zeit schwach und blass. Nur wer wirklich Mut besitzt, vermag es hier auszuhalten. Wer es aber um der Übung
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willen übertreibt, fängt sich ein Lungenleiden ein, leidet unter Koliken oder bekommt andere schwere Krankheiten. Eines Tages wurde der Meister jedoch von Mitleid ergriffen, und freundlich belehrte er die Mönche folgendermaßen über das Geheimnis der Innenschau:
3. (Der Zen-Meister erzählt über das Geheimnis der Innenschau, naikan) „Wenn man bei der Zen-Meditation die Kontrolle über das Feuer des Herzens verliert, werden Körper und Geist erschöpft und die Eintracht der Fünf Speicherorgane wird durcheinander gebracht. Diese Krankheit, welche von keiner Heilkunst kuriert werden kann, ist ein Fall für das Geheimnis der Zinnober-Schulung. 2 Wenn man diese Übung praktiziert, werden ganz gewiss bedeutende Ergebnisse erlangt. Um dieses Geheimnis zu erlernen, ist es zunächst notwendig, in einen tiefen Schlaf fallen zu wollen. Zunächst schließt man die Augen; und wenn man dann einzuschlafen beginnt, streckt man kräftig beide Beine durch, lässt die fundamentale Lebenskraft (yuan-qi) am Nabel kreisen und von da aus das „Meer der Energie“ (qihai), das Zinnoberfeld (tanden), Hüfte und Beine, Fußsohlen und Herz erfüllen. 3 Dann stellt man folgende Betrachtung an:
Dieses Meer der Energie und das Zinnoberfeld, Hüfte und Beine, Fußsohlen und Herz sind mein „ursprüngliches Angesicht“ (honrai no menmoku). 4 Was für ein Aussehen hat dieses ursprüngliche Angesicht? Das Meer der Energie und das Zinnoberfeld sind meine eigentliche Heimat. Was ist die Nachricht dieser meiner eigentlichen Heimat? Das Meer der Energie und das Zinnoberfeld sind das Reine Land (jôdo) meines „Nur-Bewusstseins“ (yui-shin). Was ist das Würdevolle dieses Reinen Landes? Das Meer der Energie und das Zinnoberfeld sind der Amida meines eigenen Leibs. Wie erläutert dieser Amida meines eigene Leibs den Dharma? Wenn man derart wiederholte Male nachdenkt, dann wird die fundamentale Lebenskraft des Leibs schließlich Hüfte und Beine, Füße und Herz erfüllen. Unterhalb des Nabels wird sie sich ansammeln wie ein Flaschenkürbis; wie ein fest gefüllter Lederball. Wenn man diese Übung ein bis drei Wochen fortsetzt, dann werden Erschöpfungen und Beschwerden sowie
2 Zinnober (tan) ist, zusammen mit Gold, Blei und Quecksilber, ein häufig verwendeter Terminus der inneren Alchemie; die Begrifflichkeiten, ihre Interaktionen und Transformationen stehen dabei als Metapher für den Prozess innerer Umgestaltung. Die äußere Alchemie (sowohl Chinas als auch des Abendlandes) verlegt diesen Vorgang nach dem Gesetz „wie innen, so außen“ in den äußeren Raum, wobei die minutiös einzuhaltenden Vorschriften das Pendant der Selbstunterwerfung der inneren Schulung darstellen.
3 Die „fundamentale Lebenskraft“ gilt als besonders wichtig, da sie jedem Menschen von Geburt an nur in einer bestimmten Menge zu eigen ist. Neben dem untern Zinnoberfeld, welches zwischen Nabel und Nieren liegt, wird noch mit zwei anderen, dem mittleren (Herzbereich) und dem oberen Zinnoberfeld (Gehirn) gearbeitet.
4 Das „ursprüngliche Angesicht“, das „Gesicht vor der Geburt“, ist ein beliebtes Kôan des Zen-Buddhismus.
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Stauungen der Vitalkraft in den Fünf Speicher- und Sechs Hohlorganen, oder Kälte und Schwitzen wegen einer Schwäche der Vitalkraft des Herz-Geistes geheilt werden. Wenn dem nicht so sein sollte, dann holt euch den Kopf dieses alten Mönchs!“ So belehrte er uns; alle jubelten, erwiesen ihm Achtung, übten für sich dieses Geheimnis und erreichten wunderbare Effekte. Wohl gab es Unterschiede bezüglich der Geschwindigkeit der Wirkung, doch lag dies an der Art und Weise des Übens. Größtenteils wurden sie vollständig geheilt, und alle priesen diese Methode der Innenschau als etwas höchst Wunderbares. An dieser Stelle sprach der Alte Meister:
„Die Krankheit eures Gemüts ist vollständig geheilt, doch seid ihr damit zufrieden? Wenn man genesen ist, will man sich nicht mehr zur Meditation setzen; wenn man zu Erwachen beginnt, dann soll es rasch geschehen. Auch ich litt in jungen Jahren an schwer zu heilenden, ernsthaften Beschwerden; zehnmal so schmerzhaft wie die von euch heute. Irgendwann wusste ich nicht mehr aus noch ein; und ich dachte mir, dass ich lieber tot wäre. Durch glückliche Umstände wurde ich schließlich über das Geheimnis der Innenschau belehrt; und wie auch ihr konnte ich dadurch vollständig geheilt werden. Die Methode empfing ich dabei mit folgenden Worten: „Dies ist die göttliche Kunst der Langlebigkeit und des Nicht-Todes. Auch einfache Menschen können, wenn sie diese Methode praktizieren, 300 Jahre alt werden. Fähige Menschen hingegen können damit länger leben als man zählen kann.“ Mein Jubel war unbeschreiblich, und ich übte drei Jahre sorgfältig. Körper und Geist gesundeten, und meine Vitalkraft wurde eindrucksvoll stark.
4. (Das Bemühen, Zen-Meditation und Innenschau zu verbinden)
Wenn man so darüber nachdenkt, wie lange man mittels dieser Methode zu leben vermag, und ob es nur ums (lange) Leben als solches geht, dann stellt sich die Frage, ob man derart nicht vielmehr wie eine Leiche oder ein dunkler Geist ist. Gleicht man so nicht einem alten Dachs, der in seiner Höhle wie ein Toter schläft? Wie lange man auch leben mag, am Ende muss man doch sterben. Ge Hong, Tie Guai, Zhang Hua, Fei Zhang u.a. sogenannte Heilige mögen ein noch so langes Leben gehabt haben - es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sie auch heute noch am Leben sind. 5 Auch ein noch so langes Leben endet mit dem Tod. Sollte man sich deshalb nicht dazu aufraffen, die Vier Großen Gelübde abzulegen und den
5 Ge Hong/Ko Hung (ca. 284-364) war ein bedeutender taoistischer Meister; sein Werk Pao-p´u-tzu beschreibt und ordnet u.a. eine Vielzahl an Methoden, Unsterblichkeit zu erlangen. Tie Guai/Li T´ieh-kuai („Li mit der eisernen Krücke“) ist einer der „Acht Unsterblichen“ (ba-hsien); ebenso wie Zhang Hua/Chang Kuo-lao. Fei Zhang war ein Taoist und Arzt der späteren Han-Zeit.
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Erleuchtungsgeist zu erwecken; sowie den wahren, Tod und Geburt nicht unterworfenen, unwiderruflichen, diamantharten Dharma-Körper zu verwirklichen? 6 Schließlich fanden sich zwei, drei hervorragende Praktizierende im Matsukage-Tempel ein. Gleichzeitig mit der Zen-Meditation praktizierten sie auch diese Methode der Innenschau. In den letzen dreißig Jahren stieg die Zahl der Übenden kontinuierlich um ein, zwei Personen, so dass man heute wohl um die zweihundert Übende vorfindet. Aber unter den Übenden verloren manche die Kontrolle über das Herzensfeuer, wodurch sie gemütskrank und wie verrückt wurden. Doch durch die Übermittlung dieser Methode der Innenschau konnten sie vollständig geheilt werden, so dass sie ihre Übung schließlich fortsetzen konnten. Nun habe ich die Siebzig überschritten und habe keinerlei Krankheit oder Beschwerden; meine Zähne fallen nicht aus, meine Augen und Ohren sind klar und ich brauche kein Brille. Ich versäume keine der monatlichen Predigten (hôwa). An jedem Ort versammeln sich je nach Bedarf 300 oder 500 Menschen, ich bleibe 50 oder 70 Tage, und bei 50 oder 60 Belehrungen (teishô) mittels der klassischen Schriften und der Worte der Alten muss ich nicht ein einziges Mal fehlen. Körper und Geist sind gesund, und meine Vitalkraft ist stark wie die eines Zwanzig- oder Dreißigjährigen. Ich glaube, all dies ist der Methode der Innenschau zu verdanken.“
5. (Die Schüler bitten um Niederschrift der Methode der Innenschau)
Nachdem sie dieser Erzählung des Alten Meisters gelauscht hatten, bekundeten sie alle unter Tränen ihren Respekt und sprachen: „Bitte, Meister, legt die Grundzüge dieser Methode der Innenschau dar. Wird sie schriftlich festgehalten, dann ist es uns auch in der Zukunft möglich, Menschen zu helfen welche unter der Zen-Krankheit leiden.“
Der Meister stimmte zu, und hier folgt die Erklärung: „Das Geheimnis der Lebenspflege und eines langen Lebens besteht darin, Selbst und Gestalt auszubilden. Das Geheimnis der Ausbildung von Selbst und Gestalt ist es, den Herz-Geist im Zinnoberfeld, dem Meer des Qi, festzuhalten. Wenn der Geist dort festgehalten wird, versammelt sich die Energie. Wenn sich die Energie versammelt, entsteht der wahre Zinnober. Entsteht der Zinnober, werden Selbst und Gestalt fest. Wenn Selbst und Gestalt fest sind, wird der Herz-Geist vollendet. Ist der
6 Die „Vier Großen Gelübde“ (shiguseigan) des Mahayana-Buddhismus sind 1. Alle Lebewesen zu retten (shujô muhen seigando); 2. Alle Befleckungen auszulöschen (bonnô muryô seigandan); 3. Alle Lehren zu lernen (hômon muji seigangaku); und 4. Den Buddha-Weg zu verwirklichen (butsudô mujô seiganjo). Der „Dharma-Körper“ (dharmakaya) ist, zusammen mit dem „Vergütungs-Körper“ (sambhogakaya) und dem „Verwandlungs-Körper“ (nirmanakaya) ein wichtiges Konzept des Mahayana-Buddhismus. Während der Dharmakaya im exoterischen Mahayana eher unpersönlich und inaktiv gesehen wird („der Grund allen Seins“), ist er im esoterischen Mahayana (Tantra) oftmals persönlich (Mahavairocana, Adi-Buddha Samantabhadra) und aktiv.
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Herz-Geist vollendet, hat man langes Leben. Obwohl dies das Geheimnis der „Wiederkehr des Zinnober“ der Heiligen ist, handelt es sich bei dem wahren Zinnober, der „Arznei der Langlebigkeit“, welche diese Heiligen durch ihre Übung ausbilden, nicht um äußeren Zinnober. Wichtig ist vor allem, das durch das Sinken des Feuers des Herz-Geistes das Meer der Energie und das Zinnoberfeld erfüllt werden. Ihr Alle: Wenn ihr dieses Geheimnis eifrig und ohne Nachlässigkeit übt, dann wird die Zen-Krankheit geheilt ohne das die Beschwerden je wiederkehren. Wie bei einem bis dahin nicht verstandenen Kôan werdet ihr in die Hände klatschen und in einen großen Jubel ausbrechen. Und warum?: Wenn der Mond hoch steht, verschwindet der Schatten der Burg!“ 7
25 Tag, Hôreki 7 (1757)
Hochachtungsvoll,
beim Verbrennen von Räucherwerk aufgezeichnet von Kyûbô Anjû Kitô
7 Ein Gedicht aus der Sung-zeitlichen Sammlung „Körper der drei Gedichte“, Sanbenshi, von Zhou Bi.
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Arbeit zitieren:
Dr. Julian Braun, 2009, Zen und die Kunst das Leben zu nähren - Ein Beitrag zur Yangsheng-Tradition im Japan der Tokugawa-Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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