1. Übung zu Ausgrenzung im schulischen Alltag
1.1. Das Szenario
Eine Übung, die ich aus dem Rahmen des Seminars „Kommunikation und Konfliktlösung“ vom 8.-10. Juni 2007 besonders hervorheben möchte, beschäftigt sich mit der bewussten Ausgrenzung bestimmter Schüler durch Gleichaltrige im schulischen Kontext. Zunächst will ich den Ablauf der Übung und persönliche Eindrücke schildern, ehe die Aufarbeitung einer Kommunikationstheorie und schließlich eine Schlussfolgerung für die Lehrertätigkeit folgen sollen.
Während drei Seminarteilnehmer, auf weitere Instruktionen wartend, räumlich von der übrigen Gruppe getrennt wurden, sollte diese sich in folgendes Szenario einfühlen: Mehrere Cliquen stehen auf dem Schulhof während der großen Pause. Bevor die Erste der drei isolierten Teilnehmerinnen wieder den Raum betreten durfte, erhielten sie die Anweisung, diese auszugrenzen, um somit ihre Integration in die jeweilige Gruppe zu verhindern.
1.2. Das Ausgrenzen
Die Erste (in deren Rolle ich mich einfühlen durfte), die zu dem Experiment hinzukam, erhielt ihrerseits die Instruktion, sich in eine der vielen Grüppchen auf dem Pausenhof zu integrieren. Zunächst ging ich flüchtig zwischen den Gruppen hin und her, um mir einen Überblick zu verschaffen. Dann suchte ich wahllos eine Gruppe aus, zu der ich lächelnd hinzu stieß und auf die ich munter einplapperte, ich sei neu und es sei mein erster Tag, ... Die Gruppe reagierte (ohne, dass ich wusste, was ihr spezifischer Auftrag war) sofort ablehnend und versuchte mich gar nicht erst in den Kreis der Gruppe eindringen zu lassen. Ich war meinerseits bemüht, Gesprächsfetzen aufzuschnappen, auf die ich reagieren könnte. Das Gesprächsthema der vier änderte sich nun dahingehend, dass die Gruppe versuchte, mir meine Außenseiterrolle bewusst zu machen. Sie sprachen über eine anstehende gemeinsame Freizeitaktivität, das Tretbootfahren. Ich tat begeistert und versuchte mich mit meinem Wissen über Tretboote einzubringen. Gleich hieß es: „Das ist nur für vier Personen!“ Ich deutete sofort auf denjenigen, der bisher noch nichts zum Gespräch beigesteuert hatte und sagte grinsend: „Das ist aber nicht nett. Wir können ihn doch nicht ausgrenzen! Soll er etwa hinterher schwimmen?!“ Zwei der Mitglieder unterdrückten ein Lachen, fingen sich aber schnell und gingen nun zum direkten Angriff über: „Du bist gemeint! Du kannst nicht mit!“ -„Ach, quatsch, dann nehmen wir zwei Tretboote und fahren Rennen!“ Nun wurde ich schroff
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zurückgewiesen mit den Worten „Lass uns in Ruhe!“, „Du nervst!“ und „Such dir jemand anderen!“ Gesagt getan. Anbrüllen lassen musste ich mich ja nun nicht. Ich steuerte auf die kleinste Gruppe mit nur drei Mitgliedern zu, von denen mich zwei allerdings um mehrere Köpfe überragten und sich, trotz fröhlicher Annäherung meinerseits, unbeirrt über meinen Kopf hinweg unterhielten. Als ich meine Aufmerksamkeit auf die Kleinste der Drei lenkte, schritten die beiden Großen ein und isolierten mich von ihr durch Körpermaße und kollektives Rücken- zu- Wenden. Die nächste Gruppe war etwas größer mit fünf bis sechs Mitgliedern. Ich pirschte mich an und drang in einem günstigen Augendblick in den Mittelpunkt der Gruppe ein. Wieder plauderte ich unbefangen mit breitem Lächeln los und wurde dieses Mal nicht ignoriert- zumindest für einen Moment. Ich versuchte alle abzuschätzen und blieb dann instinktiv bei dem am nachgiebigsten wirkenden Mitglied hängen. Die anderen formierten sich derweil neu, so dass ich nicht mehr im Mittelpunkt war und einige mir den Rücken zu kehrten. Der, den ich aber fixiert hatte und auf den ich unaufhörlich einplauderte, hatte so den Anschluss verloren und musste nun weiterhin auf mich reagieren. Er versuchte lächelnd um mich herum zurück zur Gruppe zu finden, wobei ich ihm den Weg vertrat und versuchte seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Er antwortete mit einem „Aus- der- Rolle- fallen“ und bat mich, es ihm nicht so schwer zu machen. Dann versuchte er mich wegzuschubsen, worauf ich augenblicklich mit einem ernsten „Aua, das mag ich nicht, du hast mir wehgetan.“ reagierte, das prompt eine erschrockene Entschuldigung meines Gegenübers nach sich zog. Lächelnd, in der Hoffnung, dass ich nun „etwas gut“ bei ihm hätte, meinte ich gönnerhaft, dass es schon wieder vergessen sei. Allerdings wurde die Gruppe nun erneut aktiv und fing ihr verlorenes Mitglied wieder ein, indem sie kollektiv einschritten und mich von ihm trennten. Mir blieb nichts weiter übrig, als mein Glück bei der verbliebenen Gruppe zu suchen. Wieder drängelte ich mich in den Mittelpunkt und lächelte fleißig. Diese Gruppe begegnete mir mit lautstarker Empörung über meine „Dreistigkeit“. Aber sie reagierte immerhin. Auch wenn es eine negative Zuwendung war, fühlte sie sich mittlerweile wie ein kleiner Erfolg an. Auf mich wurde von den beiden vermeintlichen Gruppenführern eingezetert, was das Zeug hielt. Beim orientierenden Blick in die Runde fiel mir zunächst das einzige männliche Mitglied der Gruppe auf, das sich nicht am Gespräch beteiligte. Ihm versuchte ich jetzt ein Gesprächsangebot zu machen- auf das er aber konsequent nicht einging und mich nur zurückgelehnt mit verschränkten Armen von oben herab anlächelte- ohne jegliche Regung zu zeigen. Dann fiel mir die Kleinste der Gruppe auf, die nun vom Gespräch der anderen, die sich abermals über mich hinweg zu unterhalten versuchten, abgeschnitten war. Tatsächlich überragte ich sie an Körpergröße ein wenig, was
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ich nun meinerseits einsetzte, um sie von der Gruppe ganz zu trennen. Unermüdlich auf sie einredend mit ausladenden Gesten gelang mir das auch. Jedoch war ein fast schon peinlich berührtes Lächeln das Einzige, das ich als Feedback bekam. Allerdings scheiterten alle ihre Versuche zur Gruppe zurück zu kommen, die ihr auch nicht zu Hilfe kam. Da sich meine Bemühungen bei ihr im Sand verliefen, kehrte ich nach kurzem Überlegen wieder zu der Gruppe zurück, die mich immerhin in ihr Gespräch, wenn auch unabsichtlich, aufgenommen hatte. Ich schlich mich heran und noch nicht einmal angekommen, schlug mir von der Hauptrednerin ein „Lass uns bloß in Ruhe!“ entgegen. Unbeirrt schlich ich weiter (an der Dreier- Gruppe vorbei, die mir wieder demonstrativ die Rücken zukehrte) und murmelte mit vorgehaltener Hand in die Vierer- Gruppe hinein: „Hey, die lästern über euch, das würde ich mir an eurer Stelle nicht gefallen lassen!“ Die gewünschte Reaktion blieb nicht aus. Einen Augenblick lang folgten alle Blicke meinem auf die Dreier- Gruppe gerichteten Zeigefinger. Dann versuchten sie es mit einem „na und“ abzutun, worauf ich schnell versuchte, die Aufmerksamkeit auf mich gerichtet, zu halten. Die Gruppe wurde nun ungeduldig und angespannter. Sätze wie „Hört ihr was- ich hör` nichts.“ oder „Ich habe so ein Piepen im Ohr!“ folgten. Langsam zynisch gab ich zurück, „Mensch, ich kenne da einen guten Ohrenarzt“. Die Hauptrednerin verlor nun ihre Geduld mit mir, begann mich direkt anzugreifen und leicht, aber mit Nachdruck, zu schubsen und laut zu keifen: „Hau ab, du hast hier nix zu suchen! Du bist ätzend. Blöde Kuh!“ (Erstaunlich, sie so aus der Haut fahren zu sehen, obwohl wir uns sonst recht gut leiden können.) In diesem Moment war ich mir nicht mehr sicher, auf welcher Ebene sie mich eigentlich angriff. War es noch Spiel oder vielleicht etwas Persönliches? Dennoch heizte mich diese heftige Reaktion seltsamerweise an, eben nicht locker zu lassen, fast als sei mittlerweile eine schlechte Reaktion besser, als überhaupt gar keine. Die Wortführerin ordnete ihren Gruppenmitgliedern an, woanders hin zu gehen. Ich folgte penetrant, da keine andere Möglichkeit um Kontakt zu einer Gruppe zu halten, geblieben war.
Als das Experiment nach für mich unendlich langen 10 Minuten abgebrochen wurde und ich nun frei entscheiden konnte, in welche Gruppe ich mich eingliedern wollte, brach es aus mir hervor: „Nö, nun will ich auch nicht mehr!“
1.3. Das Verstummen
Dennoch erweiterte ich die eben noch feindlich gesonnene Vierer- Gruppe, wobei mir nun auffiel, dass die Kommunikation tatsächlich nur über ein Mitglied lief, an dem ich mich im Experiment auch sehr orientiert hatte.
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Bevor die zweite Probandin hineingelassen wurde, erhielten wir den Auftrag, immer das Gespräch verstummen zu lassen, wenn sie sich unserer Gruppe näherte. Als sie schließlich zu uns kam, waren die Verhaltensweisen der Gruppenmitglieder erstaunlich verschieden: Eine starrte zu Boden, der andere in die Luft, ich grinste sie an und eine andere durch sie hindurch. Durch ihre Größe war es ausgeschlossen, über sie hinweg zu sehen. Sie versuchte in einer Art gespielten lautem Denken eine Erklärung für unser Verstummen zu finden, um uns eine Reaktion, wie möglicherweise eine Bestätigung, abzuringen. „Ach, ihr habt bestimmt Theaterprobe und übt Pantomime.“ Mit lustigen Kommentaren bemühte sie sich, das Schweigen zu brechen und ging schließlich in ein Kommentieren unserer Gesichtsausdrücke über, wobei sie versuchte Augenkontakt aufzunehmen. Dann ging sie zur nächsten Gruppe. Als sie später wiederkam und versuchte zwischen zweien hindurch in den Mittelpunkt der Gruppe zu treten, ertappte ich mich dabei, wie ich nicht nur schwieg, sondern ihr auch noch wiederholt in den Weg trat. Nun, da ich zur Gruppe gehörte, ging ich über die eigentliche Anweisung hinaus und reagierte besonders harsch, indem ich das Verhalten imitierte, das ich erfahren hatte, als ich Außenseiterin gewesen war. Das zu erkennen schockierte mich sehr. Schließlich gab die Probandin auf, verschränkte die Arme vor der Brust und verkündete, etwas verletzt, kleinlaut: „Wenn ihr nicht mit mir reden wollt, rede ich eben mit mir selbst!“ Als der Versuch abgebrochen wurde und man sie aufforderte sich einer Gruppe zuzuordnen, rief sie ebenfalls laut aus: „Nö, nun will ich auch nicht mehr!“
1.4. Das Auseinandergehen
Bevor es in die dritte Runde ging, erhielten wir die Instruktion, wenn sich die letzte „Außenseiterin“ einer Gruppe nähern wollte, diese aufzulösen, um sich an anderer Stelle wieder zu sammeln.
So stoben wir immer auseinander, wenn sie auf uns zukam und nahmen ihr gänzlich die Möglichkeit überhaupt an uns heranzutreten. Zunächst versuchte sie nach Selbstaussage sich an die männlichen Gruppenteilnehmer zu halten und deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil ihr dies, wie sie später aussagte, im Alltag am leichtesten fiel. Schließlich heftete sie sich an eine bestimmte Person, neben der sie, unaufhörlich auf sie einredend, hin und her lief. Diese war die kleinere der Dreier- Gruppe, die nun auch vollends von ihren Kameraden im Stich gelassen wurde, weil diese sich schließlich anderen Gruppen anschlossen, um der „Penetranz“ der Außenseiterin zu entweichen. Später im Gespräch sagte diese, sie sei zunehmend nervöser und verzweifelter geworden und hätte sogar versucht, derjenigen, der sie nun nicht mehr von der Seite wich, die Trinkflasche aus den Händen zu entreißen. Sie wäre immer aggressiver geworden, weil diese nicht reagiert hätte, und wollte sie am liebsten kräftig
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Arbeit zitieren:
Kati Neubauer, 2007, Ausgrenzung im Schulalltag und Kommunikationsmuster von Leavitt, München, GRIN Verlag GmbH
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