INHALT
Einleitung 3
I. Literaturgrundlage 5
a) Maya Nadig Die verborgene Kultur der Frau 5
b) Das Finden einer vergleichbaren Ethnographie 6
c) Marjorie Shostak Nisa. The Life and Words of a Kung Woman 7
II. Vergleich der beiden Ethnographien 9
a) Das gemeinsame Erkenntnisziel 9
b) Die Ethnopsychoanalyse Maya Nadigs 9
c) Vergleich der Ethnographien 11
III. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 16
Literatur 19
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EINLEITUNG
Diese selbstbewusste Meinung über die Verbindung von Ethnologie und Psychoanalyse stammt von Mario Erdheim, einem der wichtigsten Ethnopsychoanalytiker unserer Zeit. Nicht weniger überzeugt von den Leistungen dieser Disziplin ist Maya Nadig, wenn sie schreibt: »In ihren Arbeiten [denen der Ethnopsychoanalyse H.H.] ist es wohl zum ersten Mal gelungen, eine fremde Kultur so darzustellen, dass die einzelnen Rituale, Institutionen und Glaubensinhalte »von innen heraus« in ihrer Bedeutung für die in dieser Kultur lebenden Subjekte deutbar und verständlich wurden, und zwar nicht einfach auf einer rationalen Ebene, sondern auch auf der des Unbewussten.« (Nadig 1991: 219) Dieser Aussage dürften wohl die wenigsten nicht ethnopsychoanalytisch arbeitenden Ethnologen zustimmen. Versuchen sie doch mit ihren jeweiligen Theorien und Ansätzen ebenso, fremde Kulturen »von innen heraus« zu verstehen, wenngleich auch nicht, indem sie deren Innerstes - Unbewusstes - herausarbeiten, was laut Nadig über ein rationales Verständnis der Kultur hinaus zu neuen Erkenntnissen führt. Welcher Art können solche Erkenntnisse sein? Ist die Arbeit mit und am Unbewussten nicht nur ein weiterer westlicher - und durchaus sehr rationaler - ethnologischer Ansatz und damit einer unter vielen, die das gleiche Ziel verfolgen, nämlich das Verstehen und Beschreiben fremder Kulturen?
Ich möchte in dieser Arbeit herausfinden, was das Einzigartige an der Ethnopsychoanalyse ist und ob sie wirklich Erkenntnisse generiert, zu denen andere Ethnologen nicht kommen. Dazu möchte ich zwei Ethnographien miteinander vergleichen, die beide einen verstehenden Ansatz haben. Der ethnopsychoanalytischen Arbeit von Maya Nadig »Die ver-borgene Kultur der Frau« (1986) stelle ich Marjorie Shostaks Werk »Nisa. The Life and Words of a !Kung Woman« (1981) gegenüber. Im ersten Teil meines Textes werde ich die beiden Ethnographien kurz vorstellen und meine Auswahl der zu vergleichenden Ethnographie begründen. Im zweiten Teil gehe ich zunächst auf die Ethnopsychoanalyse von
1 Mario Erdheim im Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs (Heinrichs 1985: 9)
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Maya Nadig ein und stelle deren zentrale Elemente vor, die dann als Grundlage für den Vergleich dienen sollen. Beim Vergleich der beiden Ethnographien leiten mich die folgenden Fragen: Welche Rolle spielen der jeweilige Ansatz beziehungsweise die durch ihn gewonnen Erkenntnisse für die jeweilige Ethnographie? Inwiefern unterscheiden sich die auf unterschiedlichen Wegen gewonnenen Erkenntnisse voneinander und welche Vor- und Nachteile haben die unterschiedlichen Herangehensweisen? Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Ethnographien werde ich dabei vor allem auf der Ebene der Methode untersuchen. Im dritten Teil meiner Arbeit werde ich versuchen, die Ergebnisse des Vergleichs zusammenzufassen und Antworten auf die gestellten Fragen zu geben. Mögliche Antworten lassen sich jedoch nicht verallgemeinern; zum einen gibt es nicht die Ethnopsychoanalyse oder die ethnopsychoanalytische Ethnographie, zum andern kann ich im Rahmen dieser Arbeit nur sehr wenige Beispiele aus einem nicht ethnopsychoanalytischen Werk geben. Nichtsdestotrotz hoffe ich, so auf grundsätzliche Unterschiede zwischen der Ethnopsychoanalyse und anderen Ansätzen zu stoßen, die etwas über die Möglichkeiten und Grenzen der Ethnopsychoanalyse aussagen und die dann als Hypothese für weitere Untersuchungen dienen können.
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I. LITERATURGRUNDLAGE
a) Maya Nadig »Die verborgene Kultur der Frau«
Maya Nadig, geboren 1964, ist diplomierte klinische Psychologin und promovierte im Fach Ethnologie. Feldforschungen führte sie unter anderem bei den Otomi in Mexiko, bei den Maya in Yukatan und in der Schweiz durch. Außerdem arbeitet sie als Psychoanalytikerin in Zürich. Ein zentrales Thema Maya Nadigs ist die Rolle der Frau in verschiedenen Gesellschaften, die sie mit den Mitteln der Ethnopsychoanalyse untersucht. Zuletzt forschte sie im Jahr 2004 für fünf Monate über aztekische Tanzgruppen in den Großstädten Mexikos. 2
Maya Nadigs Buch »Die verborgene Kultur der Frau« aus dem Jahr 1986 ist das Resultat einer mehrmonatigen Feldforschung, die Nadig 1975 bei den Otomi in Mexiko durchführte. Sie lebte in dieser Zeit in Daxhó, einem kleinen Bauerndorf im Valle de Mezquital, um etwas über das Leben und die besonderen Probleme der Frauen zu erfahren. »Mein Interesse galt von Anfang an den Frauen in einer anderen Kultur und den Strategien, die sie psychisch und sozial entwickeln, um so gut wie möglich - ökonomisch und psychisch - zu überleben. (...) Mein Interesse richtete sich auf die subjektiven Lösungs- und Machtstrategien, die Frauen innerhalb gegebener Verhältnisse entwickeln.« (Nadig 1986 29) Ihre Erkenntnisse gewann sie zum Teil durch teilnehmende Beobachtung, vor allem aber durch zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Frauen, in denen diese von ihrem Leben, ihrer Arbeit, dem Verhältnis zu ihren Männern aber auch ihrer Meinung zu Politik und Wirtschaft sprechen.
Sowohl die Gespräche mit den Frauen als auch Nadigs Beziehung zu ihnen sind geprägt durch die Ethnopsychoanalyse. Die Bewusstmachung von Rollenvorstellungen, Übertragungen und Gegenübertragungen sind dabei ebenso wichtig wie die ständige kritische (ethnopsychoanalytische) Reflexion der Forscherin und die Beschäftigung mit dem kollektiven Unbewussten sowohl in der fremden als auch der eigenen Gesellschaft. Auf Nadigs Vorstellungen der Ethnopsychoanalyse werde ich im Kapitel II näher eingehen. Nadig gliedert ihr Buch in vier große Teile. Im ersten Teil beschäftigt sie sich auf der theoretischen Ebene mit dem ethnopsychoanalytischen Prozess, der Rolle der Subjektivität
2 Die biographischen Informationen sind zusammengestellt aus Nadig 1991: 213, Nadig 1986: 2 und Hegener 2004: Absatz 2.
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der Forscherin und der Herangehensweise und Auswertung ihrer ethnopsychoanalytischen Gespräche. Im zweiten Teil präsentiert sie Informationen zur Ethnographie und Geschichte der Otomi und geht auf ihre politische, wirtschaftliche und soziale Lage ein. »[E]s war für mich wichtig, gute Daten über die allgemeinen Verhältnisse des Mezquital zur Hand zu haben, um meine Daten, die mehr den mikrosozialen Bereich betreffen sollten, einordnen zu können.« (Nadig 1986: 11) Im dritten Teil stellt sie die Beziehungen und Gespräche mit drei Frauen und ihre eigenen Reaktionen, Deutungs- und Analyseversuche dazu dar. Insgesamt hatte Nadig mit fünf Frauen ethnopsychoanalytische Gespräche geführt, von denen sie drei für ihr Buch ausgewählt hat. Die drei präsentierten Frauen hat sie deshalb gewählt, weil sie unterschiedlichen Generationen angehören, in unterschiedlichen Positionen leben und sehr ungleiche Positionen im Dorf einnehmen. »Die drei Frauen decken mit ihrer Lebenspraxis ein breites Spektrum ihrer Gesellschaft ab.« (ebd.: Seite 161) Im letzten Teil ihres Buches versucht Nadig eine zusammenfassende Auswertung der Deutungen und Irritationen aus den Gesprächen mit den verschiedenen Frauen, um daraus Aussagen über das Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Objektivität und der Subjektivität der Frauen zu kommen.
b) Das Finden einer vergleichbaren Ethnographie
Wie muss nun eine Ethnographie aussehen, die sich zum Vergleich mit Maya Nadigs Buch eignet? Meine erste Idee bestand darin, eine Ethnographie zu finden, die in der gleichen Region und zu etwa der gleichen Zeit jedoch mit einem anderen theoretischen Ansatz ent-standen ist und die Erkenntnisse der beiden Ethnographien zu vergleichen. Der Tipp eines Mexikokenners führte mich zu einem Buch von Bernhard H. Russel und Jesús Salinas Pedraza »Native Ethnography. A Mexican Indian Describes his Culture«. In diesem zwischen 1976 und 1984 entstandenen Werk geht es ebenfalls um die Otomi 3 , geschrieben wurde die Ethnographie jedoch von Jesús Salinas Pedraza, einem Indigenen, der von einem Ethnologen angeleitet wurde. Entgegen meinen Erwartungen eignete sich diese Ethnographie jedoch nicht zum Vergleich mit Nadigs Werk. Bernhard und Pedraza verfolgen einen funktionalistischen Ansatz und behandeln dazu die Themen Geographie, Flora, Fauna und Religion sehr umfassend, jedoch vor allem funktionalistisch-beschreibend. Ein Vergleich
3 Pedraza verwendet jedoch nicht die Bezeichnung Otomi, die im mexikanischen Spanisch sehr negativ konnotiert ist. Er verwendet statt dessen die Selbstbezeichnung der Menschen: N ähn u. Dieser Begriff bezeichnet zugleich die indigene Sprache.
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Arbeit zitieren:
H. Hartwig, 2005, Vom besonderen Nutzen der Ethnopsychoanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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