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Inhaltsverzeichnis
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1 Einleitung 2
2 Theoretische Vorüberlegungen 4
Kommunikation 2.1 4
Kommunikationsmedien 2.2 6
Massenmedien 2.3 6
World Wide Web 2.4 8
Netzwerke 2.5 9
3 Das Phänomen Twitter 10
Der technische Rahmen 3.1 11
Der Tweet 3.1.1 11
Zeitlichkeit 3.1.2 13
Operationen 3.1.3 14
Following / Follower 3.2 15
Zurechnung der Selektion auf Personen 3.2.1 15
Inszenierung der Person 3.2.2 17
Auswahl der Following 3.2.3 19
Die Twittersphäre 3.3 20
Selektionsorganisation 3.4 21
4 Funktionen 23
Twitter als Massenmedium 4.1 23
Twitter als Netzwerk 4.2 26
Twitter als Teil der Medienevolution 4.3 27
5 Fazit 30
Literaturverzeichnis 33
Verzeichnis der Internetquellen 36
Verzeichnis der Twitter-Nutzer 37
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1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit hat 71.504 Zeichen. Dieser Umfang ist nötig um sich einem Phänomen zu nähern, das mit nur 140 Zeichen auskommt. Der Micro-Blogging-Dienst Twitter 1 ermöglicht es seinen Nutzern, kurze Mitteilungen kostenlos im Internet zu veröffentlichen. Es wären 511 Twitter-Nachrichten, sogenannte Tweets, notwendig, um den folgenden Text mit den Mitteln seines Unter-suchungsgegenstandes zu verarbeiten. Um Leser und Autor den Umstand einer derart kleinteiligen Kommunikation zu ersparen, soll sich diese Untersuchung an die Form des konventionellen Fließtextes halten. Während Twitter für die hier angestrebte Kommunikation ein problematisches Mittel wäre, finden sich, betrachtet man den Erfolg der Plattform, hinreichend Anlässe, in denen seine Form als Vorteil wahrgenommen wird. Seit der Veröffentlichung verzeichnet der Dienst ein exponentielles Wachstum der Nutzerzahlen. Im März 2009 wurde Twitter von der holländisch-amerikanischen Marktfor-schungsorganisation Nielsen, mit 1382% Jahreszuwachs, zu der am schnellsten wachsenden Community im Netz erklärt. 2 Aktuelle Nutzerzahlen werden vom Unternehmen nicht veröffentlicht. Schätzungen von November 2008 belaufen sich auf 4 - 5 Millionen. 3 Bei genannter Wachstumsrate dürften diese jedoch inzwischen auf ein Vielfaches angestiegen sein.
Angesichts exponentieller Zuwachsraten stellt sich die Frage nach dem kommunikativen Mehrwert des Angebots. Was für eine Form von Kommunikation kann über Twitter geleistet werden und welche Funktion erfüllt sie? Während Politik und Wirtschaft ihren individuellen Nutzen in Twitter offensichtlich längst entdeckt haben 4 , steht eine wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Fragen noch aus. Im derzeitigen Instrumentarium der Sozial- und Medienwissenschaft finden sich zu diesem Bereich vornehmlich Arbeiten zu Überbegriffen wie Web 2.0 und Social Media, sowie zu Vorgängerphänomenen wie dem konventionellen Bloggen. Im Vordergrund dieser Untersuchungen stehen vor allem Erkenntnisinteressen mit inhaltsorientierter journalistischer, politischer oder organisationskultureller Orientierung. 5 Solche Annäherungen vernachlässigen allerdings die Nutzung abseits der ausgewählten Inhalte. Die Untersuchung der spezifischen Leistungen einer Kommunikationsform muss den Raum der darüber durchführbaren
1 Http://Twitter.com.
2 Vgl. McGiboney 2009.
3 Vgl. Aneesh 2008.
4 In der Politik können als Pioniere Barak Obama (@barak_obama) und in Deutschland Thors-
ten Schäfer-Gümbel (@tsghessen) genannt werden. Beispiele aus der Wirtschaft sind Star-bucks (@starbucks) und die Deutsche Bahn (@DB_info).
5 Vgl. z. B.: Schmidt / Schönberger / Stegbauer 2005: 3f. oder Zerfass / Welker 2008: 14.
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Kommunikation jedoch vollständig einschließen. Eine nach inhaltlichen Maßstäben eingeschränkte Analyse kommt für diese Arbeit entsprechend nicht infrage. Die strukturalistische Internetforschung bemüht sich um die Erarbeitung eines abstrakten Analyseinstrumentariums ohne inhaltliche Bindung. Besonders der Netzwerkbegriff, sowie Position und Funktion von stereotypen Kommunikatoren stehen dabei im Vordergrund. 6 Zwar kann so beleuchtet werden welche Funktion die Nutzer für die Kommunikation haben, aber nicht umgekehrt. Die Frage nach dem Mehrwert der Kommunikationsleistung bleibt unbeantwortet. Basierend auf kultur- und evolutionstheoretischen Erkenntnissen beschäftigt sich die Theorie der Memetik 7 mit der Verbreitung von Botschaften innerhalb sozialer Netzwerke. Besonders im PR und Marketingbereich findet diese Theorie zum Beispiel unter Begriffen wie Viral Marketing Einzug in die Praxis. 8 Der Zweck der Kommunikation bleibt in der Memetik jedoch statisch und medienunspezifisch. Kommuniziert wird, was den evolutionär herausgebildeten Bedürfnissen des Individuums entspricht. Würde man von statischen Zwecken der Kommunikation ausgehen, ließe sich die Heterogenität und Komplexität der aktuellen Medienlandschaft jedoch kaum erklären. Der Mensch müsste sich in der Konsequenz dieser Perspektive auf diejenigen Kommunikationsformen konzentrieren, die seine evolutionären Bedürfnisse am besten abdecken. Naheliegend wäre hier die Sprache als erstes und für die genetische Evolution wohl letztes prägendes Medium. Betrachtet man nun die nachfolgenden, technischen Medien fällt auf, dass sie Probleme lösen, die zur Zeit unserer genetischen Prägung noch nicht aktuell waren. Wir können mit Telefon und Fernsehen auditiv und visuell große Distanzen überwinden. In Büchern können wir von der Vergangenheit oder sogar von der, wenn auch hypothetischen, Zukunft lesen. Wenn nicht die Befriedigung vorbestimmter psychologischer Bedürfnisse die Kommunikation mit Medien motiviert, was dann?
Eine mögliche Antwort liefert die soziologische Systemtheorie. Kommunikation bildet in der Systemtheorie die Basis von sozialen Systemen, die der Lösung sozialer Ordnungsprobleme dienen. 9 Medialisierte Kommunikation erhöht die Komplexität dieser Systeme durch neue Möglichkeiten der Problemlösung. Die Form der Komplexitätssteigerung hängt dabei von der Form der über das jeweilige Medium möglichen Kommunikation ab. Ausgehend von dieser theoretischen Grundlage lässt sich die Ausgangsfrage spezifizieren: Welche Form von
6 Vgl. Stegbauer / Rausch 2006: 71ff.
7 Vgl. Rushkoff: 7ff.
8 Vgl. Langner 2007: 17ff.
9 Vgl. Luhmann 1987: 30ff.
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Kommunikation ist über Twitter möglich und welche Leistung zur Lösung sozialer Ordnungsprobleme kann diese Form erbringen?
Um sich den soeben formulierten Fragen zu nähern, soll in dieser Arbeit eine funktionale Analyse des Phänomens Twitter durchgeführt werden. Der Funktionsbegriff schlägt sich in einer doppelten Weise in dieser Untersuchung nieder. Zunächst soll im ersten Abschnitt das notwendige theoretische Instrumentarium zusammengetragen werden, auf dessen Grundlage im zweiten Abschnitt eine Analyse der Funktionsweise der Kommunikation über Twitter durchgeführt werden kann. Vor diesem Hintergrund soll im dritten Abschnitt die Funktion der Kommunikation für die Lösung sozialer Ordnungsprobleme erörtert werden. Um die Spezifik dieser Funktion herauszustellen, dienen dabei bestehende Erkenntnisse über die Funktionen anderer Kommunikationsformen als Hintergrund zur Verfügung. Abschließend soll ein Ausblick auf den strukturellen Wandel der Gesellschaft durch Internetkommunikation gewagt werden.
2.0 Theoretische Vorüberlegungen
Im Folgenden sollen die theoretischen Grundlagen der angestrebten Untersuchung erörtert werden. Die formulierte Fragestellung erlaubt einen selektiven Zugang auf das umfangreiche Instrumentarium der Systemtheorie. Als allgemeine Grundlage der Analyse des Phänomens Twitter soll zunächst eine Einführung in das systemtheoretische Verständnis von Kommunikation und Kommunikationsmedien erfolgen. Als konkrete Form der Kommunikationsmedien und Vergleichsfolie für Twitter folgt eine Darstellung von Luhmanns Theorie der klassischen Massenmedien 10 und ihrer Funktion. Daraufhin sollen die spezifischen Eigenschaften des World Wide Webs als Massenmedium nach Peter Fuchs zusammengetragen werden. Abschließend führen die theoretischen Vorüberlegungen durch eine weitere Konkretisierung zum Netzwerkbegriff und damit gleichzeitig wieder auf eine allgemeine Ebene.
2.1 Kommunikation
Die Grundlage der soziologischen Systemtheorie bildet die Unterscheidung System/Umwelt. Sie impliziert, dass Systeme, die als real vorhanden vorausgesetzt werden, keinen direkten Zugriff auf ihre Umwelt haben. Daraus folgt, dass
10 Als klassische Massenmedien sollen in dieser Arbeit alle technischen Massenmedien be-
zeichnet werden die nicht auf dem Internet basieren.
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ihr ebenso wenig die Operationen anderer, in ihrer Umwelt existierender Systeme zur Verfügung stehen. 11 Verständlich wird diese Unterscheidung, wenn man sie z. B. auf psychische Systeme anwendet: Ein psychisches System kann nicht wissen, was ein anderes psychisches System denkt. Trotzdem agieren verschiedene Systeme miteinander, sie kommunizieren. Da eine Übertragung von Informationen zwischen verschiedenen Systemen nicht möglich ist, müssen diese versuchen sich wechselseitig in einer Weise zu irritieren, die zu einer Rekonstruktion der Information im jeweilig adressierten System führen kann. Auf diese Weise entsteht Kommunikation.
Der Kommunikationsprozess basiert auf drei Ebenen der Selektion: Information, Mitteilung und Verstehen. 12 Die Information bezeichnet die Auswahl der zu vermittelnden Inhalte. Die Mittelung bezeichnet die intentionale Ebene der Kommunikation. Um Verstehen zu können, müssen die in der Nachricht zusammengeführten Ebenen Information und Mitteilung durch den Empfänger wieder getrennt werden. Nur wenn diese Selektionsoperation auf eine wahrgenommene Nachricht angewendet wird, kann ein System mit der rekonstruierten Information weiterarbeiten. Erfolgreiche Kommunikation kennzeichnet sich durch die weitestgehende Übereinstimmung dieser drei Selektionsoperationen. Da aber Sender und Empfänger jeweils nicht über die Selektionsoperationen des anderen verfügen, muss Verstehen auf Vermutungsbasis geschehen. Daraus folgt, dass keiner der Kommunikationspartner vollständig über die Kommunikation verfügen kann. Sie bildet selbst Systeme, die sich zwischen den Partnern entfalten, ihre Teilnehmer jedoch jenseits der Systemgrenze verorten. Tatsächlich sind Kommunikationssituationen zu Vorraussetzungsreich um lediglich von einem psychischen System, zum Beispiel durch reine Intentionalität, bestimmt zu werden. 13 Entsprechend unscharf ist Kommunikation in Bezug auf das Bewusstsein psychischer Systeme. Sie operieren mit Kommunikationssystemen über die binäre Unterscheidung Annahmen/Ablehnung. Jede Kommunikation zwingt zu dieser Unterscheidung, um den weiteren Verlauf der Kommunikation zu bestimmen. Die entstehenden Kommunikationssysteme sind soziale Systeme, die in ihrer Summe die Gesellschaft erzeugen. Alle sozialen Systeme basieren auf dem Letztelement der Kommunikation. Der Mensch verbleibt in der Umwelt sozialer Systeme, die ohne Kommunikationsteilnehmer zwar nicht existieren könnten, aber auch nicht von ihnen determiniert werden. 14
11 Vgl. Luhmann 1987: 22ff.
12 Vgl. Luhmann 1988: 11.
13 Vgl. Baecker 2005: 163.
14 Vgl. Luhmann 1987: 191.
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2.2 Kommunikationsmedien
Welche Bedeutung haben nun Medien für den Kommunikationsprozess? Luhmann orientiert sich an einem abstrakten Medienbegriff nach Fritz Heider. 15 Heider beschreibt Medien als Mengen lose gekoppelter Elemente. Ein Medium ist für sich nicht beobachtbar, es zeigt sich lediglich in Differenz zur Form. Fest gekoppelte Elemente bilden Formen, die in ihrer Kontingenz auf ein gemeinsames Medium verweisen. Formen bilden wiederum Elemente eines übergeordneten Mediums, das wiederum eigene Formen bilden kann. Als Beispiel für Kommunikationsmedien wären hier Laute zu nennen, die das Medium für die Formen der Worte bilden, die das Medium für die Formen der Sätze bilden, die das Medium für die Formen der Texte bilden usw. 16
Medien bestimmen die möglichen Kopplungen ihrer Elemente und damit die Struktur ihrer Formen. Medien sind niemals selbst Systeme, allerdings determinieren sie die Form der über sie möglichen Kommunikation. Sie stellen bestimmte Selektionsfreiheiten zur Verfügung und unterbinden andere. Entsprechend lagern sich an Medien spezielle soziale Systeme zur Konditionierung dieser Freiheiten an. Das Medium bestimmt, was kommuniziert werden kann und was nicht und somit auch was dem System an Irritation durch die Umwelt zur Verfügung steht. 17 Gleichzeitig wirken Medien auch auf psychische Systeme zurück, deren Wahrnehmung durch das strukturiert wird, was ihnen an Kommunikation zur Verfügung gestellt wird und was durch sie kommuniziert werden kann. Entsprechend bilden sich auch dort eigene Operationen, wie verschiedene, medienspezifische Beobachterstadien heraus. 18 In literalisierten Gesellschaften bilden sich beispielsweise Beobachtungen von Beobachtungen heraus um die Kontingenz der Perspektiven zu verarbeitbar zu machen. 19
2.3 Massenmedien
Als spezielle Form der Kommunikationsmedien können Massenmedien große Mengen an potentiellen Rezipienten erreichen. Ihre Kopplungsform strukturiert entsprechend einen erheblichen Teil der öffentlichen Kommunikation in der Gesellschaft. In der soziologischen Systemtheorie wird zwischen zwei Arten der Massenmedien unterschieden, die jeweils ein Grundproblem von Kommunikati-
15Vgl. Heider 2005 (zuerst 1926).
16 Vgl. Corsi / Esposito 1997: 58f.
17 Vgl. Pohl 2005: 43, 63.
18 Vgl. ebd.: 116.
19 Gemeint ist die Beobachtung zweiter Ordnung, näher erläutert in Kapitel 4.1.
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on lösen. Verbreitungsmedien erhöhen die Erreichbarkeit für Kommunikation und symbolisch generalisierte Massemedien 20 erhöhen ihre Erfolgswahrscheinlichkeit. 21 Für die hier angestrebte Untersuchung ist vor allem die Funktionsweise der Verbreitungsmedien von Interesse, die, der Einfachheit halber, im Weiteren mit dem Überbegriff Massenmedien bezeichnet werden sollen. Luhmann definiert Massenmedien als „alle Einrichtungen der Gesellschaft [...] die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel bedienen.“ 22 Durch die Unterbrechung der Rückkopplung innerhalb der Kommunikation mit technischen Mitteln, entstehen Freiheiten im Selektionsprozess. Eine Rückkopplung findet nicht oder nur mittelbar statt, sodass weder Verständnis noch Akzeptanz des adressierten Kommunikationspartners überprüft werden können. Selbst dass wenigstens ein Kommunikationspartner erreicht wird, kann nicht garantiert, sondern muss angenommen werden. Die so entstehenden Freiheiten in der Selektion führen zu einem Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten. Diese Möglichkeiten müssen systemintern durch Selbstorganisation reguliert werden und führen zu einer operativen Schließung des Systems. 23 Als geschlossenes System verfügen die Massenmedien über eine eigenständige Realitätskonstruktion, die vollständig durch systeminterne Operationen sinnhaft erstellt wurde. Diese Realitätskonstruktion kann als Selbstreflexion der Gesellschaft gelten. Kommunikationsimplizite Normen, Werte, Relevanzen und Themen bilden die Grundlage eines Wirklichkeitsbildes der Gesellschaft für die Gesellschaft. Ein zumindest teilweise geteiltes Wirklichkeitsmodell ermöglicht erst die erfolgreiche Anschlusskommunikation der Gesellschaftsteilnehmer, ohne an schnittmengenfreien Vorstellungen scheitern zu müssen. 24 Insofern sind die Massenmedien das Produkt einer funktionalen Differenzierung 25 der Gesellschaft mit der Aufgabe der Selbstbeobachtung. Diese Selbstbeobachtung läuft bei allen Operationen des Systems als internes Gedächtnis mit und bestimmt die Selektion von Irritationen aus der Umwelt des Systems. 26 Was sich vom Gedächtnis unterscheidet wird wahrgenommen, als Information verarbeitet und integriert. Gleichzeitig markieren die Ausnahmen als Differenz den Normalzustand. Erst die Abweichung macht das eigentliche Gesellschafts-
20Als Beispiele können Geld, Liebe und Macht genannt werden. Vgl. Luhmann 1987: 222.
21 Vgl. ebd.: 220ff.
22 Luhmann 1996: 10.
23 Vgl. ebd. 1996: 11f.
24 Vgl. ebd. 1996: 120.
25 Die funktionale Differenzierung bildet das derzeitige Organisationsprinzip der Gesellschaft in,
an bestimmten Funktionen ausgerichtete Systeme. Vgl. Luhmann 1987: 264.
26 Vgl. Luhmann 1996: 12ff.
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bild sichtbar. Auf diese Weise wird stetig Umweltkomplexität reduziert und die systeminterne Komplexität gesteigert. Als Leitdifferenz des Systems lässt sich entsprechend die Unterscheidung Information 27 /Nichtinformation bestimmen. Nur Informationen können vom System verarbeitet werden. Durch die Schließung des Systems stehen seine Operationen der Umwelt, also auch den Rezipienten der Massenmedien, nicht zur Verfügung. Die Selektion der Information kann nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Eine Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung wird erschwert, Verstehen kann immer nur Mutmaßung bleiben, woraus Misstrauen und Manipulationsverdacht gegenüber den Massenmedien entstehen. Der Rezipient nimmt seine Umwelt nicht durch technische Mittel wahr. Er beobachtet, wie das System der Massenmedien die Umwelt beobachtet, und wird somit zum Beobachter zweiter Ordnung. Das System der Massenmedien wirkt hier auf die psychischen Systeme in seiner Umwelt zurück und provoziert dort Anpassungsprozesse. 28
2.4 World Wide Web
In Abgrenzung zu den klassischen Massenmedien muss eine Beschreibung des Internets als Massenmedium um einige Punkte erweitert werden. Die gewöhnliche Gebrauchsform der Basistechnologie Internet bildet das Hypertextsystem World Wide Web. Fuchs stellt fest, dass die spezifische Kommunikationsform des Webs das Linken ist. 29 Inhalte werden durch Links verbunden und durch Rezipienten über diese zusammengeführt. Die Rezeptionsreihenfolge ist dabei völlig individuell und extern nicht nachzuvollziehen. Autor 30 und Rezipient können systemintern nicht mehr zugerechnet werden, ihre Adressen verfallen. Die Bewegungen durch das Web sind von gegenseitiger Wechselwirkung weitestgehend entbunden. Die Folge ist das Ausbleiben einer möglichen systeminternen Selbstregulation der Wahrnehmungs- und damit Sinnstrukturen. Eine Parallelisierung von Sinnkonstruktionen durch systemintern generierte Selektionen, wie sie in den klassischen Massenmedien stattfindet, ist im World Wide Web nicht möglich. Eine kohärente Selbstbeobachtung der Gesellschaft wird so ausgeschlossen. Die Beobachtungen der Nutzer werden arbiträr. Die Grundlage für
27 Luhmann bezieht sich hier auf Gregory Batesons Definition von Information: „information - is
a difference which makes a difference“, Bateson 1972: 459.
28 Vgl. Pohl 2005: 79.
29 Vgl. Fuchs 1998: 305ff.
30 Höchstens der Ausgangstext kann noch auf eine Person zugerechnet werden. Bei der weite-
ren Bewegung durch das World Wide Web über Links tritt die Adresse der Autoren in den
Hintergrund. Vgl. Fuchs 1998: 310ff.
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einen Kommunikationsanschluss ist durch zunehmende Isolation der Wirklichkeitskonstruktionen gefährdet. Eine gesellschaftsintegrierende Deutungshoheit kann das Internet mit dieser Kommunikationsform nicht bieten. Mit hohen Freiheitsgraden tastet das Web die Grenzen der Selbstregulation kommunikativer Systeme neu ab. 31
2.5 Netzwerke
Der Netzwerkbegriff wird häufig zur Beschreibung von Organisationsstrukturen in der Nutzung von Internetangeboten verwendet, die auf der Interaktion ihrer Anwender basieren. Da auch Twitter sich in diese Form von Phänomenen ein-ordnen lässt, sollen an dieser Stelle die theoretischen Grundlagen für einen Netzwerkbegriff gelegt werden, wie er in der folgenden Analyse verwendet werden kann. Eine erste Annäherung soll hier über die Netzwerktheorie von Harrison White versucht werden. Mit seinem Modell von Identität und Kontrolle 32 beschreibt er die Funktionsweise und Funktion von sozialen Netzwerken, die markante Strukturähnlichkeiten zur Systemtheorie aufweisen. 33 Netzwerke basieren nach White auf den Verhältnissen ihrer Teilnehmer unter-einander. Er unterscheidet dabei streng zwischen Individuum und Person. Individuen sind nicht Teile von Netzwerken, lediglich Personen als Summe der Zurechnungen von Attributen auf Individuen können in Netzwerken interagieren. Die Person ist also durch ihre Position im Netzwerk determiniert und kann, um im luhmannschen Sprachgebrauch zu bleiben, durch das Individuum lediglich irritiert werden. Die Attribute der Person werden durch das Netzwerk kontinuierlich positiv oder negativ rückgekoppelt und somit kontrolliert. Die Identität eines Individuums, seine Präferenzen, sind nicht natürlich gegeben, sondern werden im Netzwerk durch Rückkopplung ausgehandelt. Als Abweichungen von der Norm, einer Art Netzwerkgedächtnis, definieren sie dann in Form von Zurechnungen die Person. Die Kontrolle der Identitäten findet im Netzwerk immer wechselseitig, wenn auch nicht unbedingt gleichberechtigt statt. Die Strukturierung der Person durch das Netzwerk darf jedoch nicht einseitig als Einschränkung von Freiheit verstanden werden, es löst vor allem das Identitätsproblem seiner Teilnehmer. Ohne Kontrolle könnte die Anschlussfähigkeit der Teilnehmer an die Kommunikation nicht gewährleistet werden.
31 Vgl. Fuchs 1998: 318f.
32 Vgl. White 1992.
33 Vgl. White et al. 2007.
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Mit der letzten Begriffsdefinition im Abschnitt der theoretischen Vorüberlegungen soll das Instrumentarium nach einer zunehmenden Konkretisierung nun wieder an die allgemeine Systemtheorie zurückgebunden werden. Dazu bietet sich die Einführung des Begriffs der Adresse von Peter Fuchs an. Die Adresse bezeichnet, wie Whites Person, den Anschlusspunkt von Individuen an soziale Systeme. Sie markiert die Inklusion in ein System und wird entsprechend durch ein solches angesprochen. Da Personen in funktional differenzierten Gesellschaften in verschiedene soziale Systeme gleichzeitig inkludiert sind, kann dieselbe Adresse auf verschiedene Arten angesprochen werden. Daraus folgt, dass Personen in verschiedenen Systemen verschiedene Attribute zugerechnet werden können.
Der nun erarbeitete Netzwerkbegriff lässt sich nicht mehr von dem Gesellschaftsbegriff der Systemtheorie unterscheiden. 34 Das Netzwerk, bzw. das soziale System wird durch die Operationen von Personen untereinander geschaffen, ist für diese jedoch nicht verfügbar. Personen sind auf verschiedenen Ebenen in soziale Systeme integriert und werden durch diese strukturiert. 35 Whites Erkenntnisse können also auch für die Untersuchung von sozialen Systemen herangezogen werden. 36
3.0 Das Phänomen Twitter
Anhand des im letzten Abschnitt erarbeiteten Instrumentariums soll in diesem Abschnitt der Arbeit eine Analyse des Untersuchungsgegenstands Twitter folgen. Im Vordergrund steht die Frage: Welche Art von Kommunikation kann über Twitter 37 realisiert werden? In dem im letzten Kapitel erarbeiteten Terminus gesprochen: Wie koppelt das Medium, welche Formen kann es bilden und welche nicht?
34 Vgl. Fuchs 1998: 5f.
35 Die alltagssprachliche Unterscheidung von Netzwerk und System lässt sich auf eine Beob-
achtungsdifferenz zurückführen: Netzwerke bezeichnen im Allgemeinen an Entitäten gebun-dene statische Strukturen. Systeme hingegen basieren auf Operationen und sind entspre-
chend dynamisch. Netzwerke sind also Momentaufnahmen von Systemen. Man könnte sa-gen, dass White den Netzwerkbegriff durch Operationalisierung soweit dynamisiert, dass er
letztendlich geschlossene soziale Systeme bezeichnet.
36 Im Weiteren soll der Einfachheit halber von Netzwerken gesprochen werden, sobald es um
die Funktion von Kontrolle und Identitätsbildung geht.
37 Die hier angestrebte Analyse beschränkt sich auf das Kommunikationsinterface von Twitter
und klammert angebotsfremde Zugangssoftware aus.
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3.1 Der technische Rahmen
Eine erste Annäherung an Grenzen und Möglichkeiten der Kommunikation soll zunächst über die technischen Rahmenbedingungen in Twitter versucht werden. Im ersten Schritt wird dazu der Tweet als isoliertes Kommunikationsereignis näher betrachtet. Die einzelnen Ereignisse sollen daraufhin auf ihre Dynamik im zeitlichen Verlauf der Kommunikation untersucht werden. Zuletzt verbleibt noch die Betrachtung der durch das Interface zur Verfügung gestellten kommunikativen Operationsformen.
3.1.1 Der Tweet
Als Tweet wird das einzelne Kommunikationsereignis in Twitter bezeichnet. Ein Tweet besteht aus 140 Schriftzeichen. Die besondere Form des Tweets besteht in einer doppelten Einschränkung der Kommunikation, zum einen durch das Medium Schrift und zum anderen durch seine vorgeschriebene Maximallänge. Anders als bei interaktionaler, sprachlicher Kommunikation ist das Markieren von Mitteilungsebenen sehr aufwendig. Ob ein geschriebener Satz beispielsweise. ironisch gemeint ist oder nicht, lässt sich meist nur aus seinem Kontext erahnen. Interaktionale Kommunikation kann dies z. B. durch einen bestimmten, kulturspezifischen Tonfall oder eine entsprechende Mimik auch kontextunabhängig leisten. Die unbestimmte Mittelungsebene der schriftlichen Kommunikation vermindert die Erfolgswahrscheinlichkeit des Verstehens durch einen potentiellen Rezipienten. Die Unsicherheit in der Selektion von Mitteilung und In-formation wird gesteigert. Gleichzeitig vergrößert diese jedoch auch den Raum möglicher Anschlusskommunikationen. Die Begrenzung auf 140 Zeichen zwingt den Nutzer zu zusätzlicher Komplexitätsreduktion, um die von ihm gewünschte Botschaft kommunizieren zu können. Die Nachricht wird ein weiteres Mal destilliert und gewinnt erneut Freiheiten in der Selektion von Information und Mittelung.
Die Abstraktion der Mitteilungsebene durch die monomediale schriftliche Kommunikation 38 führt gleichzeitig zu einer Senkung des Affektivitätsniveaus beim Empfänger. Emotionale Kommunikationsreaktionen können weniger intensiv und ungenauer ausgelöst werden als in einer interaktionalen Kommunikation. Gleichzeitig erzeugen der Akt des Tippens und die Notwendigkeit einen Update-
38Es sei denn, sie wird durch externe Medienangebote angereichert, die allerdings nicht in den
unmittelbaren Kommunikationshorizont von Twitter einzurechnen sind.
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button zu betätigen, bevor das Kommunikationsangebot gesendet wird, zusätzliche Reflexionsräume, in denen das Geschriebene noch einmal überdacht werden kann. Es kann also auch von einer Senkung der emotionalen Verbindlichkeit der Kommunikation gesprochen werden.
Zusätzliche Freiheiten in der Selektion des Senders generieren sich durch die offene Form der Adressierung in Twitter. Die Tweets werden an alle Nutzer versendet, die den Sender abonniert haben. 39 Die Adresse ist also nicht eindeutig bestimmt. Anders als in einer Kommunikation zwischen zwei Partnern ist eine Anschlusskommunikation nicht obligatorisch. Gleichzeitig erhöht die Offenheit der Adresse die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt Anschlusskommunikation folgt. Je mehr Leute den Tweet lesen, desto wahrscheinlicher ist eine Antwort. 40 Die durch die Form des Tweets erzeugten Freiheiten senken die Initiationsschwelle für medialisierte Kommunikation. 41 Ansprüche auf eine vollständige und hintergründig recherchierte Kommunikation können durch Abstraktion und Kürze nicht gestellt werden. Ein bestimmtes Komplexitätslevel wird deshalb nicht überschritten. Entsprechend bleibt die Rezeption offen und bietet Anlass zur Anschlusskommunikation, der sich jedoch niemand verpflichtet fühlen muss. Zudem dämpft die Form der Schrift die Emotionalität der Kommunikation. Während Kommunikation über Distanz traditionell für Sender wie Empfänger wesentlich verbindlicher war und entsprechend hohe Erwartungshaltungen generierte, bleiben diese bei Twitter auf niedrigem Niveau. Bestärkt wird dies durch die leichte Zugänglichkeit des Mediums, über Internet und SMS. 42 Twitter ermöglicht Distanzkommunikation auf niedrigem Relevanzlevel. Relevanz meint hier die potentielle Wertigkeit der Einzelkommunikation für den Empfänger. Fällt diese unter ein bestimmtes Niveau, ist ein Überschreiten der Schwelle zur Durhführung mit anderen Medien, wie Telefon, Blog, oder E-Mail, oder gar Zeitung und Fernsehen unwahrscheinlich. Die Freiheiten in der Form verlagern die Ausrichtung der Kommunikation in Twitter von den Erwartungen eines bestimmten Empfängers auf die Selektionsgewohnheiten des Senders. Die Vorselektion der Kommunikation nach ihrer Wertigkeit für konkrete Adressaten entfällt. Kommuniziert wird, was zumindest potentiell für eine irgendeinen Leser interessant sein könnte.
39 Umgekehrt gilt dies nicht. Entsprechend kann es zu großen Divergenzen zwischen der An-
zahl der wahrgenommenen und adressierten Kommunikationspartner eines Nutzers kom-
men. Vgl. Heil / Piskorsky 2009.
40 Bei direkten Antworten ist es nicht notwendig, die Tweets des Senders abonniert zu haben.
41 Vgl. Simon / Bernhardt 2008: 24.
42 Wobei in Europa lediglich das Senden von Tweets per SMS möglich ist. Empfangen werden
kann nur über Internet, was jedoch zunehmend auch über Mobiltelefone möglich ist.
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3.1.2 Zeitlichkeit
Neben der erhöhten räumlichen Reichweite ist die zweite grundlegende Funktion von schriftlichen Medien die Steigerung der Erreichbarkeit in der Zeit. 43 Während mündliche Kommunikation nach dem Vollzug der Aussprache verloren ist, stehen geschriebene Kommunikationsangebote potentiellen Rezipienten bis zur Zerstörung des Trägermaterials zur Verfügung.
In Twitter sind die letzten Tweets der Following 44 in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Der aktuellste Tweet steht zuoberst. Diese Sortierung resultiert aus dem Konzept der Softwareentwickler. Twitter soll immer anzeigen, was die Following gerade in diesem Moment tun. Die Idee leitet sich aus verschiedenen Instantmessagingservices ab, in denen bei Abwesenheit eine kurze Notiz hinterlassen werden kann, die anzeigt, womit der nicht erreichbare Kommunikationspartner gerade beschäftigt ist. Entsprechend ist neben dem Tweet-Fenster als Kommunikationsanstoß auch die Frage: „What are you doing?“, zu lesen. Die Aktualitätsorientierung zeichnet sich zusätzlich im Ausschluss Twitters als langfristiges Speichermedium ab. Nach 20 Tweets ist die Liste aktueller Nachrichten zu Ende. Die 20 nächst älteren Nachrichten können nur durch Umblättern der Seite wieder aufgerufen werden. Je nach Frequentierung von Twitter durch die Following kann die Anwahl von Tweets, die mehr als einige Stunden zurückliegen, ein mehrfaches Umblättern der Seite erfordern. Eine Organisation älterer Nachrichten z. B. über einen integrierten Kalender ist nicht vorhanden. Um mittels der Suchfunktion auf nicht mehr aktuelle Tweets zuzugreifen, muss eine hinreichend genaue Erinnerung des Wortlautes vorhanden sein, denn auch die Ergebnisse der Suchanfragen werden chronologisch sortiert. Bei Begriffen mit hoher Trefferzahl erschwert sich auch hier der Zugriff auf ältere Nachrichten. 45
Selbst wenn auf einen inaktuellen Tweet zugegriffen werden kann, ist dieser oft nur noch schwer verständlich. Durch den hohen Grad an Komplexitätsreduktion und die damit verbundenen Freiheiten im Selektionsprozess ist das Verstehen stark von Informationen aus dem Entstehungskontext der Nachricht abhängig. Dies können z. B. Tweets anderer Nutzer oder Themen der öffentlichen Diskus-
43Vgl. Pohl 2005: 87ff.
44 Als Following werden Personen bezeichnet, deren Tweets ein Nutzer abonniert hat. Follower
hingegen sind Personen die Tweets dieses Nutzers verfolgen.
45 Um einen bestimmten Tweet später leichter wiederfinden zu können, muss dieser explizit als
Favorit markiert werden. Die Auswahl der Favoriten ist jedoch höchst selektiv, da auch das
Favoritenfenster auf Aktualität hin organisiert ist. Je mehr Favoriten man auswählt, desto
schwerer sind also auch diese wiederzufinden.
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sion sein, die zum Zeitpunkt des Verfassens für die Follower als bekannt vorausgesetzt werden konnten. Die reduzierte Form der Kommunikation in Twitter beschleunigt also den Verfall einer eindeutigen Zurechnung von Signifakanten auf Signifikate 46 durch hohe Freiheitsgrade.
Ähnlich wie auf der Zeichenebene findet sich also auch auf der Zeitebene eine Einschränkung der Kommunikationsmöglichkeiten. Zwar soll die Erreichbarkeit durch zeitliche Entkopplung gesteigert werden, auf die Installierung einer Aktualisierungsfunktion für länger zurückliegnende Ereignisse wird jedoch verzichtet. Die Re-Aktualisierung ist zeitlich nicht beliebig, sondern je nach Aktivität der Following problematisch. Die Adaption der verbleibenden zeitlichen Freiheit hängt vom Nutzer und der Dynamik des Dialoges der Following ab. Informationsdichte und -verfügbarkeit werden in Twitter zugunsten zeitlicher Dynamisierung eingeschränkt. Die Kürze der Nachricht motiviert zu einer aktuellen Rezeption und macht ein Verschieben der Kommunikation auf Freiräume in der Zeitplanung unnötig. Es kann immer getwittert werden. Entsprechend ermöglichen die Kommunikationsbedingungen in Twitter die Anpassung ihrer Form an die Intensität der Kommunikation zwischen einseitigem Bloggen bis hin zum nahezu echtzeitlichen Dialog.
3.1.3 Operationen
Aus der starken Dynamik der Kommunikationsform resultieren teilweise unübersichtliche Kontextwechsel, die zu Missverständnissen, das heißt zu vom Sender nicht intendierten Selektionen von Mitteilung und Information führen können. Besonders das Veröffentlichen von Nachrichten per SMS birgt die Gefahr einer Fehlinterpretation, da der aktuelle Rezeptionskontext der Nachricht nicht überprüft werden kann. Selbst Replys 47 mit bestimmter Adresse bieten die Gefahr der Fehlinterpretation. Zum einen kann bei hoher Nutzungsfrequenz unklar bleiben, auf welchen Tweet sich die Antwort bezog, zum anderen können andere Nutzer das Verhältnis zwischen den zwei primären Kommunikationspartnern möglicherweise nicht hinreichend einschätzen. Um entsprechenden Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, können eigene Tweets auch im Nachhinein noch gelöscht werden.
Alternativ ist es auch möglich, nichtöffentliche Nachrichten an einzelne Nutzer
46 Dieses als Signifikantenverschiebungen bezeichnete Phänomen beschreibt die historische
Variation der konsensuellen Zurechnung von Signifikanten auf Signifikate in einer Sprachge-meinschaft. Vgl. Pohl 2005: 63ff.
47 Markiert durch den Nutzernamen und ein vorangestelltes „@“-Zeichen.
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zu versenden. Neben der öffentlichen Kommunikation ist in Twitter also auch die Möglichkeit implementiert eine zweite verborgene Kommunikationsebene zu entfalten, die wiederum auf die öffentliche Kommunikation zurückwirken kann. Natürlich ist diese Möglichkeit immer auch schon über einen Medienwechsel zum Beispiel zum Telefon oder der E-Mail gegeben. Die Nutzung der nichtöffentlichen Antwortfunktion sagt vor allem etwas über das Verhältnis zwischen den Kommunikationspartnern und der ausgeschlossenen Öffentlichkeit aus. So ist es möglich bestimmte Verknüpfungen zu anderen Nutzern zu gewichten. Dies kann zwar auch durch einen öffentlichen Reply geschehen, jener zeichnet sich jedoch durch das explizite Einschließen aller Follower aus.
3.2 Following / Follower
Mit einer Untersuchung der technischen Voraussetzungen konnten in den letzten Kapiteln die möglichen Kopplungen der Kommunikationsform Twitter bestimmt werden. Als Besonderheiten wurden vor allem Freiheiten auf der Zeit-und Zeichenebene sowie eine Orientierung an Aktualität herausgearbeitet. Daraus konnte eine verringerte Berücksichtigung der Kommunikationserwartungen des Empfängers zugunsten einer Ausrichtung an den Kommunikationsgewohnheiten des Senders abgeleitet werden.
In der theoretischen Näherung an den Begriff der Massenmedien konnte eingangs gezeigt werden, dass die Regulation von Selektionsfreiheiten durch die Form der Adressierung bestimmt werden kann. Entsprechend soll in diesem Abschnitt eine Untersuchung der möglichen Adressformen in Twitter geleistet werden. Zunächst folgt dazu die Untersuchung der Bedeutung des Followers / Following für die Kommunikation. Auf dieser Grundlage soll dann bestimmt werden, auf welche Weise in Twitter Following und Follower attribuiert und somit personifiziert werden können. Abschließend stellt sich noch die Frage, welchen Prinzipien die Zusammensetzung der Following, also die Struktur des Netzwerks in Twitter, unterliegt.
3.2.1 Zurechnung der Selektion auf Personen
Der im letzten Kapitel hervorgehobene Freiheitszuwachs und die damit einhergehende Senkung der Kommunikationsschwelle motivieren zur Kommunikation von unmittelbaren Wahrnehmungen und Alltagsbeobachtungen. Die stark ein-
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geschränkte Form vermeidet umfassende Erklärungs- und Argumentationsversuche. Twitter destilliert die Kommunikation auf Meinungen und Feststellungen, ohne Raum für Hintergrundinformationen zu bieten. 48 Die einzelenen Tweetströ- meverknüpfen sich so zu einem Gewebe aus Wirklichkeitsbeobachtungen verschiedener Following. Die sich auf der Basis von Twitter etablierende Kommunikation verfügt also über eine eigenständige Wirklichkeitskonstruktion, bestehend aus den alltäglichen Einzelbeobachtungen der Nutzer. Da einzelne Nutzer weder die Kontextualisierung ihrer Tweets durch ihre Follower, noch deren Verstehen bestimmen können, kann das sich entfaltende Kommunikationssystem als operativ geschlossen gelten. Die Wirklichkeitskonstruktion ist somit ein Produkt der Selbstregulation des Systems.
Twitter reduziert Umweltkomplexität durch den Aufbau systeminterner Komplexität, die es den beteiligten psychischen Systemen durch Kommunikation zur Verfügung stellt. Die entstandene Wirklichkeitskonstruktion besticht durch die Zurechenbarkeit ihrer Letztelemente (Kommunikationsereignisse) auf bestimmte Adressen. Die Wertigkeit einer Irritation als Information für den einzelnen Nutzer kann durch die Zurechnung auf Personen besser bestimmt werden. Die Freiheiten in der Form können durch die Zurechnung auf bestimmte Personen und eine Vorstellung ihrer Selektionsgewohnheiten reguliert werden. Je genauer die Vorstellung der Wirklichkeitswahrnehmung eines Kommunikationspartners, desto wahrscheinlicher ist eine erfolgreiche, das heißt mit dem Sender möglichst kongruente, Selektion von Information und Mitteilung. Die Kommunikation in Twitter konstituiert sich über Beobachtungen zweiter Ordnung: Wie beobachtet ein bestimmter Nutzer seine Umwelt und was sagt uns das über die Selektion von Mitteilung und Information? Der Anspruch auf Wahrheit einer Information wird durch Vertrauen ersetzt. Der Nutzer vertraut darauf, dass seine Following die Umwelt in einer für ihn einschätzbaren Weise wahrnehmen und selektieren. Eine Kongruenz der Relevanzen ist dabei nicht notwendig. Die Selektion eines politisch gegensätzlich orientierten Nutzers ist z. B. ebenso gut verwertbar wie die eines Gleichgesinnten, solange beim Rezipienten eine Vorstellung ihrer Selektionsgewohnheiten vorhanden ist. 49
48 Die offene Form lässt zwar Rückfragen und Dialoge zu, um Missverständnisse auszuräu-
men. Für die Diskussion komplexer Problematiken bieten sich jedoch eher Alternativmöglich-keiten, wie beispielsweise das Vorgängermedium Blog an.
49 Ähnliche Beobachtungen sind auch in politischen Systemen zu machen. Durch die Zurech-
nung von Selektionsgewohnheiten wird Vertrauen in bestimmte Personen investiert. Dieses
Vorgehen wird nachvollziehbar, bedenkt man, dass das tagespolitische Geschehen in seiner
Gänze, durch begrenzte Kapazitäten in Zeit und Bildung, für die wenigsten Bürger nachzu-
vollziehen ist. Die Vermutung einer Kongruenz der Wirklichkeitskonstruktionen mit Politikern
bleibt ein investitionsarmes Mittel, die eigenen Interessen im politischen System zu wahren.
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Die Wahrnehmung von Personen ist besser nachvollziehbar als die von Systemen ohne unmittelbare Adresse, wie z. B. den Massenmedien. Bei Personen kann die Selektion auf Charaktereigenschaften, Emotionen oder Relevanzsysteme zurückgeführt werden, die dem Empfänger zwar nicht zugänglich sind, sich aber anhand seiner sozialen Erfahrung rekonstruieren lassen. Die Enttäuschung von Erwartungen an einzelne Personen kann prozessiert werden und gibt Hinweise für den zukünftigen kommunikativen Umgang mit dieser Person. Enttäuschungen in der Informationsselektion der Massenmedien lassen sich nur schwer auf eine Adresse zurechnen. Welche Person oder gar Personengruppe anhand welcher Motivationen Einfluss auf die Selektion der Nachricht hatte, kann nicht nachvollzogen werden. Für zukünftige Kommunikationen kann daraus lediglich ein unspezifisches, allgemeines Misstrauen gegen Massenmedien folgen.
3.2.2 Inszenierung der Person
Wie festgestellt wurde, ist eine erfolgreiche Kommunikation in Twitter abhängig von der Attribuierung und der sich daraus ableitenden Wirklichkeitswahrnehmung von Personen. Wie kann eine solche Attribuierung gewährleistet werden? Zum einen generieren sich Attribute konventionell durch Kommunikationserfahrung. Diese wächst jedoch erst mit der Summe der Kommunikationshandlungen. Ist der Kommunikationspartner bisher unbekannt, ist auch ihre Beziehung weitestgehend unbestimmt. Luhmann spricht in einem solchen Fall von doppelter Kontingenz: dem Zirkelschluss von Erwartung von Erwartung von Erwartung usw. 50
Um einen Ausgangseindruck von den Selektionsgewohnheiten eines potentiellen Kommunikationspartners zu gewinnen, muss das Freiheitsproblem der doppelten Kontingenz eingeschränkt werden. Ein Mittel dazu bildet die Selbstinszenierung. Die Möglichkeiten der Selbstbeschreibung in Twitter sind jedoch auf einen kurzen Steckbrief zur eigenen Person beschränkt. Dort können die Heimatstadt, eine Internetadresse und eine Kurzbiografie in 160 Zeichen hinterlassen werden. Zum einen müsste Twitter für ausführliche Information auf einer externen Webseite (soweit vorhanden) verlassen werden, zum anderen ist es fraglich, ob diese Informationen durch Nutzer wahrgenommen werden. Wesentlich prägnanter scheint hier die Kommunikation von Geschmack.
50 Vgl. Luhmann 1987: 148.
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Geschmack kann als Markierung von individueller Wirklichkeitswahrnehmung fungieren und ist ein präferierter Gegenstand persönlicher Attribuierung. 51 Twitter kommuniziert Geschmack vornehmlich durch die Wahl des Profilbildes. Dieses wird bei jedem Tweet mit angezeigt und weist damit sowohl auf die Individualität der Selektion, so wie auf die Person und ihre Selbstattribuierung hin. Die Wahl des Profilbildes kann also als primärer Verweis auf die Person in Twitter gelten.
Weiterhin ist es möglich, den Hintergrund der eigenen Profilseite individuell zu gestalten. Bemerkenswert ist hier, dass Profilseiten nach dem Abonnement eines Followings nicht mehr aufgerufen werden müssen, da die Tweets direkt auf der eigenen Startseite erscheinen. Das Seitenlayout soll also vor allem Nutzer auf der Suche nach Following ansprechen und ihnen einen Vorgeschmack auf die angebotene Wirklichkeitsselektion bieten. Geschmack fungiert in Twitter als bewerbendes und attribuierendes Kommunikationsangebot. Die geringe Wahrscheinlichkeit, dass es durch Sender wie Empfänger in dieser Funktion reflektiert wird, macht es besonders glaubwürdig und attraktiv. Zumindest kann diese Wertigkeit jedoch als latent bewusst gelten. Anders ist die Mühe, Profilbild und Layout aufwändig zu individualisieren, nicht zu erklären. Selbstinszenierung macht Nutzer als Person erkennbar und somit verstehbar. 52 Ohne Attribute ist der Nutzer nicht adressierbar und entsprechend nicht in der Kommunikationsgemeinschaft inkludiert. Die eigene Person kann sich nur durch Abweichung von der Norm profilieren. 53 Die Wahrscheinlichkeit dies zu erreichen steigert sich mit dem Intimitätsgrad der Kommunikation. Intime Informationen geben Anlass zur Anschlusskommunikation. Während Privatheit konventionell dem Entzug des Reaktionszwangs auf Kommunikation 54 dient, um eine kritische Position zu sichern, ist dies bei Twitter nicht mehr unbedingt nötig. Die Freiheiten in der Kommunikationsform lassen hinreichend Raum für die Abstraktion von Suggestion und Affektion eines Kommunikationsangebots. Die Ablehnung von Kommunikation ist nicht mehr auf das Private als Rückzugsort angewiesen. Gleichzeitig dient die Privatheit als Übungsraum zur Reflexion der eigenen Identität, ohne unmittelbar sozialer Sanktion ausgesetzt zu sein. Dies kann sich nun zumindest teilweise in experimenteller Form in die Kommunikati-
51Vgl. Baecker 2005: 188ff.
52 Hier wird auch die Problematik von gefälschten Identitäten deutlich. Durch die Zurechnung
auf vermeintlich bekannte Personen findet eine Re-Attribuierung der vorgegebenen Identität
durch die falsche Zurechnung der Kommunikation statt. Zudem wird das Verstehen der
Nachrichten bei den Followern durch vorgetäuschte falsche Voraussetzungen fehlgeleitet.
53 Vgl. White: 166ff.
54 Vgl. Baecker 2005: 194f.
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on über Twitter verlagern. Die Freiheiten in der Kommunikation bieten hinreichend Möglichkeiten, um der Regulation der eigenen Person durch Kommunikationspartner zumindest temporär auszuweichen. Die niedrige Kommunikationsschwelle erleichtert die Aushandlung der eigenen Identität in der Gruppe.
3.2.3 Auswahl der Following
Je nach zeitlicher Investition in die Kommunikation auf Sender wie Empfängerseite ist die Zahl der gleichzeitig aufmerksam zu verfolgenden Following begrenzt. Also müssen Kriterien für die Selektion der Selektoren gefunden werden. Zunächst bietet sich das Abonieren von Tweets an, deren Inhalt den allgemeinen Kommunikationsraum des Nutzers betrifft, vornehmlich also von aus der Alltagswelt bekannten Personen. Zum einen kann auf diese Weise die Präzision in der Zurechnung von Attributen auf diese Personen gesteigert werden. Zum anderen bieten sich die Selektionen von Bekannten, als Bewohner eines geteilten Lebensraums, besonders gut für den Aufbau der eigenen Wirklichkeitskonstruktion an. Dies impliziert jedoch nicht die einseitig-selektive Auswahl von Personen mit zum Nutzer möglichst kongruenter Relevanzsysteme. Für die stetige Komplexitätssteigerung der Realitätskonstruktion ist der Nutzer auf Irritationen angewiesen. Liest er immer nur, was er schon weiß, ist das Medium für ihn nutzlos. Die Following-Auswahl orientiert sich also zum einen am Bezug zur eigenen Lebenswelt und zum anderen an der Versorgung mit verarbeitbaren, das heißt durch Kenntnis der Selektionsgewohnheiten verstehbaren und nützlichen Irritationen.
Je nach Auswahl der Following entsteht ein Beobachtungsausschnitt auf die über Twitter aufgebaute Realitätskonstruktion. Diese bleibt jedoch systemintern vollständig, da die Beobachtungen aller Nutzer sich durch Kommunikation gegenseitig ergänzen und beeinflussen. Jede Informationsselektion macht einen Unterschied, der sich an einer späteren Stelle in der Anschlusskommunikation niederschlagen kann. Die Wirklichkeitskonstruktion bleibt also geschlossen, wenn auch nicht homogen. Verschiedene Meinungen können durch die Heterogenität der Zugänge parallel existieren, ohne sich auszuschließen. Auf diese Weise können auch Wirklichkeitskonstruktionen, die sich weit abseits der Norm bewegen, in eine Gesamtkonstruktion integriert werden. Eine Isolation, die weitere Komplexitätssteigerung durch monokulturelle Selektion ausschließt, kann so vermieden werden.
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3.3 Die Twittersphäre
Die sich verzweigenden und wechselseitig beeinflussenden Kommunikationsereignisse bilden einen Gesamtkomplex, der als Twittersphäre bezeichnet wird. 55 Während bisher nur von eingeschränkten Perspektiven auf die über das Angebot stattfindende Gesamtkommunikation gesprochen wurde, sollen in diesem Kapitel die praktischen Erscheinungsformen der Twittersphäre in der Kommunikation beschrieben werden. Markant sind hier vor allem die durch Nutzer selbst hervorgebrachten Operationen des Retweets und des Hashtags. Als Retweet wird die Wiederholung der Aussage eines Following bezeichnet. Markiert werden Retweets durch das Kürzel „RF“ und die darauf folgende übliche Bezeichnung von Nutzern durch ein „@“-Zeichen mit nachfolgendem Nutzernamen. Durch das Wiederholen eines Tweets durch einen Follower wird der Inhalt des Tweets wiederum den Followern des Followers zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise wird es Nachrichten ermöglicht, die Gruppe der Follower eines Nutzers zu überschreiten. Durch das Wiederholen von Retweets kann sich eine Information in der Twittersphäre bis an die Grenzen ihrer Relevanz fortpflanzen. Erreicht die Nachricht Nutzer, die sie nicht mehr hinreichend interessiert um sie zu retweeten, ist sie höchstwahrscheinlich auch für die Follower dieser Person nicht mehr interessant, oder wird zumindest nicht von diesen erwartet. Da der Follower immer nur den letzten Sender einer erstmals empfangenen Nachricht kennt, muss er seine Selektion an diesem orientieren, um erfolgreich verstehen zu können.
Ein Hashtag, das Rautezeichen, weist, vor ein bestimmtes Wort gestellt, auf das Thema eines Tweets hin. Vor der Implementierung einer internen Suchfunktion in Twitter wurde so die Suche nach bestimmten Inhalten ermöglicht. Hashtags markieren die Verbindung des Tweets mit einem bestimmten kontextualisierenden Rahmen innerhalb der Twittersphäre. In der Praxis wir das Hashtag nach wie vor verwendet. Es erleichtert durch das Hervorheben eines Interpretationsrahmens das Verstehen der Tweets. Die Komplexität wird durch die Verwendung von Hashtags gesteigert, da der vorgegebene Raum besser ausgenutzt werden kann.
Besonders häufig finden sich Hashtag-markierte Begriffe auch auf den oberen Plätzen der Trending Topics. Neben den Tweets der Following werden auf Twitter kontinuierlich die 10 häufigst gebrauchten Begriffe angezeigt. Wählt man einen dieser Begriffe an, werden die aktuellsten Tweets angezeigt, die diesen
55 Vgl. Schmidt 2009.
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Begriff enthalten. Die Funktion führt die gesamte Twittersphäre selektiert nach Aktualität und quantitativer Relevanz wieder in die Kommunikation ein. Das Trending Topic stellt dem einzelnen Nutzer eine basisdemokratische Informationsselektion der gesamten Twittersphäre zur Verfügung.
3.4 Selektionsorganisation
In den letzten Kapiteln wurden die Bedingungen der Kommunikation in Twitter erläutert. Auf dieser Grundlage soll nun versucht werden, sich möglicher Selek-tionsformen der Kommunikation zu nähern. Welche Art von Kommunikation wird durch Twitter motiviert und welche weniger? Die benannten Freiheiten auf Zeit-, Zeichen- und Beziehungsebene sprechen für die offene Form, die eine variable und dynamische Aneignung ermöglicht. Gleichzeitig lassen sich allerdings auch bestimmte Kommunikationsmuster ausschließen. Für eine klassische Gliederung von Kommunikation in Themenbereiche 56 scheint Twitter nicht geeignet. Eine themenorientierte Organisation würde als Selektionsmuster den Komplexitätsaufbau der Person über eine offene Selektion unterlaufen. Sie könnte nur mit dem Thema der Kommunikation attribuiert werden. Das unterkomplexe Personenbild würde die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens der mit Unbestimmtheit angereicherten Kommunikationsereignisse stark erhöhen. Die Verlagerung der Kommunikationspriorität auf die Informationsebene wäre des weiteren durch die Form stark eingeschränkt. Die mit einer thematischen Organisation einhergehende Erwartungshaltung des Rezipienten, hinreichend informiert zu werden, ist durch die Kürze der möglichen Nachricht oder den schnellen Verfall der Aktualität kaum erfüllbar. Um dennoch komplexere Inhalte kommunizieren zu können, bleibt der Verweis auf externe Angebote, wie Blogeinträge oder Artikel über Links. Neben unmittelbaren Wirklichkeitswahrnehmungen werden über Twitter also auch Massenmedien, vornehmlich das World Wide Web, selektiert. Die Selektion wird dann als kurze Kommunikationseinheit im Nachrichtenstrom angeboten. Je nach Annahme oder Ablehnung durch den Follower kann über den meist angefügten Link das Kommunikationsangebot gewechselt und die Informationsdichte zu dem Thema des Tweets verdichtet werden. Auf diese Weise wird der Kommunikation in Twitter der notwendige Kontext, verliehen um die Komplexität von Alltagsbeobachtungen zu überschreiten.
56 Vgl. Luhmann 1996: 29f.
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Die Kommunikation in Twitter beschränkt sich also auf radikale Selektion von persönlicher und medialisierter Wahrnehmungen. Ihre Selektivität wird durch die eingeschränkte Form immer mittransportiert und wird in die Erwartungshaltung des Rezipienten eingeschlossen. Eine vollständige und hintergründige Information über ein Geschehnis kann in 140 Zeichen höchstens in stark spezifizierten Fällen erwartet werden, die möglicherweise durch externe Kommunikation hinreichend eingeschränkt wurden. Diese Selektion wird vornehmlich durch die Zurechnung auf Personen im Verstehen rekonstruierbar. Deren Attribuierung wiederum generiert sich kontinuierlich über die Masse niedrigschwelliger Kommunikationsereignisse. Durch Freiheiten in der Form, wie zum Beispiel der unspezifischen Adresse, orientieren sich diese vor allem an den Selektionsgewohnheiten des Senders und bieten somit Hinweise auf Attribute. Je mehr kommuniziert wird, desto konkreter wird die Vorstellung von einer Person und desto exakter vollzieht sich die Selektion von Mitteilung und Information. Eine durch die Form präferierte Kommunikation zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Perspektive auf aktuelle Geschehnisse in einer mit dem Following geteilten Umwelt aus und stellt somit bereichernde Irritationen für die Wirklichkeitskonstruktion des Empfängers zur Verfügung. Statt umfangreicher Information wird vor allem Selektion erwartet. Twitter bietet sich für die Kommunikation von Meinungen an und schließt damit an das aus den Massenmedien bekannte Vox Populi 57 an. Weiterhin ist eine hohe Frequenz von Kommunikationsangeboten durch eine Person notwendig, um Followern das stetige Nachkallibrieren der Attribuierung des Senders zu ermöglichen. 58 Alternativ kann die Person schon hinreichend durch ein detailliertes Bild aus anderen Massenmedien bestimmt sein. 59
Als kontrastierenden Beleg für die zuletzt geleisteten Ausführungen soll die apparative Kommunikation in Twitter hier nicht unerwähnt bleiben. Von der Katzenklappe 60 bis zum Unterschriftenzähler für eine ePetition 61 werden diverse Accounts per Software automatisch mit Daten gefüttert. Eine Zurechnung der Kommunikation auf Personen ist hier nicht möglich. Stattdessen kann die Se- 57Als Vox Populi werden Kommentare von willkürlich ausgewählten Personen zu bestimmten
Inhalten bezeichnet. Auf diese Art soll die Stimme des Volkes öffentlich repräsentiert werden.
58 Die momentan teilweise noch beobachtbare Auswahl von Following nach Spezialisierung in
einem bestimmten Themengebiet ist wohl den themenorientierten etablierten Kommunikati-
onsgewohnheiten zuzurechnen.
59 Als Beispiel ist hier vor allem Ashton Kutcher (@apulsk) zu nennen. Bei Entstehung dieser
Arbeit ist Kutcher mit knapp zwei Millionen Followern der erfolgreichste Twitternutzer.
60 @GusAndPenny veröffentlicht automatisch die Bewegungen der Katzen Gus und Penny.
61 @Mitzeichner verfolgt die Anzahl der bisherigen Unterzeichner der Petition gegen Inter-
netsperren.
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lektion auf simple Algorithmen zugerechnet werden. Entsprechend primitiv bewegt sich die Information meist auf einer binären oder quantitativen Ebene. Die eindeutig bestimmte Mitteilungsebene von Automaten und die damit verbundene niedrige Komplexität der Kommunikation beschränkt den Mehrwert der Kommunikationsumgebung Twitter auf seinen verbleibenden Vorteil: Aktualität.
4. Funktionen
Bei der Untersuchung der Kopplungsmöglichkeiten des Phänomens Twitter als Medium konnten vier Eigenschaften herausgestellt werden. Die starke Selektivität der Kommunikation in Twitter führt zu hohen Freiheitsgraden auf Zeichen-und Zeitebene. Die daraus resultierende Senkung der Schwelle zur räumlichen und zeitlichen Distanzkommunikation führt zu einer informations- und relevanzarmen, aktualitätsorientierten Kommunikation. Die durch geringe Vorselektion gestärkte Attribuierung der Nutzer fängt die Freiheiten durch Zurechnung der Selektion auf Personen auf und macht sie selektier-, bzw. verstehbar. Zudem beschleunigt die limitierte Form des Tweets die Kommunikation und richtet sie auf Aktualität aus. In diesem Kapitel soll nun untersucht werden, welche Wirkungen die in Twitter realisierbaren Formen der Kommunikation auf die Lösung gesellschaftlicher Ordnungsprobleme haben. Dazu wird Twitter zunächst auf seine Funktionalität als Wirklichkeitskonstrukteur und Regulator von Identität, also als Massenmedium und soziales Netzwerk überprüft. Auf dieser Grundlage soll dann versucht werden Twitter innerhalb der Medienevolution zu verorten.
4.1 Twitter als Massemedium
Wie In Kapitel 3.2.3 gezeigt, verfügt das sich an Twitter anlagernde soziale System über eine eigenständige Wirklichkeitskonstruktion. Jene steht den Nutzern zur Annahme oder Ablehnung und damit zur Komplexitätssteigerung in der eigenen Realitätskonstruktion zur Verfügung. Auf diese Weise wird eine gesellschaftliche Selbstbeobachtung ermöglicht, wie sie in Kapitel 1.3 als Leitfunktion der Massenmedien herausgestellt wurde. Welche Besonderheiten dieser Selbstbeobachtung lassen sich nun aus der Form der Kommunikation in Twitter ableiten?
Eins der grundlegenden Probleme in der Akzeptanz massenmedialer Wirklich- keitskonstruktionen ist die Glaubwürdigkeit. Die Mitteilungsebene lässt sich nur
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schwer herausdifferenzieren, da der Selektierende meist nur als unbekannter Name oder sogar als noch abstrakterere Institution auftritt. Eine Annahme der Kommunikation muss deshalb auf der Zurechnung von Vertrauen auf eine nicht näher bestimmte Adresse erfolgen. Gewährleistet wird dies vor allem durch die Suggestion von Evidenz, entweder in Form einer nachvollziehbaren Argumentation oder durch den vermeintlichen Charakter einer Beobachtung erster Ordnung zum Beispiel in audio-visuellen Produkten. Die Rekonstruktion einer Mitteilungsebene benötigt Erfahrung im Umgang mit Medienprodukten, die erst aufwendig erarbeitet werden muss. 62
Twitter löst dieses Problem durch das Markieren der Selektion als kontingent. Die Selektivität der Selektion wird durch die Form der Kommunikation herausgestellt. Ein Nutzer steht gleichberechtigt neben anderen und seine Selektion gleichberechtigt zwischen anderen. Die favorisierte Selektion muss selbst zusammengestellt und dazu in ihrer Kontingenz prozessiert werden. Eine einmalige Wirklichkeit wird zugunsten eines Bewusstseins von Möglichkeiten aufgegeben. Daraus folgt jedoch keine Willkür der Realitätsmodelle. Diese werden durch die Wahl der Following auf die Funktionalität für die eigene Alltagswirklichkeit abgestimmt. Dazu ist die Zurechnung der Selektion auf Individuen nötig, die für diese Alltagswelt von Relevanz sind. Die Frage der Annahme oder Ablehnung kann dabei durch Beobachtung zweiter Ordnung, also Beobachtung der Beobachtung gelöst werden. Sie stabilisiert die Kommunikation in der Kontingenz. 63 Um einer Isolation der eigenen Wirklichkeitskonstruktion zu entgehen, wird die Twittersphäre an verschiedenen in Kapitel 3.3 genannten Stellen wieder in die Kommunikation eingeführt und dient zum Abgleich der eigenen Perspektiven mit einer demokratischen Selektion.
Twitter bietet seinen Nutzern also eine hochspezifizierte Selektion von Wirklichkeit an. Damit wirkt es dem Problem stetig steigender Komplexität entgegen, die in der Gesellschaft prozessiert werden muss um kulturelle Lücken, also den Ausschluss von Personen durch Unkenntnis, zu vermeiden. 64 Was in anderen Medienprodukten durch die Auswahl nach für die Alltagswelt eines Nutzers relevanten Themen geschah, wird in Twitter durch die Auswahl von relevanten Selektionsgewohnheiten bewerkstelligt. Eine solche Selektionsform findet sich in Ansätzen auch schon in den klassischen Massenmedien. Orthogonal zur thematischen Orientierung werden auch dort Medienprodukte für ihre Perspektive
62 Vgl. Baecker 2005: 193.
63 Vgl. ebd.: 200.
64 Vgl. Pohl 2005: 72.
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gewählt und entsprechend verstanden. Diese Zurechnung von Attributen bleibt jedoch meist auf einer oberflächlichen Ebene, da der Tenor eines Medienprodukts mit seinem Umfang und seiner Verbreitung an Spezifikation verliert. Deshalb reduziert sich die Auswahl von Printmedien z. B. meist auf die Zurechnung auf politische Lager. Einzelne Personen können als Selektoren jedoch eine wesentlich differenziertere Selektionsweise etablieren. Sie werden in ihrer Selektion nicht unmittelbar 65 durch externe Interessen determiniert und sind anders als Medienprodukte nicht auf eine möglichst hohe Reichweite und die damit notwendige Akzeptanz in der Breite der Meinungen angewiesen. Gleichzeitig findet durch die Steigerung der Einschränkung im Selektionsbereich eine Steigerung des Spektrums im thematischen Bereich statt. Die Kommunikation von Individuen orientiert sich an ihren Interessen, nicht nur an einzelnen Themen. Im Gegensatz zu den klassischen Massenmedien ist eine Verengung der Rückkopplungsschleife in der Kommunikation in Twitter möglich, wenn auch nicht nötig. Wie festgestellt wurde, ist die Antwort auf ein Kommunikationsereignis zeitlich variabel, zumindest solange ein Bezug zur Ausgangskommunikation herstellbar ist. Zudem ermöglichen hohe Freiheiten auf der Beziehungsebene auch den Verzicht auf eine Antwort, ohne damit die Kommunikation zwangsläufig zu beenden. Die Möglichkeit der Verengung der Rückkopplungsschleifen führt zu einer Beschleunigung der Kommunikation. Gesagt und geantwortet wird nur, was einen aktuellen Bezug hat. Ein Kommunikationsangebot hat in Twitter anders als z. B. in einem Buch nicht die Möglichkeit langfristig auf eine Realisation durch Nutzer zu warten. Ähnliche Phänomene sind in rein oral kommunizierenden Gesellschaften zu beobachten. 66 Aktualisiert und reaktualisiert wird dort nur, was momentan relevant ist. Es wird kommuniziert und entsprechend überliefert, was für die aktuelle Wirklichkeitskonstruktion von Wert ist. 67 Die Kommunikation in Twitter lässt hier eine Rückorientierung an orale Gesellschaften erkennen. Wie auch dort wird in Twitter die Überlieferung und Reaktivierung von Wissen an Individuen gebunden. Personen mit überdurchschnittlichen Kapazitäten an aktualisierbarem Wissen oder einer bereichernden Form von Wirklichkeitsbeobachtung können sich somit als begehrte Irritationslieferanten herausdifferenzieren. Konventionelle strukturelle Einschränkungen, wie Bildung oder Beruf, die in den klassischen Medien den Zugang zu öffentlicher Aufmerksamkeit organisieren, sind in Twitter nicht relevant.
65 Wohl aber mittelbar, durch die Kommunikationspartner selbst. Siehe dazu Kapitel 4.2.
66 Vgl. Assmann 1994: 121.
67 Dazu gehören allerdings auch Entstehungsmythen, die zwar keinen aktuellen Bezug haben,
aber notwendig sind um das aktuelle Weltbild funktionabel zu halten. Vgl. ebd.: 119.
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4.2 Twitter als Netzwerk
Eine Reihe von Faktoren in der modernen Gesellschaft engt den Raum für niedrigschwellige Kommunikation mit einer Ausrichtung an Mitteilungsbedürfnissen des Senders stark ein. Personen sind heute mehrfach in verschiedene soziale Systeme inkludiert, außerdem finden die Handlungen in diesen Systemen finden oft zeitlich asynchron und in räumlicher Trennung statt. Klassische Konfigurationen, in denen Kommunikation der beschriebenen Art stattfindet, wie z. B. eine feste Gruppe in der die Teilnehmer einen Großteil ihres Alltags gemeinsam verbringen, können nicht mehr vorausgesetzt werden. Ein Großteil von Kommunikationsanlässen mit niedrigem Informationswert für den Empfänger kann deshalb nicht realisiert werden. Der Aufwand jemanden explizit medial, zum Beispiel per Telefon, zu kontaktieren wäre gewöhnlich nicht verhältnismäßig, um seinen Ärger über zu viel Zucker im Kaffee kundzutun. Gerade dieser niedrigschwellige Kommunikationsbereich bietet jedoch die Möglichkeit zur Identitätskontrolle durch ein Netzwerk von Personen. Ist das Maß an Wut angemessen, oder zeichnen sich hier Eigenschaften eines Choleriker ab, denen entgegen gewirkt werden könnte. Oder lassen sich Jähzorn, bzw. die besondere Wertschätzung von bitterem Kaffee, schlicht als Attribute verbuchen und werden bei zukünftigen Begegnungen mit dieser Person auf ihre Handlungen angerechnet? Je nach Intensität der Kommunikation zwischen sich wechselseitig folgenden Nutzern können sich in Twitter Netzwerke zur Identitätskontrolle herausbilden. Je intensiver sich diese Netzwerke verflechten, desto mehr Selbstkontrolle kann in Fremdkontrolle transformiert werden. Intimität wird zugelassen, um dem erprobten Netzwerk Kontrollmöglichkeiten zu eröffnen und die Integrität der Konfiguration weiter zu steigern. Twitter bildet hier einen Versuchsraum für Identitätskonstruktionen. Hohen Freiheitsgrade ermöglichen sogar Kommunikation allein unter der Annahme eines Netzwerks. Die Beziehungen zwischen den Nutzern müssen noch nicht konkret definiert sein, denn eine Rückkopplung kann sich zeitlich verzögern oder ganz ausbleiben, ohne dass dies ein sicheres Indiz für das Scheitern der Kommunikation und damit des Beziehungsaufbaus wäre. Die Einstiegsschwelle zu persönlicher Kommunikation kann auf diese Weise niedrig gehalten werden.
Die Kommunikation auf Twitter hat das Potential soziale Inklusion zu stärken. Nur wer adressiert werden kann, ist inkludiert. Besteht im Alltag nicht die Möglichkeit zu hinreichender sozialer Inklusion muss diese medialisiert und damit zeitlich und räumlich flexibilisiert werden. In diesem Bereich fallen die Funktio-
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nen Identitätskontrolle und Wirklichkeitskonstruktion in der Funktion Inklusion zusammen. Beide sind notwendig, um in der Alltagswelt handlungsfähig zu bleiben. Wer sich für Kommunikation, auch mit niedrigem Informationswert, nicht interessiert, ist nicht sozial interessiert und entsprechend auch nicht integriert. 68 Twitter bietet durch Rückkopplungsschleifen die Möglichkeit, die Selektion der Selektoren zu kontrollieren. Gemeint ist hier keine direkte Einflussname auf die Selektion, sondern die Irritation des Persönlichkeitskonstrukts und damit der zukünftigen Informationsselektion für das Netzwerk. Weiterhin ist eine Wechselwirkung in der Auswahl der Following zu vermuten. Zwar ist ein ein vollständiges Überschneiden der Gruppe der nach Informationswert ausgesuchten Following und der nach bestehender sozialer Beziehung gewählten Following unwahrscheinlich, in der Praxis sind sie jedoch höchstens durch vorhandene oder nicht vorhandene Wechselseitigkeit des Folgens zu unterscheiden. Eine konkret adressierte Kommunikation ist nur an einzelne Nutzer möglich. Tweets werden jedoch von allen Followern gelesen. Die nach verschiedenen Kriterien ausgewählten Following werden auf diese Weise in ein gemeinsames Netzwerk integriert und bereichern sich gegenseitig mit Irritationen. Je ausdifferenzierter das Lebenskonzept einer Person ist, desto selektiver kann sie in der Auswahl ihrer Wirklichkeitskonstruktion und ihrer sozialen Verbindungen vorgehen. Eine offene soziale Integration ist vor allem für junge Menschen interessant, die noch nicht über konkrete Lebensentwürfe verfügen. Sie wissen noch nicht auf welche Informationen und welche sozialen Gruppen sie später angewiesen sein werden. Entsprechend ist eine flexible und heterogene soziale Inklusion notwendig, wie sie über Twitter realisiert werden kann. Ist diese durch Mangel an Zugang oder Verständnis von Medien nicht realisierbar, folgt dies im Extremfall in sozialer Exklusion. Wer nicht adressiert wird, kann auch nicht adressieren. Um trotzdem wahrgenommen zu werden, muss dann auf unablehnbare Kommunikationsangebote, wie z. B. Gewalt, 69 zurückgegriffen werden.
4.3 Twitter als Teil der Medienevolution
Bei den hier geleisteten Beobachtungen muss Twitter selbstverständlich immer als Teil einer vielfältigen Medienumwelt gesehen werden, die sich in stetigem Wandel befindet. Dabei ist Twitter zunächst als eine von verschiedenen im Internet möglichen Kommunikationsformen zu betrachten. Die Basistechnologie
68 Vgl. Baecker 2005: 145.
69 Vgl. ebd.: 172.
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des Internet leistet an sich nur eine sehr abstrakte Form von globalem Datenverkehr, der in ihrer Funktionsweise nur durch Experten nachvollziehbar ist. Um die Technologie für nicht spezialisierte Nutzer zur Verfügung zu stellen, werden kontinuierlich neue Angebote entwickelt. Durch die dabei entstehende Variation der Kommunikationsformen auf Internetbasis nähert sich der Gebrauch stetig den Möglichkeiten des Mediums an. Die Orientierung der Angebote an bestehenden Medienformen, wie zum Beispiel den Online-Angeboten der Printmedien, dient dabei einem leichteren Zugang zum Medium auf der Basis bereits bestehender Gebrauchsgewohnheiten. 70 Die auf dieser Grundlage erworbenen Kompetenzen im Umgang mit dem Medium Internet, können dann genutzt werden, um abstraktere, medienkonformere Kommunikationsformen zu etablieren. Twitter ist als Zwischenprodukt einer kontinuierlichen Annäherung des Internet an seine Kommunikationspotentiale zu verstehen und nicht als abgeschlossene Ausformung. Entsprechend soll es an dieser Stelle als Symptom für eine fortlaufende Entwicklung gelesen werden.
Die einzelnen Kommunikationsformen können trotz ihres Versuchscharakters für das Basismedium Internet als geschlossen gelten. Das bedeutet, sie sind untereinander nicht kompatibel und werden durch die Adaption in anderen Kom-munikationsformen gebrochen. Ein Beispiel wäre die Veröffentlichung einer E-Mail-Konversation auf einer Internetseite oder das Kopieren einer Twitter-Nach- richtin einen Instantmessaging-Dialog. Die Inhalte würden von dort an nach den Möglichkeiten des jeweilig abbildenden Mediums weiterverarbeitet. Die Kommunikation kann die einzelnen Kommunikationsformen des Internet nicht überschreiten. Sie können deshalb als eigenständige Medien gelten. Das heißt, sie bilden eigene medienspezifische Formen heraus, die wiederum nur spezifische Formen der Kommunikation zulassen. Auf diesen Medien lagern sich wiederum eigenständige geschlossene soziale Systeme an. 71 Trotz der Geschlossenheit dieser Systeme findet durch strukturelle Kopplung ein reger Irritationssaustausch dieser Systeme statt. Zum Beispiel können per Link externe Inhalte aus einem anderen Medium auf Internetbasis, dem World Wide Web 72 in die Kommunikation über Twitter verflochten werden. 73 Der Wech-
70Vgl. Pohl 2005: 333.
71 Hinweise auf ein Twitterspezifisches geschlossenes System konnten in Kapitel 3. festgestellt
werden. Die Kommunikation auf Twitter findet mit Operationen statt, die nur intern verarbeitet
werden können. Das Kopieren von Texten aus und in Twitter bedeutet einen Bruch der Kom-
munikationsform und den Wechsel der Weiterverarbeitungsmöglichkeiten. Weiterhin gene-
riert sich auf der Basis dieser Operationen eine interne Wirklichkeitskonstruktion, die auto-poietisch durch fortlaufende Kommunikation aktualisiert und damit erhalten wird.
72 Ein Hypertextsystem auf der Basis des HTTP-Protokolls.
73 Die herausragende Bedeutung dieser Funktion zeigt sich in der Etablierung diverser externer
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sel des Mediums wird in der Form angelegt und sogar explizit gefordert. Die Kommunikation erhält dadurch einen Verweischarakter mit ergänzender Kommentarfunktion.
Welche Funktion kann Twitter in der strukturellen Kopplung mit dem World Wide Web zugemessen werden? Hierzu soll noch einmal auf die eingangs ausgeführte Vermutung zurückgegriffen werden, dass die Kommunikationspraxis im World Wide Web zur Auflösung der Adresse führt. Als eine der wichtigen Leistungen von Twitter konnte die Verstärkung der Adresse in der öffentlichen Distanzkommunikation herausgearbeitet werden. Der Verweis auf externe Kommunikationsangebote findet nun also durch Zurechnung auf die Adresse des Verweisenden statt. Zwar muss dieser nicht unbedingt Autor des Angebots sein, mindestens ist er aber der Selektor. Externe Inhalte können also angereichert durch die Kenntnis der Selektionsgewohnheiten des Twitternutzers verstanden werden. Der Rezipient versteht die Quelle aus der Perspektive des Beobachters zweiter Ordnung. Wie könnte der Following die Quelle verarbeitet haben, sodass er sich zu einer Weiterverbreitung entschieden hat? Der Mangel der Kenntnis der Selektionsgewohnheiten des Autors wird so durch Beobachtung zweiter Ordnung ersetzt und kann entsprechend an den Following rückgekoppelt werden. Twitter kann auf diese Weise, der von Fuchs diagnostizierten arbiträren und damit im wörtlichen Sinne sinnlosen Informationsverknüpfung im World Wide Web, entgegenwirken.
Die Divergenz zwischen den Absichten bei der Einführung von Twitter, also die schlichte Information über die derzeitige Betätigung einer Person und den hier herausgearbeiteten Funktionen, wird verständlich, wenn man bedenkt, dass auch die Kommunikation auf Twitter einem Anpassungsprozess unterliegt. Wie die Funktion des Internet als Ganzes, muss auch der Gebrauch von Twitter erst durch Nutzung erprobt und erforscht werden. Die Potentiale des Mediums können durch fehlende Praxis nicht von Beginn an ausgeschöpft werden. Erst wenn ein Medium nicht mehr von seiner technischen Seite wahrgenommen wird, kann es als adaptiert gelten und seine Möglichkeiten vollständig entfalten. 74 Ob diese Annäherung je einen Endpunkt findet, bleibt jedoch fraglich. Es ist zu bedenken, dass die Nutzung eines Mediums auch immer von der Verfügbarkeit alternativer Kommunikationsmittel abhängt, die sich in stetigem Wandel befinden. In diesem Kontext müssen die hier geleisteten Beobachtungen in so- Angebote,mit denen URLs auf eine in Twitter verarbeitbare Länge verkürzt werden können.
Inzwischen ist eine solche Funktion auch in Twitter integriert.
74 Vgl. Esposito 2008.
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fern relativiert werden, als das sie nicht die einzige Form der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung oder der Kontrolle von Identität sind. Die Kommunikationspraxis in Twitter bleibt also von Erfahrung und Gewohnheit der einzelnen Nutzer mit Medien im Allgemeinen abhängig und kann hier nicht nachvollzogen werden. Neu Kommunikationsformen bieten jedoch immer die Möglichkeit einer Neupositionierung etablierter Medien, deren Kommunikationsbereich durch die neuen Kapazitäten entlastet wird. Insgesamt können auf diese Weise die Selektivität des Mediensystems und somit die erschlossene Komplexität der Gesellschaft gesteigert werden. 75
5. Fazit
In methodischer Konsequenz muss der in diesem abschließenden Kapitel angestrebten Rekapitulation der Ergebnisse die Betrachtung eines Problems in ihrer Entstehung vorangestellt werden. Es darf nicht vergessen werden, dass auch diese Arbeit als medialisierte Kommunikation entstanden ist und entsprechenden Beschränkungen unterworfen ist. Die hier vorgebrachten Beobachtungen sind also nicht nur der Selektion des Autors, sondern auch den Kopplungsmöglichkeiten des Mediums Schrift in seiner Form als wissenschaftliche Arbeit un-terworfen. 76 Daraus folgt keine Willkürlichkeit der Beobachtung, aber eine eingeschränkte und nicht auflösbare Perspektivierung, die dem medienfremden Phänomen Twitter nicht vollständig gerecht werden kann. 77 Bei allen Bemühungen um reflektiertes, differenziertes und methodisch abgesichertes Arbeiten muss die hier vorgeführte Argumentation in letzter Konsequenz als selektiv und damit kontingent verstanden werden.
Als Grundlage dieser Untersuchung konnte einleitend folgende Ausgangsfrage formuliert werden: Welche Form von Kommunikation ist über Twitter möglich und welche Leistung zur Lösung sozialer Ordnungsprobleme kann diese Form erbringen? Um sich der Fragestellung zu nähern, wurde zunächst eine Untersuchung der Kopplungsmöglichkeiten der Kommunikation in Twitter auf der Grundlage eines systemtheoretischen Medienbegriffs angestrebt. Hier konnte festgestellt werden, dass die eingeschränkte Form der Kommunikation in Twitter zu großen Freiheiten auf Zeit-, Zeichen und Beziehungsebene führt. Hieraus
75 Vgl. Baecker 2005: 205.
76 Vgl. Pohl 2005: 147, 287.
77 Aus dem gleichen Grund soll in dieser Arbeit auf normative Aussagen verzichtet werden. Zur
Bewertung stünden nur durch längst etablierte Systeme geprägte Maßstäbe zur Verfügung
die den neuen Strukturen nicht vollständig gerecht würden.
31
konnte eine Senkung der Kommunikationsschwelle über Distanzverbindungen abgeleitet werden, welche zu einer relevanzarmen und aktualitätsorientierten Kommunikation motiviert. Zur Kompensation der entstandenen Freiheiten wurde die Zurechnung der Selektion auf Personen herausgestellt. Ihre Selektionsgewohnheiten können studiert und rekonstruiert werden, sodass die Sicherheit des Verstehens, das heißt, der Selektion von Information und Mitteilung durch den Empfänger an Präzision zurückgewinnt. Die Kommunikation über Twitter erzeugt eine eigene Wirklichkeitskonstruktion, auf die der Nutzer durch die Auswahl seiner Selektoren eine eigenständige Perspektive entwickeln kann. Die Geschlossenheit der Wirklichkeitskonstruktion wird aber durch verschiedene Operationen über demokratische Selektion wieder in die Kommunikation eingeführt. So wird eine gesellschaftliche Selbstbeobachtung ermöglicht, die den beteiligten Personen eine auf ihre Bedürfnisse weitestgehend spezialisierte Wirklichkeitskonstruktion liefert. Durch die Kontrolle der Ausformung der Personen findet dabei eine Kontrolle der Selektion durch das sich etablierende Personennetzwerk bzw. des sozialen Systems statt. Insgesamt kann eine Rückannäherung an interaktive Kommunikationsformen bei gleichzeitiger Abstraktion von zeitlicher und emotionaler Verfügbarkeit der Teilnehmer beobachtet werden. Die Kommunikation über Twitter führt zu einer Reduktion der Umweltkomplexität bei gleichzeitiger Steigerung der erschlossenen Komplexität des sozialen Systems und davon angeregt der psychischen Systeme in seiner Umwelt. Über diese Funktionen steigert Twitter die Integrationskapazitäten der Gesellschaft für Personen. Damit leistet das Medium einen Beitrag zur für den Selbsterhalt notwendigen Anpassung sozialer Systeme an steigende Umweltkomplexität.
Abschließend konnte herausgestellt werden, dass Twitter als Teil einer Medienevolution zu sehen ist, die sich stetig den technischen Möglichkeiten der Basistechnologie Internet annähert. In diesem Zusammenhang soll noch einmal auf die erarbeiteten Erkenntnisse zur Selektionsorganisation in Twitter hingewiesen werden. Wie in Kapitel 3.4 herausgearbeitet, ist in Twitter eine Auflösung der in den klassischen Massenmedien üblichen thematischen Selektionsorganisation zu beobachten. Ähnliche Beobachtungen können auch in der Blogszene gemacht werden. 78 Besondere Bedeutung kann dieser Entwicklung beigemessen werden, da auf der Selektionsorganisation einer Gesellschaft ihre Differen-
78Der US-amerikanische Wirtschaftsblogger Felix Salmon führt die zurückhaltende Annahme
des Bloggens in Deutschlang auf eine Orientierung an fach- bzw. themenspezifischen Quali-
fikationen, statt an individueller Kompetenz, zurück. Vgl. Salmon 2009.
32
zierung basiert. Die Schrift führte zu einer thematischen Organisation, die in eine funktional differenzierte, entlang von Leitdifferenzen gegliederte, Gesellschaft mündete. 79 Eine Auflösung der thematischen Organisation zeigt damit verbundene Umbrüche in der gesellschaftlichen Selbstorganisation an. Baecker schlägt Verantwortung als neue Differenzrichtlinie der „Netzwerkgesellschaft“ vor. 80 Auf der Grundlage dieser Arbeit kann der bei Baecker nicht näher präzisierte Verantwortungsbegriff als Verantwortung für die dem System zur Verfügung gestellte Selektion konkretisiert werden. Die Gleichberechtigung im Zugang zu öffentlicher Aufmerksamkeit ohne Einschränkung durch thematische Spezialisierung oder strukturelle Qualifikationen führt zu einer neuen Differen-zierungsform. Die individuelle Entscheidung zur Übernahme von Selektionsleistung für die Steigerung der Systemkomplexität der Gesellschaft wird zum entscheidenden Faktor der Selektionsorganisation. Das Ziel dieser Arbeit war die Erkundung der sich aus einer Kommunikations-form ergebenden Potentiale für die gesellschaftliche Selbstorganisation. Aus den erarbeiteten Ergebnissen lässt sich weder ein gegenwärtig vorhandener, noch ein erstrebenswerter Zustand ableiten. Entsprechend sollen die im letzten Absatz geleisteten Beschreibungen als Versuch eines Ausblicks auf einen sich erst schemenhaft abzeichnenden gesellschaftlichen Transformationsprozess verstanden werden. Die Überprüfung ihrer Wertigkeit in der Praxis wird durch die ständige Ausformung neuer Kommunikationsformen sicher nicht lange auf sich warten lassen.
79 Vgl. Pohl 2005: 167.
80 Vgl. Baecker 2005: 234ff.
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Mads Pankow, 2009, In kurzen Sätzen zur weiten Welt - Eine funktionale Analyse des Phänomens Twitter, München, GRIN Verlag GmbH
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