Inhaltsverzeichnis
1. Dürfen deutsche Klassiker Humor haben? 3
2. Wie aber hielt es Goethe mit dem Humor? 3
3. Welche Rolle spielt der Humor in Goethes Leben? 5
4. Welche Rolle spielt der Humor in Goethes Dichtungen? 10
Bibliographie 19
1. Dürfen deutsche Klassiker Humor haben?
Die Polarität von Ernst und Scherz ist eine Schimäre, denn meistens stehen sich diese diffusen Größen nicht als unversöhnliche Kontrahenten gegenüber, "sondern gehen Hand in Hand wie ein altes Ehepaar, das seine Strittigkeiten längst begraben hat", schrieb Steffen Jacobs am 9.März 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ausgerechnet das intellektuell gewitzte Dichten werde oft und gern, merkt Jacobs weiter an, "in den Bereich der verminderten Zurechnungsfähigkeit verwiesen" und die gewitzte Seite von als "ernst" etikettierten Dichtern standhaft ignoriert. "Im Fall Lessings oder Goethes ist den repräsentativ angelegten Anthologien oft kaum zu entnehmen, dass diese Dichter die deutsche Literatur um bemerkenswert ausgelassene Verse bereichert haben."
"Humor wird", schreibt auch Gero von Wilpert in seinem Goethe-Lexikon, "von einem Klassiker weder vorausgesetzt noch erwartet, am wenigsten von einem deutschen, scheint der doch der 'Tiefe' abträglich." Entsprechend mager ist die Literatur über Goethes Humor. Dabei sind heutzutage heitere Bücher bei deutschen Buchkäufern am beliebtesten, wie kürzlich das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel verlauten ließ.
2. Wie aber hielt es Goethe mit dem Humor?
Zugegeben, auf den ersten Blick war Humor nicht gerade Goethes Stärke. "Bei seinem Namen stehen", schreibt Hans Heinrich Borcherdt in "Humor bei Goethe", "vor allem die Werke ernsten Gepräges vom 'Götz von Berlichingen' und 'Faust' über die Erziehungsromane bis hin zu seinen Liedern herab vor unseren Augen." In seinem Weltbild sei für die freie Fantasie, die spielerische Laune und Willkür des Humoristen wenig Platz gewesen. Sah Goethe doch in der Haltung des Humoristen dasselbe willkürliche Spiel, das die Romantiker auf allen Gebieten trieben. Sie ließen es, seiner Meinung nach, an Ehrfurcht vor dem Seienden fehlen.
In den meisten Biografien wird Goethe als ernster Mann porträtiert, der es mit dem Leben nicht leicht nahm und den "der Menschheit ganzer Jammer" nicht unberührt ließ. Am 27. Januar 1824 soll er zu Eckermann geäußert haben: ".. auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit
gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentlichen Behagens gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuen gehoben sein wollte."
Gleichwohl war Goethe ein tiefer und reicher Humor zu eigen, und auch wenn er nicht gerade als Humorist im Bewusstsein nachfolgender Generationen bis heute fortlebt - beim jungen Goethe denkt man an den Himmelsstürmer, beim erwachsenen Mann an den Verkünder des Humanitätsideals und beim alten Dichter an den Sänger der Entsagung -, so neigte er doch zu humoristischen Lebensbetrachtungen und konnte über die Ungereimtheiten der Welt herzhaft lachen.
Während seines ganzen Lebens begleitete ihn der Humor, zwar nicht ständig, aber er brach doch immer wieder von Zeit zu Zeit hervor. Am kräftigsten sprudelte er während der Sturm-und Drangzeit. Zur Zeit der Klassik trat er zurück, ohne sich ganz zu verlieren. Im Alter war er wieder vorhanden. Wie hätte Goethe auch sonst die Stimmungen ertragen können, die ihn veranlassten, um nicht zu sagen, zwangen, Werther, Tasso, Faust und die Marienbader Elegie zu dichten, wenn er im Leben und in der Kunst nicht den Humor als Gegengewicht besessen hätte?
Seinen Humor kann man vor allem zwischen den Zeilen lesen. Als Unterströmung schwingt er in vielen seiner Texte mit. Das gilt auch, wie Hans Heinrich Borcherdt darlegt, für Gottfried Keller und Eduard Mörike. Sie alle hatten nicht die Haltung reiner Humoristen. Humor war für sie nicht das entscheidende Gesamtgefühl, das ihr Weltbild gestaltete und nach einer humoristischen Form verlangte. Aber sie hatten mehr Humor als sie ihre Gestalten in Dichtungen aussprechen ließen. Erst ihre persönlichsten Äußerungen, das lyrische Gedicht und das überlieferte Witzwort, können diese Seite ihres Wesens erschließen und eine humoristische Weltsicht bezeugen. Wer sich zu lebensbejahender Anerkennung der Wirklichkeit durchgerungen hat, der verfügt auch über eine reine Heiterkeit des Herzens, die es ihm ermöglicht, humoristische Gestalten zu schaffen, wie etwa die des Mephisto im Faust. Denn Goethes Humor besteht ebenso wenig wie der von Keller in Selbstzersetzung, sondern in der schalkhaften Beleuchtung bestimmter Augenblickssituationen.
3. Welche Rolle spielt der Humor in Goethes Leben?
Goethe hat in einem Vers zum Ausdruck gebracht, welche Eigenschaften er seinen Eltern und wem von beiden er seine humorvolle Seite verdankt: "Vom Vater hab ich die Statur, / Des Lebens ernstes Führen, / Von Mütterchen die Frohnatur / Und Lust zu fabulieren."
Da Goethes Humor mit seinen vielen Schattierungen zweifellos ein Erbteil seiner Mutter war, wollen wir uns auch ihr kurz zuwenden.
Die Mutter Catharina Elisabeth (bekannt wurde sie unter dem Namen Aja) behielt ihr Leben lang ein kindlich-fröhliches Herz. Obgleich auch sie viel Verdrießliches erlebte, gewann bei ihr der Humor immer wieder rasch die Oberhand. In Gesellschaft mit anderen verbreitete sie Behagen um sich her, auch durch ihre Gabe, zu erzählen und zu erfinden. "Ich habe die Gnade von Gott", sagte sie als Fünfzigerin, "dass noch keine Menschenseele missvergnügt von mir weggegangen ist. Ich habe die Menschen sehr lieb, und das fühlt alt und jung, gehe ohne Prätention durch diese Welt, bemoralisiere niemand, suche immer die guten Seiten auszuspähen, überlasse die schlimmen dem, der den Menschen schuf und der es am besten versteht, die scharfen Ecken abzuschleifen - und bei dieser Methode befinde ich mich wohl, fröhlich und vergnügt."
In der Tat, strahlte Goethes Mutter viel Lebenskraft und Lebensfreude aus, viel Gottvertrauen und Optimismus, obwohl ihr schwere Jahre keineswegs erspart blieben - fünf ihrer Kinder starben zwischen 1756 und 1777; sie erlebte Krieg und Einquartierung in den neunziger Jahren. "Ihre Haltung, das Leben zu nehmen, wie es eben ist und nie die Hoffnung aufzugeben", schreibt Karl Otto Conradi in seiner Goethe-Biografie, "war nicht zu erschüttern."
Sie selbst meinte am 1.Januar 1793: "Mein Befinden ist Gott sey (Dank) gantz gut, ich bin wohl und auch vergnügt - trage, was ich nicht ändern kann, mit Gedult - warte auf beßre Zeiten, ängstige mich aber nicht vor der Zeit".
Am wachsenden Ruhm ihres Sohnes - für sie war und blieb er ihr Hätschelhans - nahm sie lebhaft Anteil und richtete 1777 an Goethes Diener Philipp Seidel, den sie dem Sohn mit nach Weimar gegeben hatte, damit er Wolfgang als Sekretär, Kammerdiener und "Schutzgeist" zur Seite stehe, folgende Zeilen: "Euer Brief ..hat uns sehr gefreut, insbesondere, dass der Dichter gesund und guten Hourmors ist.."
Sie sei "lachlustig" und erzählfreudig gewesen und habe dem Leben sogar an der Seite ihres pedantischen Mannes immer wieder schöne Seiten abzugewinnen gewusst, erfahren wir aus Dagmar von Gersdorffs Buch über Goethes Mutter und auch, dass sie mit großem Talent, Geschichten zu erfinden gewusst hat. "Sie war eine Erzählerin von Rang, die ihre Einfälle aus einem unerschöpflichen Fundus bezog und nicht nur 'Lust zu fabulieren' hatte, sondern damit auch Freunde gewann und ihren Zuhörerkreis fesselte."
Christiane Vulpius, Goethes Lebensgefährtin oder wie seine Mutter sich ausdrückte seinem "Bettschatz", war sie von Anfang an herzlich zugetan. Ihren Sohn aber ließ sie wissen: "Du kannst Gott danken! So ein liebes - herrliches unverdorbenes Gottesgeschöpf findet man selten.."
Gertrud Bäumer wiederum berichtet von einer für Frau Anja charakteristischen Begebenheit. 1775 hatten sich bei Goethe die beiden Grafen Christian und Friedrich Stolberg, Mitbegründer des Göttinger Hainbundes, eingefunden. Man trank und redete in wilden Worten von "Tyrannenhass" und "Tyrannenblut". Daraufhin holte Goethes Mutter einige Flaschen edlen Weins aus dem Keller und präsentierte ihn den jungen Herren mit folgenden Worten: "Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt Euch, aber lasst mir Eure Mordgedanken aus dem Haus!"
Auch bei Goethe finden sich allenthalben in Briefen und anderen Aufzeichnungen Äußerungen über 'guten Humor' und verschiedenartigste Stimmungen, so auch über "üblen", "schlimmen", "so gründlichen als frohen Humor". Nicht selten steht in Goethes eigenem Sprachgebrauch Humor für "Laune jedweder Art." In "Dichtung und Wahrheit" spricht Goethe von "humoristischer Trockenheit" so wie wir heute von trockenem Humor sprechen, ohne uns daran zu erinnern oder überhaupt zu wissen, dass 'humor' im Lateinischen Flüssigkeit oder Feuchtigkeit bedeutet.
In seinen autobiografischen Schriften spricht er an einer Stelle auch "von seinem ärgerlich guten Humor". Goethe verwendet die Worte Humor und humoristisch ferner in folgenden
Arbeit zitieren:
Dominique Nagpal Tooher, 2008, Humor bei Goethe, München, GRIN Verlag GmbH
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