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Inhalt:
1. Einleitung
2. Methodische und theoretische Vorbemerkungen
3. Die Stellung schwuler Männer in der
Gesellschaft
4. Vorstellung der Befragten
5. Umgang mit Ablehnung und Diskriminierung
6. Sozialer Kontext von schwuler
M ännlichkeitsdefinition
7. Wie definiert sich schwule Männlichkeit?
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1.Einleitung
Die vorliegende Arbeit ist die Hausarbeit zu einem Seminar, welches im Wintersemester 2002/2003 am Institut für Soziologie der Universität Freiburg abgehalten wurde. In Anlehnung an das Thema „Konstruktion von Männlichkeit“, welches dem Seminar zugrunde lag, entstand die Idee, über die im Seminar behandelten Themen hinaus den Blick auf die Konstruktion von Männlichkeit schwuler Männer zu richten und eine eigene Erhebung zu diesem Thema machen. Schon an dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass selbstverständlich im Rahmen eines Seminars alles andere als die Ergebnisse einer breit angelegten empirischen Untersuchung zu erwarten sind. Dafür muss auf vorhandene Untersuchungen zu dem Thema verwiesen werden, wie etwa die Studie von Koch-Burghardt. Schon durch den Umstand, dass von den beiden Mitarbeitern an dem Projekt am Ende nur einer übrig blieb war der Umfang und die Tiefe der Untersuchung begrenzt. Die Anzahl der Fälle beschränkt sich auf N=4, was schon jetzt den mit quantitativen Methoden vertrauten Sozialwissenschaftler zum Lachen bringen könnte. Da aber hier der Versuch unternommen wurde, die Techniken und Prämissen der qualitativen Methoden zur Anwendung zu bringen, geht es hier nicht etwa darum, Erkenntnisse zu gewinnen, die etwa auf den gesamten schwulen Anteil der Bevölkerung zu generalisieren versucht werden sollten. Vielmehr geht es um die Entdeckung der ganz eigenen Wirklichkeit und Lebenserfahrung von vier schwulen Männern, die wie alle schwulen Männer den schwierigen Weg ihrer eigenen Selbstfindung als schwule Männer zu beschreiten hatten. Das dabei erhobene Interviewmaterial bot dabei sehr viel Ansatzpunkte, die Gründe zu verstehen, warum die vier Männer ihren ganz eigenen Weg so und nicht anders gegangen sind. Es geht also um die Ergründung der subjektiven und nicht der objektiven Wirklichkeit. Nicht wie viele schwule Männer wie viel Zeit brauchen, um sich selbst von einer stigmatisierenden Umwelt zu emanzipieren ist im Rahmen dieser Methode von Interesse, sondern warum ein bestimmter, einzeln betrachteter schwuler Mann etwas auf eine bestimmte Art und Weise und nicht anders tut. Dabei muss immer im Auge behalten werden, dass die Wirklichkeit anderer schwuler Männer durchaus so oder ähnlich sein kann, aber sich höchst wahrscheinlich davon unterscheidet. Gewiss gibt es durch den allgemeinen Umgang der Gesellschaft mit homosexuellen Menschen aber eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die alle schwulen Männer im Verlauf ihres Lebens haben, wenn
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sie sich ihres Schwulseins bewusst werden und sich der allgemeinen Ablehnung der Gesellschaft ausgesetzt sehen.
In diesem Aufsatz soll geklärt werden, was soziologisch gesehen die Stellung schwuler Männer in der Gesellschaft ist und welches die Beziehung zwischen schwulen und heterosexuellen Männern ist. Dafür sollen theoretische Aspekte herangezogen werden. Es sollen aus dem Material heraus Strategien des Umgangs mit gesellschaftlicher Ablehnung herausgearbeitet werden und dies in den sozialen Kontext des Handelns, d.h. in Zusammenhang mit den Reaktionen des unmittelbaren Umfeldes gestellt werden. Schließlich soll versucht werden, eine Theorie der Entwicklung eines schwulen Selbstbewusstseins aus soziologischer Sicht zu entwickeln, um die Mechanismen der Konstruktion einer schwulen Männlichkeit zu verstehen und zu systematisieren, wovon es abhängen könnte, wie erfolgreich der Versuch dieser Konstruktion verläuft.
2.Methodische und theoretische Vorbemerkungen
Für die Erhebung des qualitativen Materials wurde eine Fallzahl von N=4 festgelegt und über einen E-Mailverteiler der Freiburger schwulen Szene Kontakt zu an der Studie interessierten schwulen Männern hergestellt. Allen Teilnehmern wurde gesagt, dass es sich um eine Seminararbeit handle, die im Kontext des Projekts Männerleben an der Universität Freiburg durchgeführt werde. Die Interviews wurden in den Büroräumen des Projekts Männerleben durchgeführt, waren offene narrative Interviews und dauerten alle jeweils ungefähr zwei Stunden. Zu Beginn des Interviews wurden die Befragten aufgefordert, uns nach dem Muster einer biographischen Erzählung frei aus ihrem Leben zu berichten und von ihrer Kindheit ab bis zur Gegenwart uns alle Stationen ihres Lebens, die wichtigen Erfahrungen und die wichtigen Bezugspersonen zu schildern, wobei „wichtig“ ihrem eigenen Ermessen nach wichtig bedeuten solle. Am Ende der offenen Passage wurden allen Befragten noch drei offene Fragen gestellt. Die Interviews wurden anschließend transkribiert und einer Längs- sowie einer Querauswertung unterzogen. Für die Längsauswertung wurde der Ansatz der biographischen Rekonstruktion der subjektiven Wirklichkeit des Befragten verfolgt, wobei versucht wurde, die Erzählung
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aus Kindheit und Jugend sowie Erwachsenenleben in Bezug zueinander zu setzen und zentrale Sinnstrukturen herauszuarbeiten - Biographie hier verstanden nicht in erster Linie als gesellschaftliche Strukturdimension sondern als subjektive prozedierende Form des Werdens, der Verstetigung und der Veränderung interaktiv erlernter Handlungskompetenzen.
Um von dem erhobenen Material zu soziologischen Aussagen zu gelangen, wurden als Anregung die Prämissen der Grounded Theory nach Anselm L. Strauss herangezogen 1 , deren Herangehensweise dadurch gekennzeichnet ist, dass versucht wird, eine Theorie aus dem Material heraus zu entwickeln, ohne von vorneherein schon Vorstellungen über die zu verstehenden Phänomene zu haben, die dann nur noch durch Fakten belegt werden sollen. Zuerst werden gemäß dieser Herangehensweise die Texte offen codiert, d.h. die von den Interviewten benutzten Begriffe in einen Zusammenhang zueinander gebracht, in dem von ihnen gebrauchten Sinn. Man spricht auch von „natürlichen Codes“. Dabei ergeben sich Fragen und vorläufige Antworten. Dann wird versucht, Schlüsselkategorien zu entwickeln, welche dann soziologischen Konstruktionen entsprechen und von den natürlichen Codes zu „soziologischen Codes“ abstrahieren. Die Anforderungen an eine Schlüsselkategorie sind neben anderem, dass sie ein Hauptanliegen für die Interviewten darstellen und ein Höchstmaß an Variation eines Verhaltensmusters erfassen soll. Auch wenn das zweite Kriterium sicherlich sehr hohe Ansprüche an den Sozialforscher stellt, so darf und muss doch auch der engagierteste Soziologe irgendwann einmal zu den von ihm entwickelten Kategorien stehen und sagen: Das ist es nun! Dann wird das Interviewmaterial selektiv codiert, d.h. der Interviewtext wird nach den zuvor entwickelten Schlüsselkategorien untersucht und relevante Passagen des Textes den Kategorien zugeordnet.
Zu diesen Vorbemerkungen sollte auch noch die Festlegung auf einen Begriff der Homosexualität nicht fehlen. Über Homosexualität sind halbe Bibliotheken geschrieben worden, und insbesondere aus der Perspektive der
Sexualwissenschaften und der Psychoanalyse ist von Homosexualität ein Bild gezeichnet worden, welches Homosexualität schlicht als abweichend von der Norm bezeichnet oder das Phänomen auf pathologische Familienstrukturen zurückführt. Wir wollen an dieser Stelle einfach aus einer eher phänomenologischen Perspektive
1 Vgl. Strauss, Anselm L. (1998): Grundlagen qualitativer Sozialforschung
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feststellen, dass Homosexualität eine Tatsache ist, die man zur Kenntnis nehmen muss und mit der man sich auseinandersetzen muss, ohne sich ihr aus einer Sicht zu nähern, in der sie als eine irgendwie geartete Krankheit aufgefasst wird. Leider ist auch der Wissenschaftler von seiner kulturellen Umwelt nicht unabhängig, muss man zumindest in diesem Zusammenhang konstatieren. Wir wollen annehmen, dass der homosexuell orientierte Mensch „wie jeder andere auch, ein ganz normales Bedürfnis nach Nähe, Intimität, Sexualität und Anerkennung [hat] und [versucht], dieses in mitmenschlichen Beziehungen zu befriedigen [...] “. Mit der These, der homosexuell orientierte Mensch unterscheide sich von heterosexuell orientierten nur in seiner Objektwahl, wird die Gefahr vermieden, an Schwulen nur pathologische Phänomene der Vergesellschaftung zu studieren. Sexualität soll hier als ein soziales Medium aufgefasst werden, durch das der Mensch seinen Platz in der Gesellschaft findet 2 . Es soll angenommen werden, dass dies für heterosexuell orientierte wie homosexuell orientierte Menschen gleichermaßen gilt.
Ohne ein gewisses Vorverständnis und Vorwissen ist natürlich keine Sozialforschung möglich und so wurden theoretische Ansätze von Connell und Goffman als Werkzeuge benutzt, um im Geflecht der Zusammenhänge auf bewährte Begriffe zurückgreifen zu können (womit man sich in seiner eigenen Zunft ja immer ein wenig absichern kann).
3. Die Stellung schwuler Männer in der Gesellschaft
Der Ansatz von Robert Connell 3 versucht die Konstruktion von Männlichkeit vor allem über die Beziehungen zwischen verschiedenen Männlichkeiten zu erfassen und sieht schwule Männlichkeit als eine Form „untergeordneter“ Männlichkeit, die sich aus der Beziehung zu der gesellschaftlich vorherrschenden und beherrschenden Vorstellung von Männlichkeit ergibt. Männlichkeit ist dabei eingebettet in ein System von Geschlechterbeziehungen, welches im Lauf der Zeit Wandlungen unterworfen ist, also durch einen Prozess der Veränderung beschrieben werden kann. Vor hundert Jahren waren die substanziellen Rollen im System der Geschlechterbeziehungen noch andere als heute, wenn sich sicherlich auch Tendenzen über die Zeit erhalten haben. So hat sich beispielsweise die gesellschaftliche Einstellung zu weiblicher
2 Vgl. Koch-Burghardt, Volker (1997): Identität und Intimität
3 Vgl. Connell, Robert W. (1997): Der gemachte Mann
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Erwerbsarbeit verändert, wenn auch immer noch Männer tendenziell in einflussreicheren Positionen des Erwerbslebens sind.
Connell stellt fest, dass es nicht eine Männlichkeit gibt, sondern viele verschiedene Formen der Männlichkeit. Da Soziologen trotz der unfassbaren Komplexität der sozialen Wirklichkeit stets versuchen, Typen zu bilden, hat Connell vier Typen von Männlichkeit konstruiert, die sich jeder für sich, in Beziehung zu den anderen definieren. Männlichkeit ist also nach der Sichtweise von Connell keine substanzielle Identität sondern konstituiert sich in der Relation zu anderen Männlichkeiten. Der erste Typ ist die „Hegemoniale Männlichkeit“ und steht für die kulturelle Dominanz einer gesellschaftlichen Gruppe. Hegemonie muss dabei nicht faktische Macht bedeuten, sondern kann sich auch nur auf ein Ideal beziehen. Es muss kein real existierender Typ von Männlichkeit sein, sondern kann auch ein Mythos oder ein Filmschauspieler sein - man denke nur etwa an Humphrey Bogart und die Parodierung seines Typs in „Tote tragen keine Karos“ mit Steve Martin. Hegemoniale Männlichkeit definiert sich vor allem durch die Unterordnung anderer Männlichkeiten. Zu den untergeordneten Männlichkeiten gehören vor allem schwule Männer, die mittels einer großen Anzahl diskriminierender Praktiken ihren Platz im System der Geschlechterbeziehungen zugewiesen bekommen. Aber auch heterosexuelle Männer können Objekt der Diskriminierung werden und einen untergeordneten Platz zugewiesen bekommen mittels der Klassifizierung als „Schwuchtel“, „Schlappschwanz“, „Muttersöhnchen“ und so weiter. Komplizenschaft als eine weitere Form der Männlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht an der „vordersten Front des Patriarchats“ mitkämpft, sondern stillschweigend akzeptiert, was an Vorteilen für sie erwächst durch die Hegemonie, die sich andere Männer im System der Geschlechterbeziehungen erobert haben. Sie ist wohl die häufigste Kategorie, wenn man sich klarmacht, wie viele Männer überhaupt die Ideale der hegemonialen Männlichkeit erfüllen, und gleichzeitig auch die heikelste Kategorie, denn viele Männer dieses Typs übernehmen pragmatische Haltungen im Geschlechterverhältnis und arrangieren sich mit ihren Frauen, übernehmen Teile der Hausarbeit, aber haben beispielsweise dennoch kein Verständnis gegenüber feministischen Gedanken und Äußerungen. Während die beschriebenen Männlichkeiten interne Relationen der Geschlechterordnung darstellen, kommt die „marginalisierte“ Männlichkeit durch Interaktion mit weiteren Strukturen wie Rasse
Arbeit zitieren:
Florian Schwahn, 2003, Gesellschafttliche Konstruktion von Männlichkeit und individuelle Konstruktion von schwuler Männlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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